Psychiatrie in Osteuropa[1]


Deutsche Psychiater, viele von ihnen im Ruhestand, und andere Psychiatrieprofis pflegen seit vielen Jahren einen regen Austausch mit der polnischen Psychiatrie und seit einiger Zeit auch mit der Ukraine. Über den Prozess erster Annäherungen,des Vertrauensaufbaus und gemeinsamer Aktivitäten berichtet Niels Pörksen. 

Es hat lange gedauert nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor sich langsam intensive und kontinuierliche Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Fachleuten aus der Psychiatrie entwickelten.

Die Anfänge: erste Kontakte, gegenseitiges Kennenlernen, gemeinsamer Austausch 

Den Anstoß zu Kontakten gab die Beschäftigung mit dem Thema „Euthanasie“ in Polen und Deutschland während der NS-Zeit. Józef Bogusz (1904–1993), einflussreicher überlebender jüdischer Chirurg und Präsident der Krakauer Ärztegesellschaft, hatte sich über Jahrzehnte mit der Dokumentation der Vernichtungsaktionen in der NS-Zeit in Polen beschäftigt und für die Herausgabe der Auschwitz-Hefte gesorgt. Er arbeitete intensiv zusammen mit dem Verein der Überlebenden von Auschwitz, der von Professor Adam Szymusik, Direktor der Krakauer Psychiatrischen Universitätsklinik, und seinem Sekretär Tadeusz Zaleski, Überlebender von Auschwitz mit der Häftlingsnummer 43, geleitet wurde. Bogusz und Szymusik legten großen Wert auf die gemeinsame Befassung mit den Krankentötungen und den Auswirkungen auf die (Nachkriegs-)Psychiatrie in Deutschland und Polen. Zusammen mit deutschen Kollegen wie Klaus Dörner, Friedrich Leidinger, Ralf Seidel u.a. regten sie Initiativen zum gegenseitigen Kennenlernen und zu Besuchen polnischer Anstalten an.      

Erste Schritte zum Kennenlernen und zur Bildung vertrauensvoller Kontakte waren Tagungen in Bad Boll und Krakau zum Thema „Euthanasie“ und dessen Einfluss auf die aktuelle Psychiatrie mit Bogusz, Szymusik, Dörner u.a. Mitte der 1980er-Jahre. Es folgten zwei zehntägige Besuchsreisen (mit dem Bus) von Deutschland nach Polen, 1987 und 1989 (noch vor der Öffnung der Mauer), zu den polnischen Anstalten, in denen polnische Patienten bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn, ab Herbst 1939, von der SS und nach deren Verlegung aus Deutschland auch deutsche Patienten in großer Zahl ermordet worden waren (z.B. Fort VII in Posen). Der Beginn und die Durchführung der Krankentötungen ist eindrucksvoll dokumentiert im Buch und Spielfilm „Das Hospital der Verklärung“ (Stanislaw Lem).

Die Besuche in Meseritz (Mi?dzyszec), Posen (Pozna? [Fort VII]), Wartha (Bado), Gnesen (Gniezno) und Krakau (Kraków) sind unvergessen für diejenigen, die dabei waren. Vor allem die persönlichen Schilderungen alt gewordener Krankenschwestern und Ärzte, die von ihren Erlebnissen bei den Tötungsaktionen berichteten, haben uns tief bewegt. Viele von uns empfanden die Besuche in den Anstalten als Pilgerreise zu den Menschen, die von Deutschen ermordet worden waren, und als vorsichtige Annäherung an diejenigen, die heute in Polen in der Psychiatrie tätig sind. Wir wurden informiert, haben gemeinsam getrauert auf den Friedhöfen und an den Massengräbern in den umliegenden Wäldern, haben uns von dem ehemaligen Häftling Tadeusz Zaleski durch Auschwitz führen lassen und waren tief bewegt und beschämt vor unseren polnischen Kollegen, die uns halfen, unsere Scham und Sprachlosigkeit zu überwinden.

