Sozialpsychiatrie international[1]


Eine Einführung 

von Christa Widmaier-Berthold und Christian Zechert

„Beyond Babylon“, den Abschied von Babylon, die Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie, forderte der XIV. Weltkongress für Soziale Psychiatrie 1994 in Hamburg. Schluss sollte sein mit psychiatrischem Größenwahn und Sprachverwirrung. Man machte man sich auf die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, nach einer demokratischen Psychiatrie, nach einer Verständigung auf innovative Entwicklungen, nach einer Verständigung zwischen Patienten, Angehörigen und professionellen Mitarbeitern. Soziale Psychiatrie, so wurde auf dem von über 2000 Teilnehmern besuchten Kongress deutlich, muss auch eine internationale Psychiatrie sein. Das habe für die aktuellen fachlichen und psychiatriepolitischen Fragen ebenso zu gelten wie für die „dunklen Seiten“ der Psychiatrie: Ausgrenzung, Entwürdigung ihrer Klientel – bis hin zur systematischen physischen Vernichtung. Ein weltweites, alle Nationen, alle Kulturen, alle Völker berührendes Thema. Kritisiert wurde aus internationaler Perspektive auch die Gefahr einer sozialen Psychiatrie als „totale Sozialpsychiatrie“, die den Erfahrenen entmündige, ihn überversorge, ihm die allgemeinen Risiken eines bürgerlichen Lebens nehme.

Psychische Folgeschäden von Krieg und Gewalt

Als Thema für die internationale Psychiatrie sind auch die psychischen Schäden anzusehen, die Holocaust-Überlebende, Menschen nach dem Missbrauch der Psychiatrie im Dienst der politischen Macht wie in Rumänien, in der Sowjetunion, in Polen erlitten.

Die Wahrnehmung und das Behandlungsangebot für Menschen mit psychischen und physischen Schäden als Opfer der Folter, beschäftigen uns damals wie heute. Die Liste der Staaten, in denen Folter „legitimes“ Mittel ist, um Andersdenkende zu zerstören, ist nicht kürzer geworden.

Psychisches Leiden im Bürgerkrieg ist ein Thema, das (zur Zeit des Weltkongresses auf Bosnien bezogen) seine Bedeutung für Deutschland und viele andere europäische Aufnahmeländer der EU nicht verloren hat – denken wir aktuell an die extreme Not der Flüchtlinge aus Syrien.

Nicht zuletzt beschäftigt uns in der Psychiatrie die europäische Finanzkrise und die Frage, welche sozialen und psychischen Auswirkungen sie auf die Menschen in den verschiedenen Ländern hat.

Auswirkungen der ökonomischen Krise

Bereits auf dem Weltkongress 1994 diskutierten einige Workshops und Seminare vor, was spätestens mit dem Zusammenbruch und der Insolvenz der weltweit agierenden Investmentbank Lehman Brothers in den USA (2008) Realität wurde: eine zügellose Marktwirtschaft, die sozial benachteiligte Menschen gnadenlos zu ihren Opfern macht. Gemeint sind damit nicht nur Einbußen an Lebensqualität und zunehmende Stigmatisierung, sondern auch an Lebenserwartung. Die ökonomische Krise Europas zeigt sich als eine soziale und „psycho-gesundheitliche“ Krise in einer Dimension, die an den Zusammenbruch während der Weltwirtschaftkrise 1929 bis 1932 erinnert, also an die bislang weltweit größte ökonomische Depression. Die psychischen Folgen bei schlagartig völlig verarmten Menschen waren überdeutlich: Über 23000 begingen damals innerhalb eines Jahres aus wirtschaftlichen Gründen Suizid. Es sind also nicht nur die Banken, die bankrottgehen, es sind auch die Menschen, die in eine Existenzkrise gestürzt werden. Seit 2007 steigt beispielsweise in den USA die Zahl der Suizide viermal so schnell wie zwischen 1999 und 2007. Jährlich werden 1500 Selbsttötungen mehr registriert, als statistisch zu erwartet wären, so Aaron Reeves und Kollegen.1

Die Auswirkungen der ökonomischen Krise verändern und schädigen die körperliche und seelische Gesundheit der betroffenen Menschen. Sie lassen sich unmittelbar an der psychischen Gesundheit ganzer Nationen nachverfolgen. Im „American Journal of Public Health“ vom April 2013 wird dies auch am Beispiel Griechenlands deutlich gemacht: Mit Beginn der Krise in 2006/07 stieg bis 2009 die Quote der Suizide von 5 auf 7 je 100000 Einwohner, die Infektionserkrankungen von zirka 2,5 auf 3,5 und die Tötungsdelikte von zirka 1,8 auf 2,5 je 100000 Einwohner an.

