Welt 2.0 – Soziale Netzwerke – Grundlagen, Chancen, Risiken[1]


Immer mehr psychosoziale Verbände und Einrichtungen präsentieren sich in so genannten sozialen Netzwerken. Und viele Anbieter psychiatrischer Dienstleistungen fragen sich: Ist es sinnvoll, im Web 2.0, mit der eigenen Einrichtung vertreten zu sein? Wie funktioniert das, welche Vor- und Nachteile gibt es? Auf welche Zielgruppen und Beratungssituationen kann die Präsentation im „Social Net“ ausgerichtet werden? Wie hoch ist der Zeitaufwand? Der Autor nimmt Sie mit auf einen Trampelpfad durch den Dschungel von Facebook, Twitter & Co. und informiert über Grundlagen, Chancen und Risiken.

von Sascha Dinse

Jeder hat wohl schon mal von Facebook gehört, dem sozialen Netzwerk, das als „Datenkrake“ beschimpft, von Politikern hinsichtlich Datenschutzfragen immer wieder kritisiert und dennoch von mehr als 20 Millionen Deutschen und mehr als 750 Millionen Menschen weltweit genutzt wird.1

Twitter, ein Mikroblogging-Dienst, erlangte unter anderem im Rahmen der Wiederwahl von Horst Köhler als Bundespräsident2 Bekanntheit in Deutschland. Beide Dienste, Facebook wie auch Twitter verkörpern Social-Media-Anwendungen, die sich in ihren Strukturen und Funktionsmechanismen grundlegend von klassischen Websites, Mailinglisten oder Foren unterscheiden.

Soziale Netzwerke sind dadurch gekennzeichnet, dass sie als quasi autopoietische Systeme ihren eigenen Fortbestand aus sich selbst heraus sicherzustellen in der Lage sind, wobei der Grad der Abgeschlossenheit nach außen je nach System zwischen „offen für jeden“ und „nur für explizit eingeladene Nutzer“ schwankt. Facebook als offenes Netzwerk ermöglicht es jedem Interessierten, sich binnen Sekunden einen Account zuzulegen und an der Kommunikation teilzunehmen. Twitter macht es ebenso einfach. Netzwerke wie SchülerVZ hingegen ermöglichen nur Personen den Zugang, die von Mitgliedern eingeladen wurden; hierbei ist der Zugang also beschränkt.3 Daneben existieren komplett geschlossene Netzwerke, die von außen nicht auffindbar, geschweige denn betretbar sind. Hinsichtlich der autopoietischen Strukturen existieren Abstufungen, die von „Das System erhält sich komplett nur aus eigenen Inhalten“ bis zu „Das System verleibt sich massiv externe Inhalte ein“ reichen können. Dabei bleibt die Grundstruktur des Systems unberührt, ein massives Einschließen externer Inhalte wie Videoclips von Youtube, Musik von SoundCloud oder Bildern führt nicht zu einer Wesensveränderung des Netzwerks Facebook.

Die Selbsterhaltung der sozialen Netzwerke funktioniert nach unterschiedlichen Mechanismen. Facebook setzt nicht nur auf Inhalte seiner Nutzerinnen und Nutzer, sondern erlaubt explizit auch die Einbettung externer Inhalte, beispielweise von Youtube, beliebigen Websites, aus privaten Blogs oder diversen anderen Social-Media-Anwendungen. Hierbei wird angestrebt, dass Nutzer ihre Lebenswelten miteinander teilen, sich gegenseitig berichten und zeigen, was sie interessant finden, wo sie gerade sind, welchen Film sie gerade sehen, welche Musik sie hören usw. Twitter verfolgt ein ähnliches Konzept, auch hier ist die Einbettung von Links und Medieninhalten elementarer Bestandteil, auch wenn durch die Struktur der Inhalte Twitters (sog. „tweets“, Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen) der Umfang der einzelnen Meldungen stark beschränkt ist.

Facebook
Facebook ist zum Inbegriff eines sozialen Netzwerks geworden. Kaum ein Werbeplakat kommt ohne Aufforderungen wie „Fan werden auf Facebook“ aus, in Deutschland beherrscht Facebook derzeit den Markt hinsichtlich Nutzerzahl und Reichweite. Dabei versammelt Facebook allein mehr Nutzer als die drei VZ-Netzwerke StudiVZ, SchülerVZ, meinVZ) zusammen.4 Fast 70 Prozent der Nutzer (das Geschlechterverhältnis liegt bei annähernd 1:1) finden sich in der Altersgruppe von 18 bis 44.5 Aufgrund dieser marktbeherrschenden Stellung6 dominiert Facebook die Berichterstattung zum Thema „Soziale Netzwerke“ und steht deutlich im Vordergrund.

