„Potenzial Gesundheit“ Strategien zur Weiterentwicklung von Gesundheitsförderung und Prävention in der 18. Legislaturperiode aus Sicht der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) - Kurzfassung


Einleitung

Gesundheit ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Potenzial, das es zu stärken gilt. Wir sollten das „Potenzial Gesundheit“ weiter entfalten, um individuelle Lebensqualität sowie Wohlstand und gesellschaftliche Innovationskraft zu sichern. Angesichts der steigenden Lebenserwartung, der Dominanz chronischer Krankheiten und der ungleichen Verteilung von Gesundheitschancen kann dieses Potenzial allerdings nur dann Erfolg versprechend erschlossen werden, wenn der Baustein „Gesundheitsförderung und Prävention“ fachlich, politisch und strukturell weiter entwickelt wird.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) empfiehlt dazu folgende Strategien:

  1.  „Gesundheitsförderung und Prävention“ als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gestalten.

  2. Prioritäten zur Förderung individueller und gesellschaftlicher Gesundheit festlegen, Ziele definieren.

  3. Strukturen und Ressourcen für Gesundheitsförderung und Prävention auf der Ebene von Bund, Ländern und Kommunen ausbauen und miteinander verbinden.

  4. Qualität der Gesundheitsförderung und Prävention sichern, ihre Wirksamkeit fördern und sichtbar machen.

 

1.  „Gesundheitsförderung und Prävention“ als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe gestalten

Wesentliche Faktoren, die die Gesundheit entscheidend beeinflussen, wie Bildung, Arbeitsbedingungen, Umwelteinflüsse und soziale Sicherheit, liegen außerhalb des medizinischen Versorgungssystems. Um Gesundheitspotenziale zu erschließen, sind deshalb ressortübergreifende Ansätze notwendig. Wir brauchen eine „gesunde Politik“, die über bloße „Gesundheitspolitik“ hinausweist und das einvernehmliche Zusammenwirken „alle(r) staatlichen Ebenen und gesellschaftlichen Akteure sowie der Bürgerinnen und Bürger vor Ort“[1] ermöglicht.

Um eine Kohärenz politischer Maßnahmen zu gewährleisten, die die Gesundheit betreffen, empfiehlt die BVPG, dass sich alle Ressorts im Sinne von „Health-in-all-policies“ zumindest auf die „Nicht-Beeinträchtigung“, besser aber auf die „Förderung“ von Gesundheit ausrichten. Ebenso, wie man Maßnahmen und Programme dahingehend überprüft, ob sie nachhaltig sind, ob sie Diskriminierung vermeiden, ob sie die Gleichbehandlung der Geschlechter gewährleisten oder zusätzliche Bürokratie vermeiden, sind Programme daraufhin zu überprüfen, ob sie gesundheitsschädlich, -neutral oder gesundheitsfördernd sind.

Zivilgesellschaftliche Organisationen tragen zur Sozialintegration bei und sind Orte der Interessenartikulation und der politischen Partizipation. Die Bundesvereinigung fordert daher, bei allen staatlichen und parastaatlichen Planungen und Aktivitäten zum Themenfeld „Gesundheitsförderung und Prävention“ die zivilgesellschaftlichen Kräfte – z.B. auf der Bundesebene durch Einbeziehung der BVPG, auf der Landesebene durch Einbeziehung der Landesvereinigungen in diese Prozesse – von Anbeginn an aktiv zu beteiligen.

Die Bundesvereinigung bietet an, mit Gesprächspartnern aus allen Bundesressorts gemeinsam in einer nationalen Arbeitsgruppe nach praktikablen Lösungen für eine dauerhafte ressortübergreifende Zusammenarbeit im Handlungsfeld „Gesundheitsförderung und Prävention“ zu suchen.

2.  Prioritäten zur Förderung individueller und gesellschaftlicher Gesundheit festlegen, Ziele definieren

Für den nationalen Gesundheitszieleprozess gibt es nach wie vor drei Herausforderungen:

  • Die bisherige Selbstverpflichtung[2] reicht nicht aus.
  • Die bisher erarbeiteten, verabschiedeten und veröffentlichten Gesundheitsziele integrieren den Aspekt der „Gesundheitsförderung und Prävention“ einschließlich des Aspektes der Inklusion noch zu wenig und sind bisher zu stark allein auf das Gesundheitssystem ausgerichtet.
  • Der nationale Zieleprozess sollte bei seiner Neujustierung und Weiterentwicklung stärker als bisher internationale Vereinbarungen berücksichtigen.

Die Bundesvereinigung votiert deshalb für die Verabschiedung nationaler Gesundheits- und Gesundheitsförderungsziele durch den Bundestag mit der Maßgabe, vor allem entsprechende langfristige Förderprogramme (analog IN FORM) und andere Anreize zu deren Umsetzung zu schaffen. Bei der Festlegung nationaler Gesundheitsziele muss ausreichend Raum für die individuelle Ausgestaltung bei besonderen Rahmenbedingungen im kommunalen Raum und auf der Länderebene gewährleistet werden. Eine aus öffentlichen Mitteln zu finanzierende Evaluation der Zieleumsetzung und -erreichung sollte Bestandteil des Bundestagsbeschlusses sein.

Die Bundesvereinigung empfiehlt weiterhin, im laufenden nationalen Gesundheits(förderungs)zieleprozess derzeit prioritär die Umsetzung der Ziele zu befördern – u.a. auch durch entsprechende Förderung der in der Praxis tätigen Akteure.

