Zwischen den Hilfesystemen: „Kinder psychisch kranker Eltern“: Eine Bedarfsanalyse

20.04.2018

Prof. Dr. Babette Renneberg
Prof. Dr. Albert Lenz
Prof. Dr. Hanna Christiansen
Dipl.-Soz.Päd. Petra Majumder
unter Mitarbeit von Dr. Charlotte Rosenbach, PD Dr. med. Rieke Oelkers-Ax und dem anwesenden Fachpublikum

Diese Analyse wurde am 1. März 2018 im Symposium „Zwischen den Hilfesystemen: Kinder psychisch kranker Eltern“ auf dem DGVT Kongress in Berlin zusammengetragen.

National und international leben ca. 25 % der Kinder und Jugendlichen mit einem psychisch erkrankten Elternteil zusammen. Das Lebenszeitrisiko für diese Kinder, selber an einer psychischen Störung zu erkranken, ist im Vergleich zu Kindern gesunder Eltern signifikant erhöht (bis zu 77 %); damit sind diese Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächste Generation psychisch Erkrankter. Diese Schätzungen bedeuten für Deutschland, dass ca. 3,8 Millionen Kinder im Verlaufe eines Jahres mit einem Elternteil mit irgendeiner psychischen Erkrankung zusammenleben; dazu zählen auch Kinder von Eltern mit einer Suchterkrankung (Christiansen et al., 2014; Mattejat, 2014). Ca. 15% der betroffenen Kinder sind unter drei Jahre alt. Dies bedeutet, dass etwa 500.000 bis 600.000 Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren von psychischen Erkrankungen der Eltern betroffen sind (Lenz, 2017).

Knapp 50% der Kinder und Jugendlichen in psychotherapeutischer Behandlung haben auch ein psychisch erkranktes Elternteil. Hinsichtlich der Transmission der psychischen Erkrankungen gibt es Hinweise auf Spezifität (Kinder von Eltern mit Angststörungen entwickeln auch eher Angststörungen), aber auch auf Mulitifinalität (die elterliche Erkrankung erhöht allgemein das Risiko für verschiedene psychische Störungen).

Eltern mit psychischen Störungen erleben schon auf Grund ihrer Erkrankung hohen psychosozialen Stress. Mit der psychischen Störung sind in der Regel ein niedriger Selbstwert sowie ein sehr starker Selbstfokus verbunden. Die Erziehung von Kindern stellt daher eine für diese Eltern extreme Herausforderung und Belastung, wenn nicht eine Überforderung dar. Die Interaktion mit den Kindern ist häufig gestört, die Bedürfnisse - auch Grundbedürfnisse - der Kinder können teilweise nicht adäquat wahrgenommen und befriedigt werden.

Neben genetischen Faktoren, bilden Interaktion und Kommunikation zwischen Eltern und Kind einen „Übertragungsweg“ der elterlichen psychischen Erkrankung und den damit verbundenen Belastungen auf das Kind. Problematische Interaktionsstile psychisch erkrankter Mütter und Väter sind eher krankheitsunspezifisch (kommen aber zum Teil bei einzelnen Krankheitsbildern verstärkt vor) und können zusammengefasst werden als: Unterstimulation, Überstimulation und stark wechselnde Interaktionsmuster.

Allgemeiner Konsens ist, dass es einer Förderung der elterlichen Beziehungs- und Erziehungskompetenzen bedarf. Gleichzeitig ist die Versorgungslage für eine integrierte Eltern-Kind-Therapie desolat, es gibt erhebliche Versorgungslücken, sowohl ambulant als auch (teil)-stationär. Punktuell existieren zwar etliche Projekte oder Initiativen (z. B. Patenschaftsprojekte, Gruppenprojekte, Frühe Hilfen, Elterntrainings) für die Unterstützung der Eltern und ihrer Kinder, aber es gibt keine festen Strukturen, die eine verlässliche Versorgung über längere Zeit und ohne Altersgrenzen ermöglichen. Diese fehlenden Strukturen stellen bei einer hochbelasteten und schwer erreichbaren Gruppe eine hohe Hürde für die Versorgung dar. Zusätzliche psychosoziale und soziale Hilfen sind hier erforderlich und es besteht ein hoher Bedarf an multimodalen Interventionen.

Auf Seite 22 des aktuellen Koalitionsvertrags steht folgendes: "Wir wollen die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern verbessern. Die Schnittstellenprobleme bei ihrer Unterstützung werden wir mit dem Ziel einer besseren Kooperation und Koordination der unterschiedlichen Hilfesysteme beseitigen."

Aufbauend auf diesem Ziel fassen wir folgende Handlungsbedarfe zusammen:

1. Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen dem Jugendhilfesystem und dem Gesundheitssystem

