15 Jahre Psychiatrienetz[1]


Seit fast fünfzehn Jahren ist das „Psychiatrienetz“ (www.psychiatrie.de) mit derzeit monatlich mehr als 137 000 Besuchern das wichtigste deutschsprachige Portal zum Thema Psychiatrie. Eine Erfolgsgeschichte, resümiert der Autor und beschreibt die wachsende Bedeutung des gemeinsamen Netzes – trotz Geburtswehen, wenig Geld und begrenzter Möglichkeiten.

von Ludwig Janssen

Zum Stichwort Psychiatrie findet die Suchmaschine Google 19 500 000 deutschsprachige Einträge. Wie bei den meisten Suchen rangiert der entsprechende Eintrag bei Wikipedia (von vielen Beiträgen dort wird übrigens auf www.psychiatrie.de bzw. auf spezifische Seiten verwiesen) an erster Stelle, an dritter Stelle folgt das Psychiatrienetz. Bei anderen Begriffen ist es nicht viel anders:

  • Borderline: 2 130 000 Fundstellen und Platz acht für das Psychiatrienetz;
  • Psychopharmaka: 690 000 Fundstellen und das Psychiatrienetz an sechster Stelle;
  • Psychiatriegeschichte: 23 700 Quellen und Platz vier für das Psychiatrienetz.

Die Liste ließe sich beliebig fortführen und belegt vor allem eines: Das Psychiatrienetz ist eine der wichtigsten deutschsprachigen Informationsquellen zum Thema Psychiatrie im Internet. Das belegen auch die Zugriffszahlen für einen beliebigen Monat im Jahr 2011. Nehmen wir den Mai, in dem 137 625 Besucher gezählt wurden, Tag für Tag also durchschnittlich 4 440.

Gelesen werden vor allem Informationen über Diagnosen (z.B. Schizophrenie: 3505 Seitenaufrufe im Mai, Depressionen: 1979 oder Borderline 1858) und Therapien (2147). Die Suche über Google ist mit 56 Prozent übrigens der wichtigste Ausgangspunkt, um auf das Psychiatrienetz zu gelangen.

Die Bedeutung des Psychiatrienetzes

Bestätigt wird die Relevanz des Psychiatrienetzes auch durch die schier unüberschaubare Menge von Internetseiten, die auf das Portal verlinken. Hier eine zufällige und beliebige Auswahl (Link www.psychiatrie.de bei der Google-Suche eingeben):

  • gemeindepsychiatrische Einrichtungen wie www.berliner-krisendienst.de oder www.spz-koeln-muelheim.de
  • psychologische und therapeutische Praxen wie www.psychomueller.de oder www.psychotherapie-schlafer.de
  • öffentliche Einrichtungen wie: www.berlin.de, www.muenchen.de oder www.lwl.org
  • Fachgesellschaften wie www.dgbs.de oder www.bapp.info
  • Beratungsstellen wie www.trauma-beratung-leipzig.de oder www.therapeutische-frauenberatung.de
  • Verlage wie www.thieme.de, www.springerlink.com oder www.paranus.de
  • Kliniken wie www.hans-prinzhorn-klinik.de oder www.bkh-kempten.de
  • Selbsthilfegruppen wie www.borderline-netzwerk.info oder www.selbsthilfe-zwickau.de
  • Bildungsportale wie www.bildungsserver.de
  • Forschungseinrichtungen wie www.zi-mannheim.de oder www.pflegeforschung-psy.ch
  • Medien wie www.spiegel.de oder www.aerzteblatt.de

Die Bedeutung solcher Verweise zeigt sich nicht nur daran, dass sie für das Ranking bei Google entscheidend sind: Etwa 25 Prozent der Besucher werden über Links auf solchen Internetseiten auf das Psychiatrienetz verwiesen.

Ein Blick zurück

Die wachsende Bedeutung des Psychiatrienetzes war bei der Einrichtung vor fünfzehn Jahren nicht absehbar. Die „Betreiber“ (Aktion Psychisch Kranke, Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, Dachverband Gemeindepsychiatrie, Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und Psychiatrie-Verlag) waren damals allerdings so vorausschauend, die Domain www.psychiatrie.de (für die man heute vermutlich sehr viel Geld bekommen könnte) zu reservieren und wenig später mit der ersten Version des Portals online zu gehen – damals noch mühsam aus einzelnen HTML-Seiten zusammengebaut.

Psychiatrienetz: Nutzen für die Verbände

Konsens war damals wie heute, dass die beteiligten Verbände Teil des Psychiatrienetzes sind und darin gleichzeitig eigenständig auftreten (was auch ermöglicht, dass beispielsweise die Seiten des Angehörigenverbandes im Psychiatrienetz über die „eigene“ Internetadresse www.bapk.de erreicht werden können).