Einsparungen bei den Ausgaben für die psychiatrische Versorgung, Soziales und Gesundheit sowie Beschäftigungsmaßnahmen werden im Europa des Jahres 2013 vor allem in den von finanziellen Krisen besonders betroffenen Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal und Italien vorgenommen. Im „Letter from Greek Society for Social Psychiatry“ (4/2013) wird darauf hingewiesen, dass jetzt nach einer dreißigjährigen Reformphase wieder eine kritische Situation eingetreten sei: Die Transition von der institutionellen zu einer kommunalen Psychiatrie werde nihiliert, man befinde sich in einer Situation des Eingesperrt- und Verlorenseins. Den meisten Diensten und Einrichtungen wurden die Mittel gestrichen, man ist personell unterbesetzt, bis zu 3000 Menschen arbeiten seit über neun Monaten kein Gehalt und arbeiten unentgeltlich weiter.

Eine Umfrage des European Disability Forum 2012 zeigte am Beispiel Italien auf, wie sich die Sparmaßnahmen in der psychiatrischen Versorgung und in der Behindertenhilfe auswirken: Die staatlichen Leistungen für berufliche Eingliederung und Qualifizierung sowie für Lohnkostenzuschüsse werden gekürzt, die Inanspruchnahme von Leistungen für das Persönliche Budget und für Mobilität ist erschwert, und die Selbsthilfeorganisationen der Angehörigen und Betroffenen erhalten eine geringere finanzielle Unterstützung. Auch Staaten wie Frankreich, die Niederlande und Deutschland verfolgen seit längerem eine zunehmend restriktivere Sozialpolitik. Behauptet wird, nur so könne man die „Staatsschuldenkrise“ bewältigen. Allein die skandinavischen Länder verfolgen bis auf den Sonderfall Schweden weiterhin das Ziel, ihre Sozial- und Gesundheitspolitik auf dem bisherigen Niveau zu stabilisieren, indem durch eine bedarfsgerechte Steuerpolitik die sozialstaatliche Struktur erhalten bleibt. In Ländern wie Spanien und Griechenland führt zudem eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit zu zerstörten Lebensentwürfen und ungewollten Auswanderungswellen auch und gerade gut ausgebildeter Berufsgruppen.

Welche psychischen Belastungen, Überforderungen, verzweifelten Situationen sehen wir heute in den Ländern Europas, die entweder durch eigene finanzielle Fehler oder einen rigide aufgezwungenen Sparkurs der EU und insbesondere Deutschlands an den Rand der Existenz gebracht werden? Wie sehen die Reaktionen in den Ländern aus? Was sagen die Patientenorganisationen in den einzelnen Ländern, wie z.B. die gut organisierten Angehörigen in Spanien? Und was sagt die europäische Angehörigenvereinigung EUFAMI und die Organisation der Psychiatrie-Erfahrenen ENUSP? Wie äußern sich die Fachverbände?

Kritische Gegenbewegungen

Zugleich entstehen neue kritische soziale Bewegungen, die sich mit den Folgen eines Rückzugs des Staates, der Privatisierung bislang öffentlicher Aufgaben und der ungezügelten Zunahme eines extremen privaten Reichtums beschäftigen. Die >Soltauer Initiative für Sozialpolitik und Ethik< um Renate Schernus und Fritz Bremer ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich mit Hartnäckigkeit, Geduld und neuen Kooperationsbündnissen der Sozialpsychiatrie (beispielsweise mit dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac) Widerstand entwickeln und mediale Aufmerksamkeit erzeugen lässt. Für den europäischen sowie internationalen Sozial- und Gesundheitsbereich ist daher zu hoffen, dass das kritische Protestpotenzial, das in Deutschland auf dem Weltkongress für Soziale Psychiatrie 1994, aber auch schon in den 1980er-Jahren bei den >Gesundheitstagen< von Berlin und Hamburg Präsenz zeigte und in der Entdeckung der Selbsthilfe als politische Bewegung mündete, nach und nach an Kraft gewinnt. Teil dieser Gesundheitsprotestbewegung war und ist die DGSP. 

