Zukunft der KJP: Fachwelt ringt um Positionen

Tagung des Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -therapeutinnen bkj: Die aktuellen Umwälzungen betreffen KJP besonders.


Zur Zukunft der Psychotherapieausbildung organisierten Prof. Margret Dörr (Katholische Hochschule Mainz), Prof. Ulrich Müller (Hochschule Hannover) und Marion Schwarz (Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -therapeutinnen bkj) eine Veranstaltung. Sie fand am 2. Oktober 2013 in Berlin an der Humboldt-Universität statt, und war mit über 80 Teilnehmern gut besucht.

In seiner Begrüßung wies Prof. Bernd Ahrbeck (Humboldt-Universität Berlin) bereits auf die Bachelor- und Master-Problematik hin, die durch die Bologna-Beschlüsse hinsichtlich der Zugänge zur Psychotherapie-Ausbildung, vor allen Dingen für die Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (KJP), entstanden sei.

Marion Schwarz (bkj) fasste die seit 2008 währenden berufspolitischen Diskussionen zusammen, die hinsichtlich der Problemfelder Studienabschluss und Zugang zur Psychotherapieausbildung, aber auch hinsichtlich der Honorierung der Praktischen Tätigkeit, intensiv geführt werden:

Die pädagogischen Fakultäten diskutierten intensiv, wie auch zukünftig pädagogische Inhalte und Zugänge zur Psychotherapie-Ausbildung erhalten bleiben können. So etablierte sich die AZA-KJP (Arbeitsgemeinschaft Zugang und Qualitätssicherung der Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie), in der neben den HochschulvertreterInnen auch Berufs-und Fachverbände mitwirkten. Die AZA-KJP veröffentlichte bereits 2008 ein Papier zu Mindeststandards für ein klinisch-pädagogisch-sozialarbeiterisches Profil von Masterstudiengängen.

Im Mai 2010 wurde auf dem Deutschen Psychotherapeutentag der Reformvorschlag verabschiedet, der zukünftig nur noch einen Heilberuf vorsieht mit einer Schwerpunktsetzung für Kinder- und Jugendliche bzw. Erwachsene. Dieser Vorschlag fand unter den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten eine Mehrheit unter der Bedingung, dass es zu einem Konsens hinsichtlich der zu fordernden Studieninhalten zwischen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) und dem Fachbereichstag Soziale Arbeit komme. Dieses Konsenspapier wurde im Frühjahr 2012 verabschiedet.

Trotz aller Bemühungen, zeitnah zu einer Reform des Psychotherapeutengesetzes zu kommen, hat die Politik weder die Ergebnisse des Forschungsgutachtens zur PP- und KJP-Ausbildung noch die Beschlüsse des Deutschen Psychotherapeutentages (DPT) aufgegriffen, sondern fordert aufgrund von sog. ordnungspolitischen Gesichtspunkten eine an dem Medizinstudium orientierte Ausbildung im Sinne eines Psychotherapie-Studiums („Direktausbildung“).

Günter Molitor, analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aus Berlin, wies in seinem Referat auf die basale Prägung des Berufsbildes des KJP durch die Pädagogik hin.

Dr. Sabine Trautmann-Voigt (Köln-Bonner Akademie für Psychotherapie) wandte sich in ihrem Statement der Frage zu, wie sich die KJP-Ausbildung entwickeln müsse, um auch zukünftigen Ansprüchen an den Beruf gerecht zu werden. Das Gesundheitswesen der Zukunft brauche Strukturveränderung, da es weniger Kinder gebe, mehr Armut, mehr Zuwanderung, mehr Kinder psychisch kranker Eltern sowie ein verändertes Konsum- und Medienverhalten. In der Folge werde eine stärkere Vernetzung von KJP mit der Jugendhilfe, mit Reha-Angeboten und der Sozialhilfe notwendig sein. KJP würden daher ein Basiswissen als Manager für komplexe Beziehungsprobleme in komplexen Lebenswelten für Kinder brauchen. Psychologie sei eine wichtige Leitwissenschaft, aber nicht die einzige. Für eine zukünftige Ausbildung forderte Trautmann-Voigt inhaltliche qualifizierte Schwerpunkte, eine Durchlässigkeit von PP zu KJP und umgekehrt. Das Psychotherapeutengesetz müsse reformiert, nicht revolutioniert werden, auch um die Interessen der Kinder zu schützen.

