Im Angestelltenbereich ist noch Luft nach oben

Die Psychotherapeutenkammer Bremen lud zum Angestellten-Forum ein, um über den Stand der Dinge und mögliche Perspektiven zu diskutieren.


Die Situation von angestellten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Krankenhäusern und Kliniken ist nach wie vor unbefriedigend. Die Psychotherapeutenkammer Bremen (PKHB) lud zum Angestellten-Forum, um über den Stand der Dinge und die möglichen Perspektiven zu diskutieren.

Als AnsprechpartnerInnen bei der Veranstaltung am 4. Juni im Fortbildungszentrum der Ärztekammer Bremen standen zur Verfügung:

  • Jutta Dernedde, Medizinische Geschäftsführerin des kommunalen Klinikverbundes „Gesundheit-Nord“
  • Prof. Dr. Robert Francke, Institut für Medizinrecht der Universität Bremen
  • Dr. Heidrun Gitter, Vorsitzende des Marburger Bundes, Landesverband Bremen
  • Staatsrat Peter Härtl, Senator für Gesundheit Bremen
  • Dipl.-Psych. PP Karl-Heinz Schrömgens, Präsident der PKHB
  • Dipl.-Psych PP Axel Janzen, vom Vorstand der PKHB als Moderator

Die PKHB hatte in den vergangenen Jahren mehrere Initiativen gestartet, um zu einer Verbesserung des Status angestellter PsychotherapeutInnen zu gelangen. Im Gegensatz zu den Niedergelassenen ist die Anerkennung als „Facharztgruppe“ im Angestelltenbereich noch in „weiter Ferne“, jedoch wurden erste Schritte realisiert:

  • So wurde im neuen Krankenhausgesetz des Landes Bremen den PsychotherapeutInnen das Recht zugestanden, eigenverantwortlich psychotherapeutische Abteilungen zu leiten. Ebenfalls wurde das Letztentscheidungsrecht von Psychotherapeuten analog den Fachärzten für fachliche Belange festgeschrieben.
  • Von Prof. Dr. Robert Francke liegt die Stellungnahme „Zum Rechtsstatus angestellter Psychotherapeuten in Krankenhäusern und Kliniken“ unter Einbeziehung der Expertise von Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen klinischen Tätigkeitsfeldern vor. Darin wurde bundesweit erstmals klargestellt, welche Tätigkeiten in Kliniken und Krankenhäusern ausschließlich Psychotherapeuten und den entsprechenden Fachärzten vorbehalten sind und welche delegiert werden dürfen.

Karl-Heinz Schrömgens, Präsident der PKHB stellte erste Ergebnisse der bundesweiten Umfrage (IGES) zur Situation angestellter Psychotherapeuten für Bremen vor: 55% der angestellten Kolleginnen und Kollegen sind in Krankenhäusern, Kliniken und Reha-Einrichtungen tätig, zudem bestand die Stichprobe zu 2/3 aus Frauen und zu 1/3 aus Männern. 79% sind als PP, 16% als KJP und 15% sind doppelt approbiert. Bzgl. der Therapierichtungen nannten 63% VT, 23% TP, 12% GT, 3,1% analytische Psychotherapie und 1,8% systemische Therapie.

Interessant war, dass über 60% als Dipl.-Psych. angestellt sind, davon 8% als Leitende Psychologen, wobei insgesamt 42% „Leitungsfunktionen“ angeben (ohne Auswirkung auf die Entlohnung!). Die Approbation als PP habe bei 75% keinen Einfluss auf die Vergütung. Interessanterweise sind im Reha-Bereich jedoch 37% Kolleginnen und Kollegen, bei denen der Titel einen Einfluss auf das Einkommen hat. Dennoch seien, 60% mit dem erzielten Einkommen „zufrieden“. Am Ende seines kurzen Vortrages wies Schrömgens auf das Einstiegsgehalt eines Facharztes hin, welches zurzeit mit 5.332,00 € angegeben wird.

Im Anschluss referierte Prof. Francke zum Status und den Perspektiven von PP im Krankenhaus. Er nannte die Professionalisierung von PP und KJP als wichtigen Prozess. Im Gegensatz zu den Ärzten bestehen für PP und KJP (noch) keine Regelungen z.B. in den Psychotherapierichtlinien des SGB V. Festzuhalten sei, dass psychotherapeutische Behandlung Heilbehandlung ist  entsprechend § 27 SBG V; Heilbehandlung werde, aber auch gem. SGB VI, VII und VIII geleistet wird.

Krankenbehandlung muss wissenschaftlich begründet und mittels wissenschaftlich anerkannter Verfahren durchgeführt werden. Eine berufsrechtliche Gleichstellung zu den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen bestehe laut Francke aus juristischer Sicht, so seien Delegationen von Leistungen möglich, soweit in ihrer Funktion delegierbar, wenn sie überwacht werden (z. B. Testungen, psychoedukative Gruppen). Im Krankenhaus stehen somit ärztliche Psychotherapeuten (approbiert und fähig selbständig zu arbeiten) sowie PP und KJP für die direkte Krankenbehandlung zur Verfügung. Diplom-Psychologen könnten im Krankenhaus einbezogen werden, jedoch nicht für nichtdelegierbare Krankenbehandlung, die ausschließlich Approbierten zustehe.

