Psychotherapeutische Versorgung verbessern

Vorschläge der Ersatzkassen auf dem Hauptstadtkongress kontrovers diskutiert


„Künftig wird es darum gehen, die Versorgungskapazitäten effizient zu nutzen und die Patienten in die geeigneten Versorgungsangebote zu bringen. Ein Ansatz ist dabei, Indikation und Versorgung besser miteinander zu verknüpfen.“ Mit diesem Impuls meldete sich der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) bei seinem Forum im Rahmen des „Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit“ zu Wort. „Insbesondere in der ambulanten Versorgung ist die Therapie heute mehr vom Zufall als von rationalen Erwägungen abhängig. Obwohl die bedarfsplanerische Versorgungslage in der Regel gut bis sehr gut ist, müssen Versicherte oft lange auf den Beginn der Therapie warten. Dabei variiert die Behandlung gleicher Krankheitsbilder zwischen 25 und 300 Stunden und ist mehr vom Therapeuten als von der Indikation abhängig.“

Das Forum wurde von Andreas Lehr vom LetV Verlag moderiert. Diskutanten waren: Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek; Christoph Jonas Tolzin vom Kompetenz-Centrum für Psychiatrie und Psychotherapie (KCPP) und Dieter Best von der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung e. V. (DPtV). Das Kompetenz-Centrum für Psychiatrie und Psychotherapie hat als Hauptaufgabe die Unterstützung und Beratung der Kranken- und Pflegekassen und ihrer Verbände sowie der Medizinischen Dienste bei Versorgung- und Strukturfragen. Hierzu gehört auch die kontinuierliche Beratung des GKV-Spitzenverbandes in den Gremien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gemäß § 91 SGB V.

Zu Beginn stellte Tolzin (KCPP) eine orientierende Recherche zur Wirksamkeit der drei Richtlinienverfahren – Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und psychoanalytische Psychotherapie – vor. Er wies daraufhin, dass nicht Bezug genommen wurde auf Nicht-Richtlinienverfahren und dass der G-BA derzeit dabei sei, die drei Richtlinienverfahren zu überprüfen; diese Überprüfung werde aber noch ca. zwei Jahre dauern.

Die Recherche des KCPP hatte im Kern ergeben, dass bei der Verhaltenstherapie (VT) die meisten Wirksamkeitsnachweise vorliegen, so dass nach dem Wirtschaftlichkeitsgebot VT häufiger eingesetzt werden müsste und auch geeigneter sei für Selektivverträge. Bei der Besetzung neuer Praxissitze müsse man - wenn es nach dem Wirtschaftlichkeitsgebot ginge - vorrangig VerhaltenstherapeutInnen nehmen. Tolzin sprach sich außerdem für eine Veränderung des Gutachterverfahrens aus sowie für die Einrichtung von Koordinierungsstellen für die Psychotherapie.

Ulrike Elsner (vdek) zeigte sich nicht zufrieden mit der Entwicklung der psychotherapeutischen Versorgung und machte dies fest an den langen Wartezeiten und an der zunehmenden Anzahl der Therapien im Rahmen der Kostenerstattung. Es gebe ein gutes und sehr differenziertes ambulantes Leistungsangebot, wobei die Behandlungsdauer sehr stark schwanke - zwischen 25 und 300 Stunden - und es gebe dabei massive Unterschiede zwischen Ost und West bzgl. der Verfahren.  Auch die Gruppenpsychotherapie werde noch zu wenig genutzt.

Die Ersatzkassen wünschten sich eine „intelligente Koordinierungsstelle“ und man denke einen „hausärztlichen Psychotherapeuten“, der es den Versicherten ermögliche, einen schnellen Zugang zu der Leistung zu bekommen, die für sein Problem erforderlich sei. Dies könne in einem Fall eine Selbsthilfegruppe oder eine Krisenintervention sein oder aber in einem anderen Fall eine Psychotherapie. Ulrike Elsner kann sich gut eine Modellerprobung einer solchen Koordinierungsstelle vorstellen, und „selbstverständlich“ solle diese Koordinierungsstelle mit Fachleuten besetzt werden und nicht unter der Regie der Krankenkassen laufen. Man könne sich hier zum Beispiel vorstellen, dass die Koordinierungsstellen bei den KVen eingerichtet werden. Die Koordinierungsstellen könnten mit Psychotherapeuten besetzt werden oder aber auch mit entsprechend ausgebildeten MedizinerInnen.

Dieter Best (DPtV) nahm Bezug auf die neue Bedarfsplanung und wies darauf hin, dass die 1.400 neuen Praxissitze nicht ausreichen würden, den Bedarf von Psychotherapie ohne Wartezeiten zu decken. Best stimmte Elsner zu, dass zu wenig Gruppenpsychotherapie gemacht wird, widersprach aber der These, dass Psychotherapeuten überwiegend leichte Fälle behandeln würden. Er verwies auf eine Expertise (KBV-Auswertung auf Basis der Abrechnungsdaten/Anzahl der Behandlungsfälle im 1. Quartal 2010), die belegt, dass es kaum Unterschiede gibt: Psychologische Psychotherapeuten und Psychiater behandeln weitgehend gleich schwierige oder leichte Fälle. Lediglich Suchterkrankungen und Schizophrenie werden häufiger von Psychiatern behandelt. Die ungleiche regionale Verteilung der Psychotherapieverfahren sei historisch bedingt und werde sich im Laufe der Jahre sicher ausgleichen, so Best.

Koordinierungsstellen seien völlig überflüssig, so Best weiter, da jeder Therapeut über ein gutes Netzwerk vor Ort verfüge. Das Konzept der Koordinierungsstellen würde die Zugangsschwelle erhöhen und damit den Patienten und die therapeutische Beziehung belasten. Der freie Zugang zum Therapeuten sei nicht mehr gegeben. Best plädierte dafür, die Handlungsmöglichkeiten der Psychotherapeuten zu erweitern, ein Berichtswesen zu standardisieren und dies aber auch entsprechend zu bezahlen. Es bedürfe eines schnellen Zugangs zu einer Akutbehandlung und es müsse auch berücksichtigt werden, dass ca. 10 % chronisch psychisch Kranke eine Dauerbetreuung brauchen und dass niedrigschwellige unbürokratische Lösungen benötigt werden, um dies zu ermöglichen.

Die Gruppentherapie solle ganz in der Entscheidung des Psychotherapeuten liegen. Außerdem müssen Abrechnungsmöglichkeiten geschaffen werden, die es dem Psychotherapeuten erlauben, bei Bedarf Kindergärten, Schulen oder andere Umfelder des Klienten einzubeziehen. Das Gutachterverfahren solle entschlackt werden, und es sollten erweiterte sozialrechtliche Befugnisse für die Psychotherapeuten geschaffen werden, wie Krankschreibungen und Einweisungen in Kliniken. Statt einer Koordinierungsstelle sollte man die probatorischen Sitzungen besser bezahlen, so wie es in Selektivverträgen häufig gemacht wird.

In der anschließenden Diskussion meldete sich ein Patient zu Wort, der von einer Odyssee berichtete, als er aufgrund eines Problems eine Depression bekam. Er sprach sich vehement für Koordinierungsstellen aus. Man solle dringend den Versuch wagen, Koordinierungsstellen einzurichten, um eine zielgerichtete schnelle Steuerung für den Patienten zu ermöglichen, und in einem Modellversuch zu prüfen, ob sich so eine Stelle nicht positiv auf die PatientInnen auswirken würde.

Waltraud Deubert


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