Lohnt sich Diagnostik? Diagnostik lohnt sich - auch finanziell!


Dietmar Schulte

Lohnt sich Diagnostik für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten?

Gerade die Verhaltenstherapie ist in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit der Forderung nach einer sorgfältigen Diagnostik angetreten, allerdings einer Diagnostik anderer, neuer Art: der diagnostischen Suche nach den Ursachen oder Bedingungen der Probleme des Patienten (Kanfer and Saslow, 1965, 1974), einer Verhaltensanalyse. Diese diente der Therapieplanung bzw. Indikationsstellung, denn die Therapie sollte in jedem Einzelfall an den Ursachen ansetzen.

Bis heute ist die Verhaltensanalyse wichtig und unverzichtbar, aber die Verhaltenstherapie hat sich in dem halben Jahrhundert deutlich weiterentwickelt. Im Vordergrund stehen heute störungsspezifische Methoden, die manualisiert sind und deren Wirksamkeit bei Vorliegen der jeweiligen Störung empirisch überprüft ist. Zum zentralen Indikationskriterium ist damit die Diagnosestellung geworden (Schulte, 1998). Damit sind standardisierte Testverfahren, die die Symptomatik des Patienten erfassen, besonders wichtig geworden.

Aber das ist nicht der einzige Grund, weswegen Therapeutinnen und Therapeuten Testdiagnostik durchführen sollten. Durch die (wiederholten) Untersuchungen erhalten Therapeuten und gegebenenfalls auch die Patienten eine gesichertere Information über z. B. den Schweregrad der Störung, über Probleme im Therapieverlauf und über den Erfolg ihrer therapeutischen Bemühungen – ein wesentlicher Beitrag zur Qualitätssicherung. Darauf wurde in einem früheren Artikel in der VPP bereits ausführlicher eingegangen (VPP 4/2012, S. 935-940).

Aber lohnt sich Diagnostik auch finanziell – angesichts des erforderlichen zeitlichen Aufwands, wenn man wirklich verwertbare Aussagen etwa über die klinische Relevanz von erzielten Veränderungen erhalten möchte? Auch diese Frage stellt sich zumindest niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zwangsläufig.

Es stellen sich also drei Fragen: zum klinischen Nutzen, zum Zeitaufwand und zum finanziellen Entgelt. Bei allem klinischen Engagement – die letzten beiden Fragen werden im Praxisalltag de facto zur Grundfrage. Die Annahme ist weit verbreitet, dass sich Diagnostik finanziell nicht lohnt, dass sie ein Zuschussgeschäft ist. Von daher verzichten viele niedergelassene Therapeutinnen und Therapeuten auf den Einsatz überprüfter Messinstrumente – zu Recht? Es soll versucht werden, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Im Folgenden sind die Argumente zusammengestellt, in der linken Spalte jeweils kurz und knapp, in der benachbarten rechten Spalte finden Sie dazu jeweils eine ausführlichere Begründung.

Rechnet sich Diagnostik finanziell – Wie viel zahlt die Krankenkasse?

Für die Durchführung von Fragebögen wird nach Ziffer 35300 EBM etwa 2,80 € vergütet, bei gefloatetem Punktwert sogar weniger – lohnt sich das?

Die Abrechnungsnummer für die Anwendung und Auswertung standardisierte Testverfahren (Fragebogentests und/oder Orientierende Tests einschließlich Auswertung und schriftlicher Aufzeichnung) ist nach EBM 2000plus die Ziffer 35300. Sie entspricht 80 Punkten. Bei einer derzeitigen Vergütung von etwa 3,5048 Cent pro Punkt entspricht das also 2,80 €. Gegebenenfalls ist der Punktwert nicht fest, sondern gefloatet, also etwas niedriger, abhängig vom aktuellen Abrechnungsvolumen der KV. Das gilt (a) für Diagnostik außerhalb einer bewilligten Psychotherapie, z. B. während der Probatorik,  und (b) generell für die KVen, die nach dem neuen Honorarverteilungsvertrag für ergänzende Leistungen nicht den vollen Punktwert, sondern den floatenden Punktwert bezahlen.