Facebook bietet neben den privaten Profilen, die jeweils eine reale Person widerspiegeln sollen (laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen [AGB]7) darf man nur unter seinem echten Namen ein Profil erstellen, was von vielen Nutzern ignoriert wird), Einrichtungen, Organisationen, Firmen oder Künstlern die Möglichkeit, „Seiten“ anzulegen. Diese „Seiten“ stellen keine Einzelpersonen dar (obwohl das im Falle von Politikern oder Künstlern natürlich auch möglich ist), sondern beispielsweise eine Firma (http://www.facebook.com/beranet). „Seiten“ werden von Unternehmen als Werbeplattform, zu Akquise und Bindung von Kunden, für Imagepflege und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt, lassen sich für Cross-Media-Kampagnen verwenden und bieten durch die virale Verteilung von Informationen unüberschaubare Möglichkeiten für die Erreichung von Zielgruppen oder Meinungsbildung.

Twitter
Twitter ist durch seine Einfachheit gekennzeichnet. Wo es bei Facebook möglich ist, sich sowohl als Nutzer in vielschichtigen Details zu präsentieren als auch längere Beiträge zu verfassen, reduziert Twitter sowohl die Profiloptionen als auch den Umfang der erlaubten Inhalte. 140 Zeichen, in etwa der Umfang einer SMS-Nachricht, müssen reichen. Twitter arbeitet aus diesem Grund mit so genannten Hashtags, die mit einer Raute (#) begonnen werden und als verlinkte Schlagworte fungieren (z.B. „#datenschutz“). In „tweets“ eingebettete Links können automatisch verkürzt werden, damit sie in die begrenzte Anzahl der verfügbaren Zeichen passen. Hierfür stehen verschiedene Werkzeuge zur Auswahl. Beispiel, verkürzter Link zu einer Website: http://tinyurl.com/6dnlozu8.

Die Verwendung von Hashtags und verkürzten Links führt zu einer speziellen Ästhetik der Kommunikation auf Twitter, so könnte eine Meldung zu einer gerade laufenden TV-Sendung lauten: „bei #anne_will geht’s gerade rund. Livestream auf: http://tinyurl.com/6ych3mt #politik #talk #ard“

Google Plus
Mit Googles sozialem Netzwerk „Google Plus“ ist seit Mitte 2011 ein weiterer Spieler auf dem Platz, der um die Gunst der User buhlt. Google verfolgt dabei die Präsentation seines Netzwerks betreffend eine ähnliche Strategie wie Facebook, Nutzer können Profile anlegen, sich mit anderen Nutzern verbinden, eigene Inhalte einstellen, Inhalte anderer Nutzer kommentieren, bewerten oder weiterverteilen. Im Gegensatz zu Facebook bot Google Plus dabei von Anfang an die Möglichkeit, andere Nutzer des Netzwerks zu „abonnieren“, also an ihren öffentlichen Aktivitäten teilzuhaben. Diese Funktionalität erinnert stark an Mikroblogging-Dienste wie Twitter oder „Tumblr“, wo Nutzer sich gegenseitig „folgen“, um über die Aktivitäten des anderen informiert zu sein. Bei Facebook war es bislang so, dass Informationen anderer Nutzer, mit denen man nicht „befreundet“ war, nicht direkt im eigenen Stream (dem Informationsfluss auf der Facebook-Seite) angezeigt werden konnten. Facebook hat eine derartige Funktion inzwischen ebenfalls eingebaut. Google Plus verfolgt indes eine andere Strategie als Facebook. Wo Facebook wirklich wie ein Freunde- und Kontaktnetzwerk funktioniert, wird Google Plus eher eine Informationssammel- und -bereitstellungsplattform werden. Immerhin steht der Betreiber der weltgrößten Internetsuchmaschine hinter diesem Netzwerk. Schon jetzt ist es möglich, so genannte Sparks zu abonnieren, die Informationen zu bestimmten Schlagwörtern liefern. Google Plus befindet sich dabei noch immer in der Etablierungsphase, quasi täglich werden neue Funktionen integriert und bestehende verändert.