Es war für uns unfassbar, zu spüren, dass unsere polnischen Partner froh und dankbar waren für unseren Besuch, dass sie neugierig waren auf unseren Umgang mit dem Thema „Euthanasie“, dass sie aber auch wissen wollten, welchen Stellenwert die Psychiatrie in Deutschland inzwischen hat, und daran interessiert waren, mit uns in kontinuierlichen Austausch zu treten.

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft

So kam es bereits 1989 zur zweiten Reise und am Ende dieser Reise während der Jahrestagung der Polnischen Psychiatrischen Gesellschaft in Lodz (?ód?) zu konkreten Vereinbarungen, die Kontakte durch Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft zu festigen.

Mit dem Willen, in beiden Ländern Reformen in der Psychiatrie zu unterstützen mit dem Ziel, psychisch kranke und behinderte Menschen partnerschaftlich als gleichwertige Menschen in die Gesellschaft zu integrieren sowie den Stellenwert der Psychiatrie in der Gesellschaft und Medizin zu fördern, wurde 1990 im Landeshaus in Münster die Deutsch-Polnische Gesellschaft für Seelische Gesundheit (DPGSG) gegründet. Die beiden ersten Vorsitzenden – Adam Szymusik, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Krakau, und Klaus Dörner, ärztlicher Direktor in Gütersloh – haben insbesondere dafür gesorgt, dass sozialpolitische, ethisch-philosophische, historisch-politische und ähnliche Themen die gemeinsamen Tagungen prägten, wie z.B. 1992 die Tagung „Psychiatrie nach Auschwitz“ in Bethel.

Die Ergebnisse der Tagungen und Berichte über die Aktivitäten der Gesellschaft werden seit 1993 in der zweisprachigen (deutsch und polnisch) Zeitschrift „Dialog“ festgehalten. Die Tatsache, dass mehrere Mitglieder im Vorstand zweisprachig waren und sich in der Psychiatrie in beiden Ländern bestens auskannten, wie z.B. Andrzej Cechnicki aus Krakau, Friedrich Leidinger aus Gütersloh und Köln, Helena Lacki, Marek Kie?pi?ski, hat die Verständigung untereinander erleichtert.

Wir anderen kamen über Begrüßungsrituale, über ein „Bitte“ und „Danke“ und Terminabsprachen etc. kaum hinaus. Dennoch entstanden binnen weniger Jahre vertrauensvolle und lebendige Arbeitskontakte, sehr oft mit begleitenden jahrelangen Freundschaften und gemeinsamen Urlauben. Viele der sich nach 1990 rasch bildenden Partnerschaften zwischen Mitarbeitern polnischer und deutscher Kliniken und Regionen, anfangs großzügig finanziert vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), führten zu intensivem Austausch und gemeinsamen Aktivitäten. Gemeinsame Freizeiten polnischer und deutscher Patienten, Fortbildungen, Erlebnisreisen, Hospitationen, kleine gemeinsame Projekte wie Treffpunkte, Tagesstätten etc. entstanden.

Viele der Kontakte wurden in den ersten Jahren deshalb so intensiv, weil die Besuchergruppen jeweils privat in den Familien wohnten und so fachliche und persönliche Begegnungen entstanden, die bis heute anhalten.

Die Dynamik der Wendezeit nach 1990 mit den einfachen Möglichkeiten des Reisens, unserer neugierigen Orientierung nach Osten in die Länder des ehemaligen so genannten Ostblocks und die Neugier der Polen auf Kontakte zu uns nach Deutschland waren mit ausschlaggebend für die vielfältigen und belebenden Aktivitäten. Von Anfang an waren Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige aus beiden Ländern an den Begegnungen und in der DPGSG beteiligt, gelegentlich mit eigenen Kontakten und Tagungen.

Die Bedeutung der DPGSG für das Zusammenwachsen von Polen und Deutschen wurde im Jahr 2000 in besonderer Weise gewürdigt. Die beiden Außenminister, Bartoszewski aus Polen und Joschka Fischer aus Deutschland, übereichten der DPGSG in Warschau den deutsch-polnischen Freundschaftspreis für Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung. Das gehört zu den Höhepunkten; ebenso aber auch die Verleihung mehrerer Verdienstorden – Bundesverdienstkreuz oder polnischer Kavaliersorden – an polnische und deutsche Vorstandsmitglieder.