  • Eine zentrale bundesweite Anlaufstelle für Eltern, Kinder, Behandler*innen, Mitarbeiter*innen der Jugendhilfe usw. sollte eingerichtet werden. Die systematische interdisziplinäre Vernetzung medizinisch-psychiatrischer, psychotherapeutischer und sozialer/psychosozialer Versorgungssysteme muss flächendeckend eingeführt werden. Die zentrale Anlaufstelle sollte interdisziplinär besetzt und finanziert sein und nicht allein von Kostenträgern getragen werden, um eine Erleichterung und nicht eine Erschwerung des Zugangs zu ermöglichen.
  • Die Finanzierung dieser zentralen Anlaufstelle und der Maßnahmen muss passgenauer und sektorenübergreifender gestaltet werden (verschiedene Kostenträger SGB V, SGB VIII, SGB IX oder SGB XII), um von vornherein Schwierigkeiten der Zuständigkeit zu vermeiden.
  • In den Ausbildungsgängen zur Psychologischen Psychotherapeut*in, zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*in, zur ärztlichen Psychotherapeut*in sollten die Zusammenarbeit und die Kenntnisse über Arbeit in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gezielt vermittelt werden (z. B. über Ausbildungscurricula, aber auch den regelmäßigen Einbezug der möglichen Hilfen).
  • Wissen über Kinder psychisch kranker Eltern, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote müssen vermehrt in allen Ausbildungen zum PP, KJP, Fachärztliche Ausbildungen, sozialpädagogische Ausbildungen und in der Ausbildung für Hebammen vermittelt werden.
  • Eine disziplinübergreifende Behandlungsleitlinie für Kinder psychisch kranker Eltern sollte konzeptualisiert, erstellt und verbreitet werden. Die Schaffung verbindlicher Regelungen zur Kooperation aller Beteiligten ist prioritäres Ziel.
  • Qualitätszirkel sollten Austauschforen und Vernetzungsmöglichkeiten sowie Peer-Austausch bzgl. Risikokonstellationen für die Eltern- und Kindertherapeuten sowie Jugendhilfemitarbeiter bieten (ähnlich wie bei „Frühen Hilfen“); für die Teilnahme sollte eine Finanzierung gewährt werden.

2. Finanzierung

  • Die Evaluation (störungsspezifischer) Elterntrainings muss besser finanziert und unterstützt werden.
  • Mischfinanzierte Einrichtungen sind zu etablieren, in denen
    o   der therapeutische Teil über das SGB V,
    o   der Rehabilitationsteil für behinderte Menschen gemäß SGB IX und
    o   die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen nach SGB XII geleistet wird und
    o   die Kinder- und Jugendhilfe über das SGB VIII finanziert wird.
  • Es sollten Kontingentstunden eingeführt werden für den Einbezug der Kinder in Elterntherapien bei psychisch erkrankten Eltern mit Kindern sowie für die Vernetzung mit der Jugendhilfe sowie ggf. den Psychotherapeuten des Kindes.

3.  Kinder „mitdenken“

  • Behandler*innen erwachsener Patient*innen müssen in jedem Fall nach den Kindern und deren Entwicklung sowie psychischer Gesundheit fragen. Im kinder- und jugendtherapeutischen Bereich wird über die ganze Ausbildung hinweg der „systemische“ Blick geschult – analog sollte dies auch in die Ausbildung von Erwachsenentherapeut*innen und Ärzt*innen integriert werden.
  • Auch jetzt gibt es z. B. die Möglichkeit, bei Psychotherapieanträgen auch familiäre Belastungen zu berücksichtigen und z. B. Einheiten zur Förderung des elterlichen Erziehungsverhaltens mit zu beantragen. Dies ist kaum bekannt und wird entsprechend kaum genutzt.
  • Es darf nicht gewartet werden, bis die Kinder krank werden: Präventionsmaßnahmen müssen flächendeckend gefördert werden. Konzepte zur Prävention müssen weiterentwickelt und wissenschaftlich überprüft werden.
  • Schule/Kindertageseinrichtungen, Eltern, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Sozialhelfer*innen, Familienhelfer*innen: allen müssen die gleichen Informationen zur möglichen Risikobewertung vermittelt werden, einheitliche Maßstäbe und verbindliche Regeln müssen eingeführt werden. Auch dies verdeutlicht die Notwendigkeit der Einrichtung einer gemeinsamen, bundesweiten Anlaufstelle.

4. Risikofaktoren im Kindesalter identifizieren

  • Sogenannte „red flags“ für den Verlauf sollten festgelegt werden und bekannt sein. Somit wird eine verbesserte Versorgung im Kindes- und Jugendalter ermöglicht, die das Potential hat, langfristig psychische Erkrankungen zu reduzieren.

5. Forderungen an die Versorgungsinstitutionen

  • Ein bedarfsgerechter Ausbau stationärer und teilstationärer Eltern-Kind-Behandlungsplätze muss erfolgen (bisher nur 21%), ebenso ein bedarfsgerechter Ausbau ambulanter multimodaler Hilfen.
  • Der Ausbau sollte nicht durch Umwidmung bestehender Behandlungsplätze erfolgen, da so die desolate Situation nur fortgeschrieben würde.
  • Die Altersbegrenzung (Kinder nur bis 2 Jahre) in stationären Einrichtungen der Psychiatrie sollte aufgehoben werden.
  • In Eltern-Kind-Einrichtungen der Psychiatrie, sollte nicht nur rooming-in möglich sein, sondern die Interaktion sowie psychische Störungen sowohl der Eltern als auch der Kinder müssen behandelt werden können.
  • Eine Mischfinanzierung für die therapeutischen Maßnahmen und die erzieherischen Hilfen sollte hier möglich sein, damit auch Prävention geleistet werden kann (z.B. Kinder schon eingebunden werden können, wenn sie noch unauffällig oder erst wenig auffällig sind); Therapie der Interaktion sollte finanziert sein.
  • Es muss eine Regelung des Übergangs zwischen den verschiedenen Hilfsangeboten (insbesondere ambulanter Vor- und Nachsorge) eingeführt werden.
  • Es bedarf eine klare Regelung der Federführung bei der Planung und Organisation der entsprechenden Hilfe, ohne Kompetenzgerangel
  • Kinder und Jugendliche brauchen eine „eigene Stimme“. D. h. bei der Versorgung müssen wir sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen fragen und zur Befriedigung dieser adäquaten Strukturen bereitstellen (z. B. Gruppenangebote für Jugendliche).