Im Trialog: DDPP engagiert sich für benachteiligte Patienten

Zweiter Kongress des jungen Verbandes: Therapie für Menschen mit Psychosen?


Der zweite Kongress des Dachverbands Deutschsprachiger Psychosen-Psychotherapie (DDPP) im Mai in Berlin stand unter einem provokanten Motto: Es ging um die Frage, ob Psychotherapie für alle Menschen, die unter einer Psychose leiden, erstrebenswert oder gar notwendig ist. Im Vorfeld hatten sich nur ca. 10 Personen für die drei Arbeitsgruppen angemeldet, erschienen sind dann aber ca. 60 Personen, was die Ausrichter einerseits positiv überraschte und andererseits zu Raumproblemen führte, da die vorbereiteten Seminarräume für die anwesende Personenzahl eigentlich zu klein waren. Doch das tat dem Diskussionsdrang der Teilnehmenden keinen Abbruch. Die DGVT war, wie bereits bei den früheren Tref-fen, in allen Arbeitsgruppen vertreten.

Die AG Aus-, Fort- und Weiterbildung versuchte  eine Zusammenfassung der Aktivitäten in diesem Bereich zu erstellen sowie die bereits bestehenden Master-Studiengänge zu erfassen, die sich dem Thema „Psychosenbehandlung“ ganz speziell widmen (Berlin, Magdeburg, München). Die Befragung in verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsinstituten stieß bislang auf wenig Resonanz, soll aber fortgeführt werden. Ziel ist es, mittelfristig Angebote von Seiten des DDPP an die Aus- und Weiterbildungsträger zu machen.

Die AG Forschung hat sich stark mit der Homepage beschäftigt, da hier aktuelle For-schungsaktivitäten im Bereich der  Psychosenbehandlung eingestellt werden sollen. Dabei sind noch viele Fragen unbeantwortet, etwa ob alle eingehenden Projekte veröffentlicht werden sollen oder ob bestimmte Projekte nur in einem internen Bereich dargestellt werden. An dieser Stelle wurde ein Grundproblem aller neuen Verbände deutlich: Es gibt noch wenige Mitglieder, die zwar ambitioniert sind und viele Ideen produzieren, jedoch es mangelt an Geld, diese Ideen umzusetzen. Dies zeigte sich auch bei dieser AG - die Umsetzung der Pläne wird Geld kosten, zunächst für die Gestaltung der Homepage, aber vor allem auch für die dauerhafte Wartung und Pflege der Inhalte – Geld, das der DDPP noch nicht hat.

Die AG Vernetzung, an der ich teilnehme, hat sich mit den Problemen auseinandergesetzt, die sich durch die Sektorisierung im Gesundheitsbereich für Menschen mit einer Psychose ergeben. Hier gibt es verschiedene juristische, aber auch finanzielle Probleme, die die Therapie erschweren oder an einigen Stellen unmöglich machen. Um nicht die „große politische“ Lösung in den Vordergrund zu stellen, wurde beschlossen, zunächst möglichst viel Informationen über laufende Projekte zusammen zu tragen. Daraus sollen andere lernen können und damit soll die Behandlung der Patienten verbessert werden. Ein wichtiges Ergebnis dieser AG war aber, dass es eine Definition geben muss, was überhaupt als „Psychotherapeuti-sche Psychosenbehandlung“ von Seiten des DDPP zu verstehen ist. In der gemeinsamen Diskussion der drei AGs wurde schnell deutlich, dass eine solche Definition auch für die Arbeit der anderen AGs grundlegend ist. Ergänzt wurde die Frage um den Aspekt der Rahmenbedingungen, unter denen die Therapie stattfindet.

Der „eigentliche“ Kongress begann mit einem Vortrag von Michael von Cranach, der als erstes den ursprünglichen Titel (Die Bedeutung von Psychotherapie von Menschen mit Psychosen) in „Zur Zukunft der Psychotherapie von Menschen mit psychotischen Störungen: Menschenbilder und Spannungsfelder“ geändert hat. Ein wirklich ausgezeichneter Vortrag, von dem ich hoffe, dass er zumindest auf der Homepage des Verbandes veröffentlicht wird.

Ein Impulsreferat mit dem Titel:„ Möglichkeiten und Grenzen – Psychotherapie in der integrierten Versorgung von Psychosen“ eröffnete eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion.