2,80 € oder weniger für einen Test würde sich finanziell in der Tat nicht lohnen – es wäre ein Zuschussgeschäft.

Die Leistung ist allerdings zeitgetaktet für jeweils 5 Minuten. Für die Durchführung eines, z. B. halbstündigen, Tests könnten (6 mal 2,80=) 16,80 € abgerechnet werden  –  abhängig also vom Zeitaufwand für Durchführung, Auswertung und Interpretation des Tests.

Aber die Rechnung stimmt so noch nicht. Die Leistung ist zeitgetaktet für jeweils 5 Minuten. Es ist also die Dauer der Testdurchführung zu berücksichtigen, und die umfasst nicht nur die Zeit, die z. B. von einem Testautor für die Durchführung des Tests angegeben wird – das ist die Zeit, die im Durchschnitt ein Proband für die Beantwortung benötigt. Hinzu kommt die Zeit für die Vorbereitung, die Auswertung und die Interpretation des Tests. Die für einen Test in Anschlag zu bringende Dauer und damit den Multiplikator X (X mal Ziffer 35300) bestimmt der Behandler unter Berücksichtigung des Tests und der besonderen Bedingungen seines Patienten (für den BDI z. B.40 Minuten, also 8 mal 5 Minuten; der Multiplikator wäre demnach 8). Damit ergibt sich ein Betrag von 8 mal 2,80 gleich 22,40 € für eine Testdurchführung.

Man kann pro Quartal und Patient mehrere Tests bis zu einer Obergrenze abrechnen; danach ergeben sich pro Patient und Quartal

· bis zu  84,60 € für PPs und

· bis zu 126,80 € für KJPs.

Sie können pro Patient und Quartal mehr als einen Test abrechnen: bei Patienten älter als 18 Jahre bis zu 2415 Punkte (das entspricht z. B. bis zu 3,8 Tests à 40 min) und bei Patienten bis zu 18 Jahren bis zu 3620 Punkten (das entspricht bis zu 5,6 Tests à 40 min). Daraus ergibt sich maximal 84,60 € pro Patient und Quartal für die Behandlung von Erwachsenen und maximal 126,80 € pro Patient und Quartal für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen.

Während des gesamten Verlaufs einer Therapie können gegebenenfalls abgerechnet werden:

· eine (ev. mehr) Testdurchführung in der probatorischen Phase,

· drei Testdurchführungen (ev. in unterschiedlichen Quartalen) während der bewilligten Therapie und

· eine (ev. mehr) Testdurchführung in der Schlussphase.

Werden jedes Mal mehrere Tests bis zur Punkt-Obergrenze durchgeführt, könnten über die gesamte Behandlungszeit hinweg abgerechnet werden:

· bis zu 423,20 € für die gesamte Behandlung eines erwachsenen Patienten und

· bis zu 634,35 € für die gesamte Behandlung eines Kindes oder Jugendlichen.

Allerdings können Sie nicht während der gesamten Therapie pro Quartal so viele Tests abrechnen. Die einzelnen Therapiephasen müssen getrennt betrachtet werden.

Für die probatorische Phase gibt es außer der in der Vorbemerkung zu EBM-Abschnitt 35.3 genannten Punktzahlobergrenze keine weitergehende Beschränkung. Falls sich die probatorische Phase über zwei Quartale hinzieht, könnten Sie den genannten Maximalbetrag auch zweimal abrechnen. Allerdings gilt für Testdurchführungen in der probatorischen Phase gegebenenfalls ein floatender Punktwert; der Betrag wird dann also niedriger liegen.

 

Das gleiche gilt für den Zeitraum nach Beendigung der bewilligten Therapie. Auch dann könnten sie eine Abschlussuntersuchung mit z. B. einem oder zwei Untersuchungsterminen durchführen und die entsprechenden Beträge in Rechnung stellen.

