Fragen zur Gesundheits- und Sozialpolitik an Hilde Mattheis (SPD)

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 befragte die DGVT die Parteien zu ihren gesundheits- und sozialpolitischen Vorstellungen. CDU/CSU und FDP beantworteten unseren Fragenkatalog bereits im Frühjahr (siehe VPP 2/2013). Nun nahm noch Hilde Mattheis, SPD-Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Gesundheitsausschuss, Stellung.


Thema A)

Psychische Erkrankungen nehmen zu / Unterversorgung im Bereich Psychotherapie

Bei zurückgehenden durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeitszeiten steigt die Häufigkeit der Krankschreibungen wegen psychischer Störungen. Auch bei den Gründen für Frühberentungen und weiteren Gesundheitsindikatoren nehmen psychische Störungen eine zunehmend wichtigere Rolle ein. Der am 26.02.2013 vorgestellte DAK-Report bestätigt diesen Trend: „Die mit Abstand auffälligste Entwicklung im Arbeitsunfähigkeitsgeschehen ist die Zunahme von Fehltagen aufgrund einer psychischen Diagnose“. Schließlich weisen alle Versorgungsindikatoren auf eine dramatische Unterversorgung im Bereich der Psychotherapie, speziell der bei Kindern und Jugendlichen, hin.

Frage

Welche Konzepte haben Sie, um eine bedarfsgerechte psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen?

SPD

Die Versorgung psychisch Kranker muss verbessert werden. Wir wollen mit einer Weiterentwicklung ambulanter Angebote Betroffenen einen flexiblen und passgenaueren Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung ermöglichen. Dazu müssen nicht nur effektivere Erstversorgungsstrukturen geschaffen werden, sondern auch eine bessere Koordinierung, Vernetzung und Transparenz von Hilfe- und Therapieangeboten gewährleistet sein.

Wir wollen, dass Erstversorgungsangebote möglichst niedrigschwellig und wohnortnah zur Verfügung stehen. Darüber hinaus muss eine hohe Bandbreite therapeutischer Behandlungsformen und eine vielseitige therapeutische Orientierung während der Diagnosestellung gewährleistet werden.

Thema B)

Neue Bedarfsplanung – Auswirkungen für die Psychotherapie

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat am 20.12.2012 die Vorgaben der neuen Bedarfsplanung beschlossen. Zum 01.01.2013 ist die durch den G-BA insgesamt überarbeitete Bedarfsplanungs-Richtlinie in Kraft getreten. Damit wurden neue Rahmen-Regelungen für die Zulassungsmöglichkeiten von FachärztInnen und PsychotherapeutInnen festgelegt. Für die psychotherapeutische Versorgung werden zwar laut G-BA insgesamt ca. 1.400 neue Versorgungsaufträge entstehen. Diese 1.400 neuen Sitze werden jedoch nicht zu der Anzahl der aktuell rund 21.600 niedergelassenen PsychotherapeutInnen in Deutschland hinzugerechnet. Der G-BA berechnet den psychotherapeutischen Versorgungsbedarf entgegen der Forderungen unseres Berufsstands leider weiterhin mit den Zahlen von 1999. Zu diesem Zeitpunkt waren bundesweit nur knapp 13.800 PsychotherapeutInnen niedergelassen. Der G-BA geht also zukünftig von rund 15.200 Praxen in Deutschland aus, die eine bedarfsgerechte psychotherapeutische Versorgung darstellen. Mit seinem Beschluss ignoriert der G-BA die aktuellen Wartezeiten von PatientInnen auf einen Behandlungsplatz, die auch in den rechnerisch „überversorgten“ Planungsbereichen vorhanden sind -laut Bundespsychotherapeuten-kammer-Statistik liegen diese bei durchschnittlich 12,5 Wochen – im KJP-Bereich müssen PatientInnen im Schnitt sogar noch weitaus länger auf den Behandlungsbeginn warten.

Frage

Sehen Sie Möglichkeiten, die Bedarfsplanung zu ändern?

