Berufsverbandssitzung der KV Mecklenburg-Vorpommern

Honorare – und ihre Implikationen: Die Vertreter der ärztlichen und psychotherapeutischen Berufsverbände wurden von der Kassenärztlichen Vereinigung auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht.


Am 13. November 2013 trafen die geladenen Vertreter der ärztlichen und psychotherapeutischen  Berufsverbände im Schweriner Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommerns zusammen. Wie üblich im Vorfeld der hiesigen KV-Vertreterversammlung, um vom Vorstand und der Verwaltung über den aktuellen Stand der Angelegenheiten informiert zu werden.

Nach 10 Jahren wohl zum letzten Mal berichtete der Vorstandsvorsitzende, Dr. Wolfgang Eckert, hier von den Geschehnissen auf den politischen Bühnen und nutzte die Gelegenheit, sich von den Berufsverbändlern zu verabschieden, da er im Januar 2014 in den wohlverdienten Ruhestand gehe.

Von hoher Aktualität waren seine Worte zur letzten Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), zuerst zum Gesundheitszustand des dortigen Vorsitzenden Dr. Köhler. Köhler hatte ja kurz nach jener Veranstaltung einen Hinterwand-Herzinfarkt erlitten und befand sich noch akut im Krankenhaus.- Eckert war von dem Vorfall noch sichtlich beeindruckt und wünschte Köhler baldige gute Besserung. Die Dramaturgie der Veranstaltung sei indes in der Presse nicht ganz korrekt dargestellt worden. Dr. Köhler selber habe seinen Antrag mit einem Junktim verbunden, die Hausärzte-Fraktion habe dann den Saal vor der Abstimmung verlassen, um ihm nicht mit ihrer Ablehnung zugleich persönlich das Misstrauen aussprechen zu müssen. Im Hintergrund sah Dr. Eckert, dass Dr. Köhler schon länger in einer unsäglichen Lage gewesen sei, gleichzeitig Vorsitzender der Körperschaft und Anführer einer der zwei dort um die Macht kämpfenden Mannschaften. Ein dreiköpfiger Vorstand hätte das mildern können, aber das sei ja nicht gewollt worden. So sei letztlich der aktuelle Abwahl-Antrag Eckerts und anderer die Konsequenz daraus gewesen. Der Zwist drohe sonst nie zu enden, schon hätten wieder die KV-Vorsitzenden Hamburgs, Bremens und Schleswig-Holsteins die gerade begonnene absolute Trennung des fach- vom hausärztlichen Honorarbudget angegriffen. Die Gefahr sei: „die konservativen Fachärzte gehen bislang bei der Trennung kaputt“.

Vielleicht leitete Eckert bei dieser Befürchtung ja sein Wissen um das schon lange auch in seiner KV bedauernswerte Honorarniveau der PsychotherapeutInnen. Jedenfalls fügte er an, die Psychotherapeuten drohten beim Kampf der beiden Lager weiter hinten runter zu fallen, schon jetzt sei der nach der Ausbudgetierung im Lande verbliebene Geldmittel-Rest zu knapp für die hiesigen nicht genehmigungspflichtigen Leistungen (ngpL) der Psychotherapeut/innen. Und nun seien am Wochenende alle 64 neuen Psychotherapeuten-Sitze vom Zulassungsausschuss M.-V. besetzt worden, die ersten werden wohl ab Dezember zu praktizieren beginnen können (hier sei vom Autor angemerkt, das verheißt für die ngpL-Punktwerte des letzten Quartals 2013 nichts Gutes, zumal die vom dritten Quartal schon 10% unter dem Orientierungswert blieben!).

Damit waren wir auch schon bei den Verhandlungen auf Bundesebene, denn allein von Einflussnahme dort (wohl aber nicht von den HVM-Verhandlungen im Lande) erwartete Eckert eine Besserung dieser unserer immer größer zu werden drohenden Misere. Auf der anderen Seite habe man ja früher z.B. den Augenärzten im Lande Punktwerte von über 5 Cent zuteilen können, da deren Leistungskontingente gar nicht voll abgerufen wurden. In der Zukunft sollte statt der HVVs besser die Morbidität wieder in den Vordergrund gerückt werden. So seien die Plausibilitätsprüfungs(Arbeitszeit)-Werte z.B. bei Orthopäden oder Anästhesisten mittlerweile „irre“.

