Interview mit der Gesundheitswissenschaftlerin Alexandra Manzei über den Organmangel und das Hirntodkonzept [1]


impu!se: Frau Professor Manzei, kann mit den Neuerungen des Transplantationsgesetzes (TPG) dem Organmangel entgegengewirkt werden?Prof. Dr. Manzei: Nein, denn das Problem des Organmangels ist im System begründet und hat die Transplantationsmedizin schon immer begleitet. Es wird niemals ausreichend Organe für alle bedürftigen Patientinnen und Patienten geben. Das hat jedoch nichts mit der mangelnden Spendebereitschaft der Bevölkerung zu tun, die in den letzten 15 Jahren nicht gravierend gesunken ist, sondern mit der Anzahl von Hirntoten, die es insgesamt gibt. Man muss wissen, nicht alle Menschen können nach ihrem Tod Organspender werden, sondern nur solche, die beatmet auf einer Intensivstation liegen und einen Hirntod sterben. Es ist deshalb falsch zu suggerieren, dass kein Organmangel vorhanden wäre, wenn es nur genügend willige Spendende gäbe. In Deutschland schwankt die Anzahl von potentiellen Hirntoten Schätzungen zufolge zwischen 1.800 und maximal 4.000 im Jahr. Selbst wenn alle Spenderinnen und Spender gesund wären und ihre Organe über Eurotransplant verteilt werden könnten, müssten diese unter 15.000 Wartenden verteilt werden. Das heißt, es bleiben notwendigerweise immer viele tausend schwerkranke Patientinnen und Patienten übrig, die niemals ein Organ erhalten werden. Man könnte es auch so formulieren: Selbst wenn alle 80 Millionen Deutsche einen Organspendeausweis besäßen, gäbe es nicht ausreichend Organe – weil es gar nicht so viele Hirntote gibt.

impu!se: Welche Konsequenzen zieht dies nach sich?
Prof. Dr. Manzei: Zuallererst ist es Aufgabe des Staates für eine umfassende und ehrliche Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. Das bedeutet zum einen genaue Aufklärung über das Hirntodkonzept und die tatsächlichen Ursachen des Organmangels zu leisten. Zum anderen müssen nicht zuletzt angesichts des neuen Skandals in Leipzig effektive Kontrollen der Vergabepraxis geschaffen werden. Sinnvoll wäre es hier, Kontrollgremien zu etablieren, die nicht wiederum mit Medizinern oder gar Transplantationsmedizinern besetzt sind. Denkbar wären z. B. Gruppen aus Experten und zivilgesellschaftlichen Akteuren, wie Patientenvertretern, Pflegenden, Medizinern, Gesundheitswissenschaftlern oder ähnlich.

impu!se: Eine ihrer zentralen Botschaften lautet: Hirntote sind nicht tot sondern Sterbende. Was ist Ihrer Meinung nach die Problematik des Hirntodkonzeptes?
Prof. Dr. Manzei: Als Hirntodkonzept wird die Übereinkunft bezeichnet, dass der irreversible Ausfall der Gehirnfunktionen mit dem Tod des Menschen identisch ist. Neue Studien zeigen jedoch, dass es keinen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Ausfall des Gehirns und dem Sterben des gesamten Organismus gibt. Den Menschen wird seit Jahren gesagt, dass es sich bei Hirntoten um ganz normale Leichen handele, sodass viele Leute glauben sie könnten auch 48 Stunden in der Leichenhalle liegen und dann immer noch als Organspender dienen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Man kann keine Leichenteile verpflanzen, sondern nur Organe von einem lebenden Organismus, also von Lebendspendern oder hirntoten Patientinnen und Patienten. Ich halte es auch hier für sehr wichtig, ehrlich über die Voraussetzungen der Organspende aufzuklären, denn die lebendige Erscheinung Hirntoter ist für viele Angehörigen und auch das betreuende pflegerische und medizinische Personal eine kaum zu bewältigende Erfahrung.

impu!se: In einem Interview mit der Tagespost äußerten Sie, dass Ihnen die Suche nach Alternativen zur Organtransplantation ein wesentliches Anliegen ist. Welche wären dies?
Prof. Dr. Manzei: Bei der Suche nach Alternativen müsste man sowohl im Bereich der Prävention als auch im Bereich der Behandlung sehr breit ansetzen. Präventiv könnte durch verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen sowie durch individuelle Präventionsmaßnahmen dafür gesorgt werden, dass Krankheiten gar nicht erst entstehen bzw. keinen derart schweren Verlauf nehmen. Im Bereich der Behandlung muss die Erforschung alternativer Therapien verstärkt gefördert werden, z.B. medikamentöse Therapien, welche auf Heilung erkrankter Organe zielen, oder auch biotechnische Verfahren. Bei diesen Möglichkeiten geht es nicht darum Organtransplantationen gänzlich abzuschaffen, sondern den Organbedarf zu senken, um zukünftig allen bedürftigen Patientinnen und Patienten eine angemessene Versorgung zukommen zu lassen.

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Alexandra Manzei,
Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar,
Tel.: 0261/64 02 257,
E-Mail: amanzei@pthv.de


[1]Quelle: 77 impu!se, Ausgabe Dezember 2012; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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