Zu einer europäischen Sozialpsychiatrie zusammenwachsen

Auf ihrer Jahrestagung „Europa verrückt die Perspektiven“ 2007 in München diskutierten wir in der DGSP, was uns mit Europa verbindet, welche Innovativen und Best-Practice–Entwicklungen wir bei unseren Nachbarn und bei uns sehen, wie wir zu einer „europäischen Sozialpsychiatrie“ kommen können. Die Ergebnisse fassten Thomas Meinhart und Holger Steckermaier wie folgt zusammen2:

  • Anti-Stigma-Strategien europaweit denken und umsetzen;
  • Deinstitutionalisierung und Gemeindeorientierung voranbringen;
  • internationale Vernetzung und gegenseitiges Lernen fördern;
  • europaweite präventive Konzepte entwickeln;
  • eine gemeinsame Strategie aller EU-Mitgliedsstaaten und eine starke Moderation durch die Organe der Union anstreben;
  • eine Positionierung und kritische Einmischung der DGSP auf europäischer Ebene entwickeln.

Diese Forderungen sind 2014, sieben Jahre später, weiterhin aktuell und werden nur teil- oder ansatzweise umgesetzt.

Auf den ersten Blick, wenn wir uns die Zusammenarbeit in Europa im Bereich der Psychiatrie vergegenwärtigen, sehen wir entweder einen überdimensioniert erscheinenden sozialpsychiatrischen Papiertiger, der außer Newslettern, Grundsatzpapieren, Resolutionen, Programmen etc. nichts zustande zu bringen scheint. Offenbar ist nichts für die lokale Praxis der Gemeindepsychiatrie verwertbar, nichts nützlich für den psychiatrischen Alltag.

Oder wir denken an die vielen verschiedenen europäischen Förderprogramme für Praxisprojekte oder Forschungsvorhaben und erhoffen uns ein Stück von dem millionenschweren Kuchen, um damit etwas für unsere lokalen Aktivitäten tun zu können. Tatsächlich gibt es hier gute Beispiele: So wurden etwa die Hamburger und Bremer EX-IN-Projekte ursprünglich über EU-Mittel (Leonardo-da-Vinci-Programm) gefördert.  

Mental Health Europe – was machen die eigentlich?

Insgesamt scheint aber wenig von den europäischen Aktivitäten bei uns anzukommen oder den von der Krise besonders betroffenen Menschen in Griechenland, Spanien, Portugal, den osteuropäischen Ländern wirklich zu helfen. Wir erleben vielmehr, dass ein europäisches Gesundheitsprogramm im Rahmen der „Europa-2020-Strategie“ entwickelt wird, das kaum jemand in Deutschland kennt. Im Bereich Arbeit existiert eine „European Employment Strategy“. Die europäischen Ziele – ob im Bereich „Gesundheit“ oder „Arbeit“ – sollen mit der „offenen Methode der Koordinierung“ (OMK) und mit Leitlinien, wie z.B. den „Employment Guidelines“, erreicht werden. In acht EU-Ländern ist ein Viertel der jungen Menschen arbeitslos. Für eine europäische „Jobgarantie“ für junge Erwachsene sollen acht Milliarden Euro bereitgestellt werden. Die Mental-Health-Europe(MHE)-Kampagne 2013 zur Methode „Place and Train“ für Jugendliche und junge Erwachsene mit schweren psychischen Beeinträchtigungen soll die finanziellen lebenslangen Folgen und damit auch die Folgen von Arbeitslosigkeit für die Staatskasse und die Gesundheitsversorgung verdeutlichen.

Was aber bedeuten alle diese europäischen Maßnahmen, wo bewirken sie etwas Konkretes, was können sie gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit als Folge der Krise spürbar ausrichten? Welchen Nutzen haben also europäische Leitlinien und Kampagnen? Was von den europäischen Zielen für die Psychiatrie kommt bei uns an?