Die Verbände profitieren von der Einbindung in das Psychiatrienetz, wenn auf der Startseite die monatlich mehr als 137 000 Besucher auf ihre Aktivitäten, Veranstaltungen oder Stellungnahmen hingewiesen werden. Eine Besucherzahl, die beispielsweise die DGSP allein mit monatlich 3 210 Aufrufen ihrer Auftaktseite im Psychiatrienetz (www.psychiatrie.de/dgsp) nicht erreichen kann. Die Verbände profitieren auch davon, wenn Besucher beispielsweise Informationen über Psychopharmaka im Psychiatrienetz suchen und auf die Seiten der DGSP zur Neuroleptikadebatte geleitet werden. Selbstverständlich wird überall dort, wo es sinnvoll ist, auf die Seiten der Verbände verlinkt, beispielsweise auf die Buch- oder Filmbesprechungen in der „Sozialen Psychiatrie“.

Weil die Inhalte weitgehend aus Büchern des Psychiatrie- und Balance-Verlages gespeist werden, profitieren auch die beiden Verlage vom Psychiatrienetz: Sie können sich als Anbieter von qualifizierten Inhalten und nicht nur als Verkäufer von Büchern präsentieren und profilieren. Selbstverständlich wird auf die Quellen hingewiesen und auf die entsprechenden Titel der Verlage (wie auch anderer Quellen und vertiefende Informationen auf andere Internetseiten) verlinkt.

Begrenzte Möglichkeiten

Manchen erscheint das Psychiatrienetz antiquiert – weil es gestalterisch schlicht ist, auf grafische und technische „Spielereien“ weitgehend verzichtet und hauptsächlich Informationen bereitstellt. Vermutlich ist das allerdings eines der Erfolgsgeheimnisse: Wer sich seriös und ausführlich beispielsweise über psychische Erkrankungen, Therapien, Psychopharmaka, Fachbücher, „psychiatrische“ Filme oder Psychiatriegeschichte informieren möchte, findet im Psychiatrienetz ausführliche Informationen, die man sich auch ausdrucken oder als PDF-Datei ausgeben lassen kann.

An der Grundstruktur des Portals hat sich in den fünfzehn Jahren nur wenig verändert – außer dass Texte aktualisiert und ergänzt wurden. Geändert hat sich leider auch nicht, dass Informationen zu wichtigen Themen fehlen, beispielsweise zu den Themen Forensik oder Gerontopsychiatrie. Die personellen Ressourcen der Verbände und des Verlages sind ebenso begrenzt wie das Budget für die redaktionelle Betreuung. Das Psychiatrienetz ist deswegen (weitgehend) auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen, beispielsweise die von Ilse Eichenbrenner, deren Filmbesprechungen inzwischen im Psychiatrienetz vor dem Erscheinen der „Sozialen Psychiatrie“ zu finden sind.

Fast alles ehrenamtlich

Ehrenamtlich beantworten seit vielen Jahren auch Matthias Albers, Susanne Heim, Ewald Rahn, Erwin Schumacher und Margret Stolz Fragen von Betroffenen, Angehörigen und Profis kostenlos und auch anonym. Die Expertinnen und Experten können keine Diagnosen stellen, und ihre Antworten ersetzen keine ärztliche oder therapeutische Behandlung. Es ist ein „niederschwelliges“ Angebot, mit dem Tipps und erste Antworten auf Fragen gegeben werden können. In manchen Fällen mag das ausreichen, in anderen Fällen kann das den Besuch beim Therapeuten oder Facharzt erleichtern. Sie beantworten die Anfragen möglichst innerhalb von einer Woche. Es handelt sich deswegen auch ausdrücklich nicht um ein Angebot in Krisensituationen.

Matthias Albers, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kreis Mettmann, bekommt jede Woche etwa sieben Anfragen.1 Angehörige fragen häufig um Rat, wenn ihre psychisch erkrankten Eltern oder Geschwister Hilfe ablehnen und nicht bereit sind, zum Arzt zu gehen, um Unterstützung zu suchen. Betroffene selbst erkundigen sich häufig, ob die Probleme, unter denen sie leiden, ein angemessener Grund sind, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei einer erheblichen Anzahl der Anfragen von Angehörigen und Betroffenen geht es um eine medizinische Zweitmeinung, beispielsweise zu Diagnosen oder verordneten Medikamenten.

Matthias Albers vermittelt häufig an Hilfeeinrichtungen und weiß (wie alle Expertinnen und Experten) um die begrenzten Möglichkeiten einer „Beratung“ per E-Mail. Er teilt mit, „was man normalerweise erwarten würde und was häufige oder typische bzw. seltene oder unwahrscheinliche Effekte oder Ereignisse sind, sodass der Fragesteller seine Situation besser einschätzen kann.“2

In der Regel handelt es sich um einen einmaligen E-Mail-Kontakt, gelegentlich entwickelt sich aus Rückfragen aber auch ein längerer Austausch. Sehr viele bedanken sich ausdrücklich für das Angebot, und die Rückmeldungen belegen, dass es hilfreich ist.

