(Nach) 50 Jahre dgvt – Schulpsychologie ade?

20.04.2018

1982: 2. Kongress zum Thema Gemeindepsychologische Perspektiven.  Ich war mit 5 weiteren Referenten beteiligt an der von Gert Sommer moderierten mehrstündigen Veranstaltung zum Unterthema Gemeindepsychologische Perspektiven im Schulbereich. Der Saal war voll. Ein Bericht über diese und weitere Veranstaltungen erschien dann in dem nach dem Kongress herausgegebenen Sammelband. Steffen Fliegel und Bernd Röhrle haben den einleitenden Artikel geschrieben: Gemeindepsychologische Perspektiven – Einführung und Überblick.         

Es folgten für mich im gleichen Jahrzehnt noch die Durchführung von 2 Workshops zusammen mit einem Sonderschullehrerkollegen auf dgvt-Workshoptagungen in Tübingen. Die folgenden 3 Jahrzehnte sprachen mich dann – gebend und nehmend - mehr  die Fachkongresse des bdp/ Sektion Schulpsychologie und des vds (Verband deutscher Sonderschullehrer) an:  Fachlicher  Austausch - Workshops - einen  Film zeigen, den ich über meine seinerzeit in den Anfängen steckende  ambulante schulische Förderung verhaltensgestörter Schüler (Terminologie zu jener Zeit) gedreht habe und mit dem ich eben diese Arbeit zur Diskussion stellte -  mit 2 weiteren theaterfreudigen Kollegen unsere sonderpädagogisch-psychologische Tätigkeit beim Kongressfest/Bunten Abend „auf die Schippe nehmen“. Ja - ich hätte mich mit all diesem auch in die dgvt einbringen können! Habe ich nicht getan. Mea culpa!   Sicherlich auch eine Konsequenz meiner Doppelausbildung zum Lehrer und Diplompsychologen und damit auch meiner beruflichen Doppelrolle: Im letzten beruflichen Jahrzehnt hatte ich in der „Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle“, ReBuS Hamburg Harburg) tatsächlich offiziell  eine halbe Stelle als Sonderschullehrer und die andere halbe Stelle als Diplompsychologe. Personifizierte Kooperation.

Erst nach meiner Pensionierung 2012 wurde mir die fachliche Entfremdung von meinem Fachverband bewusst. Um eine erste Annäherung bemühte ich mich ab 2014 (s. u.).

2018:  Kongress 50 Jahre dgvt, …Mit der Planungsgruppe habe ich den Round-table vereinbart Gesundheitsförderung und Prävention in Kindergärten und Schule: Inzwischen nur noch thematisches Leichtgewicht bei den DGVT-Mitgliedern?                  

Dass dazu gleich der Hörsaal 2 vorgesehen war, hatte vermutlich nicht primär mit der erwarteten Teilnehmermenge zu tun. “ Aller guten Dinge sind Drei“ (R. Mey) - das „gute Ding“ wurde dann tatsächlich Realität: Neben meiner Person kamen noch Karoline Stengel und Ottmar Stöhr – beide engagiert in der Fachgruppe KiJu. Die Fragestellung dieses RT war hiermit also schnell und a-verbal beantwortet: Nein, Schulpsychologie ist kein Leichtgewicht in der dgvt – sie hat gar kein Gewicht. Na ja - Karoline und Ottmar, ihr ward ja da, ich auch. Also vielleicht besser ausgedrückt: Homöopathische Dosierung. Wir gingen dann rüber in Hörsaal 1b zum räumlichen und inhaltlichen Nachbar-RT „50 Jahre DGVT: 50 Jahre gesundheitspolitisches Engagement für eine bessere und gemeindenahe Versorgung“ noch rechtzeitig, um die engagiert-emotional vorgetragene Kritik von Bernd Röhrle mitzubekommen. Tenor: „Sag mir, wo die Prävention (im Ausbildungsbereich) ist, wo ist sie geblieben…?“ Donnerwetter! Bernd Röhrle sprach vor unserem Hintergrund des kurz vorher nebenan im HS2 (nicht) Erlebten vermutlich nicht nur mir „aus der Seele“. Ich ordne hier mal „Beratung/Intervention im Schulbereich“ dem Oberbegriff „Prävention“ zu.