Wir fragen uns, ob der psychosoziale Bereich, und noch mehr die Psychiatrie, ein ernsthaftes, vitales Thema in Brüssel ist. Was lässt sich an fachlichem Zusammenwachsen beispielsweise von Behandlungsstandards beobachten, von gegenseitigem Lernen aus Best-Practice-Projekten zwischen den Nachbarländern oder vom Konsens ethischer Normen im Umgang mit der pharmazeutischen Industrie? Von Kooperation zwischen den verschiedenen europäischen Fachverbänden und den europäischen Patienten- und Angehörigenorganisationen?

In den europäischen Initiativen – und in der Berichterstattung unserer Medien – scheinen andere Themen im Fokus zu stehen, die die Gemeindepsychiatrie wenig tangieren. Dazu gehörte die neue „Konzessionsrichtlinie für öffentliche Auftragsvergaben“ – in der Öffentlichkeit wurde vor allem über das Risiko für die Wasserwirtschaft diskutiert, aber nicht über deren positive oder negative Folgen für den sozialen Bereich. Stattdessen erleben wir, wenn eine neue Richtlinie zur Erforschung und Erprobung von Medikamenten vorbereitet wird, die auch erhebliche Auswirkungen für psychisch erkrankte Menschen haben kann, dass dies unbemerkt von der Öffentlichkeit geschieht und nur wenig in den Medien kommuniziert wird.

Gemeinsame Strategien?

Auf den zweiten Blick lassen sich aber schon Anfänge und Umsetzungen erkennen. Dazu einige Beispiele. Die DGSP forderte auf ihrer Jahrestagung 2007 die Entwicklung gemeinsamer Strategien für eine europäische Sozialpsychiatrie, mit Unterstützung europäischer Organe.

Bis jetzt ist noch wenig von einer „gemeinsamen Strategie“ der europäischen Mitgliedsstaaten zu sehen. Allerdings wurden 2012 und 2013 verschiedene Leitlinien für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung in Europa von der European Psychiatric Association (EPA), der WHO und einem Ausschuss der Europäischen Kommission entwickelt und – bis auf das Konzept der EPA – in den Gremien der EU und der WHO verabschiedet:

  • WHO Comprehensive Mental Health Action Plan 2013–2020
  • EPA Guidance on the Quality of Mental Health Services (2012)
  • Common European Guidelines on the Transition from Institutional to Community-Based Care 2012 – European Expert Group des Ausschusses für Beschäftigung, Soziales und Integration der EU-Kommission (mitgearbeitet haben MHE, Unicef, European Disability Forum und weitere NGOs aus den Bereichen Altenhilfe, Wohnungslosenhilfe etc.)

Leitlinien und Planungshilfen

Alle drei Konzepte haben den Anspruch von „Leitlinien“ für die Weiterentwicklung der europäischen psychiatrischen Versorgung. Dazu kommen die Forderungen der Angehörigen (EUFAMI) in ihrer „Dublin Declaration“ von 2013 und der Psychiatrie-Erfahrenen (ENUSP). Sie stellen allerdings keine Rahmenkonzepte, sondern eher Grundsätze dar.

Der WHO-Aktionsplan für die psychiatrische Versorgung soll den europäischen Ländern als eine praxisnahe und umsetzungsorientierte Planungshilfe dienen. Vier Leitziele wurden vorangestellt:

  1. Strengthen effective leadership and governance for mental health
  2. Provide comprehensive, integrated and responsive mental health and social care services in community-based settings
  3. Implement strategies for promotion and prevention in mental health
  4. Strengthen information systems, evidence and research for mental health

Ziel der EPA-Qualitätsleitlinien ist es, evidenzbasierte Empfehlungen zur Qualität der psychiatrischen Versorgung in Europa zur Verfügung zu stellen. Auf der Basis einer systematischen Recherche in der Versorgungsforschung wurden für die verschiedenen Ebenen und Arbeitsbereiche der psychiatrischen Versorgung differenzierte Qualitätsindikatoren und Empfehlungen zusammengestellt. Diese beziehen sich auf die WHO-Ziele und auf einheitliche Beschreibungen für Behandlungskonzepte, Hilfetypen und Versorgungssysteme. Einheitliche Beschreibungen zu erstellen – auch das ist ein Beitrag, um die große Sprachverwirrung in der Psychiatrie, die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den verschiedenen Ländern zu verringern.