SPD

Trotz kontinuierlich gewachsener und auch in der Zukunft weiter steigender Zahlen von Therapeuteninnen und Therapeuten in der ambulanten Versorgung, wird die derzeitige Versorgungsrealität von vielen Betroffenen als unzureichend empfunden. Dies legen auch Studien nahe, wonach es zu Wartezeiten für ein Erstgespräch im ambulanten Bereich von bis zu 2 ½ Monaten kommen kann. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass sich gerade in dünn besiedelten Regionen sowie sozialen Brennpunkten ein ungenügendes Versorgungsniveau abzeichnet.

Die Bedarfsplanung obliegt der Selbstverwaltung. Wir wollen, dass eine Neustrukturierung umgesetzt wird, damit den Menschen schnell geholfen werden kann. Wir fordern, dass die Gemeinsame Selbstverwaltung eine geeignete Staffelung des Langzeittherapieangebots erarbeitet. Die Qualität von Therapieangeboten muss dabei im Vordergrund stehen. Elementarer Bestandteil muss die regelmäßige Begutachtung des Therapieverlaufs sein.

Thema C)

Stärkung des Solidaritätsprinzips in der Gesetzlichen Krankenversicherung

Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken sind in der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ungleich verteilt. Gesundheitsreformen sind deshalb danach zu bemessen, inwiefern sie das sozialstaatlich gebotene Solidaritätsprinzip der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stärken und die soziale Ungleichverteilung von Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken minimieren: Tragende Prinzipien dabei sind bislang, der finanzielle Ausgleich zwischen wirtschaftlich besser und wirtschaftlich schlechter gestellten, zwischen Gesunden und Kranken und zwischen jungen und alten Menschen, wobei die paritätische Finanzierung durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer bereits aufgehoben wurde.

Frage

Welche Perspektive sehen Sie für das Solidaritätsprinzip in den vorgesehenen Verän­derungen der gesetzlichen Krankenversicherung?

SPD

Mit unserem Konzept zur Bürgerversicherung setzen wir das Solidaritätsprinzip in der Krankenversicherung um. Wir wollen, dass alle Bürgerinnen und Bürger automatisch Mitglied der Bürgerversicherung werden und entsprechend ihrer eigenen Leistungsfähigkeit in die Krankenversicherung einzahlen. Dies gilt  dann auch für Beamte und Selbständige. Die unterschiedliche Vergütung für die ambulante Versorgung von gesetzlich und privat Krankenversicherten ist die Hauptursache für die Zwei-Klassen-Medizin. Wir werden deshalb eine einheitliche Honorarordnung einführen, um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen.

Thema D)

Prävention

Trotz eines breiten gesellschaftlichen Konsensus – auch über alle politischen Parteien hinweg – , dass eine Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung erfolgen sollte, hat eine umfassende gesetzliche Verankerung bisher nicht stattgefunden. Bei dem im letzten Jahr von der Bundesregierung vorgelegten Gesetzentwurf ist nicht erkennbar, dass die Koalition eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Prävention sieht. Vielmehr will sie die Kosten den Sozialversicherungen aufbürden und beschränkt sich bei den in Frage kommenden Maßnahmen auf somatische und verhaltensbezogene Ansätze. Settingansätze und Verhältnisprävention, beides überaus zukunftsweisende Ansätze, kommen kaum vor.

Frage

Welche Maßnahmen und welche Schwerpunkte planen Sie hinsichtlich eines Präventionsgesetzes?

SPD

Wir wollen Prävention und Gesundheitsförderung als vierte Säule des Gesundheitswesens etablieren. Unser Ansatz ist es, die Prävention im Alltag der Menschen zu verankern. Deshalb wollen wir ein umfassendes Präventionsgesetz. In der Kita, in der Schule oder im Betrieb muss die Prävention gestärkt werden. Für die Umsetzung fordern wir eine Stiftung Prävention und Gesundheitsförderung, die durch Bund, Länder, GKV, PKV, gesetzliche Rentenversicherung, Unfallversicherung und Pflegeversicherung finanziert wird.

Thema E)

Psychosoziale Versorgung, speziell Kinder- und Jugendhilfe

Die in den letzten Jahren gestiegenen Ausgaben für die Jugendhilfe sind ein Zeichen für den zunehmenden Unterstützungsbedarf im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, bedingt durch vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen. Die finanzielle Misere der Gemeinden ist begründet in strukturellen Problemen des Sozialstaats, die hier nicht näher ausgeführt werden sollen. Diese Finanznot darf nicht zu Benachteiligungen hilfebedürftiger Kinder, Jugendlicher und Familien führen, indem etwa die Jugendhilfeleistungen der Kommunen je nach Kassenlage erfolgen.