Weitere Plattformen
Neben den genannten Netzwerken existiert eine unüberschaubare Menge weiterer, die jeweils unterschiedliche Zwecke verfolgen und andere Zielgruppen adressieren. So hat „Myspace“, vor einigen Jahren noch als eines der größten und populärsten Onlinenetzwerke gehandelt, rapide an Bedeutung verloren, was auch auf die veraltete Technik zurückzuführen ist. Businessorientierte Netzwerke wie „LinkedIn“ oder „XING“ wachsen derzeit, da hier der Fokus weniger auf exhibitionistischer Selbstdarstellung, sondern auf der Präsentation der eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen im beruflichen Sektor liegt. Tumblr wird als Plattform zur Verbreitung eigener Inhalte (Texte, Bilder, Videos) mit ähnlicher Funktionsweise wie Twitter eingesetzt. Der Fokus bei Tumblr liegt dabei weniger auf schnellstmöglicher Information, sondern auf Bildern und Videos, die zwischen den Nutzern des Netzwerks querverteilt werden können. Wikipedia als typisches Web-2.0-System ist weiterhin erfolgreich, hat aber mit internen Grabenkämpfen hinsichtlich Filterfunktionen für zum Beispiel vermeintlich jugendgefährdende Inhalte zu kämpfen.9

Neben den großen, global funktionierenden Netzwerken existieren unzählige regionale oder thematisch eingeschränkte Strukturen, die gezielt auf eine Vernetzung von Nutzern in bestimmten Regionen oder mit Interesse an bestimmten Themen setzen. So sind beispielsweise die „Lokalisten“, ein deutsches Netzwerk, im süddeutschen Raum erheblich stärker vertreten als im Rest der Bundesrepublik. Diese Fokussierung auf bestimmte Gebiete innerhalb der potenziellen Reichweite findet sich ebenfalls bei vielen anderen Netzwerken.10 Erklärt werden kann dies durch den Weg, wie die Information, dass es ein solches Netzwerk gibt, verteilt wird. Hier ist die Mundpropagangda, besonders beim Entstehen neuer Strukturen, von erheblicher Bedeutung. Erst wenn eine kritische Masse an Nutzern existiert, beginnt ein neu gestartetes Netzwerk sich auch online von allein zu vergrößern. Bestand der Nutzerstamm bei Gründung des Netzwerks schwerpunktmäßig aus Mitgliedern derselben Region, bleibt dem Netzwerk dieser regionale Charakter längere Zeit anhaften und wird erst Stück für Stück durch Standortveränderungen der Mitglieder über die Grenzen des Ursprungsgebiets hinweg erweitert.

Funktionsweisen
Menschen kommunizieren in sozialen Netzwerken aus verschiedenen Gründen. Ich möchte Kontakt zu Freunden oder ehemaligen Arbeitskollegen halten, möchte Termine mit Freunden abstimmen, möchte interessante Inhalte teilen und an Diskussionen teilnehmen, möchte selbst erstellte Inhalte anderen zugänglich machen oder möchte einen neuen Job finden. Eine gewisse Bereitschaft zur Selbstentblößung muss vorhanden sein, denn ohne Informationen, die in soziale Netzwerke eingegeben werden, funktionieren diese nicht oder nur stark eingeschränkt. Man stelle sich vor, alle zirka 750 Millionen Nutzer von Facebook würden eine Woche lang das Netzwerk nicht besuchen und auch nicht durch externe Geräte (Smartphones) mit Inhalten füttern. Facebook läge überwiegend brach, von per automatischen Schnittstellen eingefüllten Inhalten (Import von RSS-Feeds, Weiterleitung von Twitter, Tumblr etc.) abgesehen. Die Nutzer sind treibende Kraft hinter dem Bestehen sozialer Netzwerke, dies gilt für alle derartigen Strukturen und stellt gewissermaßen den Unterschied zwischen dem Web 1.0 mit vergleichsweise statischen Websites und ohne direkte Möglichkeiten der Interaktion und dem Web 2.0 dar, in dem klassische Websites zusehends an Bedeutung verlieren und die Kommunikation in und Selbsterschaffung von Netzwerken im Vordergrund stehen.