2012 wurden die europäischen Leitlinien für „Deinstitutionalisierung“ (DI-Guidelines) mit Zielen und Standards für gemeindeorientierte Dienste veröffentlicht. Sie stellen eine Handreichung für die Weiterentwicklung der Versorgung dar, die sich in ihrem Duktus stärker an Adressaten in Mittel- und Osteuropa als in Westeuropa richtet. Die DI- Guidelines enthalten Best-Practice-Berichte über Deinstitutionalisierung, Ziele und praktische Empfehlungen für gut gestaltete Planungsprozesse und für den schrittweisen Aufbau gemeindenaher Hilfesysteme. Gegenwärtig bietet die Europäische DI-Expertengruppe in Mittel- und Osteuropa eine Serie von Seminaren an und versucht, „to train government officers in European countries on the process of planning national deinstitutionalization strategies, closing institutions, developing community-based services, ensuring user involvement throughout the process …” (MHE-Newsletter 5/2013).

Die Angehörigen schließlich fordern in ihrer Dubliner Erklärung, dass sie als gleichberechtigte Partner anerkannt werden und dass sie das Recht haben, ihre Rolle selber zu wählen und zu definieren, die sie bei der Unterstützung ihrer Familienmitglieder übernehmen. Bezogen auf die Weiterentwicklung der Versorgung sprechen sie sich für eine flächendeckende gemeindenahe Psychiatrie aus, die Recovery-orientiert ist und Dienstleistungen und Recovery-Angebote auch für die Angehörigen bereithält.

Wo bleibt die Umsetzung?

Wo also liegen die Gemeinsamkeiten? Den Rahmenkonzepten gemeinsam ist ihre durchgehende Orientierung weg vom institutionellen, hin zum gemeindepsychiatrischen Paradigma. Dies ist für die deutsche Gemeindepsychiatrie als eine ihr sehr entgegenkommende Positionierung zu begrüßen, auch eine Bestätigung dafür, bereits auf dem „richtigen Weg“ zu sein. Neben anderen Schwerpunkten im WHO-Konzept wie Prävention und Förderung der psychischen Gesundheit zeigt sich als gemeinsamer Schwerpunkt das Rahmenziel „gemeindeorientierte Dienste“. Alle Konzepte vertreten auch weitgehend die gleichen Grundsätze wie Behandlungskontinuität, sie verlangen, den Recovery-Ansatz umzusetzen, sie fordern mehr Forschung, Basisdaten und Indikatoren, „evidence-based protocolls and practices“. Im WHO- und im DI-Konzept werden zusätzlich die Themen „Mehr Partizipation“ und „Mehr Steuerung und Planung“ betont. Trotz ihrer unterschiedlichen Sichtweisen weisen die Rahmenkonzepte letztlich große Gemeinsamkeiten auf.

Wer aber setzt sich in Brüssel mit dem WHO-Planungsrahmen auseinander, wer mit dem Rahmenkonzept der europäischen Psychiater-Vereinigung EPA? Wer spricht mit den Angehörigen und mit den Psychiatrie-Erfahrenen, wenn es um die zukünftige Versorgung geht? Wie wird in Brüssel „Deinstitutionalisierung“ definiert, und wer betreibt die Umsetzung? Wie ist es zu verstehen, dass die EU-Politik sie zwar in Mittel- und Osteuropa intensiv propagiert, es aber zulässt, dass EU-Mittel in der Praxis mancher osteuropäischer Ländern gerade nicht für die Auflösung von Großeinrichtungen, sondern für deren Modernisierung eingesetzt werden? 

Das Projekt einer europäischen Sozialpsychiatrie vorantreiben

Wer setzt sich also auf der europäischen Ebene für das Projekt einer europäischen Sozialpsychiatrie ein? Im Bereich von MHE – dort sind von deutscher Seite die DGSP und der Dachverband Gemeindepsychiatrie derzeit die einzigen aktiven Mitglieder – werden die Konzepte der WHO oder der EPA nur erwähnt, wenn sie in einem Referat auf einer Tagung vorkommen. Wo haben sie einen Platz in den MHE-Veranstaltungen, Seminaren, Lobbying-Kampagnen? Wo in der Kommunikation von MHE mit den Mitgliedsländern? Wie ist es bei den anderen Nichtregierungsorganisationen? Auf ihren Websites verweisen sie zwar teilweise aufeinander als „Kooperationspartner“, informieren aber nicht über Ziele.