Gemeinsame Themen, gemeinsame Tagungen

Seit einigen Jahren beschäftigen uns zunehmend aktuelle Themen, die in beiden Ländern große Herausforderungen mit sich bringen, wie die negativen Auswirkungen der Privatisierung und Ökonomisierung im Gesundheitswesen, vor allem zum Nachteil der chronisch psychisch kranken Menschen.

So ging es 2011 in Auschwitz beim Thema „Psychiatrie braucht Vertrauen“ darum, wie sich im Landkreis O?çwiecim – dem unmittelbaren Umfeld des Vernichtungslagers – heute Psychiatrie betreiben lässt und jeder einzelne Patient in der Stadt und auf dem Land mit seinen Sorgen und Problemen angemessen behandelt und betreut wird, wo doch das unvorstellbare Ausmaß von Vernichtung und Leid ganz in der Nähe alle Aufmerksamkeit zu beanspruchen scheint.

Oder im Jahr 2012 das Thema der Jahrestagung in Bielefeld zu der Frage: „Gibt es noch Gesunde?“ Die Pathologisierung von menschlichen Verhaltensweisen, die bisher niemals als krankhaft und behandlungsbedürftig angesehen wurden, ist eine Konsequenz der Ökonomisierung im Gesundheitswesen. Das sind aktuelle Fallstricke in der polnischen und deutschen Psychiatrie. Aufmerksamkeit und Finanzströme gehen derzeit in die Behandlung der weniger schwer psychisch erkrankten Menschen, während für die schwerkranken, schwer behinderten, chronisch erkrankten Patienten zunehmend weniger Finanzmittel ausgegeben werden. Das bedeutet: Wer am meisten braucht, erhält am wenigsten Unterstützung. Wer am wenigsten braucht, erhält am meisten. Davon ausgehend ging es im Herbst 2013 in Breslau um die Frage „Was waren unsere Träume? – Und dennoch: Die Zukunft beginnt heute“.

Die Fragen, die uns Professionelle und Psychiatrie-Erfahrene in beiden Ländern gemeinsam beschäftigen, sind in anderer Form die gleichen wie zu Beginn der Reformprozesse in Deutschland und Polen. Es geht schlicht immer wieder um die Fragen: Wie schaffen wir es, dass Menschen in all ihrer Verschiedenheit und mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen und Schwächen gleichwertig und gleichberechtigt in unserer Gesellschaft leben, sodass wir ohne den Begriff „Behinderung“ auskommen können? Und wie kann aus den Forderungen nach Integration und Inklusion Alltagshandeln werden? Da sind unsere polnischen Nachbarn stark gebeutelt; denn die neoliberale Tendenz führt bereits dazu, dass erste Einrichtungen – wie die >Grüne Lunge< in Krakau, einem vorbildlichen Integrationsprojekt, vor allem mit Arbeitsplätzen für psychisch erkrankte Menschen – aus Kostengründen geschlossen werden. Da heißt es gemeinsam wachsam bleiben!

Täter und Opfer

Die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen haben sich „normalisiert“, Polen gehört zur EU, die Grenzen sind offen. Aber die Wunden aus der Vergangenheit sind nicht geschlossen. Das zeigen die unterschiedlichen Reaktionen zum Film „Unsere Mütter, unsere Väter“. Sind die einen nur Täter, die anderen nur Opfer? Ist es legitim, die Opferperspektive bei den Tätern einmal in den Vordergrund zu stellen? Die Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Das Opfer-Täter-Verhältnis wird uns weiter beschäftigen.

Unsere polnischen Nachbarn und Freunde waren es, die seit ihrer Befreiung aus der Isolation hinter dem Eisernen Vorhang außer zu den deutschen Nachbarn weitere Kontakte suchten. Das besondere Verhältnis zwischen Polen und Israel hat die DPGSG über mehrere Jahre intensiv beschäftigt. Fragen von Leid, Schuld, Verantwortung, Überwindung von Vorurteilen und vieles mehr haben zu gemeinsamen Tagungen in Polen und Israel geführt. Inzwischen ist aus dem Trialog ein Dialog – Polen und Israel – geworden. 