Vernetzung
Allen hier beschriebenen sozialen Netzwerken und vermutlich auch der überwiegenden Mehrheit der weiteren Angebote im weltweiten Netz ist gemein, dass sie miteinander in beliebigen komplexen Formen verbunden werden können. Die Homepage eines Unternehmens kann durch „Social Plugins“ („gefällt mir“, „tweet this“) erweitert werden und gibt dadurch Besuchern die Möglichkeit, Inhalte von dieser Seite in die eigenen Kanäle weiterzutragen. Der Betreiber der Homepage muss dafür gar nichts tun, sondern nur die Möglichkeit bereitstellen. Schon hier zeigt sich wieder, dass die Nutzer (in diesem Falle der Besucher der Website) wichtig ist. Ohne diesen pflanzt sich die Information, dass es hier einen spannenden Artikel gibt, nicht annähernd so effizient fort, wie es durch die virale Verteilung von Informationen in sozialen Netzwerken möglich ist. Betreibt das besagte Unternehmen noch eine eigene Facebook-Seite, so kann von der Homepage ein Link zu Facebook gesetzt werden. Existieren daneben noch weitere Kanäle, sagen wir ein „Corporate Blog“ und ein Twitter-Kanal, wird es richtig spannend. Twitter zum Beispiel kann sowohl automatisiert die Facebook-Seite des Unternehmens mit Inhalten versorgen, kann daneben das Blog mit Inhalten bestücken und schließlich können Twitter-Inhalte auch auf der Homepage des Unternehmens angezeigt werden. Alles, was auf dem Corporate Blog an redaktionellen Artikeln eingestellt wird, kann wiederum vollautomatisch zu Twitter und Facebook gesendet werden. Inhalte, die direkt in die Facebook-Seite des Unternehmens eingestellt werden, können automatisch zu Twitter und auf die Homepage transferiert werden. Die Homepage wiederum kann so konfiguriert werden, dass beispielsweise Stellenangebote bei Twitter und redaktionelle Artikel bei Facebook veröffentlicht werden. Und das ist nur der Anfang.

Bereits an diesem Beispiel wird deutlich, dass die tatsächliche Stärke des Web 2.0 in der Vernetzung verschiedener Plattformen liegt. Inhalte, egal auf welcher Plattform sie eingestellt werden ? ob langer reaktioneller Artikel auf dem Blog, ob Stellenangebot auf der Homepage, ob kurzer „tweet“ des Geschäftsführers von unterwegs ?, können auf allen vernetzten Plattformen angezeigt werden. Inhalte müssen daher nicht mehrfach erzeugt und eingestellt werden, es genügt, die einzelnen Plattformen entsprechend miteinander zu verknüpfen und zu konfigurieren.

Zielgruppen
Für Zwecke des Marketings oder der Akquise neuer Mitarbeiter ist es relevant, dass die richtigen Informationen an die geeigneten Adressaten gelangen. Hierbei sollte im Vorfeld eines Einstiegs in den Bereich der sozialen Netzwerke abgesteckt werden, wo im Netz sich die Zielgruppe(n) aufhalten, die man erreichen möchte. Nur eine optimal aufeinander abgestimmte Kombination aus Technik (Vernetzung der Plattformen) und inhaltlichen Überlegungen kann eine langfristig wirksame Kommunikationsstrategie tragen. Stellenprofile, die von Bewerbern ein jahrelanges Studium und Zusatzqualifikationen erfordern, im SchülerVZ auszuschreiben mag genauso wenig sinvoll sein, wie Links zu internen, nicht für die Öffentlichkeit gedachten Dokumenten öffentlich sichtbar bei Facebook einzustellen. Die Analyse der Zielgruppen, deren Altersstrukturen und Nutzungsgewohnheiten sollte der erste Schritt auf dem Weg ins Web 2.0 sein. Nichts ist enttäuschender, als voller Enthusiasmus in die schöne neue Welt der sozialen Netzwerke aufzubrechen, um dann festzustellen, dass es kein Kommunikationskonzept und keinen zielgerichteten Informationsfluss gibt.

