Qualität sichern – Reform der Psychotherapieausbildung


Der Reformbedarf des Psychotherapeutengesetzes, mit dem mittlerweile mehr als zehn Jahre Erfahrungen gesammelt werden konnten, ist insbesondere bei zwei Aspekten unbestritten:

  • Anpassung der Zugangsvoraussetzungen zur Psychotherapieausbildung in Folge der Bologna-Reform.

Die im Psychotherapeutengesetz als Zugangsvoraussetzungen genannten Studienabschlüsse werden von Studierenden heutzutage nicht mehr erzielt.  Aufgrund der neu eingeführten Bachelor- bzw. Masterabschlüssen muss der Zugang zur Psychotherapieausbildung dringend geklärt und präzisiert werden, damit der interessierte Nachwuchs rasch wieder die erforderliche Orientierung bekommt, welches Studium er wählen / welche Inhalte bzw. Kompetenzen er erwerben bzw. studieren muss, um zur Psychotherapieausbildung zugelassen werden zu können.

  • Vergütung der praktischen Tätigkeit in psychiatrisch-klinischen Einrichtungen.

Die im Rahmen der Psychotherapieausbildung zwingend vorgeschriebene Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik - über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr - wird in der Regel nicht oder nur unzureichend vergütet.

Mit diesen drängenden und immer noch ungelösten Problemen lässt man derzeit die Aufsichtsbehörden der Länder, die staatlich anerkannten Ausbildungsstätten und damit letztlich vor allem die AusbildungsteilnehmerInnen „im Regen stehen“.

Seit Beginn der aktuellen Reformdiskussion sind zwei wichtige Arbeiten fertig gestellt worden:

1. Das „Forschungsgutachten“

Das Bundesministerium für Gesundheit hat 2007 ein Forschungsgutachten mit dem Ziel in Auftrag gegeben, eine umfassende Aufarbeitung der Ausbildungslandschaft in der Psychotherapie vorzunehmen und zu erarbeiten, wie die Zugangsvoraussetzungen nach Umgestaltung der psychologischen und (sozial-)pädagogischen Studiengänge in der Bachelor-/Mastersystematik definiert werden können.

Dieses Gutachten wurde der Bundesregierung im April 2009 vorgelegt. Aufgrund dieser empirischen Analyse lässt sich dem aktuell bestehenden Ausbildungssystem eine hohe Ausbildungsqualität bescheinigen und feststellen, dass es insbesondere auch die Sicherstellung ausreichender Nachwuchsförderung leistet. Gerade durch die Schaffung eines eigenständigen Berufs des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten konnte die Versorgung in diesem Bereich deutlich verbessert werden. Im Ergebnis empfiehlt das Gutachten Reformschritte, bei denen die postgraduale Struktur der Ausbildung erhalten bleibt. Um die positiven Aspekte der gewachsenen Ausbildungsstrukturen nicht zu gefährden, sollen laut dem Forschungsgutachten Möglichkeiten für eine Psychotherapieausbildung im Rahmen eines Hochschulstudiums, die sogenannte „Direktausbildung“, hinsichtlich ihrer Auswirkungen zunächst im Rahmen einzelner Modellvorhaben gründlich ausgewertet werden.

2. Der Reformentwurf des Deutschen Psychotherapeutentages von 2011

Der Deutsche Psychotherapeutentag hat 2011 einen Beschluss gefasst, die postgraduale Ausbildung beizubehalten und hierfür auch weiterhin die Fachgebiete Psychologie und Pädagogik  als zugangsberechtigende Studienrichtungen für die psychotherapeutische Ausbildung vorauszusetzen. Der Masterabschluss soll dabei zukünftig umfassend als Voraussetzung für die Ausübung des akademischen Heilberufs gelten.

Diesen jeweils lange abgestimmten und beratenen Empfehlungen stehen die mehrfach geäußerten Überlegungen aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) entgegen, aus „ordnungspolitischen“ Gründen eine sogenannte Direktausbildung - ohne hinreichende Erprobung - als Standard für die zukünftige Psychotherapeutenausbildung einzuführen. Erreicht werden soll damit eine weitgehende Angleichung der derzeitigen psychothera­peu­tischen Ausbildung mit den anderen akademischen Heilberufen und insbesondere dem Qualifikationsweg der Humanmediziner. Obwohl vielfach Bedenken hinsichtlich eines Qualitätsverlustes und der problematischen Konsequenzen für die psychotherapeutische Versorgung geäußert wurden, hält das BMG an solchen Bestrebungen fest. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, um die Vorstellungen des BMG hinsichtlich ihrer politischen und finanziellen Machbarkeit auszuloten.

Wie muss eine Psychotherapieausbildung ausgestaltet sein, damit sie zu einem vertretbaren und verantwortbaren Qualitätsstandard im Sinne einer hoch stehenden Psychotherapieversorgung der PatientInnen führt? Diese Frage sollte im Mittelpunkt der Debatte um eine Reform der Psychotherapieausbildung stehen: Die heilkundliche Zulassung ist nämlich deshalb eine bundesstaatliche Aufgabe, weil damit der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung gewährleistet werden soll. Dies muss oberstes Leitmotiv sein und steht damit u. U. über berufsständischen Interessen.

Für die DGVT und die DGVT-AusbildungsAkademie müssen deshalb bestimmte Kriterien erfüllt sein, unabhängig von den verschiedenen Modellen, die derzeit zur Diskussion stehen:

  • Ausreichende Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung insbesondere auch im Kinder- und Jugendlichenbereich
  • Lösung der Zugangsprobleme (Bachelor/Master)
  • Für die Praktische Tätigkeit im Rahmen der Ausbildung müssen angemessene Vergütungswege gefunden werden
  • Im Ausbildungszugang bzw. in der Ausbildung soll weiterhin eine breite Basis an wissenschaftlichen Grundlagenfächern Berücksichtigung finden
  • Vergabe der Approbation erst nach ausreichender Vertiefung
  • Reformmaßnahmen müssen wissenschaftlich begründet sein und die Reform muss sorgfältig evaluiert werden
  • Bundeseinheitliche Standards
  • Erhalt der praxisnahen Ausbildung

Der Meinungsbildungsprozess – auch innerhalb der DGVT - ist also noch in vollem Gange. Ziel ist es, in den nächsten Wochen eine zwischen DGVT und DGVT-AusbildungsAkademie abgestimmte (ausführlich begründete) Position zu entwickeln, die in der nächsten VPP veröffentlicht wird.

Zum Stand der Diskussion finden Sie nachfolgend – in Fortsetzung der Beiträge in VPP 2/13 und Rosa Beilage 2/13 – weitere Artikel, die verschiedene Sichtweisen zum Thema Ausbildungsreform aufgreifen.

In Sorge um die Qualität der Psychotherapie-Ausbildung, und um die Diskussion voranzutreiben, hat die DGVT zusammen mit fünf weiteren Fachgesellschaften zu einer großen Tagung zur Reform der Psychotherapie-Ausbildung nach Berlin eingeladen. Einen ausführlichen Tagungsbericht lesen Sie im Folgenden.

Des weiteren nimmt Prof. Dr. Winfried Rief, Leiter der Psychotherapie-Ambulanz, Philipps-Universität Marburg, Stellung zum Gleiniger-Modell“, das wir in der VPP 2/2013 vorgestellt haben.

Heiner Vogel              Rudi Merod                           Wolfgang Schreck
Geschäftsführender Vorstand der DGVT


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