Psychiatrie, Psychotherapie und Internet[1] ? Das Internet als Gesundheitsmedium ? ein Überblick zu verschiedenen Schnittstellen


von Christiane Eichenberg

Der Einsatz des Internets ist im privaten wie beruflichen Alltag fest verankert und in die täglichen Lebensabläufe von weiten Teilen der Gesellschaft integriert. Durch die breite Nutzung von Internetkommunikation verändert sich auch das Gesundheitswesen. Während der Begriff E-Health (oder auch Telemedizin, Cybermedizin, Online Health, Health 2.0) als Sammelbegriff für unterschiedlichste Aspekte der Schnittstelle von Internet und Medizin verwendet wird, fokussiert E-Mental-Health speziell die Zusammenhänge von digitalen Medien und psychischer Gesundheit.

Die Auswirkungen des „Internetzeitalters“ auf die psychische Gesundheit werden in der Tendenz polarisierend diskutiert: Kulturpessimistische Stimmen warnen zum Beispiel vor den Gefahren exzessiver Internetnutzungsformen, das andere Lager bietet optimistisch „Psychotherapie via Internet“ für unterschiedliche Störungsbilder an (siehe beispielsweise die Interapy-Programme1, Wagner/Lange 2008).

Hilfreicher als einseitig geführte Kontroversen um die Chancen, aber auch die Risiken des Internets für Psychiatrie und Psychotherapie ist, zunächst die unterschiedlichen Berührungspunkte zu differenzieren. Insgesamt lassen sich vier zentrale Schnittstellen zwischen der Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Medium Internet identifizieren (vgl. Ott/Eichenberg 2003; Stetina/Kryspin-Exner 2009). Erstens ist das Internet ein Informationsmedium mit Ressourcen zu psychischen Störungen, zweitens kann es als Kommunikationsmedium therapeutische Interventionen unterstützen, was drittens eine Beziehungsänderung zwischen Behandler und Patient impliziert. Viertens hat die Internetnutzung (z. T. klinisch relevante) Effekte und Wechselwirkungen in Bezug auf das menschliche Verhalten und Erleben.

A. Information

Nachfrage

Insbesondere bei Gesundheitsthemen scheint sich das Internet nach den traditionellen Ratgebern wie Ärzten, Psychologen, Apothekern, Familienangehörigen und Freunden als wichtige Anlaufstelle etabliert zu haben. Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Studie mit N = 2411 Befragten (Eichenberg/Blokus/Brähler 2010) greifen 63,5% der deutschen Internetnutzer bei Gesundheitsfragen auf das Internet zurück, womit es sich auf einer Stufe mit Ratgebern in Fernsehen, Hörfunk und Printmedien befindet. Das Internet würde im Bedarfsfall für ein Viertel aller Deutschen und ungefähr die Hälfte aller deutschen Internetnutzer bei psychischen Problemen eine Anlaufstelle darstellen. Im Vordergrund stünde dabei für 90,3% aller deutschen Internetnutzer die Suche nach Informationen. Der Austausch in Selbsthilfeforen (40,8%), die Suche nach einem niedergelassenen Psychotherapeuten (30,6%) und die Diagnostik mittels psychologischer Onlinetests (28,2%) sind dem eindeutig nachgeordnet.

Qualitätssicherung

Gerade aufgrund der starken Beliebtheit stellt sich die Frage nach der Qualität der verfügbaren Internetinformationen. Die generellen Vorteile gesundheitsbezogener Internetressourcen wie z. B. unkomplizierter, zeit- und ortsunabhängiger und diskreter Zugriff stärken insgesamt die Rolle des Ratsuchenden in Richtung „mündiger Patient“ (Eichenberg unter Mitarbeit von Dies, 2011). Studien belegen jedoch, dass der Großteil der Nutzer nicht die Herkunft der recherchierten Quellen überprüft (Fox 2006).