Auch während der Durchführung einer bewilligten Psychotherapie können testdiagnostische Untersuchungen durchgeführt werden. Allerdings gilt in diesem Falle eine zusätzliche Beschränkung. In der Psychotherapievereinbarung heißt es:

„Während der Durchführung oder Fortsetzung einer bewilligten Psychotherapie können Testverfahren nach der Nr. 35300 – 35302 BMÄ mit besonderer Begründung bis zu dreimal zusätzlich berechnet werden.“ (Psychotherapie-Vereinbarung Anlage 1 BMV-Ä § 14 Abrechnung Abs. 3).

Es handelt sich also um zusätzliche Untersuchungen, die bei der Abrechnung zu begründen sind (z. B. durch den Zusatz „Therapieverlaufskontrolle“), zusätzlich zu denen, die Sie gegebenenfalls während der probatorischen Phase durchgeführt haben. Bis zu dreimal können Sie während der Therapie Testverfahren abrechnen. Gelegentlich wird dies so dargestellt, als ob zusätzlich lediglich drei Tests abgerechnet werden könnten. Dies ist jedoch – nach meinem Verständnis – durch die zitierte Formulierung der Psychotherapievereinbarung nicht festgelegt; Therapeutinnen oder Therapeuten können auch erforderlichenfalls eine Testbatterie mit mehreren Tests dreimal durchführen.[1] Sie geben bei der Abrechnung gar nicht die Tests an, sondern lediglich den Multiplikator, egal ob dieser Multiplikator auf einen sehr langen Test oder mehrere kürzere zurückzuführen ist. Allerdings gilt auch hier die Obergrenze von 2415 Punkten bei erwachsenen Patienten und von 3620 Punkten bei Patienten bis zu 18 Jahren pro Quartal. Falls die drei Untersuchungen in drei unterschiedlichen Quartalen liegen, kann also dreimal bis zu dieser Obergrenze abgerechnet werden.

Für den gesamten Verlauf einer Therapie können also gegebenenfalls folgende Testdurchführungen abgerechnet werden:

· eine Testdurchführung in der probatorischen Phase (eventuell auch mehr),

· drei Testdurchführungen während der bewilligten Therapie (sofern sie in unterschiedlichen Quartalen liegen, jeweils bis zur Punktobergrenze) und

· eine Testdurchführung nach Ende der Therapie (eventuell auch mehr).

Würden bei jeder dieser fünf Testdurchführungen mehrere Tests bis zur Punkt-Obergrenze durchgeführt, könnten also über die gesamte Behandlungszeit hinweg abgerechnet werden:

· bis zu 423,20 € für die gesamte Behandlung eines erwachsenen Patienten und

· bis zu 634,35 € für die gesamte Behandlung eines Kindes oder Jugendlichen.

Damit belaufen sich die zusätzlichen Einnahmen,

(geschätzt für eine Musterpraxis mit 30 Behandlungen parallel, einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 1 Jahr, pro Quartal 8 neuen Patienten und 5 Patienten mit Schlussuntersuchung)

pro Quartal auf maximal:

· 3.125 € für PPs und

· 4.687 € für KJPs
(bei festem Punktwert).

Dies sind Maximalwerte, aber es ist gleichwohl festzustellen, dass die möglichen Einnahmen für psychodiagnostische Untersuchungen von Psychotherapiepatienten zusammengenommen nicht unerheblich sind.

Was bedeutet das nun für die Einnahmen eines niedergelassenen Psychotherapeuten oder einer niedergelassenen Psychotherapeutin? Das soll anhand einer Modellrechnung veranschaulicht werden. Dabei machen wir für die Modell-Praxis folgende Annahmen:

· Der Multiplikator sei der Einfachheit halber für alle Tests 6;

· Die durchschnittliche (!) Dauer einer Therapie sei 30 Sitzungen, das entspricht unter Berücksichtigung von Fehlzeiten etwa einem Jahr oder 4 Quartalen;

· 32 Patienten sind parallel in Behandlung;

· Davon scheiden durchschnittlich in jedem Quartal ein Viertel, also 8, aus, davon, so nehmen wir an, 5  regulär und 3 vorzeitig wegen Therapieabbruchs, so dass bei diesen keine Schlussuntersuchung mehr gemacht werden kann. Entsprechend kommen auch jedes Quartal 8 neue Patienten hinzu.