3 weitere Indikatoren, dass die dgvt zwar nicht gleich „präventionsfrei“, aber doch zumindest „Schul-frei“ hat:

Bei der Poster-Session gab es 1 Plakat zu einem schulpsychologischen Thema: Schulintervention bei expansiven Verhaltensstörungen-Ein mehrstufiges multiprofessionelles Förderkonzept. Versammelten sich vor den anderen Postern Gruppierungen, so konnte ich bei diesem Poster eine ungestörte Sicht genießen und die dazugehörige Dozentin für mich alleine beanspruchen.  - Nach genauerer Überlegung hatten der dgvt-Verlag und ich vor etwa 2 Jahren dann doch davon Abstand genommen, meinen Manuskriptentwurf 

Hilfreiche erste Schritte in der (schul)psychologischen Einzelfallarbeit unter die Lupe genommen - von der Meldung seitens der Schule bis zum Erstgespräch mit dem gemeldeten Schüler/Kind/Jugendlichen.  

für eine Veröffentlichung im dgvt-Verlag zu überarbeiten: Nachfrage vermutlich zu gering. Wir verabredeten stattdessen einen Leserbrief von mir -  eine Art Aufruf: Es könnte ja sein, dass es doch eine bezüglich Literaturnachfrage bedeutsame Gruppe schulpsychologisch interessierter Mitglieder in der dgvt gibt. 

Auf meinen Leserbriefaufruf in der VPP 48, S. 105   gab es keine Reaktionen - zumindest haben mich keine erreicht.

- Für den dgvt-Kongress 2014 bot ich der Planungsgruppe Workshops zu 2 schulpsychologischen Themen an – auf schulpsychologischen Kongressen des bdp schon durchgeführt  bzw. wurde  dann 2016 durchgeführt. Die Planungsgruppe hat vermutlich realistisch erkannt, dass auf dem dgvt Kongress keine ausreichende Nachfrage sein wird.

Nun entdeckte ich jedoch in den letzten Monaten gleich 2 fachliche schulpsychologische Artikel: In Verhaltenstherapie mit Kindern & Jugendlichen“, 1/2 2016 von M. Lath-Lebens/G.Lauth, in VPP 3/2017 von Petermann/Petermann/Nitkowski. Ich war erstaunt. Darf ich auch hoffnungsvoll sein?  Gerade die Veröffentlichungen aus der „Petermann-Schmiede“ formulieren deutlich präventiven Anspruch. Nur: Welcher Anteil der dgvt-Mitglieder wird den einen und/oder den anderen Artikel wahrgenommen haben? Dann sogar gelesen haben? Gar interessiert gelesen haben? 

Hat – zumindest im Bereich „Pädagogik/Kindergarten/Schule“) - der bdp den Part  „Prävention“ und „Politische Orientierung“ übernommen?  Wenn ich an einem der alle 2 Jahre stattfindenden gut besuchten Kongresse der Sektion „Schulpsychologie“   teilnehme, „riecht“ es für mich dort stets sehr nach Prävention, nach (Schul)Politik. Ist natürlich von der Sache her verständlich: Hat doch der Themenbereich „Schule“, in dem also eine bedeutsame staatliche Einrichtung im Zentrum steht, a priori schon mit Polis, mit Politik, mit systemischen Blick zu tun. Motto des 23.Bundeskongresses für Schulpsychologie 20. - 22. 9. 2018 in Frankfurt/M.: Heterogenität verbindet.  