Nach den spektakulären Fällen von sexuellem Missbrauch in Internaten, Kirchen und Heimen hat es einen runden Tisch gegeben, an dem alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligt waren. Aber bis auf eine zentrale Telefonnummer für die Betroffenen und einen Missbrauchsbeauftragten gibt es keine nennenswerten Fortschritte bei der Versorgung. Die Versorgung vor Ort ist weiterhin desaströs, obwohl  oder gerade weil sich sehr viele Opfer durch die Presseberichte Hoffnung gemacht haben und sich zum Teil nach Jahrzehnten Hilfe holen wollen.  Hier brauchen wir keine „Leuchtturmprojekte“, sondern die Kommunen und Städte müssen finanziell so ausgestattet werden, dass sie entsprechende Beratungsangebote machen können.

Frage

Welche Handlungsmöglichkeiten sehen Sie in diesem Bereich?

SPD

Ein besonderes Augenmerk muss auf der psychotherapeutischen Versorgung und Beratung von Kindern und Jugendlichen liegen. Neben der Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, wollen wir Netzwerke und Arbeitsgemeinschaften ausbauen und unterstützen, die die unterschiedlichen Hilfesysteme und Fachleute auf lokaler Ebene vernetzen. Diese können die aktuell bestehenden Schnittstellenprobleme beheben und effektiv Prävention auch bei Kindern und Jugendlichen leisten, deren Eltern psychisch erkrankt sind. Die Kommunen müssen in dieser Frage stärker finanziell unterstützt werden.

Thema F)

Pflege und Psychosoziale Versorgung von älteren Menschen

Der Ausbau der Pflege ist  nicht nur unter quantitativen, sondern auch unter qualitativen Gesichtspunkten zu diskutieren. Die Potenziale der Pflege im Hinblick auf die Erhaltung und Wiedererlangung von Selbstständigkeit sowie im Hinblick auf die Unterstützung von Menschen mit Hilfe- oder Pflegebedarf sind bei weitem nicht ausreichend. Bei geplanten Reformen im Gesundheitssystem dürfen die Bedürfnisse älterer Menschen nicht vernachlässigt werden.

Was die psychosoziale Betreuung und die  ambulante Psychotherapie insbesondere bei  hochaltrigen Menschen anbelangt, kommt sie praktisch nicht vor. In Senioren- und Pflegeeinrichtungen gibt es keine Psychologen oder Psychotherapeuten.

Dem entspricht auch die Bedarfsplanung für die ambulante Vertragspsychotherapie. Der sog. Demographiefaktor in der ambulanten Bedarfsplanung bedeutet für den Bereich der Psychotherapie, dass ausgehend von der derzeit geringen Inanspruchnahme von Psychotherapie durch ältere Menschen, die Anzahl an Psychotherapieplätzen mit steigendem Altersdurchschnitt (gegenüber dem Bezugsjahr2010) der Bevölkerung sukzessive reduziert werden wird. Bis 2030 dürften allein aufgrund des Demographiefaktors in den ostdeutschen Bundesländern fast 200 Praxissitze laut Berechnung der Bundespsychotherapeutenkammer „wegfallen“. Das ist u. E. eine unakzeptable Vorgabe der Bedarfsplanung, denn die Inanspruchnahmebereitschaft von Psychotherapie ist natürlich in der Generation, die im Jahr 2030 zu „den Älteren“ zählen wird, anders als bei den Menschen, die heute 70 Jahre alt sind („Kohorteneffekt“)

Frage 1)

Welche Konzepte hat Ihre Partei, um die Qualitätsstandards für die institutionelle Versorgung älterer Mitbürger auch in psychosozialer und psychotherapeutischer Hinsicht zu verbessern?

SPD

Unser Ziel ist die Weiterentwicklung ambulanter Angebote, um den Betroffenen einen flexiblen und für sie passgenauen Zugang zu psychotherapeutischer Betreuung zu ermöglichen. Dies schließt auch die psychosoziale und therapeutische Betreuung von älteren Menschen ein, die altersbedingt unter Defiziten ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten leiden.