Einbeziehung der Nutzer
Mit der Versorgung der Zielgruppe mit Informationen ist es im Web 2.0 nicht getan. Vielmehr müssen die Besucher der Webpräsenzen dazu animiert werden, die dort zu findenden Inhalte weiterzuverteilen (diese Funktionalität liefern nahezu alle Netzwerke) und, vor allem, wiederzukommen. Um die Nutzer dazu zu bewegen, greifen viele Unternehmen auf Gewinnspiele, Verlosungen oder andere Aktionen zurück, die Teilnehmer zwingen, täglich auf die entsprechenden Seiten zu schauen bzw. Freunde dazu zu motivieren, ebenfalls an den entsprechenden Aktionen teilzunehmen. Die auf Facebook derzeit ungeheuer populären „Social Games“ wie „FarmVille“ basieren komplett darauf, dass jeder Spieler ein möglichst großes Netzwerk aus Freunden aufbauen muss, die ebenfalls das Spiel spielen. Anderenfalls wird der Spielfortschritt verlangsamt oder gar unmöglich gemacht.

Eine Betreuung der eigenen Präsenzen im „Social Web“, eine Pflege der Inhalte und der direkte Kontakt zu den Besuchern sind unabdingbar für funktionierende Kommunikation in Facebook & Co. Nicht nur sollten die Abstände zwischen den Veröffentlichungen von Inhalten kurz sein (bestenfalls ein oder mehrere Postings täglich), es sollte auch direkte Interaktion mit den Besuchern stattfinden. Werden Kommentare bei Facebook hinterlassen, werden Inhalte bei Twitter „ge-retweeted“ (an eigene Twitter-Kontakt weiterverteilt), klickt ein Besucher „gefällt mir“ auf der Facebook-Seite, all dies sollte wahrgenommen und gewürdigt werden. Kleine Gesten wie eine kurze private Nachricht auf Twitter, ein kurzer Eintrag bei Facebook zum „Dank“ an neue Fans oder eine wechselseitige Weiterempfehlung von Seiten und Nutzern können den eigenen Aktivitäten im Netz ungeahnten Auftrieb geben. Trotz aller Anonymität im Internet stehen letztlich immer Menschen hinter den Profilen oder Seiten, die mit anderen Menschen interagieren möchten.

Aufwand und Nutzen
Um im sozialen Netz erfolgreich zu sein, muss zunächst geklärt sein, wie viel Zeit, Geld und Arbeitskraft in die Betreuung der eigenen Präsenzen gesteckt werden kann und soll. Steht nur eine einzelne Person zur Verfügung, die zusätzlich zum normalen Arbeitspensum noch diverse Websites und Dienste bedienen soll, stößt man schnell an die Grenzen des Machbaren. Wie in vielen anderen Bereichen lohnt es sich auch hier, mit kleinen Schritten anzufangen. So könnten zunächst Social Plugins wie der Facebook „gefällt mir“-Button, ein „tweet this“-Button und diverse andere Social Bookmarking Plugins in die eigenen Websites integriert werden. Hierbei beschränkt sich der Aufwand für den Betreiber der Website auf den einmaligen Einbau der entsprechenden Funktionen, alles Weitere übernehmen dann die Besucher der Website.

Danach kann über die Einrichtung einer eigenen Präsenz bei Facebook nachgedacht werden, hierbei entsteht für die bloße Einrichtung kein großer Aufwand, Facebook ist kostenlos und in der Bedienung zwar nicht völlig intuitiv, aber dennoch auch für Laien schnell verständlich. Redaktioneller Aufwand entsteht dadurch, dass die Facebook-Seite mit Inhalten befüllt werden muss. Dies kann zum einen durch automatischen Import von der eigenen Homepage, dem eigenen Blog oder Diensten wie Twitter geschehen, wofür jeweils Einstellungen in Facebook gemacht werden müssen, sowie bei den meisten Homepages kleine technische Anpassungen für den Datenexport vorgenommen werden müssen. Verfügt ein Unternehmen über mehrere Plattformen mit Inhalten oder produziert in rascher Folge aktuelle Inhalte, kann Facebook zu einem großen Teil automatisiert mit diesen Inhalten befüllt werden, wobei eine bloße Spiegelung der Website-Inhalte vermieden werden sollte. Daneben bietet Facebook einfache Möglichkeiten, Inhalte anderer Websites schnell auf die eigene Seite zu holen und an die eigenen Fans weiterzuempfehlen. Sofern davon ausgegangen werden kann, dass externe Inhalte für die Facebook-Seite bereitstehen, Stellenangebote von der Unternehmenshomepage zum Beispiel, liegt der geschätzte Aufwand für die redaktionelle Pflege einer Facebook-Seite bei etwa zwei Stunden in der Woche. Dabei wird angenommen, dass jeden Tag Inhalte manuell veröffentlicht werden, die eigene Timeline nach Interessantem durchsucht wird und auch Kontakt zu anderen Seiten oder Usern aufgenommen wird.