Provokante Lösungsideen:

  • Klar zur Kenntnis nehmen - und kooperativ (!) akzeptieren: Schulpsychologie - einschließlich einer mehrjährigen berufsbegleitenden gezielt aufbauenden Fortbildung – wird organisiert vom bdp vertreten. VertreterIn der dgvt (aus   Beratung) nimmt in dieser Rolle am schulpsych. Kongress teil und schreibt Bericht für VPP.
  • Eine Teilnehmerin am RT im Hörsaal 1b, nach eigenen Aussagen seit „Urzeiten“ Mitglied der dgvt, machte folgende 2 Aussagen:  1.) Sie fühle sich fachlich weiterhin sehr gut in der dgvt aufgehoben. 2.) Präventiv bzw. politisch engagiere sie sich inzwischen außerhalb der dgvt, z.B. bei den Grünen. Ich hoffe, ich habe sie richtig wiedergegeben. In diesen beiden Aussagen finde auch ich mich wieder. Zu ihrer Aussage1:  Das fachliche Niveau besonders der VPP und auch der Zeitschrift  „Verhaltenstherapie mit Kindern &  Jugendlichen“  sind für mich der wesentliche Grund, Mitglied der dgvt zu bleiben. Auch der gesellschaftliche Blick kommt nach meiner Einschätzung darin kontinuierlich zur Geltung. Zu Aussage 2:  Bei den Postern zum Thema „dgvt +“ (In welchen Ehrenämtern engagieren sich dgvt-Mitglieder) im Jubiläumsraum hing auch mein Poster: Tätigkeit im Präventionsrat Rosengarten. Läuft die Entwicklung gegenwärtig darauf hinaus, die Möglichkeiten zum „TUN-Engagement“ (…die Welt nicht nur interpretieren, sondern verändern) außerhalb des Fachverbandes zu finden? Jedoch: Fachliche Analyse/Interpretation ist für mich auch ein “TUN“, sofern diese über den eigenen Tellerrand hinaus kommuniziert bzw. von Betroffenen außerhalb der dgvt wahrgenommen werden kann.

Zum Abschluss stelle ich nun doch noch mal die Themenbereiche vor, die ich außerhalb der dgvt (uni HH, bdp-Kongress, kollegiale interne Fortbildungen) referieren konnte. Das wäre auch mein Input gewesen beim RT für die dann anschließende Gesprächsrunde: Sind das (noch) relevante Themen, zumindest für Teile der gegenwärtigen dgvt-Mitglieder?

Gewaltfrei ist S T A R K!                     

Systemische Intervention im Klassenverband. 

Diese systemische Intervention wurde im Verlauf der letzten 15 Jahre meiner Tätigkeit als Schulpsychologe in Hamburg-Harburg in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften ständig weiterentwickelt und wurde als praxisnah, abwechslungsreich und nachhaltig erfolgreich eingeschätzt. 

Themenbereiche

  • Modell sekundärer Gewaltprävention von vorneherein im Klassenverband, wenn ein einzelner Schüler oder auch eine Klasse als Ganzes wegen Häufung körperlicher Gewalt gemeldet worden ist.
  • Teamteaching mit KL, möglichst auch mit BeratungslehrerIn (BL), damit diese(r) entsprechende Anregungen in sein Repertoire für zukünftige Beratungen übernehmen kann.
  • Die vorauszusetzende pädagogische Grundhaltung des gemeldet habenden Klassenlehrers (KL) und die nötige Zeitressource für den kooperierenden Schulpsychologen (Schp)/BL/ Sonderschullehrerin(So).
  • Teamteaching von KL, BL und Schp: Worauf ist zu achten? 
  • Der ritualisierte Aufbau der „Friedensstunden“, die dadurch einerseits ihr spezielles und von den sonstigen Unterrichtsstunden sich abgrenzendes Profil erhalten, andererseits aber auch wieder eine vertraute Unterrichtsstunde sein sollen, um das Transfer-Gefälle flach zu halten.
  • Einbeziehung von Liedern, Bildern, Rollenspielen, suggestiven Geschichten, Entspannungsübungen, Fragebögen, Vorsätzen, Belohnungen: Kognition und Emotion werden gleichzeitig berührt. Gewichtung liegt nach meiner Einschätzung stärker auf Emotion.
  • Einbeziehung des Schulsystems/Schulleitung/Lehrerkollegium in dieses Projekt.
  • Die Ausblendephase der systemischen Team-Intervention und Übergabe in die nun wieder alleinige Durchführung des KL.
  • Zum Anschluss- Paket dieser UE gehört auch: Möglichkeit einer verbindlichen Einzel-„Nachbetreuung“, wenn einzelne Schüler weiterhin wesentlich gewaltauffällig: Rote Karte, Elterneinbeziehung, unterrichtsersetzende Einzelbeschulung. Botschaft an die Klasse/jeden einzelnen Mitschüler: Gewalt wird verbindlich nicht geduldet.

Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen (Aristoteles)

Hilfreiche erste Schritte in der (schul)psychologischen Einzelfallarbeit unter die Lupe genommen - von der Meldung seitens der Schule bis zum Erstgespräch mit dem gemeldeten Schüler/Kind/Jugendlichen

Themenbereiche

  • Die spezielle Rollenverteilung in der Triade „Meldende Lehrperson – Berater – Schüler“
  • Schüler und Lehrer konsequent als Subjekt (und nicht als Objekt) der Nutzung des seitens der Schule herbeigebetenen Beraters begegnen.
  • Bedeutung der Abmachungen beim Erst-Telefonkontakt des Beraters mit der Lehrerin bezüglich   Ort, Zeitdauer, Terminierung des persönlichen Erstgesprächs zur gemeinsamen Planung des weiteren Vorgehens. 
  • Das Erstgespräch mit der Klassenlehrerin im Spannungsfeld zwischen den Extremen „Zulassen eines chaotisch-ausufernden Berichtes“  …„streng strukturierend-eingrenzendes Interview“
  • Unterschiedliche (Lehr)Meinungen zum Umgang des Beraters mit „Jammern, Klagen“. Meine Empfehlung.
  • Beispiele für Dialoge („Berater- Lehrerin“, „Berater- Schüler“) aus der Praxis, die den weiteren Verlauf der Intervention steuern und die sich bewährt haben.
  • Exemplarische Beispiele, wie bestimmte Nahtstellen der Kontaktaufnahme des Beraters zum gemeldet habenden Klassenlehrer genutzt werden können für den Aufbau positiver Beziehungsgestaltung.
  • Die Umsetzung einiger von Grawe (im Bereich von Psychotherapie- Forschung) und von Hattie (im Bereich Unterrichtsforschung) herausgearbeiteter wesentlicher übergeordneter Wirkfaktoren im Umgang des Beraters mit Lehrerin und Schüler.
  • Aufbau und Bedeutung von Protokollen.
  • Die für das weitere Vorgehen manchmal weichenstellende Bedeutung von Wortwahl, Sprache.
  • Fülle von Beispielen für Transformation von „Problem-Begriffen“ in „Ziel-Begriffe“.
  • Die Nützlichkeit von „skalierendem Denken/Fühlen “ gegenüber „dichotomisierendem Denken/Fühlen“.
  • Einsatz von sprachlichen und bildlichen Metaphern. Viele – evtl. sehr viele (wenn entsprechende Freigaben vorlägen) - bildliche Vorlagen, evtl. auf beiliegender cd.
  • Das - nicht im Sitzen stattfindende - bewegte Erstgespräch des Beraters mit dem Problemschüler: Der „Höhepunkt“ des bisherigen Vorgehens, auf den alles hinausläuft. Diese Art des Erstgesprächs habe ich bisher nirgendwo sonst entdecken können, es scheint „Neuigkeitswert“ zu haben. Es wird sehr gründlich beschrieben….es könnte auch auf einer beiliegenden dvd eine Filmaufnahme dargestellt werden. Die liegt noch nicht vor, müsste gestellt werden. Frage, ob sich der Aufwand lohnt.
  • Vergleich des „Schülerselbstbildes“ mit dem „Lehrerfremdbild“ – Nutzung von Übereinstimmungen und Diskrepanzen für den moderierten Dialog zwischen Schüler und Lehrer.
  • Bedeutung eines Vertrages zwischen Schüler, Lehrer und Berater zur Nutzung der Berater-Ressource.
  • Diverse Möglichkeiten, Unterrichtshospitationen durchzuführen und zu nutzen.
  • Reflexionen zum Thema: Veränderung nur vom Problemschüler?.und wie sieht es mit den Lehrern, Klassenkameraden, Institution Schule aus?  
  • Diverse Vorgehensweisen, Eltern einzubeziehen.
  • Exkurs zu unterschiedlichen Arten von „Ressourcenorientierung“

Rudolf Abrams