3.  Strukturen und Ressourcen für Gesundheitsförderung und Prävention auf der Ebene von Bund, Ländern und Kommunen ausbauen und miteinander verbinden

Eine erhebliche Stärkung der Strukturen und Ressourcen zur Gesundheitsförderung und Primärprävention ist notwendig, um der gestiegenen Lebenserwartung und der damit verbundenen Notwendigkeit eines längeren Arbeitslebens gerecht zu werden.

Die Bundesvereinigung votiert deshalb dringend für nationale, langfristige und Res-sort übergreifende Aktionsprogramme im Handlungsfeld „Gesundheitsförderung und Prävention“.

Die Bundesvereinigung fordert ferner für die eigene Arbeit und für die Arbeit der Landesvereinigungen für Gesundheitsförderung eine deutlich verbesserte Finanzierung ihrer Kooperations-, Koordinations- und Vernetzungsaufgaben.

Die Bundesvereinigung mahnt darüber hinaus eine deutliche Steigerung der Mittel zur Umsetzung vor allem settingbasierter Gesundheitsförderungsansätze an – unter Beteiligung aller gesetzlichen Sozialversicherungen, der Privaten Kranken- und Pflegeversicherung sowie aller staatlichen Ebenen und auch privater Geldgeber. Die Bundesvereinigung hält es insbesondere für die kommunale Ebene für sinnvoll, Pool-Finanzierungen verschiedener Beteiligter (Sozialversicherung entsprechend ihres gesetzlichen Auftrags, Kommune, Wirtschaft) zu ermöglichen, um die Durchführung settingbasierter Gesundheitsförderungsansätze kurzfristig zu erleichtern und längerfristig zu gewährleisten.

In Anbetracht eines jährlichen Anteils des Tabak- und Alkoholsteueraufkommens in der Größenordnung von fast 18 Mrd. € fordert die Bundesvereinigung auch einen deutlich zu steigernden Einsatz öffentlicher Mittel für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention.

Zur verhältnispräventiven Eindämmung der sich zusätzlich zur Alkohol- und Tabaksucht bedrohlich entwickelnden Epidemie von Übergewicht und Fettsucht sind auch alle entsprechenden Industrie- und Handelszweige verantwortlich einzubinden.

Schließlich mahnt die Bundesvereinigung auch die umsatzsteuerliche Gleichbehandlung von Leistungen der Gesundheitsförderung und Prävention gegenüber Leistungen der Therapie an.[3]

Die Bundesvereinigung empfiehlt des Weiteren die Einrichtung eines langfristigen, systematisch ausgerichteten Forschungsprogramms zur Gesundheitsförderung und Prävention, das Fragen der Qualitätssicherung und Wirksamkeit sowie der Weiterentwicklung von Forschungsinstrumenten und -methoden behandelt. Besonderer Wert soll auf Praxisnähe und die Praxistauglichkeit gelegt werden. Die BVPG bietet an, die Schnittstelle zwischen Praxis und Wissenschaft zu managen.

4.  Qualität der Gesundheitsförderung und Prävention sichern, Wirksamkeit fördern und sichtbar machen

„Qualität“ gewinnt auch in Prävention und Gesundheitsförderung immer mehr an Bedeutung. Dies liegt zum einen an knappen finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen, die einen verantwortungsvollen Mitteleinsatz erfordern. Zum anderen ist damit aber auch die Erwartung verbunden, dass qualitätsgesicherte Programme und Projekte nachhaltig wirksame Veränderungen herbeiführen.

Um die Qualität in Prävention und Gesundheitsförderung zu sichern und zu entwickeln, müssen deshalb die Forschung zu und die (Weiter-)Entwicklung von Instrumenten und Verfahren intensiviert, Transparenz über Verfahren und Instrumente hergestellt und der Wissens- und Know-how-Transfer ausgebaut werden.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) trägt schon jetzt zu mehr Transparenz bei: In 2013 wurden bereits „Prinzipien guter Gesundheitsförderung und Prävention“ verabschiedet, die den Mitgliedsorganisationen der BVPG als Leitkonzept zur Qualitätsentwicklung der eigenen Präventions- und Gesundheitsförderungsarbeit dienen sollen.

Mit zusätzlichen Ressourcen kann die Bundesvereinigung ab 2014 in einem noch festzulegenden zeitlichen Turnus einen „Fortschrittsbericht Gesundheitsförderung und Prävention in Deutschland“ über die Gesundheitsförderungs- und Präventionsaktivitäten der BVPG-Mitglieder und ggf. weiterer Kooperationspartner erstellen. Damit wäre – zusätzlich zum jährlichen „Präventionsbericht“ der Gesetzlichen Krankenversicherung – ein Monitoring weiterer Aktivitäten im Handlungsfeld „Gesundheitsförderung und Prävention“ möglich – und damit ein neuer und eigenständiger Beitrag zur Qualitätsentwicklung.

BVPG, 30.04.2013


[1] Bundesministerium des Innern (Hg.): „Jedes Alter zählt. Demografiestrategie der Bundesregierung“ (Berlin, 2012), S. 8

[2] „Gesundheitsziele.de entwickelt exemplarisch im Konsens konkrete Ziele und setzt diese Ziele in Selbstverpflichtung der Akteure zunächst auf der Grundlage gegebener Mittel um.“ (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (Hg.): „gesundheitsziele.de – Forum zur Entwicklung und Umsetzung von Gesundheitszielen in Deutschland. Bericht“, Bonn, 14. Februar 2003, S. 1).

[3] Die Abschnitte 4, 5 und 6 werden von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) nicht mitgetragen.


Zurück