In ihrem gemeinsamen Referat zur Relevanz des pädagogischen Wissens betonten Prof. Margret Dörr und Prof. Werner Thole für die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften einen umfassenden Bildungsbegriff, der sich von einer rein kognitiven Aneignung von Wissen deutlich unterscheide. Zu bedenken sei im Hinblick auf die psychotherapeutische Ausbildung, dass gerade psychische Störungen in ihrer sozialen und kulturellen Einbettung gesehen und verstanden werden müssen. In den Erziehungswissenschaften gebe es eine lange und breite Tradition der Interdisziplinarität mit großer Bedeutung auch für die Gebiete der Prävention und Rehabilitation, die bei einem erweiterten Verständnis von Psychotherapie ein wichtiges Tätigkeitsfeld von Psychotherapeuten sein sollten.

Prof. Michael Borg-Laufs (Hochschule Niederrhein) sprach für den Fachbereichstag Soziale Arbeit über die spezifischen KJP-Kompetenzen und wies vor allem auch auf die Entwicklungsabhängigkeit von psychischen Störungen hin, die einer besonderen Kompetenz des behandelnden Psychotherapeuten bedürfe, wie z. B. einer systemischen und einer Umwelt-Kompetenz. Das Tätigkeitsfeld des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten spiegele die Bedeutung sozialer Netzwerke wider, in das sich auch der KJP angemessen einbringen müsse. Gerade hierfür seien KJP mit pädagogischer/sozialpädagogischer Grundausbildung in besonderer Weise geschult und geeignet, was auch den hohen Anteil dieser Gruppe innerhalb der KJP-Gruppe insgesamt erkläre.

Prof. Ulrich H. Müller (Hochschule Hannover/Winnicott Institut) fokussierte in seinem Referat auf die Möglichkeiten der Kooperation zwischen Hochschulen und Ausbildungsinstituten im Hinblick auf die psychotherapeutische Ausbildung. Er äußerte starke Zweifel, ob ein wissenschaftliches Grundstudium und die anwendungsbezogenen und damit eher handlungsorientierten Ausbildungsanteile wie Selbstreflexion und Patientenbehandlung angemessen in einem Direktstudium verankert werden könnten.

Mit Ministerialdirigent Clemens Benz nahm ein Vertreter des Hochschulausschusses der Kultusministerkonferenz (KMK) an der Veranstaltung teil. Er wies in seinem Statement auf die gesellschaftlichen Bedarfe für fundiert ausgebildete KJP hin. Hinsichtlich der Ausbildungsstruktur müsse man schauen, was an Ausbildungsteilen und -inhalten in einem Studium gehe und was in der (postgradualen) Ausbildung (Weiterbildung) erfolgen müsse. Die durch die Bologna-Reform eingetretene Heterogenität hinsichtlich der Zugangskriterien für die Psychotherapie-Ausbildung (Bachelor/Master) sei der KMK ein „Dorn im Auge“. Es fehle an Transparenz und Verlässlichkeit.

Die Vorstellungen des Bundesministeriums für Gesundheit hinsichtlich der Ausbildung der Ärzte seien für den Hochschulausschuss schwierig, da sich der Abschluss mit Staatsexamen inzwischen überholt habe. Sie sähen durchaus den Bachelor als ersten Berufszugang bei einem Studium als gegeben, ebenso als Voraussetzung für die postgraduale Ausbildung. Ein neues Studium müsse klare Berufsqualifikation mit dem Bachelor ermöglichen.  Die Zuständigkeit liege jedoch beim BMG, wobei es ja auch andere Berufe gebe, bei denen Kooperation und Kommunikation zwischen BMG und KMK üblich und erforderlich sei.

Podiumsdiskussion

In der anschließenden Podiumsdiskussion äußerte Prof. Silvia Schneider (Deutsche Gesellschaft für Psychologie/DGPs, Uni Bochum), dass die derzeitigen Ausbildungsgruppen sehr heterogen seien. Aus ihrer Sicht würden zukünftig bei dem Ein-Berufe-Modell auch die Erwachsenenpsychotherapeuten profitieren, denn die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie hätte viel zu bieten, was auch in eine neue Approbationsordnung einfließen könne. Sie stellte die Vorzüge des DGPs-Modells einer Direktausbildung dar, wobei inzwischen auch vorgesehen sei, einen Quereinstieg zu ermöglichen.