Gibt es ein Europa, in dem die verschiedenen Kulturen der nationalen Psychiatrien zusammenwachsen – wenn es offenbar die Realität ist, dass die verschiedenen psychosozialen und psychiatrischen Verbände vor allem ihren eigenen Ausschnitt in den Brüsseler Entwicklungen im Blick haben, wenn sie zuerst auf ihre eigenen Mitglieder schauen und versuchen, die Förderkriterien zu erfüllen, von denen ihre Aktivitäten abhängen?

Kritische Einmischung und Positionierung der DGSP

Wen interessiert es in Brüssel, ob gemeinsame Ziele – die die vorhandenen Rahmenkonzepte ja aufweisen – auch umgesetzt werden? Was ist mit der Angleichung von Menschenrechten, von rechtlichen Standards wie bei Zwangsmaßnahmen, dem Widerstand gegen die pharmazeutische Industrie, wenn diese „Freiheiten für ihr Handeln“ am „Wirtschaftsstandort Europa“ einfordert? Längst agiert die pharmazeutische Industrie europäisch, weltweit.

Am Beispiel der neuen Richtlinie zur Erforschung und Erprobung von Medikamenten haben wir als DGSP überraschende Erfahrungen damit gemacht, welche EU-Abgeordneten sich für ein Thema interessieren, das mit Psychiatrie zu tun hat, welche Verbände sich auf der europäischen Ebene angesprochen fühlen und sich positionieren: In einem Artikel der „Tageszeitung“ vom 27. Mai 2013 lasen wir eher zufällig, dass die Europäische Kommission die neue Richtlinie „Regulation on clinical trials on medicinal products for human use“ vorbereite und die Abstimmung im zuständigen Umwelt- und Gesundheitsausschuss (ENVI) unmittelbar bevorstehe. Im „Spiegel“ (25/2013: „Automatisch Testperson“) hieß es, es reiche in Zukunft aus, als Patient in einem Krankenhaus zu landen, an dem eine Studie läuft, um automatisch Teil des Tests zu werden, sofern er nicht widerspricht.

Daraufhin baten wir zuerst erfolglos bei MHE und bei anderen Psychiatrieverbänden um Informationen, dann wandten wir uns mit mehr Erfolg an einige EU-Abgeordnete. Von diesen erhielten wir den Entwurf der Richtlinie und die nächsten Abstimmungstermine des zuständigen Ausschusses. Darauf informierten wir wieder MHE, deren jährliche Mitgliederversammlung in Brüssel Anfang Juni bevorstand, und baten darum, dass bei dem Treffen des Vorstands auch der Entwurf der Richtlinie diskutiert wird. MHE informierte die Vorstandsmitglieder allerdings nicht im Vorfeld, daher lag es wieder an uns, dort zwischen den verschiedenen Treffen die einzelnen Vorstandsmitglieder zu informieren und einen provisorischen Entwurf für eine MHE-Stellungnahme zu schreiben. Der MHE-Vorstand zögerte weiter und wollte noch weitere Informationen einholen. Wir erstellten daher zusammen mit dem DGSP-Fachausschuss Psychopharmaka eine eigene kritische Stellungnahme3, der sich auch die österreichische Gesellschaft Pro Mente Austria anschloss, und sandten diese an den Vorsitzenden des Ausschusses und die Berichterstatterin sowie an weitere EU-Abgeordnete und den Parlamentspräsidenten Martin Schulz, der eine unterstützende Antwort schickte. Wir kritisierten in dem Entwurf, dass

  • psychiatrische Patienten nicht erwähnt wurden, obwohl verschiedene „vulnerable groups“ genannt waren, wie z.B. Kinder,
  • Psychopharmaka nirgendwo vorkamen, trotz der Vorschrift „no harmful medication“ – aber eine Reihe von psychiatrischen Medikamenten haben erwiesenermaßen keinen Nutzen oder führen zu gravierenden Schäden –,
  • die Mitsprache der Patienten im Entwurf mit „include the view of lay persons“ nur angedeutet war,
  • trotz der Festlegung von Abläufen und Standards klinische Erprobungen/Forschung nicht unabhängig genug erschienen.