Die KV-M.-V. zahle die bundesweit höchsten Honorare aus, aber die vergangenen 2 Jahre unter den Konvergenz-Regelungen hätten andere Länder die großen Zuwächse gehabt. In künftigen Bundes-Verhandlungen müsse die KV M.-V. mit zwei Pfunden wuchern: 1. unsere Niedergelassenen haben 27% höhere Fallzahlen als der Bundesschnitt, 2. das hiesige Honorar pro Behandlungsfall liege 3,7% unter dem Bundesdurchschnitt. Auch gebe es mit Rostock und Bad Doberan gleich zwei ‚Best Practice‘ Regionen, in denen die ambulante Versorgung die stationäre übertreffe, was ja Wunsch und Ziel der Gesundheits-Bundespolitiker sei.

Dass mit Herrn Prof. Lauterbach und Herrn Spahn gleich die zwei wichtigsten Politiker aus NRW seien, stimme ihn nicht sehr optimistisch, wie auch deren Vorschlag einer Garantie für Facharzt-Termine binnen vier Wochen, per Terminzentrale. Es geben doch bereits die erfolgreiche A / B Überweisungssteuerung, dafür wurden im letzten Quartal 100.000 Euro ausgezahlt, vor 1 Jahr waren das erst 70.000 Euro.

Im Rahmen des erfolgreichen Betreuungsstrukturvertrages (im letzten Quartal ca. 1 Mio €) ermöglicht die KV bei bestimmten Medikament-Verordnungen die Hinzufügung der korrespondierenden Diagnosen, was die Krankenkasse wegen ihres sich dadurch erhöhenden Morbiditätsnachweises freut und sich für die KV in korrekteren diagnosebezogenen Morbiditäts-Kennwerten niederschlage. Derzeit liege man hier an 5. Stelle der Länder-KVen (1,64%), nächstes Jahr werde man schon auf die 2. Stelle vorrücken: wieder ein gutes Argument mehr in den Verhandlungen. Jedoch habe man die höchste demografische Veränderungsrate (0,84%). Bei den Arzneimittelverschreibungen sei man vom Spitzenplatz weggekommen, zur Zufriedenheit der regionalen Krankenkassen, starke Steigerungsdynamik liege bei der Onkologie und den Psychiatrischen Institutsambulanzen („PiAs“!).

Zum Abschied lobte Eckert noch einmal die konstruktive Zusammenarbeit der Haus- und Facharzt-Verbände im Lande und deren hohe Mobilisierungskraft, bei allen Protestaktionen sei man sehr gut vertreten gewesen, das habe den Krankenkassen durchaus Respekt eingeflößt.

Dann berichtete der Hauptabteilungsleiter Verträge, Dirk Martensen, zuerst zum 1. Halbjahr 2013. Vom 6-7%igen Honorarzuwachs habe man jeder Arztgruppe 2-3 % zugeteilt und den Rest in Abhängigkeit der Überschüsse zugeordnet, das habe die Vertreterversammlung ab 1/2013 erlaubt. Die AGV' s (RLV + QZV + freie Leistungen, die beste Gruppen-Vergleichsvariable) wurden so bei Psychiatern (45.300 € /Quartal) am stärksten (+11,4 %) gesteigert, Anästhesisten und Schmerzmediziner riefen nicht ihre maximal möglichen Summen ab. Bei den Fallzahlen gab es bei uns psychologischen Psychotherapeuten im letzten Jahr eine Steigerung um 4,3 %, bei den ärztlichen Psychotherapeuten um 24,4 %. Die stärksten Fallwertsteigerungen hatten HNO-Ärzte, Augenärzte, Nuklearmediziner und Psychiater, bei den Psychotherapeuten war‘s nur 0,8 %.