Ukraine

Polnische Kollegen der DPGSG pflegten seit vielen Jahren enge Beziehungen zur Ukraine, vor allem in den Westen der Ukraine, dem ehemaligen Ostpolen.

Auf Initiative der israelischen Psychiater, von denen eine erhebliche Anzahl aus dem ehemaligen Ostpolen und Galizien in Lemberg und Umgebung stammten, fand im Jahr 2005 erstmals eine gemeinsame Tagung der DPGSG mit Israelis und Ukrainern in Lemberg (Lwiw) statt. Das war der Beginn systematischer Beziehungen der DPGSG zur Ukraine, die derzeit einen wesentlichen Arbeitsschwerpunkt unserer Gesellschaft bilden. Unsere polnischen Partner hatten bereits seit vielen Jahren zahlreiche Kontakte in die Ukraine; Kollegen aus Lemberg nahmen seit Jahren an den Veranstaltungen der DPGSG teil.

In Lemberg wurde auf dem Symposium im Juli 2005 zum Thema „Psychiatry – past, present and future“ ein „Letter of Intentions“ von den Vertretern der vier Länder Ukraine, Polen, Deutschland und Israel verabschiedet, mit dem Ziel, auf die desolaten Verhältnisse in der ukrainischen Psychiatrie und die oft menschenunwürdigen Unterbringungen der chronisch kranken und behinderten Menschen hinzuweisen und Forderungen nach dem Beginn umfangreicher Reformen in der Psychiatrie der Ukraine zu unterstützen.

Im Jahr 2006 nahmen deutsche und polnische Vertreter der DPGSG in Odessa an der Jahrestagung der Ukrainischen Psychiatrischen Gesellschaft teil und trafen erste Vereinbarungen zur zukünftigen Zusammenarbeit. Es dauerte bis zu den Jahren 2008 und 2009, bis es zu jeweils zehntägigen Delegationsreisen durch die ukrainische Psychiatrie (2008 in Odessa, auf der Krim in Simferopol, Jalta, Sewastopol und Kiew) mit anschließender auswertender Erklärung in den ukrainischen Medien, die im Land große Beachtung fanden, und 2009 durch die Rheinländische und Westfälische Psychiatrie mit abschließender Konkretisierung eines zukünftigen Arbeitsprogramms.

Unterstützung der ukrainischen Psychiatriereform

Die Delegationsreisen und das daraus folgende Projekt Partnership for Mental Health (PfMH) der DPGSG zur Unterstützung der ukrainischen Psychiatriereform aus Polen und Deutschland wurde und wird im Wesentlichen vom Bundesgesundheitsministerium finanziert und ist Teil des ukrainisch-deutschen Gesundheitsabkommens. Konkret geht es um die Beratung auf nationaler Ebene bei der Erarbeitung eines Nationalen Psychiatrieplans. Elmar Spancken und Niels Pörksen sind Mitglieder einer Kommission, die allerdings bisher außer akzeptablen Eckpunkten nur Papiere zustande gebracht hat. Die derzeitige Chefpsychiaterin der Ukraine, Irina Pinchuk, ist allerdings fest entschlossen, den Reformprozess zügig voranzubringen; eine Delegation reiste zu diesem Zweck im Oktober 2013 durch Deutschland.

Den Kern der Zusammenarbeit bilden die Partnerschaften zwischen den vier Regionen (Oblasten [größere Verwaltungsbezirke]) Kiew mit Bielefeld und Paderborn, Odessa mit Berlin, Lemberg (Lwiw) mit dem Rheinland und Donezk mit Riedstadt und Darmstadt in Südhessen.

Jeweils feste Arbeitsgruppen aus der DPGSG sind den ukrainischen Referenzregionen zugeordnet und in unterschiedlicher Form praktisch tätig.