Als die Zeit knapp wurde und der Abstimmungstermin im zuständigen ENVI-Ausschuss bevorstand, erstellte MHE schließlich eine eigene kritische Stellungnahme. MHE nahm Argumente von uns auf, betonte noch stärker die Anforderung des „informed consent“ und erinnerte an die UN-Behindertenrechtskonvention, die nicht berücksichtigt sei. Im Frühjahr 2014 soll die Richtlinie im Europäischen Parlament verabschiedet werden. Die Diskussion darüber ist in Deutschland noch wenig angelaufen, bzw. sie wendet sich hier dem Thema der Daten zu: Die European Medicines Agency (EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur) führt gegenwärtig eine „All- Trials-Kampagne“ durch, d.h., sie bittet möglichst viele Verbände in einer öffentlichen Befragung (online), sich zu der Frage zu äußern, wie zukünftig der Zugang zu und die Transparenz der Daten bei Medikamentenerprobungen geregelt werden soll.

Wir bewerten diese Erfahrung so, dass sich die DGSP mit dieser Stellungnahme klar positioniert hat und dass wir die Ansprechpartner bei MHE auf ein wichtiges Thema gestoßen haben. Inzwischen hat auch MHE die Aktion der EMA unterstützt und diese angeregt, Beratungen in den europäischen Ausschüssen zu medizinischen und sozialen Fragen noch aufmerksamer zu verfolgen, die einen Bezug zur Psychiatrie haben. Positiv sehen wir, dass wir bei der Auseinandersetzung mit dieser Richtlinie Kontakte mit einigen deutschen EU-Abgeordneten aufbauen konnten. Vielleicht bieten die begonnene Diskussion bei MHE und diese Ansprechpartner unter den Abgeordneten in Zukunft Möglichkeiten, uns weiter kritisch einzumischen.

Beyond Babylon?

Den „Abschied von Babylon“ haben wir noch lange nicht genommen. Die Sprach- und allgemeine Verwirrung in der europäischen Psychiatrie dauert an, auch wenn sie heute in manchen Aspekten geringer sein mag, weil wir schon mehr gelernt haben, unter uns als Nachbarn zu kommunizieren und uns über die unterschiedlichen Versorgungssysteme zu verständigen. In anderen Bereichen aber erscheint sie heute größer als früher, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie wenig sich die verschiedenen psychiatrischen und psychosozialen Verbände gegenwärtig untereinander abstimmen und wie sehr sie sich auf ihre – scheinbar – eigenen Themenausschnitte konzentrieren.

Was fehlt? Mehr Miteinander als Erfahrene, Angehörige und beruflich Helfende, um ethische und humane Themen einzubringen, die uns berühren, wie gegenwärtig die Not der seelisch erkrankten Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Gemeinsam mehr über das Projekt einer gemeinsamen Sozialpsychiatrie in Europa zu sprechen, nicht nur aktuelle Anlässe und kleinräumige Themen aufgreifend, sondern Kooperationen zu den Zielen der künftigen Entwicklung zu entwickeln.

Es fehlt auch das deutsche Bemühen um einen weiteren Weltkongress für soziale Psychiatrie. Ein Erfolg des Kongresses 1994 bestand in seiner Binnenwirkung, nämlich die sozialpsychiatrischen Persönlichkeiten und Verbände in Deutschland einschließlich von Teilen der DGPPN anlässlich dieses Kongresses zusammengeführt zu haben.

Dr. Christa Widmaier-Berthold, Diplom-Pädagogin, vertritt die DGSP bei Mental Health Europe. Christian Zechert, Soziologe, ist Mitglied der SP-Redaktion.

E-Mail-Kontakt
mcberthold@t-online.de
zechert(at)versanet(dot)de


Anmerkungen:

1 Aaaron Reeves et al. Suicide, recession, and unemployment. The Lancet 2012; 380: 1813–14.

2 T. Meinhart/H. Steckermaier: Grenzen überwinden – auch in der Psychiatrie. In: Soziale Psychiatrie 2/2007, S. 10 f.

3 Nachzulesen unter www.psychiatrie.de/dgsp; vgl. auch „Soziale Psychiatrie“ 4/2013, S. 43 f.


[1]Quelle: soziale psychiatrie, 38. Jg, Heft 1, Januar 2014; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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