Neben dem Problem der Informationsüberflutung stellt sich insbesondere das Problem der mangelnden Qualitätssicherung von Web-Informationen. Eine Reihe von inhaltsanalytischen Studien zur Qualität gesundheitsbezogener Websites kam bei unterschiedlichsten Erkrankungen zu problematischen Befunden mit einer hohen Anzahl fehlerhafter oder unvollständiger bis hin zu gefährlichen Informationen (z. B. für Angststörungen siehe Ipser/Dewing/Stein 2007; für bipolare Störungen siehe Barnes et al. 2009). Auch die Einseitigkeit von Informationen ist bemerkenswert wie besorgniserregend: So zeigte sich bezüglich der posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), dass 42% der 50 Top-Websites zu Trauma von Pharmafirmen unterhalten oder gesponsert werden mit signifikant mehr Hinweisen zu Psychopharmaka als Therapie der Wahl (Mansell/Read 2009). In einer Studie zur Qualität deutschsprachiger Webseiten zu PTBS war die Darstellung psychodynamisch fundierter Traumatherapien gegenüber den kognitiv-behavioralen Ansätzen dramatisch unterrepräsentiert (Eichenberg/Blokus/Malberg, under review).

Um der Verbreitung von gesundheitsbezogener Falsch- oder Fehlinformationen im Internet mit der Gefahr negativer Folgen für das psychische und das körperliche Wohlbefinden gegenzusteuern, wurden verschiedene Modelle der Qualitätskontrolle entwickelt (siehe Sander/Schult 2010). Ein Beispiel hierfür ist der HONcode, der durch die Stiftung Health On the Net (HON) vergeben wird. Der HONcode ist ein Ehrenkodex und enthält Richtlinien für Webmaster mit einem Minimum von Standards (z. B. Sachverständlichkeit, Datenschutz, Transparenz). Bisher wurden 7300 Websites mit dem HONcode zertifiziert. Inhaltsanalytische Studien zeigen, dass HONcode-zertifizierte Websites hinsichtlich der Qualitätsbewertung deutlich besser abschneiden als nicht zertifizierte (siehe z. B. Zermatten et al. 2010, mit einer Analyse von Depressions-Websites).

B. Intervention

Neben den Optionen des Internets zur gesundheitsbezogenen Information und Selbsthilfe unterstützt es auch den Austausch zwischen Behandlern und Patienten. Onlinekommunikation kann bei bestehenden Arzt-Patient-Beziehungen als zusätzliche Kontaktform genutzt werden, aber auch ausschließlich über das Internet stattfinden (Onlineberatung).


Rechtliche Aspekte  

Potenzielle Anbieter stehen vor der Frage, welche technikbasierten Beratungs- und Behandlungsangebote aus rechtlicher Sicht erlaubt sind und welche Regeln dabei zu beachten sind. Während reine Beratungsangebote, bei denen es sich nicht um Therapie handelt, sondern um Angebote der Lebenshilfe oder Krankheitsfragen geht, keinen spezialgesetzlichen Anforderungen unterliegen, ist der Einsatz des Internets in der (Psycho-)Therapie in Deutschland nur bedingt zulässig. Sowohl die Berufsordnungen der Ärzte als auch Psychologen statuieren als Grundsatz die Pflicht zur persönlichen Behandlung. Die Ärzte unterliegen dem so genannten Fernbehandlungsverbot nach § 7 Abs. 3 der Musterberufsordnung für Ärzte (MBO-Ä 2004). Verboten ist allerdings nur die ausschließliche Fernbehandlung. Das Verbot erlaubt die Option, dass der Arzt in Einzelfällen seinen Patienten auch durch den Einsatz neuer Medien therapeutische Ratschläge erteilt (Ratzel/Lippert 2006). Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Arzt den Patienten aus der laufenden Behandlung persönlich kennt. Auch den Psychologischen Psychotherapeuten ist die Fernbehandlung ihrer Patienten im Grundsatz verboten (§ 5 Abs. 5 der Musterberufsordnung für Psychologische Psychotherapeuten, MBO-PP/KJP 2006) und die Pflicht zum persönlichen Kontakt gegeben. Allerdings lässt die MBO-PP/KJP in begründeten Fällen Ausnahmen von dem Fernbehandlungsverbot zu, z. B. wenn die therapeutische Nachsorge den Einsatz neuer Medien sinnvoll und erforderlich macht, wie es zum Beispiel bei „E-Mail- oder SMS-Brücken“ (ausführlich für entsprechende Konzepte siehe Bauer/Kordy 2008) der Fall ist. Bei gesonderter Genehmigung sind auch Modellprojekte möglich, in denen die psychotherapeutische Behandlung ausschließlich unter Einsatz der neuen Medien erfolgt.

