DGVT und DGVT-Berufsverband widersprechen ZEIT-Artikel über die Ursachen psychotherapeutischer Unterversorgung

Kritik an niedergelassenen PsychotherapeutInnen geht fehl – Ambulante psychotherapeutische Behandlungen sind nachhaltig wirksam. Kollegen benachbarter Disziplinen gegeneinander auszuspielen ist aus Sicht von DGVT und DGVT-BV nicht zielführend. An den Pranger gehört die seit Jahrzehnten verfehlte Gesundheitspolitik, die die psychotherapeutische Unterversorgung verursacht.


Im Rahmen einer Serie der Wochenzeitung DIE ZEIT (Ausgabe vom 20.3.2014) hat sich der Arzt, Theologe und Buchautor Manfred Lütz mit der offenkundigen psychotherapeutischen Unterversorgung in Deutschland befasst. Dabei hat er die niedergelassenen PsychotherapeutInnen als Hauptschuldige an der Versorgungsmisere ausgemacht. Sie würden vorzugsweise leichtere Erkrankungen oder gar PatientInnen ohne relevante Erkrankungen behandeln, und dies auch noch häufig mit unzulänglichen Methoden, so die Argumentation von Lütz. Dadurch würden Kapazitäten für die dringend behandlungsbedürftigen schwer psychisch erkrankten PatientInnen blockiert. Als angebliche Belege führt Lütz krude Vergleichszahlen über behandelte PatientInnen pro PsychiaterIn und PsychotherapeutIn ebenso ins Feld wie die Behauptung, dass Psychologische PsychotherapeutInnen einen vorgeblichen Bedarf mit erfundenen neuen Krankheitsbildern selbst erzeugen würden.

Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie  (DGVT) und der DGVT-Berufsverband (DGVT-BV) bedauern, dass Lütz mit dieser Veröffentlichung ebenso altbekannte wie nachweislich falsche Vorwürfe gegen ambulante psychotherapeutische Behandlungen erneut ins Zentrum einer öffentlichen Diskussion rückt. So ignoriert Lütz die zahlreich vorliegenden wissenschaftlichen Studien über die Wirksamkeit und den volkswirtschaftlichen Nutzen von Psychotherapien. Ihnen könnte er jederzeit entnehmen, dass ambulante psychotherapeutische Behandlungen sowohl in der subjektiven Beurteilung durch die PatientInnen als auch nach objektiven Kriterien sehr gut abschneiden und im Vergleich zu pharmakotherapeutischen Behandlungen auch noch nachhaltiger wirken.

Vor allem aber erweist Lütz seinem angeblichen Anliegen, nämlich schwer psychisch Erkrankten schnellere und bessere Hilfe zukommen zu lassen, mit seinem ZEIT-Beitrag einen Bärendienst. Anstatt sich mit den wahren Ursachen der psychotherapeutischen Unterversorgung auseinander zu setzen und die seit Jahrzehnten verfehlte Gesundheitspolitik zu kritisieren, bringt Lütz die Akteure gegeneinander in Stellung: Er meint den Esel, schlägt aber den Sack.

DGVT und DGVT-BV fordern Manfred Lütz daher auf, zu einer sachorientierten Debatte zurückzukehren, die von den Interessen der PatientInnen anstatt von überkommenem Freund-Feind-Denken geleitet wird. Nur gemeinsam kann es PsychiaterInnen, PsychotherapeutInnen und PatientInnen gelingen, die dringend benötigten Ressourcen im Gesundheitssystem zu erkämpfen. An den Pranger gehören völlig realitätsfremde Bedarfsplanungen, mangelnde Präventions- und Früherkennungsangebote auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen sowie fehlende Versorgungsangebote für sozial und gesundheitlich benachteiligte Personengruppen – nicht die KollegInnen aus der jeweiligen Nachbardisziplin.

Tübingen, 25.03.2014


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