Zudem wollen wir die Hausärzte stärken. Wir fordern die verantwortlichen Akteure der ärztlichen Selbstverwaltung dazu auf, der psychosomatischen Grundversorgung von Krankheitsbildern wie beispielsweise Depressionen und demenzielle Erkrankungen in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung einen größeren Stellenwert einzuräumen.

Frage 2)

Wie steht Ihre Partei zur impliziten Annahme des Demografiefaktors, dass Menschen im höheren Alter weniger Psychotherapiebedarf haben, die hier in gewisser Weise auch als Altersdiskriminierung verstanden werden kann?

 

Die Kriterien der Bedarfsplanung legen die Selbstverwaltungspartner fest.

 

Thema G)

Stationäre Versorgung

Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser verschlechtert sich zusehends. Immer mehr Krankenhäuser schreiben rote Zahlen und sind wirtschaftlich bedroht. Die Belastungen der Beschäftigten sind zu hoch. Die PatientInnen beklagen, dass Ärzte und Pflegepersonal zu wenig Zeit für persönliche Zuwendung haben. Jedes Jahr sterben 40.000 Menschen an Infektionen, die sie sich in Kliniken geholt haben. Bis zu 50 % der Fälle könnten laut ExpertInnen vermieden werden bei konsequenter Einhaltung von Hygienestandards.

Ursächlich für die Finanzierungsprobleme der Krankenhäuser sind die unzureichenden Vergütungsregelungen und die gesetzlichen Kürzungen. Es fehlt eine Tarifkomponente bei den Fallpauschalen.  Die Lücke zwischen den gesetzlich begrenzten Vergütungsanpassungen und den Tariflohnsteigerungen wird immer größer.

Die DRG-basierte Finanzierung führt zunehmend häufiger zu „blutigen“ Entlassungen und dazu, dass die Behandlungen sich innerhalb des Krankenhauses auf die DRG-Diagnose begrenzt und Komorbiditäten ignoriert werden, insbesondere psychosoziale Belastungen, die häufig die Prognose erheblich belasten. Entlassungsmanagement, Anleitung zur Nachsorge und zum Gesundheitsverhalten finden quasi nicht statt. Entwicklungen, die die Rezidivrate und den Grad an Chronifizierungen deutlich erhöhen dürften.

Frage 1)

Wie sieht Ihre Partei die finanzielle Situation der Krankenhäuser? Welche Planungen gibt es für den stationären Bereich?

SPD

Krankenhäuser brauchen eine leistungsgerechte und planbare Finanzierung. Die SPD zur Finanzierung der Krankenhäuser eine umfassende Positionierung erarbeitet.  Darin fordern wir untern anderem: Veränderungen in Bezug auf die Landesbasisfallwerte, die Weiterentwicklung der Qualitätsmessung und Qualitätssicherung, einen verbindlichen Anspruch auf ein Zweitmeinungsverfahren vor planbaren Operationen, die Weiterentwicklung der Krankenhaus-Qualitätsberichte und das Verbot von Bonusvereinbarungen zwischen Klinikleitungen und ihren Ärztinnen und Ärzten. Wir wollen die sektorübergreifende Versorgungsplanung stärken, einen verbindlichen Leistungsanspruch für Patientinnen und Patienten auf Entlassungsmanagement einführen und die Entwicklung verbindlicher bundeseinheitlicher Mindestpersonalstandards vorschreiben.

Frage 2)

Haben Sie Vorstellungen für die Umsetzung von wünschenswerten qualitativen Standards in Krankenhäusern, die beispielsweise eine sachgerechte psychosoziale Betreuung der Patienten absichern und ein ordentliches Entlassmanagement gewährleisten können?

SPD

Wir wollen einen verbindlichen Leistungsanspruch für Patientinnen und Patienten auf Entlassungsmanagement gegenüber ihre Krankenkasse einführen. Bereits bei Aufnahme ins Krankenhaus muss das Entlassungsmanagement beginnen. Spätestens drei Tage vor der Entlassung muss klar sein, ob und ggf. welche Leistungen im Anschluss benötigt werden (z.B. Arzneimittel, Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege, Rehabilitation, Pflege, hauswirtschaftliche Versorgung). Ggf. erforderliche Anträge (z.B. Reha, häusliche Krankenpflege) müssen gestellt sein. Im Rahmen der Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung soll gewährleistet werden, dass bereits vor der Einweisung ins Krankenhaus gemeinsam mit dem Hausarzt die weitere Behandlung geplant wird.