Teilberechnung 1: Patienten in Therapiephase

32 Patienten befinden sich demnach in einer laufenden, bewilligten Therapie, die durchschnittlich ein Jahr dauert (so die obigen Annahmen). Dann können in dem Jahr 32 mal (maximal) 3 Untersuchungen = 96 Untersuchungen durchgeführt werden; das sind durchschnittlich pro Quartal (96/4) 24 Untersuchungen.

Nehmen wir an, dem Patienten werden bei der Untersuchung 5 Tests (oder weniger, dafür längere Tests) vorgelegt (pro Test 6 mal 80 = 480 Punkte; Untersuchungszeit für den Patienten etwa 1 bis 1½ Stunden). Pro Untersuchung können demnach 5 mal 480 = 2.400 Punkte abgerechnet werden (zur Erinnerung: Obergrenze bei PP: 2.415 Punkte, bei KJP 3.620 Punkte); das entspricht bei 24 Untersuchungen pro Quartal (24 mal 2.415 =) 57.960  Punkte (ca. 2.028 €).

Teilberechnung 2: Patienten in der Phase der Probatorik und in der Schlussphase

Nach den oben gemachten Annahmen befinden sich pro Quartal 8 Patienten in der Vorphase und 8 in der Schlussphase. Wegen der Abbrecher  kann zu Therapieende allerdings nicht mit allen 8, sondern vielleicht nur mit 5 Patienten die  Schlussuntersuchung gemacht werden. Zusammen sind das also (8+5=) 13 Patienten. Mit jedem wird eine Eingangs- bzw. Abschlussuntersuchung in gleichem Umfang, also mit 5 Tests, durchgeführt (oder zum Beispiel zwei Untersuchungen mit jeweils zwei oder drei Tests):

pro Quartal 13 Untersuchungen, das entspricht pro Quartal (13 mal 2.400=) 31.200  Punkte (ca.1.092 €).

Insgesamt kann demnach im Durchschnitt die Praxis abrechnen:

eine PP-Praxis pro Quartal (56.500+31.200=) 89.160  Punkte,

eine KJP-Praxis etwa das 1,5-fache, also pro Quartal  133.740  Punkte, das entspricht

· maximal pro Quartal 3.125 € für Psychologische Psychotherapeuten und

· maximal pro Quartal 4.687 € für Kinder- und Jugendlichentherapeuten.

(Bei der Umrechnung in Euro ist jedes Mal der feste Satz und nicht der floatende berücksichtigt worden; die Beträge können also etwas niedriger sein.) Dies sind Maximalwerte. Nicht bei jedem Patienten wird eine Diagnostik in diesem Umfang durchgeführt werden, nicht jedes Mal so viele Tests. Es sei aber darauf hingewiesen, dass in universitären Forschungsambulanzen eine bei weitem umfangreichere Diagnostik die Regel ist, nicht nur aus Forschungsgründen, sondern in erster Linie zur Qualitätssicherung.

Festzustellen ist auf jeden Fall, dass die zusätzlichen Einnahmen für psychodiagnostische Untersuchungen von Psychotherapiepatienten zusammengenommen nicht unerheblich sind. (Sie könne sich selber für Ihre Praxis ausrechnen, welche Erstattung Sie maximal erreichen können; Näheres dazu im Kasten.)

 

Ist Diagnostik zu zeitaufwändig?

Aber lohnt sich das angesichts des Zeitaufwandes? 2,80 € für 5 Minuten entspricht einem Stundenlohn von 33,60 €.

Legt man lediglich die sogenannte Prüfzeit von 2 (statt 5) Minuten zu Grunde, ergäbe sich ein Stundenlohn von 84 €. Aber die Aufwendungen an Geld und Zeit sind für den Therapeuten recht hoch, so dass eher von einem Stundenlohn nahe 33 € statt 84 € auszugehen ist - das würde sich finanziell nicht rechnen.

