"Es wird laut!" - Eindrücke von der 16. Konzertierten Aktion der KBV [1]

Nicht nur die PsychotherapeutInnen fühlen sich von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und deren Chef, Dr. Andreas Köhler, mitunter schlecht vertreten. Dieses Mal schimpften auch die Nephrologen und die Humangenetiker.


Dr. Andreas Köhler, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), trägt eine Brille, wie sie auch bei Berliner Politikern zur Zeit modern ist, eine kräftige, dunkle Vollrandbrille. Eine, die bei Frank Walter Steinmeier oder sogar CSU-Mann Alexander Dobrindt erstaunlich modern aussieht. Bei Köhler wirkt es irgendwie so, als trüge er sie seit den frühen Sechzigern, einer Zeit, in der Konrad Adenauer sagte “In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern recht zu behalten.“ Köhler ist der oberste politische Vertreter der deutschen Ärzteschaft. Wenn man ihm dann zuhört, wie er innerhalb von Sekunden vom Referatsstil auf totale Empörung umschaltet, wenn man ihm zusieht, wie er mittels Mimik Missfallen ausdrücken kann, entsteht beim Beobachter ein Bild davon, wie er wohl als Verhandlungspartner auftritt: stets kampfstark und erregungsbereit. Köhler wirkt wie ein Mann, dem man getrost die Vertretung seiner Interessen überlassen kann.

Köhler betont, er werde dafür bezahlt, die Interessen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland zu vertreten. Das scheint aber nur dann der Fall zu sein, wenn diese seine Auffassungen teilen. Die Nephrologen und Humangenetiker tun das an diesem Tag, dem 05.07.2013, an dem die 16. Konzertierte Aktion der KBV stattfindet, nicht. Beide Arztgruppen haben z.T. empfindliche Einschnitte beim Gehalt hinnehmen müssen. Im Ablauf der Konzertierten Aktion wechseln sich Vorträge von Köhler mit einer Runde ab, in der Verbandsvertreter nach vorheriger Meldung vor das Podium treten dürfen, um eine Frage zu stellen oder Anmerkungen zu machen. Als sich der Vertreter des Berufsverbandes der Nephrologen zu Wort meldet, kündigt Köhler gleich an: "Ich bin geladen. Es wird jetzt laut." Der Nephrologe, ein freundlich blickender Herr im hellen Jacket, versichert zwar noch, von seiner Seite her werde es ruhig bleiben. Köhler wird dann aber doch recht laut. "Ans Bein pinkeln" lassen wolle er sich nicht, hatte er schon im vorangegangenen Vortrag mehrfach gesagt. Auch der Verbandsvertreter der Humangenetik dringt im Anschluss mit seinem Argument nicht durch, die angekündigten Kürzungen führten in eine totale Kommerzialisierung seines Berufszweigs. Für Köhler zählen vor allem die Zahlen. Und weil die Nephrologen diese Zahlen eben nicht lieferten, um ihren Bedarf zu belegen und die Humangenetiker rechnerisch mehr verdienten als ihnen zustünde, käme es zu den Kürzungen. In Zeiten knapper Kassen bedeutet das: Umverteilung innerhalb der Ärzteschaft.

Wo in diesem Geldkreislauf sich die Psychologischen Psychotherapeuten befinden, lässt sich schon zu Beginn der Veranstaltung erahnen, als es um die Neuregelung des Verhältnisses von Ärztlichen zu Psychologischen Psychotherapeuten geht. Durch die neue Anpassungsregelung, die bis einschließlich 2015 gilt, seien neue Niederlassungsmöglichkeiten für Psychologische Psychotherapeuten geschaffen worden, referiert Köhler. Wegen des dadurch erhöhten Finanzierungsbedarfs sei er froh über die extrabudgetäre Bezahlung der Psychotherapie. Und deshalb sehe er diese Neuzulassungen für Psychologische Psychotherapeuten auch "nicht ausschließlich negativ".

"Nicht beschweren" könnten sich die Psychotherapeuten auch, dass die neue Grundversorgungspauschale bei ihnen entfällt, sobald sie tatsächlich Psychotherapie durchführten. Entscheidend sei, dass diese nun überhaupt als Grundversorger geführt würden. Dass die Durchführung von Psychotherapie zum Ausschluss der Pauschale führe, habe mit den vielen Arztpraxen zu tun, die fast ausschließlich psychotherapeutisch tätig seien. Köhler findet, diese sollten doch eigentlich ganz aus der hausärztlichen Versorgung aussteigen und hätten deswegen keine Grundversorgungspauschale verdient, sobald sie psychotherapeutisch tätig würden. Ergo bekommen Praxen von Psychologischen Psychotherapeuten die Pauschale auch nicht, sobald sie psychotherapeutisch tätig werden. 

Überhaupt steht eines der psychotherapeutisch wichtigsten Handwerkszeuge, das Gespräch, unter den versammelten Verbandsvertretern der Konzertierten Aktion nicht besonders hoch im Kurs. Ob sie wirklich eine Ziffer für "Larifari-Gesprächsleistungen" haben wollten, fragt Köhler das Auditorium. In der jetzigen Form sei das ärztliche Gespräch schon in der Grundpauschale enthalten. Gäbe es dafür eine eigene Ziffer, "müssten Sie aber auch zehn Minuten sprechen", warnt Köhler. Ein Rumoren geht durch den Raum. Für viele der Ärztevertreter eine offenbar aversive Vorstellung. Explizit macht das in einer Wortmeldung der Vertreter des Berufsverbands Deutscher Internisten. Besser sei es in zehn bis 20 Sekunden etwas präzis zu sagen, als in zehn Minuten etwas Unpräzises, auch wenn das manchen Kollegen schwer falle. Unpräzises Arbeiten solle aber nicht auch noch belohnt werden.

Schwerpunkt der Veranstaltung ist der Entwicklungsstand des EBM, ein Umverteilungsinstrument, das nicht bei allen Verbandsvertretern auf Sympathie stößt. Köhler stellt die regionalen Verhandlungsergebnisse heraus, die die rechtmäßige bundesweite Erhöhung von nur 0,9 Prozent in den meisten Regionen um Werte im mittleren einstelligen Bereich ergänzt haben. Kein schlechtes Ergebnis, findet Köhler. Da Oberarztgehälter als wichtige Orientierungsgröße gestiegen seien, müsste auch der EBM-Punktwert demnächst weiter steigen. Faktisch sei dieser zuletzt aber um 0,25% gesunken.

Thema wird auch noch die von der KBV initiierte Imagekampagne der Ärzte "Ich arbeite für Ihr Leben gern", die schon 24% der Bundesbürger kennen. Das sei ein guter Wert im ersten Jahr, lobt Köhler. Auch die Verunglimpfung durch die Satirezeitschrift Titanic, die einen golfspielenden Arzt mit Lamborghini im Hintergrund zeigt, sei eine "Adelung" der Kampagne. Nach der Urlaubsphase käme denn auch eine neue Welle mit Plakaten, Kinospots und Werbung vor der Tagesschau. Es werde "provokativ" und es werde Diskussionen geben. Was da genau zu sehen sein wird, will Köhler aber noch nicht verraten. Man solle sich überraschen lassen. Vielleicht wird es ja wieder laut?

Thorsten Padberg, Berlin


[1] Zur Konzertierten Aktion lädt die KBV mehrmals jährlich die Vertreter/innen der Berufsverbände ein.


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