Onlineberatung

Die Onlineberatung hat in Deutschland die Pionierphase überwunden und erfährt eine zunehmende Institutionalisierung. So vereint zum Beispiel <das-beratungsnetz.de> als Plattform inzwischen über 300 psychosoziale Einrichtungen unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche, die für unterschiedliche Probleme und Störungen internetbasierte Beratungsdienste anbieten. Die Onlineberatung lässt sich beispielsweise hinsichtlich verschiedener Dimensionen beschreiben und unterscheiden (z. B. Ausbildung der Helfer, Kommerzialisierungsgrad, genutzter Netzdienst, therapeutische Richtung und Fundierung, Grad der Seriosität und Professionalität, webbasierte Programme ohne therapeutischen Kontakt versus Interaktionen mit einem professionellen Helfer).

Möglichkeiten und Grenzen

Therapeutische Internetangebote bieten gegenüber herkömmlichen Face-to-Face-Angeboten eine Reihe von Vorteilen wie z. B. das Ansprechen von Zielgruppen, die herkömmliche Versorgungsangebote gegebenenfalls nicht in Anspruch nehmen würden, oder das Absenken von Scham- und Hemmschwellen durch die typischen Merkmale des Internets wie Anonymität und die Möglichkeit, sich schriftlich mitzuteilen. Gleichzeitig sind entsprechenden Angeboten aber auch Grenzen gesteckt, z. B. hinsichtlich der Wirksamkeit bei schwereren psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen (ausführlich siehe Eichenberg unter Mitarbeit von Deis, 2011). Ebenso müssen im therapeutischen Onlinesetting die Auswirkungen der computervermittelten Kommunikation auf die therapeutische Beziehung und den Prozess vom Onlineberater reflektiert werden, um ein tragfähiges und hilfreiches Arbeitsbündnis herstellen zu können. Erste Befunde zeigen, dass Ratsuchende im Onlinesetting dem Face-to-Face-Setting vergleichbare Beziehungen zum Therapeuten erleben (Cook/Doyle 2002; Knaevelsrud/Maercker 2006). Dennoch bestehen Unterschiede. So ist der so genannte Disinhibition Effect (z. B. Suler 2004) bekannt, der ungünstigenfalls dazu führt, dass der Berater im Onlinesetting eher mit aggressiven Impulsen oder sehr salopper Sprache konfrontiert wird. Aber auch die positive Seite dieses Effekts kann genutzt werden: hochbrisante und prekäre Themen werden im Vergleich zum Face-to-Face-Setting schneller angesprochen bzw. können manchmal überhaupt nur im virtuellen Raum ausgesprochen werden Hochbrisante (z. B. von traumatisierten Menschen, vgl. Bollinger 2004; Eichenberg/Malberg 2011). Mit den psychologischen Aspekten der computervermittelten Kommunikation vertraut zu sein bildet die Basis, um mit den Besonderheiten im Onlinesetting konstruktiv und sicher umgehen zu können (für spezifisches Hintergrundwissen siehe Döring 2003).

Onlinediagnostik

Dass eine valide klinische Diagnosestellung nicht allein auf Tests beruhen kann, sondern für die Urteilsbildung ein Gespräch Voraussetzung ist, ist konsensuell. Vor allem in den USA wurden Studien durchgeführt, um zu erproben, ob die Diagnosen, die via Videokonferenzen gestellt wurden, genauso valide sind wie die im traditionellen Setting. Hyler et al. (2005) analysierten die aktuelle Forschungslage und konnten auf der Basis einer Literaturrecherche in Fachdatenbanken 380 Studien zum Thema identifizieren. Vierzehn der Studien mit N > 10 verglichen das telepsychiatrische mit den herkömmlichen Settings unter Verwendung von objektiven Beurteilungs- oder Zufriedenheitsinstrumenten. Als zentraler Befund ergab sich, dass auf der Grundlage der objektiven Beurteilungsinstrumente keine Unterschiede in der telepsychiatrischen und traditionellen Diagnosestellung bestehen. Ebenso zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Patientenzufriedenheit in Abhängigkeit vom Setting. Allerdings konnten die Autoren Vorbehalte bei Psychiatern und Patienten hinsichtlich der telepsychiatrischen Diagnosestellung als Routinemaßnahme herausarbeiten. Auch wenn weitere Pilotstudien zur Anwendung der Telepsychiatrie in zum Beispiel Konsiliaren existieren (siehe z. B. Szecsey/Koch/Klein [2004] für konsiliarische Dienste in der Gerontopsychiatrie), so fehlt bislang eine fundierte empirische Basis zur Einschätzung der Effekte von Videokonferenzen in der psychiatrischen Behandlung. Vereinzelt liegen vergleichende Studien bezüglich unterschiedlicher Settings vor (z. B. für Depression siehe Ruskin et al. 2004). Auf der bisherigen Datengrundlage lässt sich festhalten, dass die telepsychiatrische Diagnosestellung als sinnvolle Alternative dient, wenn sich das traditionelle Setting nicht herstellen lässt (z. B. kein Kinderpsychiater vor Ort) bzw. bestimmte Patientengruppen nicht anders erreicht werden können.