Kommen hierzu weitere Plattformen wie ein Blog oder ein Twitter-Kanal, die es zu pflegen gibt, erhöht sich der Aufwand natürlich entsprechend. Es ist ohne Probleme möglich, mit der redaktionellen Betreuung der Unternehmenswebsite und der Präsenzen im sozialen Netz eine komplette Stelle zu füllen, je nach verfolgter Kommunikationsstrategie.

Chancen und Risiken
Neben den Vorteilen sozialer Netzwerke wie virale Verteilung von Inhalten ohne großen redaktionellen Aufwand, weltweite Verfügbarkeit und enorme Schnelligkeit bei gleichzeitg enorm vergrößerter Reichweite existieren auch eine Reihe von Risiken bei der Kommunikation im Web 2.0. Natürlich wird es vorkommen, dass Besucher sich kritisch, negativ oder sogar offen feindselig äußern. In einem solchen Fall sollte man vor allem eins tun: Ruhe bewahren. Nichts ist kontraproduktiver, als vermeintlich schädliche Kommentare oder User-Meinungen sofort zu löschen oder zu sperren. Wird derartige „Zensur“ festgestellt, werden die entsprechenden Nutzer erst recht motiviert, sich weiterhin negativ zu äußern, und tragen die Information, dass Zensur erfolgt, ins weltweite Netz weiter. Natürlich gibt es Inhalte, die unkommentiert gelöscht oder gemeldet werden sollten, rechtsextreme Äußerungen beispielsweise. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird jedoch Kritik geäußert, zu der in jedem Fall Stellung bezogen werden sollte. Vielleicht kann man es so betrachten: Der User, der sich kritisch über mich äußert, hat das zumindest auf meiner Seite getan. Von daher kann ich ihm insoweit Respekt entgegenbringen, dass ich mich auch mit ihm auseinandersetze.

Durch die schnelle Verteilung von Inhalten in den weltweiten Netzstrukturen entsteht ein weiteres Problem. Es ist schwer bis unmöglich, einmal veröffentlichte Inhalte wieder komplett aus dem Netz zu tilgen. Hierbei muss vor jeder Veröffentlichung darüber nachgedacht werden, ob irgend jemandem geschadet wird, wenn bestimmte Inhalte langfristig online zu finden sind. Gleichzeitig sind Themen wie Urheberrecht und Lizenzrecht zu beachten, denn ein bei Twitter veröffentlichtes Foto, an dem man nicht die Urheberrechte besitzt, ist potenziell nicht nur in Sekundenschnelle von jedem (!) Twitter-User, sondern theoretisch sogar von jedem Internetnutzer anschau- und speicherbar. Den Inhalt zehn Minuten später, wenn der Fehler bemerkt wurde, zurückzuziehen und zu löschen (was zum Beispiel Facebook zwar als Möglichkeit anbietet, augenscheinlich aber nicht wirklich macht11), ist meist allenfalls Schadensbegrenzung. Hier muss davon ausgegangen werden, dass alles, was ins Netz gestellt wird, sei es auf einer privaten Homepage, in sozialen Netzwerken oder in vermeintlich geschützten Bereichen, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Unbefugten in die Hände fallen kann. Was bei Urlaubsfotos ärgerlich und bei Bildern von der letzten Betriebsfeier zumindest peinlich sein kann, ist bei sensiblen Dokumenten oder personenbezogenen Daten ein echtes Problem. Dabei sollte man sich nicht von großen Namen täuschen lassen, auch Weltkonzerne wie Sony sind angreifbar, wie die Vergangenheit gezeigt hat.

Die Chancen und Möglichkeiten der sozialen Netzwerke sind, besonders was Marketing und Imageförderung angeht, beeindruckend. Um ungewollte Nebeneffekte zu vermeiden, sollte im Vorfeld eine Risikoanalyse erfolgen, die sich im Besonderen auf den Umgang mit personenbezogenen Daten und internen Informationen bezieht. Daten, die einmal durch ein Datenleck ins Netz gelangen, sind dort mit großer Wahrscheinlichkeit für immer aufzufinden.

