Medizinischer Dienst der Krankenkassen (MDK)

Im Zweifel gegen den Patienten


Unter diesem Titel informierte Report Mainz am 4. Februar 2014 über die Arbeit der Medizinischen Dienste der Krankenkassen. Die Unabhängigkeit des Medizinischen Dienstes, der Gutachten zu medizinischen Behandlungen erstellt, wird dabei  erheblich angezweifelt. PatientInnen fühlen sich oftmals ungerecht behandelt, häufig kommt es zu Streitigkeiten zum Beispiel bei der Frage, ob hilfebedürftige Menschen in die richtige Pflegestufe eingestuft werden oder wie lang Krankengeld bezahlt wird. Dabei sind, laut Gesetz, die MDK-GutachterInnen unabhängig von den Krankenkassen. Eine Report Mainz Umfrage über die Zusammensetzung der MDK-Verwaltungsräte lässt daran Zweifel aufkommen. Demnach sind hauptamtliche KassenmitarbeiterInnen bundesweit in den Verwaltungsräten der medizinischen Dienste vertreten, im Saarland und in Sachsen sogar über 40 Prozent.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hält diese Zahlen für "nicht vertretbar, weil das die Unabhängigkeit der medizinischen Dienste gefährdet". Der Sozial- und Gesundheitsrechtler Prof. Ingo Heberlein von der Fachhochschule Fulda sieht hierin einen hohen Nachteil für PatientInnen und das entspreche "auch überhaupt nicht der ursprünglichen Vorstellung des MDK als einem unabhängigen Gutachterdienst". Diese Zahlen würden den MDK immer mehr nur noch zu einer "Zweigstelle der Krankenkassen" machen. Professor Heberlein hält in der gegenwärtigen Situation "die Besorgnis der Befangenheit gegen den MDK durchaus für begründbar". Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will jetzt "die Regelungen zu den Verwaltungsräten der medizinischen Dienste generell" überprüfen. Laut medizinischen Diensten gebe es keine "Einflussnahme der Kassen auf Inhalte und Ergebnisse der Gutachten"[1].

Am 18. Juni 2013 hatte Report München  unter dem Titel „Wie der MDK wirklich arbeitet“ die Neutralität des MDK in Frage gestellt. Ein Psychiater, der jahrelang als Gutachter gearbeitet hatte, berichtete, dass von Gutachtern des MDKs erwartet wird, dass sie kassenfreundlich urteilen.

„Ein Missstand war, dass praktisch ein medizinischer Gutachter beim MDK im großen Maße willkürliche Gutachten erstellt hat und dieses habe ich über ein Jahr dem Vorgesetzten immer wieder dargelegt und dieser Vorgesetzte sagte mir wiederholt, die Kassen und die Geschäftsführung wollen diese Begutachtungsweise.“

Als Nervenarzt musste Dr. Krüger Krankmeldungen von Menschen mit „Burn Out“, „Depression“ und „Selbstmordgedanken“ überprüfen. Dem Psychiater fiel auf, dass viele Gutachten von fachfremden Kollegen am Schreibtisch erstellt wurden. Sein Vorwurf: Psychisch Schwerkranke wurden vorschnell als arbeitsfähig eingestuft.

Dr. Bernd Krüger, Psychiater: „Die Geschäftsführung ist auch nicht bereit gewesen, auch dieses anzuerkennen und zu sagen, Sie haben Recht in Ihrer Sichtweise, sondern ich wurde im Grunde genommen gemobbt und als psychisch krank dargestellt.“

Der MDK Bayern von Report damals befragt, sagte, es habe eine Sonderprüfung der Innenrevision stattgefunden und die kritisierten Fälle seien in medizinisch vertretbarer Weise bearbeitet worden und lägen mehrere Jahre zurück.  Von eklatanten Missständen könne keine Rede sein.

Report  München berichtete damals, dass Ihnen Beschwerden von Ärzten, Anwälten und das Schreiben eines Gerichtes vorlägen, die Krügers Hinweise bestätigen würden. Herabsetzende Äußerungen in Gutachten seien zudem ein  weiteres bundesweites Problem. Report München sprach mit Professor Ingo Heberlein – 12 Jahre lang Geschäftsführer des MDK in Schleswig-Holstein, der mittlerweile  einen Patientenverband  vertritt und  Gesundheitsrecht lehrt.

Professor Ingo Heberlein, Hochschule Fulda: „Solchen Äußerungen muss nachgegangen werden und solche Äußerungen verbieten sich auch in Gutachten. Herabsetzende Äußerungen in Gutachten sind, sage ich mal, eine Todsünde.“

Kritisiert wird zudem, dass  der Datenschutz komplett missachtet werde.  Es sei keine Seltenheit, dass  komplette Gutachten mit allen Daten inklusive aller Anamnesen, biografischer Anamnesen, Sexualanamnese, Vegetativum, Drogen-, Alkoholanamnese an die Krankenkasse gehen würden. 

Bereits Wolfgang Zöller, CSU, Patientenbeauftragter der schwarz-gelben Bundesregierung hatte eine „grundlegende Reform des MDK für notwendig erachtet, weil das Vertrauensverhältnis der Patienten in die Begutachtungen des MDK doch erschüttert sei“.

Der MDK als neutrale Kontrollinstanz ist notwendig. Derzeit wird er von den Krankenkassen finanziert und kontrolliert.  Und seit wenigen Jahren dürfen sich die Krankenkassen mit gutachterlichen Fragen – nach einer Reform unter dem FDP-Gesundheitsminister Bahr – auch an die MDKs wenden, die außerhalb ihrer Region liegen.  Dadurch könnte  sich evtl. ein – sozialpsychologisch verständlicher – Trend, sich nach den Wünschen der „Auftraggeber“ zu richten, noch verstärkt haben. Wettbewerb führt ja bekanntlich dazu, dass Kundenwünsche ernster genommen werden.

Waltraud Deubert


[1] Eine Alternative zu angestellten GutachterInnen könnten freiberuflich eingesetzte GutachterInnen sein. Dass aber auch an der Neutralität von sog. freien Gutachtern Zweifel begründet sein können, wurde erst jüngst im Ärzteblatt  berichtet (http://www.aerzteblatt.de/archiv/154014/Gerichtsgutachten-Oft-wird-die-Tendenz-vorgegeben)


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