Zum Honorarverteilungsmaßstab ab dem vierten Quartal 2013: nun habe man ja einen Punktwert von zehn Cent. Dieser werde als "PW Reg" bezeichnet, da er ja veränderlich sei, ab dem ersten Quartal 2014 betrage er z. B. 10,13 Cent. Neu sei auch die Kompletttrennung der Gesamtvergütung in den hausärztlichen (63,7 Mio. €) und den fachärztlichen Bereich (57,9 Mio. €). Im Vorabzug seien nur noch der Bereitschaftsdienst (3,8 Millionen €) und das Labor (12,5 Mio. €). Ab dem 1.1.2014 kämen dann noch die Vorgaben zur PFG (Fachärztliche Grundversorgerpauschale, 1,8 Mio. €) und zum genetischen Labor (0,8 Mio. €) hinzu. An der PFG habe man in der KV MV Kritik, sie solle besser nicht an Fachgruppen, sondern an Abrechnungsziffern festgemacht werden. Und die PFG solle für alle Arztgruppen gleich hoch sein (JF: das wäre für die Psychotherapeuten eine starke Benachteiligung!). Simulationsberechnungen auf der Basis des zweiten Quartals 2012 ergaben für die Psychotherapie (die höchste) PFG von 15,90 € pro grundversorgtem Fall (2,03 Mio. €). Man habe aber nur 1,8 Mio. € dafür übrig, also dürfte der Punktwert für die Psychotherapeuten-PFG wohl von der KV M.-V. auf ungefähr 8,9 Cent abgesenkt werden.

Herr Martensens drittes und letztes Thema war die Honorarverhandlungen 2014. Der Orientierungswert steige ja bundesweit um 1,3 %, die im Lande erwartete diagnostische Veränderungsrate liege bei 2,03 % die demographische Veränderungsrate bei 0,74 %. Die Krankenkassen würden irgendetwas dazwischen verhandeln wollen, die KV MV etwas oberhalb davon. Die Förderung der Grundversorgung schlage mit insgesamt 0,65 % zu Buche. Insgesamt liege man so zwischen 2,5 und 4 %, bei einer um 0,9 % zurückgehenden Versicherten-Entwicklung.

In der nachfolgenden Diskussion wurden vor allem die hohen Ausgaben fürs Labor kritisiert. Dr. Eckert verwies darauf, dass tatsächlich in 2012 der gesamte MV-Honorarzuwachs ins Labor geflossen sei. Für die Neubewertung von Leistungen sei aber alleine die KBV zuständig, zudem müsse man als Arzt dann halt einfach auch weniger Labor anfordern. Ärgerlich sei, dass ein Großteil dieser Mittel (10 Mio. €) nicht im Lande blieben. Auf die Frage nach möglichen Folgedynamiken der PFG erinnerte Dr. Eckert daran, dass die Plausibilitätszeiten zum 1.7.2014 überarbeitet werden sollen. Zum Beispiel sei bei den Orthopäden die Gesprächsleistung in die Grundpauschale übernommen worden, dadurch erhöhte sich deren Plausibilitätszeit, was viele Kollegen über die Grenze springen ließ. Als Lösung habe man dann einfach den früheren durchschnittlichen Gesprächs-Zeitanteil abgezogen. Dr. Eckert warnte aber, wenn man die Plausibilitätszeiten ändere, ändere man auch etwas im Standardbewertungssystem (das StaBS ist EBM-Grundlage: Schätzung u.a. von: Praxiskosten, Mengenentwicklung, Kostendegression, Wirtschaftlichkeitsreserven).  Zeitsenkungen führen also indirekt zu Geldsenkungen (zur weiteren Erklärung: die meisten ärztlichen Leistungen sind im EBM nicht zeitgebunden wie unsere Leistungen. Mit zunehmender Erfahrung (hoffentlich nicht im Abrechnen, sondern im Arbeiten) kann man also immer mehr davon pro Tag abrechnen. Nur: in der individuellen Summe der Plausibilitätszeiten haut das mittlerweile anscheinend manchmal nicht mehr hin).

Jürgen Friedrich, Rostock
Landessprecher Mecklenburg-Vorpommern,
Mitglied des Beratenden Fachausschusses
der KV Mecklenburg-Vorpommern


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