 

 

Es geht allerdings nicht nur um die Frage, wie viel zusätzliche Einnahmen erzielt werden könnten, sondern auch darum, wie umfangreich der Arbeitsaufwand dafür und folglich wie hoch der Stundenlohn ist. 2,80 € pro 5 min entspricht einem Stundenlohn von 33,60 € - das würde sich finanziell nicht rechnen.

Die Psychotherapievereinbarung geht allerdings davon aus, dass bis zu 60% der zu erbringenden Test-Leistungen für die EBM-Nummern 35300 und 35301 nicht der Behandler erbringen muss; sie können delegiert werden. Je 5 Minuten Testung wird lediglich eine Arbeitszeit der Therapeutin, eine sogenannte Prüfzeit oder Kalkulationszeit, von 2 Minuten gerechnet.

Eine Bezahlung von 2,80 € für 2 (statt 5) Minuten entspräche einem Stundenlohn von 84 €, also sogar etwas mehr als dem für eine Psychotherapiestunde.

Aber ist das realistisch? Zunächst einmal fallen in der Regel Lizenzkosten für die Testdurchführung an. In der Regel haben Psychotherapeuten außerdem niemanden, an den sie diese Arbeit delegieren könnten, und selbst wenn, müssten sie auch diesen Dienst bezahlen, außer vielleicht der Zeit für die Beantwortung des Tests durch den Patienten.

Es stellt sich außerdem die Frage, ob beispielsweise für einen 30-Minuten-Test ein Ansatz von 12 Minuten für die Planung, Durchführung, Auswertung und Interpretation ausreichend sind.

Fragebögen müssen beschafft werden, es muss geplant werden, welche davon bei einem Patienten zu einem gegebenen Zeitpunkt durchgeführt werden sollen, dem Patienten müssen die Testinstruktionen vorgegeben werden und jeder Fragebogen muss sodann numerisch ausgewertet werden. Für die anschließende Interpretation der Ergebnisse sind Normwerte heranzuziehen. Soll mithilfe der Tests beurteilt werden, inwieweit der Patient sich über den bisherigen Verlauf der Therapie hinweg verändert hat, sind die Ergebnisse von zwei oder mehr Untersuchungen zu vergleichen und die Veränderungen zu gewichten und zu interpretieren. Die Testergebnisse und ihre Interpretation sind in einem Protokoll schriftlich festzuhalten und in der Patientenakte abzulegen.

Die Durchführung diagnostischer Untersuchungen ist demnach zeitaufwändig. Bei der Bestimmung des Multiplikators ist dies zu berücksichtigen. Aber der Ansatz von lediglich 40% für die zeitlichen Aufwendungen des Therapeuten ist auf jeden Fall zu gering. Der tatsächliche Stundenlohn läge wohl eher bei 34 € als bei 84 €.

Es ist demnach festzustellen, dass sich ohne technische Unterstützung die Durchführung diagnostischer Untersuchungen finanziell nicht rechnet – trotz der nennenswerten Beträge, die abgerechnet werden können.

Soll im Interesse der Qualitätssicherung Diagnostik gefördert werden, muss der Zeitaufwand erheblich reduziert werden.

 

Will man versuchen, die Qualitätssicherung, nicht zuletzt auch im Sinne einer Ergebnisqualität, der ambulanten Psychotherapie zu verbessern, müssen Computerprogramme zur Unterstützung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bei Testuntersuchungen entwickelt werden. Die DGVT hat mit dem Autor eine Zusammenarbeit bei diesem Bemühen vereinbart.

Entwickelt wurde das Computerprogramm TestOS[2], für das hier exemplarisch beschrieben wird, wie es Psychotherapeuten bei der Testbeschaffung und bei der Planung, Durchführung, Auswertung und Interpretation sowie bei der Abrechnung bei der KV unterstützt.