Thema H)

Weiterentwicklung der Gesetzlichen Sozialversicherung als Sozialleistungsträger

Das gegliederte System der Sozialen Sicherung in Deutschland wurde in der Zeit von Bismarck strukturell angelegt und es hat sich als besonders tragfähig und effektiv erwiesen. Gerade bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen zeigen sich aber zunehmend deutlicher seine Grenzen bzw. die Probleme der überstarken Abgrenzung zwischen den Zweigen der sozialen Sicherung und dem sonstigen gesellschaftlichen Kontext.

Die rapide Zunahme des Anteils diagnostizierter psychischer Störungen ist in den letzten 10 bis 15 Jahren immer wieder bestätigt worden. Die ambulanten Behandlungskapazitäten innerhalb der GKV  (KV/Bedarfsplanung) orientieren sich nicht am Bedarf, sondern an den „Angebotszahlen“ von 1999 (siehe oben) und sind demzufolge logischerweise viel zu gering. Konsequenz ist, dass viele Patienten mit psychischen Störungen unbehandelt bleiben oder zu spät zu einer qualifizierten Behandlung gelangen, dass die Störung chronifiziert und dass stationäre Behandlungen wegen psychischer Erkrankungen sowohl im Krankenhausbereich (einschließlich Psychiatrie) als auch im Reha-Bereich (zu Lasten der Rentenversicherung) zunehmen. In der gleichen Folge dürfte die rapide Zunahme der Frühberentungen wegen chronifizierter psychischer Erkrankungen, die nicht mehr erfolgreich behandelt werden konnten, stehen. Die Rentenversicherung zahlt sozusagen die Zeche, weil die Krankenversicherung nicht bereit ist, genügend ambulante Behandlungen zur Verfügung zu stellen. Die Krankenversicherung wird wiederum wegen Behandlungen psychischer Störungen immer häufiger angefragt, weil die Prävention und die Früherkennung  (Schule, Primärversorgung) versagen und die (psychischen) Belastungen, beispielsweise im Betrieb, immer mehr zunehmen, ohne dass hier die notwendige Sensibilität wächst. Letztlich bedeutet diese Entwicklung für die Betroffenen eine erhebliche Belastung und für die Gesellschaft und die Betriebe erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.

Frage

Hat Ihre Partei Pläne, die notwendige Vernetzung der Akteure und insbesondere auch der Leistungsträger im Gesundheits- und Sozialsystem bedarfsorientiert weiterzuentwickeln, so dass die Träger gemeinsam die anstehenden Belastungen in gemeinsamer Verantwortung angehen?

SPD

Alle Hilfs- und Leistungsangebote müssen im Interesse der Patientinnen und Patienten organisatorisch aufeinander abgestimmt werden. Dies betrifft die psychologische Präventionsarbeit in Kita, Schule und am Arbeitsplatz, die sozialpsychiatrischen Dienste der Kommunen, die stationäre und teilstationäre Akutpsychiatrie, die Versorgung in psychiatrischen Tageskliniken, die Behandlung in Psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) bis hin zum niedergelassen Psychotherapeuten. Eine Koordination soll durch übergreifende Konsultationsformen, zum Beispiel regelmäßige regionale Gesundheitskonferenzen vor Ort, sichergestellt werden. Dafür sollen regionale Gespräche der an der Versorgung beteiligten Akteure und mit Betroffenengruppen stattfinden. Auf diese Weise werden Kompetenzen und letztlich auch Ressourcen gebündelt, umso besser auf Veränderungen der Bedarfe und Engpässe  bei der Versorgung reagieren zu können.