E-Mail-Konsultation in laufenden Behandlungen

Insgesamt bietet das Internet günstige Strukturen für die Erweiterung und Ergänzung herkömmlicher Versorgungsstrukturen. Die Wirksamkeit psychologischer Onlineberatung und WWW-basierter kognitiv-behavioral fundierter Unterstützungsprogramme ist inzwischen belegt (Eichenberg/Ott 2011). Ebenso zu denken ist auch an die Option, E-Mail-Konsultationen in laufende Behandlungen einzubinden. Zum einen bei organisatorischen Abläufen: E-Mail-Konsultation kann Praxisabläufe vereinfachen. Terminvergaben oder andere Absprachen per E-Mail können auch außerhalb der Praxisöffnungszeiten getroffen werden und sind zudem immer gut dokumentiert. Zum anderen kann Onlinekommunikation aber auch therapeutisch eingesetzt werden (ausführlich zu den Chancen, aber auch Gefahren begleiteter Onlinekonsultationen siehe Eichenberg/Malberg, in Druck). Insgesamt liegt ein besonderes Risiko für Behandler in der Menge sie erreichender E-Mails von Patienten. Unerlässlich ist demnach in jeder Behandlung die Rahmenbedingungen des ergänzenden Onlinekontakts im Sinne eines „E-Mail-Kodex“ zu besprechen; einerseits um bei den Patienten keine falschen Erwartungen ständiger Erreichbarkeit zu wecken, andererseits um der eigenen Überlastung präventiv gegenzusteuern. Gleichzeitig ist noch nicht systematisch untersucht worden, welche Auswirkungen die E-Mail-Korrespondenz auf das therapeutische Arbeitsbündnis hat.

Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Effekten einer parallel laufenden Unterstützung per E-Mail liegen vorwiegend aus dem Bereich der Nachsorge und Rückfallprävention vor (z. B. Wolf et al. 2006). Inzwischen berichten aber auch Psychotherapeuten in Fallvignetten von ihren Erfahrungen (z. B. Mück 2011; Kächele 2008).

Bereitschaft zur Einbindung moderner Medien in Psychotherapie und Psychiatrie

Während sich bei Befragungen von Ärzten im Allgemeinen eher ein Widerstand gegenüber E-Mail-Kommunikation mit Patienten zeigte (Masters 2008), scheinen Psychotherapeuten und Psychiater der Integration moderner Kommunikationsmedien gegenüber offener eingestellt zu sein. So berichteten in einer Studie von Eichenberg und Kienzle (2011) fast alle befragten niedergelassenen Psychotherapeuten (92,3% von N = 234), ihren Patienten die Möglichkeit zur Kommunikation per E-Mail anzubieten. Von diesen Therapeuten gaben 94% an, dass es bereits zu einem E-Mail-Austausch zwischen ihnen und ihrem Patienten gekommen sei, wobei dieser von den Therapeuten mehrheitlich als überwiegend positiv erlebt wurde. Dabei wurde die internetbasierte Kommunikation, die der Absprache formaler Angelegenheiten dient, etwas positiver bewertet als E-Mails mit behandlungsrelevanten Inhalten.