Um Anfragen zu beantworten oder bestimmte Inhaltsbereiche einzurichten und zu pflegen, werden immer wieder Mitstreiter (auch aus den Reihen der DGSP) gesucht. Wer sich also um bestimmte Inhalte kümmern oder Fragen beantworten möchte, darf sich gerne bei der Geschäftsstelle der DGSP melden. Gerne greifen die Träger des Psychiatrienetzes auch Anregungen für Inhalte, Struktur oder neue Serviceangebote auf. Denn Internetseiten sind nicht statisch und können Tag für Tag verändert und weiterentwickelt werden.

Neue Möglichkeiten

Mit dem Erscheinen dieser Ausgabe der „Sozialen Psychiatrie“ ist eine neue Version des Psychiatrienetzes online. Sie war notwendig, weil das alte Redaktionssystem nicht mehr weiterentwickelt und gepflegt wird. Finanzielle Mittel für die Umstellung auf Typo3 wurden vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen aus der Selbsthilfeförderung zur Verfügung gestellt. Sie reichten jedoch nur für eine technische Umstellung, die allerdings die Arbeit erleichtern und neue Möglichkeiten für Kommunikation und Serviceangebote eröffnet. Einige Beispiele:

  • Auf der Internetseite bzw. den Seiten der Verbände kann ein Newsletter eingebunden werden, zu dem man sich automatisch an- und abmelden kann. Die Inhalte für den Newsletter können aus dem Psychiatrienetz bzw. den Seiten der Verbände übernommen werden.
  • Die Verbände können passwortgeschützte Bereiche, beispielsweise für die Arbeit der Vorstände oder Fachgruppen, einrichten. Hier können nur für diese zugängliche Informationen und Dokumente hinterlegt werden, hier können aber auch Kommunikationsmöglichkeiten wie Chats oder Kommentarfunktionen eingerichtet werden.
  • Es besteht die Möglichkeit, für ausgewählte Seiten eine Kommentarfunktion einzurichten. Besucher der Seite können Kommentare hinterlassen, die selbstverständlich begutachtet und freigeschaltet werden müssen, bevor sie veröffentlicht werden.
  • Termine können mit einem integrierten Kalender komfortabel gepflegt werden. Jedem Termin kann ein Formular zugeordnet werden, mit dem man sich anmelden kann.
  • In das System integriert ist ein Warenkorb, mit dessen Hilfe Broschüren, Bücher und andere Materialien komfortabel verwaltet und bestellt werden können.
  • Ein anderes Werkzeug macht es möglich, größere Adressdatenbestände (beispielsweise Selbsthilfegruppen oder auch Mitglieder von Fachgruppen in passwortgeschützten Bereichen) einzurichten und zugänglich zu machen.

Ob und wie solche neue Funktionalitäten und Möglichkeiten genutzt werden, ist den Verbänden überlassen.

Gestalterisch gibt es mit der neuen Version des Psychiatrienetzes noch wenige Veränderungen. Wenn weitere Mittel eingeworben werden, soll in einem zweiten Schritt das Portal auch neu gestaltet werden. Trotzdem wirken die Seiten des Netzes und der Verbände „aufgeräumter“ und übersichtlicher, und mit den neuen Funktionen kann man auf der Seite der „Sozialen Psychiatrie“ beispielsweise durch die Titel des letzten Jahres blättern.

Die Umstellung des Psychiatrienetzes auf ein neues Redaktionssystem wurde selbstverständlich zum Anlass genommen, alle Inhalte zu überprüfen, gegebenenfalls auszutauschen und übersichtlicher zu strukturieren. Das betrifft weitgehend auch die Seiten der Verbände. Ob und wie das gelungen ist, überlassen wir dem Urteil der Besucher und freuen uns über kritische Anmerkungen und konstruktive Vorschläge.

Über den Autor:
Ludwig Janssen arbeitet freiberuflich als Autor, Redakteur und Lektor in Köln. Er betreut das Psychiatrienetz konzeptionell, redaktionell und technisch.

Internet: www.ljanssen.de

 

Anmerkungen:

1   Matthias Albers: Anlaufstelle für Besorgte und Ratsuchende. In: Psychosoziale Umschau 4/2009.

2   Albers, a.a.O.

3   Freies Content-Management-Framework für Websites (nach Wikipedia).


[1]Quelle: Zeitschrift „soziale psychiatrie“, Ausgabe 1, 36.Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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