Thema I)

Sozialversicherungen und Sozialwahlen

Die selbstverwalteten Sozialversicherungen sind immer wieder in der Kritik, weil der Sinn bzw. Nutzen der Selbstverwaltung in diesem Bereich für die Bürger nicht erkennbar ist, während die Selbstverwaltung selbst häufig als bürokratischer Ballast erscheint. Der Bundesbeauftragte für die Sozialwahlen hat in seinem Bericht über die letzten Sozialwahlen, der im Sommer letzten Jahres vorgelegt wurde, angeregt, die sogenannten Friedenswahlen zu streichen. Die Friedenswahlen stellen bei vielen Sozialversicherungsträgern aber überhaupt die Realisierung einer sachgerechten repräsentativen Beteiligung von Vertretern der Arbeitgeber und der Versicherten sicher und sie bieten zudem die Chance, dass die KandidatInnen über hinreichende fachliche Voraussetzungen und Unterstützung verfügen. Letztlich darf man auch erwarten, dass die Abschaffung der Friedenswahlen die Bedeutung der Gewerkschaftslisten innerhalb der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen weiter reduzieren wird.

Frage

Welches Konzept hat Ihre Partei zur Weiterentwicklung der selbstverwalteten Sozialversicherungen?

SPD

Als SPD stehen wir zur Selbstverwaltung der Sozialversicherungen. Es gibt an einigen Stellen konkreten Handlungsbedarf. In der Fraktion diskutieren wir das Thema sehr intensiv. Der Diskussionsprozess hierzu ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

 

Fragen zur Reform des Psychotherapeutengesetzes

 

Thema A)

Reformbedarf besteht bei den Zugangsvoraussetzungen durch die Bologna-Reform und bei der Vergütung der praktischen Tätigkeit

Der Reformbedarf des Psychotherapeutengesetzes, mit dem mittlerweile mehr als zehn Jahre Erfahrungen gesammelt werden konnten, ist insbesondere bei zwei Aspekten unbestritten:

•  Dringender Handlungsbedarf besteht nach Ansicht der DGVT bei der Ausbildung zum/zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten/in bzw. bei der Zulassungsvoraussetzung zur Ausbildung. Seit der Einführung von Bachelor und Master gibt es keine bundesweit einheitliche Regelung mehr, welchen Abschluss ein/e Interessent/in vorweisen muss. Die DGVT vertritt die Auffassung, dass aus Gründen der Qualitätssicherung nur der Master als Zugangsvoraussetzung für beide Berufe (PP und KJP) akzeptiert werden kann. Auch diese Gesetzeslücke betrifft die Nachwuchs-TherapeutInnen, die mit unterschiedlichen Handlungsweisen konfrontiert sind, je nach dem, in welchem Bundesland sie sich befinden oder an welches Ausbildungsinstitut sie sich wenden.

• Vergütung der praktischen Tätigkeit in psychiatrisch-klinischen Einrichtungen.

Die im Rahmen der Psychotherapieausbildung zwingend vorgeschriebene Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik - über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr - wird in der Regel nicht oder nur unzureichend vergütet, da es hierzu im PsychtThG keine Regelung gibt. Infolgedessen handhaben die Kliniken die Bezahlung sehr unterschiedlich: Im Durchschnitt erhalten die PiA 500 Euro im Monat, hat das Forschungsgutachten ergeben, dass das Bundesgesundheits-ministerium zur Frage des Reformbedarfs beim Psychotherapeuten-gesetz in Auftrag gegeben hatte. Gut die Hälfte der derzeit rund 8.000 PiA – zu 80 Prozent übrigens Frauen – arbeitet jedoch „zum Nulltarif“.

Ein Zustand, der aus Sicht der DGVT aus mehreren Gründen unhaltbar ist. Denn die PiA sind als HochschulabsolventInnen bereits qualifizierte Kräfte, die eigentlich Anspruch auf eine angemessene Bezahlung hätten. Dass sie es mit gut ausgebildeten und motivierten jungen Leuten zu tun haben, wissen die Kliniken und setzen die PiA deshalb nicht selten als vollwertige Arbeitskräfte ein. Darüber hinaus ist der psychotherapeutische Nachwuchs durch die hohen Ausbildungskosten, die selbst getragen werden müssen, ohnehin finanziell stark belastet.

Frage

Welche Möglichkeiten sieht Ihre Partei, diese notwendigen Reformen (Masterabschluss für beide Berufe und Bezahlung der praktischen Tätigkeit) gesetzlich zu verankern?