In der anschließenden Diskussion, bestätigte Francke, dass das Psychotherapeutengesetz 1998 auf die Schaffung einer hinreichenden Versorgung im niedergelassenen Spektrum abgezielt habe. Die Situation von angestellten Psychotherapeuten wurde dabei nicht weiter betrachtet, was angesichts von 60% angestellten Kolleginnen und Kollegen doch etwas überrascht. Um in Tarifverhandlungen eine Rolle spielen zu können, müssten PP und KJP sich in den Verbänden organisieren!

Jutta Dernedde, Medizinische Geschäftsführerin des kommunalen Klinikverbundes „Gesundheit Nord“, sprach über den Status der (hauptsächlich) PP in den Kliniken Bremens. Der ärztliche Leiter Prof. Zimmermann sei außerordentlich interessiert am Rechtsstatus von PP und KJP. Dazu sei insgesamt auch ein „neuer Dialog“ wichtig. Sie habe PP als innovativ und engagiert erlebt; anderenorts seien PP in E-15 eingruppiert gewesen, „Oberarztstellen“ für PP habe es jedoch nicht gegeben.

Als wichtige Neuerung habe sie daran mitgewirkt, dass zurzeit 30 „Ausbildungsplätze“ für die Praktische Tätigkeit für ein geringes Entgelt von 500 €/Monat zur Verfügung stehen. Das sei zwar nicht viel, aber immerhin eine Form der Anerkennung der geleisteten Arbeit.

Die von Prof. Francke genannten rechtlichen Aspekte seien ihr außerordentlich wichtig, betonte Dernedde.  Sie wisse auch, dass PP in Leitungsfunktionen eingesetzt werden, wobei sie in der Diskussion darauf hinwies, dass PP im Krankenhaus im sogenannten „medizintechnischen Dienst“ eingruppiert werden (E 13, E 14, E15?!). Dies sei in der KHBV, der sogenannten Krankenhausbuchführungsverordnung, ausgewiesen. Wie diese veränderbar sein könnte, blieb in der Diskussion jedoch offen.

Dr. Heidrun Gitter(Vorsitzende der Ärztekammer HB und des Marburger Bunds) zitierte den BGH von 1972 und fragte, wann und ob die Reform der Ausbildung denn komme,  um kurz auf einen „Vergleich“ der Ausbildung zu kommen:  (Ärzte brauchen neun Jahre für den Facharzttitel, PP und KJP „weniger“). Sie betonte jedoch, dass sie als Ärztin keine Berührungsängste (auch nicht hinsichtlich des Marburger Bundes) habe, zudem im Team häufig das Gleiche getan werde. Das Erreichen eines Facharztstandes für angestellte PP sei mit dem kommunalen Arbeitgeberverband jedoch so gut wie unmöglich, dieser sei geprägt durch Verwaltungsjuristen. Bundesweit seien da noch sehr dicke Bretter zu bohren. Die Frage, wie weit man sich als Fachgewerkschaft für eine andere Gruppe öffnen kann, sei berufspolitisch für Angestellte sicherlich ein Thema und unter Umständen ein denkbares Erfolgsmodell. Eine denkbare, eigene kleine Fachgewerkschaft von PP und KJP hätte sicher mit vielen Schwierigkeiten und vor allem mit Finanzierungsfragen bei evtl. Kampfmaßnahmen zu tun.

Peter Härtl, Senator für Gesundheit in Bremen, bezeichnete die landesrechtliche Situation bei der Anerkennung unserer Berufsgruppen im Landeskrankenhausgesetz als Erfolg, Bremen war das zweite Land in Deutschland, das eine Nennung von nichtärztlichen Psychotherapeuten in einem Landesgesetz vornahm. Hinsichtlich der „Tariffähigkeit“ von PP und KJP habe und sehe er jedoch keine Form der Einflussnahme, da das Land kein Tarifpartner sei. . Es bestehe keine eigene Regelung der Länder, evtl. sei nach einer Ausbildungsreform und entsprechender Gesetzgebung im Bund leichter etwas Neues über die Vergütungssituation zu erreichen. Auch betonte er in der Diskussion, dass Verbände außerordentlich wichtig seien, um tariflich etwas zu erreichen.

Karl-Heinz Schrömgens betonte die Rolle, die wir bei der „sprechenden Medizin“ (ICD-10 F-Kategorien) spielen und nannte die Bezeichnung „psychiatrische Behandlung“ als möglicherweise irreführend, da sie ein ausschließliches Tätigkeitsfeld einer anderen Berufsgruppe induziert. Es bestehe ein Konzeptionsproblem “Psychotherapeutisch versus psychiatrisch“. Auch die Möglichkeit zur Verordnung von Medikamenten sei  überdenkenswert.

Zurzeit sei unsere Berufsgruppe gerne gesehen, da sich ein Ärztemangel abzeichnet. Wichtig erscheinen ordnungsjuristische Schritte zur weiteren Gleichstellung (Befugniseinschränkungen im SBG V, z. B. hinsichtlich Einweisungen ins Krankenhaus). Auch bestehe weiterhin sowohl landesrechtlich als auch bundesrechtlich ein gewisser juristischer Neglect hinsichtlich unseres Standes. Wir werden weiterhin die Zusammenarbeit mit Verwaltungsjuristen benötigen und auch deren Unterstützung.

Joachim Lagerspets

Der Autor ist PP und Delegierter aus Niedersachsen für den Deutschen Psychotherapeutentag. An der Veranstaltung der Bremer Kammer nahm er als Gast teil.


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