Auch in der stationären Psychotherapie und Psychiatrie hat sich der Einsatz verschiedener Medien als Ergänzung zu konventionellen Interventionsmethoden in einer Reihe von Studien als nützlich und effektiv erwiesen (zur Übersicht siehe Eichenberg 2007). In einer aktuellen Studie wurden die Verbreitung von Medien in der stationären Behandlung sowie die Bewertung medienunterstützter Interventionen auf Therapeuten- und Patientenseite erfasst. In einer repräsentativen Befragung an allen psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken in Nordrhein-Westfalen (Rücklauf: 40 Psychologen/Ärzte und 289 Patienten aus 39 Kliniken) wurden anhand von selbst konstruierten Fragebögen die Medienausstattung, der Medieneinsatz in verschiedenen Anwendungsbereichen, dessen Bewertung und die Zufriedenheit mit dem Einsatz von Medien erfasst. Als Ergebnis zeigte sich, dass eine breite Anwendung und Akzeptanz von Medien erst in einigen Bereichen vorliegt. Vor allem schriftliche Materialien und Tonträger werden in Selbsthilfe und Psychoedukation eingesetzt und der Computer für diagnostische Zwecke verwendet. Das Potenzial des Einsatzes von modernen Medien wird – trotz positiver Effektivitätsstudien oder mindestens überzeugenden Pilotprojekten – kaum genutzt. Die Studie identifizierte zudem große Ausstattungs- und Nutzungsunterschiede zwischen den einzelnen Medien, Anwendungsfeldern und Kliniken.

C. Beziehungsänderung

Die Internetnutzung im klinischen Kontext hat Einflüsse und Effekte auf zweierlei Arten von Beziehung: die therapeutische Beziehung zwischen Professionellen und Betroffenen (vgl. Ball/Lillis 2001) im Speziellen und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen. So verlieben sich beispielsweise immer mehr Menschen online; die damit verbundenen Probleme werden zunehmend auch in psychotherapeutischen Praxen thematisiert (Eichenberg 2010).

Im Rahmen der therapeutischen Beziehung wird neben der Etablierung grundsätzlich neuer Kontaktformen durch medienvermittelte Kommunikation (z. B. E-Mail-Kontakt zwischen den regulären Sitzungen) auch das klassische Face-to-Face-Setting beeinflusst (z. B. auch indirekt durch die Möglichkeit des Patienten, während einer laufenden Behandlung parallel noch eine Onlineberatung bei einer dritten Person in Anspruch zu nehmen).



Therapeuten- und Patientenrecherchen

Ebenso zu berücksichtigen ist das Internet als Mittel, um Informationen über das Gegenüber zu recherchieren: Immer mehr Patienten „googeln“ ihren Psychotherapeuten, sodass inzwischen allgemeine Empfehlungen für die Selbstdarstellung von Therapeuten im Internet existieren (Zur et al. 2009). Gleichzeitig muss aber auch das komplementäre Phänomen beachtet werden, nämlich die Verlockung, als Behandler im Internet nach Informationen zu den eigenen Patienten zu suchen (z. B. auf Web-2.0-Plattformen wie Facebook). Dieses so genannte Patient-Targeted Googling (PTG) steht ethisch im Spannungsfeld zwischen Neugier und beruflichem Nutzen (vgl. Clinton/Silverman/Brendel 2010), sodass bei entsprechender Motivation immer die Gegenübertragungs-, aber auch Eigenübertragungsgefühle genau reflektiert werden sollten. In einer aktuellen Untersuchung zum Thema PTG wurden in einer Onlinestudie N = 207 deutsche Psychotherapeuten zu ihren diesbezüglichen Einstellungen und Erfahrungen befragt (Eichenberg/Tump, in Vorbereitung). Es zeigte sich, dass der Großteil (84,5%) der befragten Therapeuten sich noch nie mit dem Problemkomplex des Patient-Targeted Googling beschäftigt hatte; lediglich 2,4% hatten in ihrer Ausbildung oder einer Fortbildung davon gehört. Besonders vor diesem Hintergrund überrascht das Ergebnis, dass bereits 39,6% angaben, online nach Patienteninformationen gesucht zu haben – 75,6% ohne Erlaubnis oder Wissen ihrer Patienten. Die Motive für die Recherche waren sehr heterogen.

D. Klinisch relevante Effekte der Internetnutzung

Die Effekte, die die Nutzung von Medien auf das menschliche Verhalten und Erleben hat, wurden für alle etablierten Medientypen Gegenstand der Forschung. Die Medienwirkungsforschung fokussierte dabei insbesondere in ihren Anfängen negative Auswirkungen. Während sich die wissenschaftliche Perspektive hier ausdifferenziert hat, wird in der Öffentlichkeit nach wie vor häufig auf Negativeffekte hingewiesen, die in ihrer Verbreitung und Intensität oftmals überschätzt werden. In Bezug auf das Internet sind so in Schlagzeilen alarmierende Stimmen zu hören wie „Amerikaner lieben Internet mehr als Sex“2, oder es wird eine weltweite, internetbedingte Epidemie der Schüchternheit befürchtet3.

