Krank machende Rahmenbedingungen thematisieren

DGVT fordert umfassende psychotherapeutische Hilfe für belastete Soldaten


Vor kurzem fand in Berlin die erste gemeinsame Fortbildungsveranstaltung von Bundeswehr und Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) statt. Zuvor war zwischen dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) und der BPtK ein Vertrag zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Soldatinnen und Soldaten abgeschlossen worden. Er regelt, dass sich SoldatInnen künftig nicht nur von PsychotherapeutInnen mit Kassenzulassung, sondern auch in Privatpraxen behandeln lassen können.

Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V. begrüßt diese Regelung ausdrücklich. Es steht für die DGVT außer Frage, dass SoldatInnen, die insbesondere in Auslandseinsätzen häufig schweren psychischen Belastungen ausgesetzt sind, bei Bedarf eine bestmögliche psychotherapeutische Behandlung erfahren sollen.

Die bisherigen Verlautbarungen der BPtK lassen allerdings Zweifel aufkommen, ob die Kooperationspartner diesbezüglich die richtigen Prioritäten gesetzt haben. Als befremdlich empfinden wir insbesondere, dass in einer ersten Pressemitteilung der BPtK zur Kooperation mit dem Verteidigungsministerium die psychische Ertüchtigung  („Erhalt und Steigerung der psychischen Fitness von Soldatinnen und Soldaten“) der Betroffenen für weitere Auslandseinsätze als eine Leitidee der Zusammenarbeit prominent herausgestellt wurde.

Die DGVT vertritt die Position, dass die Wiedererlangung einer möglichst nachhaltig stabilen psychische Gesundheit das Primärziel jeder psychotherapeutischen Behandlung sein muss. Unseres Erachtens darf es nicht ein primäres Ziel sein, die PatientInnen für den Einsatz fit zu machen. Vielmehr muss es darum gehen, dass im Rahmen der Psychotherapie an den Ursachen für die Erkrankung gearbeitet wird.

Gefordert sind daher eine umfassende Einbeziehung der Bedingungen, die zu einer psychischen Stressreaktion geführt haben, und Antworten auf die Frage, wie Patienten diese in Zukunft vermeiden können.

Militärische Auslands- und zumal Kriegseinsätze können für SoldatInnen gravierend krank machende Bedingungen darstellen. Bundeswehrangehörige sind unter Umständen Todesängsten ausgesetzt oder kommen in Situationen, in denen sie selbst töten müssen. Aus psychotherapeutischer Sicht gefährdet es grundsätzlich die psychische Gesundheit, wenn Menschen solchen Bedingungen ausgesetzt sind. Das bedeutet nicht, dass von psychotherapeutischer Seite Einfluss auf die individuelle Entscheidung eines Patienten oder einer Patientin über dessen/deren zukünftige berufliche Tätigkeit genommen werden soll. Sehr wohl bedeutet es aber, dass mit PatientInnen über die Bedingungen gesprochen werden muss, die zu ihren psychischen Problemen geführt haben und über Möglichkeiten, in der Zukunft ihre psychische Gesundheit wiederzuerlangen und dauerhaft aufrecht zu erhalten. Demgegenüber ist das von der BPtK formulierte Ziel, SoldatInnen wieder tauglich für militärische Auslandseinsätze zu machen, als vollkommen nachrangig zu betrachten.

Die DGVT wird diese Position auf dem bevorstehenden Deutschen Psychotherapeutentag vertreten und hofft auf eine weitreichend Unterstützung innerhalb der PsychotherapeutInnenschaft. Es wäre ein wichtiges Signal unserer Berufsgruppe, wenn wir uns in der Öffentlichkeit aktiv für Rahmenbedingungen einsetzen, die psychischer Gesundheit förderlich sind, und uns nicht als ausschließlich zuständig für die Reparatur von Schäden darstellen würden.

Tübingen, den 24.03.2014


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