Das gelingt durch den Einsatz von Computerprogrammen, z. B. das Programm TestOS. Damit ist es möglich, mit nur wenigen Klicks eine Testsitzung vorzubereiten, durchzuführen, auszuwerten, die Ergebnisse zu interpretieren, protokollarisch festzuhalten und die Untersuchung zu Quartalsende abzurechnen. Dadurch erhöht sich der Stundenlohn erheblich; er liegt sicher über dem für die Durchführung einer Therapiesitzung. Und damit lohnt sich Diagnostik auch finanziell, nicht nur klinisch.

Mit TestOS können Sie

· Fragebogenuntersuchungen bei ihren Patienten durchführen, an irgendeinem Rechner ihrer Praxis, ohne dass Sie dabei sein müssen, oder sie können dem Patienten „seine“ Tests auf einem USB-Stick mit nach Hause geben und dann beim nächsten Mal die Ergebnisse einfach einlesen.

· Das Programm gibt es auch als Tandem-Programm in Verbindung mit Ihrem Abrechnungsprogramm (derzeit Elefant, Smarty und Psyprax; Psychodat wird folgen). In dem Fall werden einerseits die Patientendaten und andererseits die Abrechnungsdaten automatisch übertragen und bei der Quartalsabrechnung berücksichtigt, ohne dass Sie etwas machen müssen.

· Sie können vorab Testpläne (Auflistung der Tests, die Sie zu einem bestimmten Anlass, z. B. Therapiebeginn, durchführen wollen) definieren und dann mit zwei Klicks diese Testdurchführung für Ihren Patienten starten. Den Rest macht das Programm, es verabschiedet sich auch vom Patienten und schaltet sich ab.

· Die Tests werden automatisch ausgewertet, die Ergebnisse werden wahlweise als Text, tabellarisch und grafisch ausgegeben, bei Messwiederholungen auch Darstellungen des Therapieverlaufs, und für die mitgelieferten Tests wird außerdem automatisch ein vollständiges Testprotokoll mit Ergebnissen, Grafiken und ergebnisabhängigen Interpretationen erstellt, das Sie mit wenigen Klicks ausdrucken und in die Patientenakte einheften können.

· Das Programm stellt lizenzfreie Tests zur Verfügung, für die also keine Lizenzgebühr pro Durchführung bezahlt werden muss. Der Nutzer kann außerdem selber beliebige Fragebögen eingeben oder von Kollegen importieren.

· Für die Tests sind bereits ein Vorschlag für einen Multiplikator und ein Vorschlag für eine eventuell fällige Begründung gegenüber der KV eingetragen, die Sie ändern können.

· Im Programm wird Ihnen automatisch angezeigt, ob Sie bei einem Patienten – unter Berücksichtigung der Therapiephase, in der er sich gerade befindet – bzw. bei welchen Patienten Sie noch Tests und wie viele abrechnen können bzw. wie viele Punkte noch abrechenbar sind. Dabei werden automatisch die angegebenen Multiplikatoren berücksichtigt.

Es ist also möglich, bei äußerst geringem Zeitaufwand mit nur wenigen Klicks eine Testsitzung vorzubereiten, durchzuführen, auszuwerten, die Ergebnisse zu interpretieren, protokollarisch festzuhalten und die Untersuchung zu Quartalsende abzurechnen. Damit erhöht sich der Stundenlohn erheblich; er liegt sicher über dem für die Durchführung einer Therapiesitzung. Und damit lohnt sich Diagnostik auch finanziell, nicht nur klinisch.

 

Die eingangs gestellte Frage war, ob es gerechtfertigt ist, dass die meisten Therapeutinnen und Therapeuten wegen unzureichender Bezahlung auf den Einsatz überprüfter Messinstrumente verzichten. Nach den geschilderten Ausführungen fällt die Antwort eindeutig aus: Nein, ein Verzicht auf Diagnostik ist finanziell nicht gerechtfertigt; Diagnostik lohnt sich nicht nur klinisch, sondern auch finanziell.

Was ist Ihre Antwort auf diese Frage? Schreiben Sie an VPP – ein Erfahrungsaustausch wäre wünschenswert. Kontakt. dgvt@dgvt.de

Literatur

Kanfer, F. H. and G. Saslow (1965). "Behavioral analysis." Archives of General Psychiatry 12: 529-538.