SPD

Das Psychotherapeutengesetz ist zu reformieren. Der Masterabschluss muss im gegenwärtig geltenden Ausbildungssystem der Regelabschluss für die Zulassung zur weiterführenden Ausbildung als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut sein. Für eine psychotherapeutische Tätigkeit sind fundierte wissenschaftliche und fachliche Kompetenzen als Grundlage unerlässlich. Dies ist aus unserer Sicht nur auf Masterniveau sichergestellt.

Da es eine große Variation an Masterabschlüssen gibt, sollen klare Kriterien für die Studieninhalte durch Rahmenstudienordnungen definiert werden. Ein Katalog mit Mindestkenntnissen muss bundesweit einheitlich festgelegt werden. Wir werden in diesem Zusammenhang prüfen lassen, ob eine staatliche Anerkennungsprüfung geeignet ist, einen solchen bundeseinheitlichen Kompetenzrahmen zu verwirklichen. 

Die praktische Psychotherapeutenausbildung ist hinsichtlich curricularer Vorgaben zu vereinheitlichen. Psychotherapeutinnen und Psycho-therapeuten in Ausbildung sollen eine eingeschränkte Behandlungserlaubnis erhalten, die es ermöglicht, ihre Arbeit während der Ausbildung angemessen zu vergüten.

Thema B)

Einheitlicher Beruf mit Schwerpunktbildung oder Erhalt zweier getrennter Berufe (PP und KJP)

Der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat 2010 den Beschluss gefasst, einen einheitlichen Psychotherapieberuf mit Schwerpunktbildung  (Erwachsene oder Kinder-/Jugendliche) anzustreben.  Allerdings blieb ungeklärt, wie die Ausgestaltung der zugangsberechtigten Studieninhalte für die  zugelassenen Grundberufe (Psychologie, (Sozial-)Pädagogik aussehen sollen.  Die DGVT fordert eine Ausgestaltung der Zugangsvoraussetzungen zur Psychotherapie-Ausbildung, die ermöglicht, dass breite, auch nicht-psychologische, Zugänge zur Psychotherapieausbildung erhalten bleiben. Hierzu bedarf es der adäquaten Berücksichtigung (sozial-)pädagogischer Studieninhalte. Sollte eine Veränderung der Zugangskriterien in diesem Sinne nur mehrheits- bzw. konsensfähig sein, wenn es auch weiterhin zwei Berufe gibt, dann unterstützt die DGVT zum Erhalt der qualitativen und quantitativen Versorgungsqualität in der Psychotherapie den Erhalt zweier getrennter Berufe (KJP und PP).

Frage

Wie steht Ihre Partei zu dem Erhalt von zwei getrennten Berufen, Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder-/JugendlichenpsychotherapeutInnen?

SPD

Immer weniger junge Menschen entscheiden sich heute für den Beruf des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Eine einheitliche Ausbildung mit entsprechenden Spezialisierungsmöglichkeiten soll daher die beiden Berufsgruppen der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ersetzen. Dadurch erhalten alle eine einheitliche berufsrechtliche Befähigung zur Behandlung aller Altersgruppen mit der Möglichkeit der Schwerpunktsetzung.

Thema C)

Direktausbildung Psychotherapie oder Reform des bestehenden Ausbildungsmodells?

Das Bundesgesundheitsministerium erwägt die Einführung einer Psychotherapie-Direktausbildung an den Universitäten anstelle des bisher erfolgreich praktizierten postgradualen Systems (Ausbildung an staatlichen oder staatlich anerkannten Instituten). Die DGVT sieht in den Plänen eine Gefahr für die hohe Ausbildungsqualität und infolgedessen auch für die Versorgung von psychisch Kranken, wenngleich sie einer sorgfältigen Erprobung eines Direktausbildungsweges durchaus offen gegenüber steht.

Frage

Welchen Weg will Ihre Partei gehen? Will sie das bestehende Ausbildungsmodell reformieren oder plant sie eine Direktausbildung?

SPD

Das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) muss zunächst mit Blick auf die bisher praktizierten Ausbildungswege dringend reformiert und an die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge angepasst werden. Die Diskussion über die Direktausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe große Zweifel, ob ein Direktstudium der Psychotherapie den wachsenden Anforderungen an die Versorgung der Patientinnen und Patienten besser gerecht werden könnte und stehe einer Direktausbildung sehr kritisch gegenüber.

 

Die Fragen stellten Waltraud Deubert und Heiner Vogel.


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