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag der DGVT-Förderpreisträgerin 2010, Tanja Lincoln, zum Thema „Kognitive Therapie für psychotische Störungen: Ein empfehlenswerter Ansatz für die ambulante psychotherapeutische Versorgung?“ Sie konnte überzeugend belegen, dass sie eine Vorgehensweise entwickelt hatte, die sowohl bei Wahn wie bei Halluzinationen aber auch bei negativer Symptomatik wirkt und somit so häufig wie möglich einge-setzt werden sollte.

Michael Putzkes Vortrag hatte das Thema „Was fördert und was hindert die psychoanalytische Haltung in der Sozialpsychiatrie?“ Er konnte sehr überzeugend darstellen, das die typische psychoanalytische Vorgehens- und Denkweise in sozialpsychiatrischen Teams nur schwer umsetzbar ist, da die Menschen mit psychotischen Symptomen gerade im stationär-psychiatrischen Kontext andere Gegenübertragungen erzeugen, aber vor allem den Mitarbeitern erst im Nachhinein die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit diesen Gegenübertragungen ermöglichen. Dies stellt eine enorme Herausforderung für die MitarbeiterInnen dar, mit der die meisten Einrichtungen Schwierigkeiten haben.

Den Abschluss machte Helga Felsberger, die zum Thema „Psychosenpsychotherapie und neurobiologische Prozesse“ sprach: Sie stellte Daten aus einer Wiener Studie dar, in der Patienten mit Neuroleptika sowie einer Gruppe die auf de mentalisierungsbasierten Therapie von Fonagy und Mitarbeitern beruht. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Kombination deutlich positivere Veränderungen im fMRT erzielen.

Am dritten Tag ging es weiter mit kasuistischtechnischen Seminaren. Drei dieser Kleingruppen waren auch für Betroffene und Angehörige geöffnet: Die Kongresse wollen ein Trialog sein, in dem auch die Betroffenen und Angehörigen beteiligt werden. Dem sollen auch die Vorträge Rechnung tragen, indem sie weiterhin wissenschaftlich exakte Inhalte vermitteln, jedoch auf einem sprachlichen Niveau, das für Betroffene und Angehörige verständlich ist, um so Diskussionen zu den vorgetragenen Themen zwischen allen Beteiligten zu ermöglichen.

Den Abschluss des Kongresses bildete am dritten Tag der Vortrag von Hans Schulze-Jena und Karsten Schürmann zum Thema „Fallvignette zur Supervision eines Teams in der Akutpsychiatrie“, in dem sie die Spezifität dieser Supervision darstellten, vorausgesetzt, dass dieses Team tiefenpsychologisch handeln und denken will.

Anstelle eines sachlichen Fazits möchte ich hier eine persönliche Stellungnahme vorneh-men: Hier hat, erstens, ein neuer Verband seinen zweiten Kongress durchgeführt, der von ca. 150 TeilnehmerInnen besucht wurde. Es war eine gute Stimmung und mich erinnerte vieles an die ersten DGVT-Workshop-Tagungen. Vieles war nicht so perfekt wie bei anderen Kongressen, es gab teilweise handgemalte Schilder zu den Räumen, keine Schilder für die TeilnehmerInnen und die Kaffeepausen waren kaum einzuhalten, da nur auf einem Tisch Getränke standen usw. Doch alle waren geduldig und hatten Verständnis, es war eine gute Atmosphäre und es gab einen regen Austausch. Es hat mir nicht nur einiges an Wissen gebracht, sondern auch viel Spaß gemacht, was ich nicht von allen besuchten Kongressen sagen kann.

Zweitens hat sich ein neuer Verband gegründet, der eine benachteiligte Patientengruppe vertritt und der unterschiedlichste Gruppierungen zusammenbringen will, nicht nur Ärzte und Psychologen als Berufsgruppen, sondern auch unterschiedlichste Therapieschulen. In diesem Verband wird auch versucht viele „Wurzeln“ zusammen zu fassen, die ich auch in Vergangenheit und Gegenwart der DGVT finde (Gemeindepsychologie, das multidisziplinäre und das politische Engagement). Die DGVT sollte auch weiter mit diesem Verband zusam-menarbeiten und prüfen, wie eine Kooperation aussehen und möglichst erweitert werden kann. Dies wäre im Sinne der von Psychose betroffenen Menschen und deren Angehörigen sehr wünschenswert.

 

Rudi Merod

DGVT-Vorstand


Zurück