Prof. Borg-Laufs wies auf die bereits jetzt bestehende hohe Belastung an den Hochschulen hin und fragte, wie es da hinsichtlich der Etablierung eines neuen Psychotherapiestudiums zusätzliche Ressourcen geben solle. Uwe Keller (Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland VAKJP) betonte die Bedeutung der Pädagogik in der Psychotherapie allgemein. Prof. Marion Mayer (Alice-Salomon-Hochschule Berlin) forderte eine multidisziplinäre Lösung hinsichtlich der Reformdebatte und warnte vor einer Reform, die den pädagogischen Absolventen Psychotherapieausbildung unmöglich macht.

Alfred Krieger (Präsident der hessischen Psychotherapeutenkammer) stellte die Frage, ob es für KJP ein gesondertes Berufsbild gebe, das sich von dem des PP unterscheide. Hierauf formulierte Christof Schiene aus dem Wissenschaftsministerium Niedersachsen den Wunsch nach einem expliziten KJP-Kompetenzprofil und stellte aus seiner Sicht klar, dass ein breiter fachlicher Zugang zu erhalten sei. Hinsichtlich der Ausbildungsvorstellungen seitens des BMG kritisierte er, dass bislang die Einbeziehung der KMK nicht erfolgt sei. Eine solche Reform betreffe auch Finanzierungsfragen der Bundesländer. Die gegründete Bund-Länder-Kommission habe bislang nur einmal getagt. Auch sei zu fragen, woher die erforderlichen Lehrstühle für ein Psychotherapiestudium kommen und ob es ggf. integrierte Modelle geben solle und könne.

Während Barbara Lubisch (Vorstand Deutsche Psychotherapeutenvereinigung / DPtV) das Modell eines Direktstudiums als Approbationsstudium mit anschließender Weiterbildung unterstützte und forderte, äußerte Herr Baumann als Vertreter der Systemischen Gesellschaft hierzu Bedenken, denn gerade die verschiedenen Grundberufe seien eine Bereicherung für die psychotherapeutische Ausbildung. Georg Schäfer (Psychotherapeutenkammer NRW) befürchtete ebenso durch die Einführung eines Psychotherapie-Studiums eine Einengung der Inhalte. Dr. Dieter Munz als Vertreter der BPtK betonte, dass die Profession nun gezwungen sei, sich einer solchen Reform-Option zu stellen. Das Ministerium gebe den Strukturrahmen vor, wolle aber, dass die Psychotherapeuten die erforderlichen Inhalte eines Studiums definieren. In dem Zusammenhang sei auch die Frage zu klären, welchen Stellenwert zukünftig die Approbation haben solle/könne, wenn sie direkt nach dem Studium, noch vor der Weiterbildung, erworben werde.

In einer Berliner Erklärung wurde nochmals mit Nachdruck die Anhebung des Studienabschlusses für pädagogische Studienabsolventen auf das Masterniveau gefordert, um gleich hohe akademische Zugangsvoraussetzungen für PP und KJP zur psychotherapeutischen Ausbildung zu erreichen. Außerdem wird in der Erklärung gefordert, dass eine zukünftige Reform die unterschiedlichen wissenschaftlichen Grundlagen und Disziplinen weiterhin gewährleisten muss.

Da das BMG nicht anwesend war, konnten leider die unterschiedlichen Standpunkte hinsichtlich einer zukünftigen Ausbildungsstruktur nicht direkt mit den beteiligten und zuständigen Ministerien diskutiert werden. Die zuständige Mitarbeiterin des BMG hat die Veranstalter zu einem Treffen in das Ministerium eingeladen, um dort die Diskussion nachholen zu können.

Barbara Breuer-Radbruch, Marion Schwarz

Dieser Bericht wurde von Barbara Breuer-Radbruch, Schriftführerin des bkj, und Marion Schwarz, bkj-Vorsitzende, verfasst und von der Redaktion der Rosa Beilage – mit Einverständnis der Autorinnen – gekürzt.


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