Sexueller Missbrauch: Studien, Tagungen, Statements – doch die Opfer warten immer noch auf ihr Geld

Aufgeschreckt durch die Skandale, die vor drei Jahren nach und nach ans Licht kamen, bemühen sich Politik und Institutionen um Aufklärung und Wiedergutmachung. Auf konkrete Hilfeleistungen warten die Opfer sexuellen Missbrauchs aber immer noch.


Das Thema „Sexueller Kindesmissbrauch“ bleibt weiter auf der Tagesordnung.  Vor drei Jahren, im Frühjahr 2010, gab es mehrere große Skandale, die verdeutlichten, dass sexuelle Gewalt gegenüber Mädchen und Jungen sowie jungen Frauen und Männern  ein gravierendes Problem in unserer Gesellschaft ist – verbunden mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Seither tut sich einiges: Der Unabhängige Beauftragte des Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte im November 2012 zum zweiten „Dialog Kindesmissbrauch“ geladen, bei dem Betroffene, Politik und Fachwelt den Themenkomplex „Beratung fördern, Rechte stärken“ erörterten. Und im Februar 2013 hielt der „Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ ein „Bilanztreffen“ ab. . Doch die Betroffenen warten nach wie vor auf Unterstützung aus dem angekündigten Hilfefonds.

Zunächst zum zweiten „Dialog Kindesmissbrauch“: Die TeilnehmerInnen formulierten einen umfangreichen Forderungskatalog unter dem  Titel „Fachberatung sichern: Bessere Hilfen für von sexueller Gewalt betroffene Mädchen und Jungen“:

  1. Kinder und Jugendliche brauchen einen eigenständigen Rechtsanspruch auf Beratung.
  2. Beratungsangebote und therapeutische Hilfen müssen leicht zugänglich, umfassend und auf die Bedürfnisse der betroffenen und ihrer Angehörigen abgestimmt sein.
  3. Fachberatung gegen sexuellen Missbrauch muss flächendeckend ausgebaut sowie finanziell und personell abgesichert werden.
  4. Versorgungslücken bei Therapieplätzen müssen geschlossen werden.
  5. Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, brauchen eine Qualifizierung.
  6. Empirische Erkenntnisse zur „insoweit erfahrenen Fachkraft“ müssen gewonnen werden.
  7. Sexuelle Grenzverletzungen durch Jugendliche und Kinder erfordern Unterstützung sowohl für Betroffene, Eltern und Fachkräfte als auch für sexuell übergriffige Jugendliche und Kinder.
  8. Gerichtsverfahren müssen opfer- und kinderschonend gestaltet werden.
  9. Gutachterinnen, Gutachter und Verfahrensbeistände müssen ausreichend qualifiziert sein.

Dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben. Doch was bedeutet dies konkret? Johannes-Wilhelm Rörig kann mahnen und empfehlen, Gesetze ändern oder den Hilfefonds freischalten kann er nicht. Das ist Sache der Politik, die sich vor drei Jahren zwar engagiert auf das Thema gestürzt und einen „Runden Tisch“ unter Federführung von drei Bundesministerien eingerichtet hat. Doch wenn drei Ministerien (Justiz, Bildung, Familie) mitmischen, wird’s kompliziert. Entsprechend dürftig sind in den Augen der Opferverbände die Ergebnisse: „Vertane Zeit“, so ihr Urteil über die Aktivitäten der Bundesregierung.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder sieht dies  anders: „Der Runde Tisch war Anstoß für den Aufbau eines neuen breit angelegten Schutzsystems und zugleich Wegbereiter für einen respektvollen und würdigen Umgang mit den Opfern sexuellen Missbrauchs“, so ihr Resümee beim „Bilanztreffen“ im Februar.  Sie räumte aber auch ein: „Ich kann nachempfinden, dass viele Betroffene immer noch Unzufriedenheit empfinden wegen Rückständen bei der Aufarbeitung, bei der Opferhilfe und bei anderen Fragen, an denen wir länger arbeiten müssen, als wir es vorhatten.“

Hauptstreitpunkt ist im Moment der versprochene Hilfefonds in Höhe von 100 Mio. Euro,  die Bund und die Länder gemeinsam aufbringen wollten. Doch außer Bayern und Mecklenburg-Vorpommern ist im Moment kein Bundesland bereit zu zahlen. Aus dem Hilfefonds sollen vor allem Trauma-Therapien bezahlt werden. Die Familienministerin kündigte an, dass der Bund dieses Jahr auf jeden Fall seine 50 Mio. Euro zur Verfügung stellen wolle, auch wenn die Länder nicht mitziehen.

Das Gesetz zur Stärkung der Opfer von sexuellem Missbrauch (StORMG), ein weiteres zentrales Thema der Opferverbände, ist zwischenzeitlich durch das Kabinett verabschiedet worden. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger betonte, dass ein „wesentliches Kernanliegen der Opfer“, die Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährung von drei auf 30 Jahre, auf den Weg gebracht worden sei.

Das Bildungsministerium schließlich will 32 Mio. Euro bereitstellen für die Erforschung der Ursachen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen sowie für die Entwicklung wirksamer Präventionskonzepte und hilfreicher Therapieangebote.

Der Unabhängige Beauftragte Rörig warnt davor, das Thema „Sexueller  Missbrauch“ damit in der Versenkung verschwinden zu lassen. Er  plant zwei weitere Hearings für dieses Jahr. Das nächste findet am 30. April in Berlin statt. Das Thema lautet: „Unabhängige Aufarbeitung – Verantwortung von Politik und Gesellschaft“. ExpertInnen und Betroffene kommen ins Gespräch und formulieren Forderungen an die Politik. U.a wurde Pola Kinski angefragt, die vor kurzem mit ihrer Autobiographie „Kindermund“ für Aufsehen gesorgt hat, in der sie ihren Vater Klaus Kinski beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben. Im Sommer soll das vierte Hearing abgehalten werden. Der Arbeitstitel lautet: „Strafrecht – Verjährungsfristen, Straftatbestände“.

Darüber hinaus wurde im Januar die Kampagne „Kein Raum für Missbrauch“ gestartet. Symbol der Kampagne ist das weiße „X“; es soll zu einem „selbstverständlichen Symbol mit hoher gesellschaftlicher Relevanz“ werden. Regisseur Dani Levy hat die Kampagnenspots erstellt, die viele Fernsehsender kostenlos ausstrahlen. Ziel ist ein gesamtgesellschaftliches Bündnis gegen sexuellen Missbrauch.

Auch die Katholische Kirche setzt ihre Bemühungen, die Frage sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich aufzuarbeiten, fort. Im Januar 2013 stand die Kirche heftig in der Kritik, weil sie den Vertrag mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen gekündigt hatte. Der Direktor des Instituts, Christian Pfeiffer, und die Bischöfe schoben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern des Projekts zu. Das Forschungsprojekt werde auf jeden Fall weitergeführt, man sei noch auf der Suche nach einem geeigneten Partner, teilte die Bischofskonferenz mit.

Doch welche Bedeutung misst die Bundesregierung diesem Thema noch zu? Nicht viel, scheint es, denn man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Homepage des „Runden Tisches“ nach dem Rücktritt von Bildungsministerin Annette Schavan entsprechend zu überarbeiten.

Die DGVT fordert Bund und Länder auf, umgehend den Hilfsfonds für die Opfer bereitzustellen und die Empfehlungen des Runden Tisches umzusetzen.

Angela Baer


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