Kanfer, F. H. and G. Saslow (1974). Verhaltenstheoretische Diagnostik (ORIG.: Behavioral diagnosis. Behavior therapy. Franks, C.M./(Ed.), New York: McGraw-Hill, 1969, S. 417-444). Diagnostik in der Verhaltenstherapie. D. Schulte. München, Urban und Schwarzenberg: 24-59.

Schulte, D. (1998). Therapieplanung. Göttingen, Hogrefe.

Autorenhinweis

Dietmar Schulte ist emeritierter Professor an der Fakultät für Psychologie, Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie, der Ruhr-Universität Bochum und langjähriges DGVT-Mitglied.
Das folgende in einen Kasten möglichst vor der Überschrift „ Ist Diagnostik zu zeitaufwendig“.

Rechnen Sie sich für Ihre Praxis die maximal abrechenbare Punktzahl aus:

(1) Für Patienten in der Therapiephase:

N = Anzahl der Patienten, die durchschnittlich  zu einem gegebenem Zeitpunkt parallel in Behandlung sind (eintragen)

N =

 

D = Durchschnittliche Dauer einer Behandlung…

· Dm = Dauer in Monaten (Achtung, einerseits Fehlzeiten und andererseits  kürzere Dauer von Abbrechern berücksichtigen) (eintragen)

· Dq = Dauer in Quartalen: Dq = Dm / 3 Monate (berechnen)

 

 

Dm =

 

 

Dq = Dm /3 =

Uqp = abrechenbare Untersuchungen im Quartal pro Patient:

(3 während der gesamten Behandlung),

· also 3 / Dq in jedem Quartal  (berechnen)

Uqp =3/ Dq =

UalleT = abrechenbare Untersuchungen im Quartal für alle in Therapie befindlichen Patienten (berechnen)

UalleT = N * Uqp =

Pmax = Maximal pro Patient abrechenbare Punkte pro Untersuchung im Quartal: PP: 2415 Punkte, KJP: 3620 Punkte

PalleT = abrechenbare Punkte im Quartal für alle in Therapie befindlichen Patienten (berechnen)

 

 

 

PalleT =N * Pmax =

(2) Für Patienten in der probatorischen Phase oder der Schlussphase:

Nn = neue Patienten pro Quartal (berechnen)

Nn = N/ Dq =

Na = Patienten mit Abschlussuntersuchung pro Quartal (Entspricht der Anzahl neuer Patienten pro Quartal, minus derjenigen, mit denen wegen Abbruchs keine Schlussuntersuchung durchgeführt werden kann.) (berechnen)

Na = Nn - Abbrecher =

Un+a = Anzahl der Untersuchungen im Quartal für alle neuen und ausscheidenden Patienten (berechnen)

Un+a = Nn + Na =

Pn+a = abrechenbare Punkte im Quartal für alle neuen und ausscheidenden Patienten (berechnen)

Pn+a = Un+a * Pmax =

 

(3) Maximal abrechenbare Punktzahl pro Quartal für Ihre Praxis insgesamt:

P = insgesamt maximal im Quartal abrechenbare Punkte (berechnen)

P = PalleT + Pn+a =

Geldbetrag bei einer Vergütung von etwa 3,5048 Cent pro Punkt (bei floatendem Punktwert entsprechend geringer) (berechnen)

P * 0,035048 =  €

 


[1] Anlass der Veränderung der Psychotherapievereinbarung war ein Urteil des Sozialgerichts Marburg vom 26.09.2007 (Aktenzeichen S 12 KA 974/06). Eine KV hatte nur die dreimalige Abrechnung der EBM- 35300, also 15 Minuten,  erlaubt. Das Gericht stellte fest, dass diese Begrenzung nicht zulässig ist. Erlaubt ist eine dreimalige Abrechnung, wobei unerheblich ist, wie oft dafür die auf  5 Minuten zeitgetaktete und mit (inzwischen) 80 Punkten bewertete Position EBM 35300 in Ansatz gebracht wird.

[2]www.theros-online.de/produkte/testos/testos_info.html


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