Die Situation der Psychiatrie in der Ukraine ist nach wie vor geprägt von der „Anstaltsorientierung“. Patienten sind in großen Krankenhäusern (Anstalten) und Heimen untergebracht. Sozial- und gemeindepsychiatrische Initiativen und Projekte sind praktisch nicht oder nur in Ansätzen vorhanden. Ambulante Behandlung reduziert sich auf medikamentöse Behandlung. Nichtregierungsorganisationen waren bisher nicht oder nur eingeschränkt erlaubt.

Wie bei uns zu Zeiten des Beginns der Reformprozesse in den 1970er-Jahren können sich viele Ärzte und Krankenschwestern nicht vorstellen, dass es sich lohnt, mit Patienten zu arbeiten, dass partnerschaftlicher Umgang, aktive Tagesstruktur, gemeinschaftliches Handeln im Team und mit den Patienten möglich sein können.

Aufbruchstimmung: Hospitation und Fortbildung motivieren

Unsere Initiativen in den einzelnen Regionen sind von daher notwendigerweise auf Basiskompetenzen und auf konkrete persönliche Erfahrungen ausgerichtet. Hospitationen von Mitarbeitern aller Berufsgruppen haben deshalb eine herausragende Bedeutung. Wenn Aussagen wie die eines ukrainischen Krankenpflegers nach zehn Tagen in Paderborn – „Ich habe mir gar nicht vorstellen können, dass Veränderung bei Patienten möglich ist, aber jetzt habe ich das erlebt und werde es nie mehr vergessen“ – weitergegeben werden, dann spürt man die Sinnhaftigkeit von Hospitationen. Oder wenn der stellvertretende Direktor bei den einwöchigen Intensivfortbildungen in seiner ukrainischen Klinik immer wieder unterbricht mit den Worten: „Das sind keine potemkinschen Dörfer, das funktioniert; ich habe es persönlich erlebt“, dann hat die Aussage hohen Motivationswert.

In allen Regionen gibt es zahlreiche Mitarbeiter auf allen Ebenen und in allen Berufsgruppen, die mit großem Eifer an Hospitationen, Fortbildungen, Gesprächen auf Stationen mit Patienten usw. mitwirken, sodass inzwischen an den Orten unseres Handelns eine Aufbruchsstimmung zu spüren ist, auch bei den Klinikleitungen vor Ort. Unser Ziel ist es, diese Aufbruchsstimmung zu festigen und mit den Partnern allmählich gemeindepsychiatrische ambulante und komplementäre Möglichkeiten zu entwickeln. Tage und Wochen der Zivilgesellschaft – in Kiew „Pavlov-Festival“ genannt – sind im Entstehen: Im Mai konnten wir das in Kiew miterleben.

Arbeit an der Basis und mit den Leitungen und den Verwaltungen versuchen wir zu koordinieren. In der Stadt Lemberg sind alle Kliniken und Heime für eine große Region mit mehreren Millionen Einwohnern konzentriert. Da beteiligen wir uns an den konkreten Planungen zur Enthospitalisierung und Dezentralisierung und müssen den Spagat konstruktiv aushalten und Lösungsansätze mit erarbeiten, zwischen den Träumen der Verwaltungsbehörden, durch Platzabbau erhebliche Einsparungen zu erreichen, und den berechtigten Ängsten der Klinik- und Heimleitungen vor einer Verschlechterung der Rahmenbedingungen. Planungsgespräche, Delegationsreisen ins Rheinland, um vor Ort zu erleben, dass sich Enthospitalisierung lohnt, diese aber nicht zum Nulltarif möglich ist, das ist unser Alltagsgeschäft im Projekt >Partnership for Mental Health<.   

Wachsendes Vertrauen   

Insgesamt wächst in der Zusammenarbeit mit der Ukraine allmählich Vertrauen, und selbst Skeptiker wie Professor Semyon Gluzman, ehemaliger Dissident und Häftling in einem sowjetischen Straflager, derzeit aber als Senior wieder Präsident der Ukrainischen Psychiatrischen Gesellschaft, haben den Eindruck, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für unser Projekt #Partnership for Mental Health^ ist – anders als um 1990, wo sozialpsychiatrische Initiativen, gefördert aus anderen Ländern der EU, keine nachhaltige Unterstützung im Land und in der Psychiatrie fanden.