Somit ist auch eine Aufgabe der klinischen Praxis wie Forschung, sich mit den Effekten und Rückwirkungen der Internetnutzung zu beschäftigen. Exemplarische Themenfelder und Fragestellungen sind zum Beispiel exzessive Nutzungsweisen und die Partizipation an bestimmten selbsthilfeorientierten Communitys.

Exzessive Nutzungsweisen („pathologische Internetnutzung“)

Hat die „Internetsucht“ als eigene klinische Entität Bestand? Wie ist der Verbreitungsgrad der „pathologischen Internetnutzung“ auf der Basis der vorliegenden Prävalenzstudien im Allgemeinen und wie im Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und anderen psychischen Störungen im Speziellen einzuschätzen?

Aktueller Stand der Forschung ist, dass die „Internetsucht“ in den bekannten Diagnosesystemen (ICD-10, DSM-IV) bislang keine eigenständige klinische Entität ist; die Aufnahme wird aber derzeit geprüft.4

Insgesamt schwanken die ermittelten Prävalenzraten je nach zugrunde gelegter Definition und Kriterien stark (1,5 bis 8,2%, vgl. Petersen et al. 2009). Die Internetsucht weist eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen auf (z. B. andere Suchterkrankungen, affektive Störungen, Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen sowie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen im Erwachsenenalter). Da die existierenden Studien jedoch ausschließlich Querschnittsuntersuchungen sind, kann über die kausalen Zusammenhänge zwischen Internetsucht und begleitenden psychischen Erkrankungen keine Aussage getroffen werden, d.h., pathologische Internetnutzung könnte sowohl Ursache als auch Folge einer weiteren psychischen Störung sein. Inzwischen existieren umfassende spezialisierte Behandlungskonzepte für die ambulante wie stationäre Behandlung der Internetsucht (z. B. Wölfling et al. 2011).

„Extreme communities“

Insgesamt wird das Potenzial des Internets zur Selbsthilfe bei verschiedenen Störungen und Problembereichen positiv eingeschätzt und entsprechende Evaluationsstudien belegen günstige Effekte (z. B. van Uden-Kraan et al. 2008). So zeigte sich beispielsweise, dass Online-Selbsthilfegruppen Jugendliche, die Eltern werden, große Unterstützung bringen (Valaitis/Sword 2005) ebenso wie Betroffenen von Depression (Griffiths et al. 2009) und bestimmten Angststörungen wie z. B. Oralophobie (Coulson/Buchanan 2008). In diesem Kontext werden auch zunehmend so genannte „extreme communities“ diskutiert, womit Onlinegruppen gemeint sind, in denen Betroffene zu sehr prekären Themen und Problemen ohne Beteiligung von Fachleuten, die bei kritischen Inhalten moderierend eingreifen können, miteinander kommunizieren. Hierunter fallen zum Beispiel „Suizidforen“, „Saufforen“, „Ritzerseiten“ oder die so genannte Pro-Ana-Bewegung, spezifisch ausgerichtete Onlineplattformen von und für Essgestörte.

Alarmierend wird vor allem in Medienberichten auf die Gefahren hingewiesen, die mit der Nutzung dieser „communities“ einhergehen. Doch welche klinisch relevanten Auswirkungen lassen sich auf der Grundlage empirischer Evidenzen feststellen?

Zur Beantwortung dieser Frage wurde eine Serie von Online-Befragungsstudien in verschiedenen deutschsprachigen Foren durchgeführt (Suizid-Forum, Eichenberg 2008; Pro-Ana-Foren, Eichenberg/Flümann/Hensges 2011; SVV[Selbstverletzendes Verhalten]-Foren, Eichenberg 2009). Die Stichproben setzten sich aus überwiegend adoleszenten Teilnehmern zusammen, die psychisch stark belastet sind, eine chronische Symptomatik aufweisen und die entsprechenden Foren seit einigen Jahren intensiv nutzen. Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer hatte Psychotherapieerfahrung, wobei überwiegend angegeben wurde, dass die Forennutzung die Motivation zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe erhöht habe. Die Motive zur Partizipation an den Foren war sehr unterschiedlich: Es überwog die Suche nach emotionaler Unterstützung und sozialen Kontakten, aber der Wunsch nach zum Beispiel destruktiven Tipps zur weiteren Gewichtsreduktion oder nach Methoden zur Selbstverletzung waren bei einigen Usern ebenso identifizierbar. Insgesamt zeigte sich, dass die Nutzer entsprechender Foren keine homogene Gruppe sind, sondern die Teilnahme auf der Grundlage unterschiedlichster Motivkonstellationen erfolgt, wobei der Anteil konstruktiver Nutzer bei allen drei Stichproben deutlich überwog. Entsprechend ist auch von differenziellen Effekten der Nutzung auszugehen.

Aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtung der Foren ist es notwendig, dass zum Beispiel Einrichtungen des Jugendschutzes, aber auch Erziehungspersonen, Sozialpädagogen, Psychologen und Psychiater Kriterien zur Verfügung haben, die erlauben, einzelne Selbsthilfeforen hinsichtlich ihrer Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit zu beurteilen. Exemplarisch für Selbsthilfeseiten zu Essstörungen sei auf die Leitlinien von Eichenberg und Brähler (2007) hingewiesen.

Ausblick

Es ist davon auszugehen, dass von psychischen Problemen Betroffene in Zukunft verstärkt auf die Einbindung moderner Medien in das Versorgungsangebot Wert legen. Auf Patientenseite haben erste Studien dieses Interesse belegt, das über die Nutzung von gesundheitsrelevanten Informationen im Internet hinausreicht. Internet und SMS in der stationären Nachsorge (vgl. zur Übersicht Moessner et al. 2008) oder die Bereitschaft, im Bedarfsfall Onlineberatung in Anspruch zu nehmen (vgl. Eichenberg/Blokus/Brähler 2010) sind vorhanden. In Pilotprojekten wird ebenso das therapeutische Potenzial verschiedener Mobilmedien (Döring/Eichenberg, in Druck) und Virtual-Reality-Anwendungen (Eichenberg 2011) untersucht.

Insgesamt sollten alle in der Versorgung von psychisch Kranken Tätigen über die Entwicklungen neuer Medien informiert sein, um nicht nur die vorhandenen salutogenen Potenziale zu nutzen, sondern auch, um mögliche dysfunktionale Mediennutzung ihrer Patienten diagnostizieren und entsprechend in die Behandlung einschließen zu können.

Ebenso sollten auch internationale Projekte im Auge behalten werden. In der Telepsychiatrie zeigen sich internationale Entwicklungen, die im deutschsprachigen Raum bislang kaum erprobt oder etwa breiter umgesetzt wurden wie z. B. konsiliarische Dienste, Patientenvermittlung, Diagnostik, Supervision und die Ausbildung von Ärzten und Psychologen via Videokonferenz. In Zukunft gilt es, diese neuen Möglichkeiten der klinischen Telepsychologie und -psychiatrie – als Ergänzung und Erweiterung der herkömmlichen Versorgungsstrukturen – angepasst an das deutsche Gesundheitssystem wissenschaftlich und praktisch weiterzuentwickeln, zu evaluieren und bei positiven Evaluationsergebnissen dann auch zu veralltäglichen.

PD Dr. Christiane Eichenberg, Diplom-Psychologin, Department Psychologie ? Klinische Psychologie und Psychotherapie ?, Universität zu Köln.

Kontakt: E-Mail: eichenberg(at)uni-koeln(dot)de

Internet: www.christianeeichenberg.de

 

Literatur bei der Verfasserin und/oder unter www.psychiatrie.de/dgsp

 

Anmerkungen:

1 www.interapy.nl

2 www.bild.de/BILD/digital/technikwelt/2007/09/studie-internetsucht/amerikaner-freundschaften.html

3 www.dailytelegraph.com.au/lifestyle/ipod-or-shy-pod/story-e6frf00i-1111114318189

4 Vgl. auch http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/133/1613382.pdf

 

((Zitate))

„Neben dem Problem der Informationsüberflutung stellt sich das Problem der mangelnden Qualitätssicherung von Web-Informationen“

„Positiv: Hochbrisante und prekäre Themen werden im Vergleich zum Face-to-Face-Setting schneller angesprochen“

„Immer mehr Patienten <googeln> ihren Psychotherapeuten“

„Insgesamt wird das Potenzial des Internets zur Selbsthilfe bei verschiedenen Störungen und Problembereichen positiv eingeschätzt“


[1]Quelle: Zeitschrift „soziale psychiatrie“, Ausgabe 1, 36.Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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