Beratung und Hilfe im Web 2.0
So faszinierend die Möglichkeiten sozialer Netzwerke für Markenkommunikation, Werbung und Akquise von Kunden oder Mitarbeitern sein mögen, so vorsichtig muss man bei Themen wie Beratung oder Hilfe übers Netz sein. Generell muss gelten: Facebook & Co. sind für die Bewerbung von Beratungs- und Hilfeangeboten ideale Kanäle, ein Umgang mit personenbezogenen Daten darf dort aber unter keinen Umständen erfolgen. Bei keinem der aktuell populären Netzwerke steht zweifelsfrei fest, welche Daten genau erfasst werden (z.B. Verbindungsdaten, Rechnerkonfiguration, IP-Adresse, gegebenenfalls regionaler Standort) und was mit diesen Daten geschieht. Onlineberatung muss daher auf eigene Lösungen setzen, die das erforderliche Maß an Sicherheit bieten (eigene Server, Verschlüsselung über SSL, Abgeschlossenheit nach außen). Natürlich ist es für Menschen, die Rat und Hilfe suchen, verführerisch, sich in anonymen Chatrooms oder unter falschem Namen in Facebook-Gruppen zu bewegen, doch die Kommunikation dort kann mitnichten als fachlich fundierte Beratung bezeichnet werden. Im besten Fall tauschen sich dort ambitionierte Laien aus, im schlimmsten wird gefährliches Halbwissen vermittelt.

Plattformen wie www.das-beratungsnetz.de vermitteln Ratsuchende an Online-Beratungseinrichtungen weiter, die ihrerseits allen Standards in puncto Daten- und Klientenschutz entsprechen. Eine wachsende Zahl von Online-Beratungsstellen bietet mittlerweile Informationen auch auf Facebook an, Beratung erfolgt hier jedoch nicht. Die sozialen Netzwerke werden als Türöffner eingesetzt.

Wie weiter oben dargestellt, lassen sich soziale Netzwerke sehr gut für die Kommunikation in Richtung Zielgruppe einsetzen, was natürlich auch im Bereich der psychosozialen Beratung durchaus sinnvoll ist. Hierbei muss aber eine klare Linie gezogen werden, ab wann die Kommunikation aus den öffentlich zugänglichen Kanälen in eine sichere Umgebung verlegt werden sollte.

Informationen über den Autor

Sascha Dinse ist Diplom-Soziologe und entwickelt u. a. für gemeinnützige Organisationen wie den Paritätischen die Präsentation in sozialen Netzwerken.

Kontakt: zone35, agentur für digitale kommunikation, Wilhelmstr. 118, 10963 Berlin; Tel.: 030 440136-16; Fax: 030 440136-13; Internet: www.beranet.de
Blog: www.beratungsrauschen.de
Twitter: www.twitter.com/beranet
E-Mail: sascha.dinse(at)beranet(dot)de

Anmerkungen:

1 http://www.facebookbiz.de/artikel/700-mio-Facebook-nutzer weltweit-20-mio-in-deutschland

2 www.rp-online.de/politik/deutschland/bundestagswahl/Twitter-Verbot-bei-Bundestagswahl_aid_725890.html

3 www.schuelervz.net/Default

4 www.socialmedia-blog.de/tag/nutzerzahlen/

5 www.socialbakers.com/Facebook-statistics/germany

6 www.w3b.org/web-20/an-Facebook-fuhrt-kein-weg-mehr-vorbei.html

7 www.facebook.com/terms.php

8 Originallink: www.psychiatrie.de/dgsp/sp/article/Soziale_Psychiatrie_133.html

9 www.heise.de/newsticker/meldung/Wikipedia-Community-zu-Filter-gespalten-1337293.html

10 http://www.slideshare.net/PlanNet/regionale-nutzung-von-social-networks-in-deutschland

11 http://www.20min.ch/digital/dossier/Facebook/story/Facebook wehrt-sich-gegen-Vorwuerfe-20446449

Zitate:
„Man stelle sich vor, alle zirka 750 Millionen Nutzer von Facebook würden eine Woche lang das Netzwerk nicht besuchen“

„Die Analyse der Zielgruppen, deren Altersstrukturen und Nutzungsgewohnheiten sollte der erste Schritt auf dem Weg ins Web 2.0 sein”

„Es ist schwer bis unmöglich, einmal veröffentlichte Inhalte wieder komplett aus dem Netz zu tilgen”


[1]Quelle: Zeitschrift „soziale psychiatrie“, Ausgabe 1, 36.Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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