PsychotherapeutInnen schlecht ausgebildet? DGVT weist Vorwurf zurück und will Unstimmigkeiten mit Karl Lauterbach und Hans-Ulrich Wittchen klären

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach und Prof. Wittchen (Universität Dresden) äußerten sich kritisch über unseren Berufsstand. Die DGVT nimmt dies nicht kommentarlos zur Kenntnis, sondern sucht den Dialog mit den Kritikern.


Der Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Karl Lauterbach MdB und Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen von der Universität Dresden (Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie) diskutierten am 18. März 2013 beim 49. ZEIT-Forum der Wissenschaft in Berlin unter dem Titel „Ist das noch normal? Wer definiert psychische Erkrankungen?“ mit Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, und Michael Mary, Autor des Buches „Ab auf die Couch! Wie Psychotherapeuten immer neue Krankheiten erfinden und immer weniger Hilfe leisten“. Zu der Veranstaltung hatte die Wochenzeitung DIE ZEIT und die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Kooperation mit dem Deutschlandfunk und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eingeladen.

Anlass der Diskussion war die für Mai 2013 angekündigte, überarbeitete Neufassung des US-amerikanischen psychiatrischen Diagnosesystems Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, das DSM 5. Manche Erkrankung taucht im DSM-5 neu auf, manche fällt ganz weg, für andere Erkrankungen gelten geänderte Diagnosekriterien, etwa für Sucht, Autismus oder die posttraumatische Belastungsstörung. Das Werk gilt als umstritten. Einer der Hauptkritikpunkte am DSM-5 ist die Aufweichung verschiedener Krankheitsdefinitionen bis hin zur ihrer Aufnahme in den Katalog. Manche ExpertInnen erwarten einen Anstieg der Diagnosen und auch einen (virtuellen) Anstieg der Prävalenz, allein bedingt durch die Veränderungen der Krankheitsdefinitionen. Sie fürchten, dass das neue Regelwerk viele gesunde Menschen zu Patienten definiert und Medikamente deutlich schneller verschrieben werden.

Am 19. März 2013 berichtete facharzt.de über das oben erwähnte ZEIT-Forum:

„Lauterbach: Psychotherapeuten sind nicht richtig ausgebildet.

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, hat die Ausbildung der Psychotherapeuten bemängelt. Auf dem 49. ZEIT-Forum der Wissenschaft erklärte er am Montagabend in Berlin: „Große Teile der Psychotherapeuten sind schlicht nicht im Saft.“ Prof. Hans-Ulrich Wittchen, einer der Experten, der am DSM-5 mitarbeitet, sei davon ausgegangen, dass „50 Prozent der Therapeuten das DSM noch nie in der Hand hatten und viele der Weiterbildungspflicht nicht nachgehen“. Dabei sei er sich mit Lauterbach darin einig, dass das DSM die Arbeit von Ärzten und Therapeuten verbessere. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, betonte, dass das DSM dem Patienten erst eine verlässliche Versorgung sichere.“

Unsere Mitglieder, die sich durch solche Äußerungen zu Recht verunglimpft sahen, machten u.a. in unseren Mailinglisten ihrem Ärger Luft und forderten eine Richtigstellung.

Für die DGVT besteht kein Zweifel daran, dass die PsychotherapeutInnen unter z. T. schwierigen Rahmenbedingungen einen wichtigen und qualitativ hochwertigen Beitrag zur Versorgung leisten. Nichtsdestotrotz ist es uns wichtig, die Äußerungen von Lauterbach und Wittchen, die in vielen Pressemeldungen aus dem Kontext gerissen wurden, mit den Angesprochenen direkt zu diskutieren und um Aufklärung zu bitten. Beide wurden von uns angeschrieben mit der Bitte ihre Aussagen im ZEIT-Forum zu erläutern.

Brief Wittchen
Brief Lauterbach

Antwort Wittchen


Zurück