Auch das Thema „Euthanasie“ mit den grausamen Tötungsaktionen der kranken und behinderten Menschen in der Ukraine in der NS-Zeit kommt allmählich auf die Tagesordnung. Gluzman möchte mit uns dazu eine landesweite Tagung organisieren und hat uns und die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft [EVZ, Berlin] um Unterstützung gebeten. Das wäre ein bedeutsamer Schritt. Derzeit ist dazu noch wenig erforscht (Ausnahme Mogilev), und es gibt nur wenige Erinnerungsstätten (wie in Mogilev oder auf dem Klinikgelände in Kiew).

Perspektiven: Der lange Atem lohnt sich

Abschließend können wir sagen, dass es nur wenige Initiativen in der Zusammenarbeit im Gesundheitswesen zwischen Deutschland und der Ukraine gibt, die den notwendigen langen Atem mitbrachten. Fast alle, vor allem aus der somatischen Medizin, sind auf der Strecke geblieben. Deshalb ist es gut, dass wir trotz vielfältiger Pausen in der Kommunikation, unklarer Absprachen, nicht eingehaltener Vereinbarungen etc. durchgehalten haben. Da die meisten von uns Aktiven im Projekt PfMH den langen Atem in der DGSP und bei den mühsamen Prozessen in der Gestaltung gemeindepsychiatrischer Projekte in den vergangenen Jahrzehnten vor Ort erfahren haben, konnten wir auch den langwierigen Prozess hin zur Vertrauensbildung und wachsenden Verbindlichkeiten in der Zusammenarbeit aushalten. Das hat sich ausgezahlt.

Anfang Oktober 2013 machte eine Mitarbeitergruppe des ukrainischen Zentralinstituts für Psychiatrie unter Leitung von Irina Pinchuk eine Delegationsreise durch die deutsche Psychiatrie mit Schwerpunkt Forensik und Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Auch die Vertreter Bundesgesundheitsministeriums (BMG) haben während dieser Reise erfahren, dass in den vergangenen Monaten eine deutliche Aufbruchsstimmung zu spüren ist, die sich auf viele Bereiche der Psychiatrie auszudehnen beginnt. Das, was wir in den Hospitationen und den Initiativen vor Ort schon seit einiger Zeit bemerkt haben, scheint sich auch auf den Leitungsebenen und in der Breite auszuwirken.

Das wiederum führt zu der Bereitschaft bei uns und im BMG, das Projekt mit neuen Schwerpunkten auch über die bisher geplante Laufzeit bis Ende 2014 hinaus auszudehnen. Dabei spielt das Interesse der Ukraine an der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU sicherlich eine entscheidende Rolle. Vor allem viele der jüngeren, ausgezeichnet ausgebildeten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Psychiatrie – und zwar in allen Berufsgruppen – haben ein großes Interesse an Erfahrungsaustausch sowie fachlichen und persönlichen Begegnungen. Wie in den ersten Jahren nach Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für Seelische Gesundheit entstehen auch zwischen deutschen und ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freundschaftliche Kontakte, die dem Prozess in der >Partnership for Mental Health< außerordentlich guttun.   

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten inzwischen von den arbeitsintensiven Erfahrungen in der Zusammenarbeit und dem Vertrauen in den partnerschaftlichen Arbeitsbeziehungen so überzeugt sind, dass wir zuversichtlich das Projekt PfMH auch in den kommenden Jahren weiterführen können. Wir haben ein Stadium erreicht, in dem wir mit der Nachhaltigkeit der Psychiatriereformschritte fest rechnen können.

Dr. Niels Pörksen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Ruhestand, lebt in Bielefeld und ist Projektleiter von >Partnership for Mental Health< und Vorstandsmitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für seelische Gesundheit.
E-Mail-Kontakt: b.n.poerksen(at)t-online(dot)de


[1]Quelle: soziale psychiatrie, 38. Jg. Heft1, Januar 2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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