Zukünftige Herausforderungen für die Gesundheitsförderung - 60 Jahre Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung


Am 7. April 1954 startete der „Bundesausschuss für gesundheitliche Volksbelehrung“ sein Vorhaben, dem Gesundheitswesen und der Politik Prävention und später die Gesundheitsförderung nahe zu bringen. Das Datum war gut gewählt. Am 7. April wird auch jährlich der Weltgesundheitstag begangen. Aus der Volksbelehrung, die dem biomedizinischen Paradigma folgte, wurde Ende der 1960er Jahre die „Bundesvereinigung für Gesundheitserziehung“. Sie bezog sich vorwiegend auf das Verhalten des Einzelnen, das zu ändern sei. Die Rahmenbedingungen kamen erst später in den Blick: Sechs Jahre nach der berühmten richtungweisenden WHO-Konferenz in Ottawa nannte sich der gemeinnützige Verein dann ab 1992 „Bundesvereinigung für Gesundheit“. Die Ottawa-Charta definierte, dass Gesundheit dort hergestellt werde, wo Menschen arbeiten, leben, lieben, spielen. Seit 2007 hat sich die Bundesvereinigung für Gesundheitserziehung durch eine Fusion mit dem seit 2002 bestehenden Deutschen Forum Prävention und Gesundheitsförderung nochmals verbreitert zur Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (bvpg). Diese hat derzeit 127 Mitglieder, darunter auch die DGVT. Auch heute orientiert die bvpg ihre Arbeit an den neuen Paradigmen. So fördert sie die Realisierung des Settingansatzes.

Zum Selbstverständnis der bvpg gehörte immer, einen Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Kräfte zu bewirken, Brücken zwischen Akteuren zu bauen, Impulse zu geben und Vernetzung zu schaffen.

Bisher gab es sechs verschiedene Vorsitzende bzw. PräsidentInnen, immer waren sie Mitglieder des Bundestages, der erste, Dr. Gerhard Schröder, war der damalige Bundesinnenminister (also nicht unser vormaliger SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder). Sicherlich hat dies eine wichtige repräsentative Kraft und man sah darin eine wichtige Voraussetzung, um sich in der Politik Gehör zu verschaffen. Zu fragen ist aber, ob die bvpg mit solch einer Positionierung neutrale Plattform sein kann, die die verschiedenen Akteure ohne politische Eigeninteressen zu vernetzen imstande ist.

Auf der Jubiläumsveranstaltung, am 12. Juni 2014 in Berlin, skizzierte die jetzige und in der nachfolgenden Mitgliederversammlung wiedergewählte Präsidentin Helga Kühn-Mengel (Helga Kühn-Mengel zog 2013 über die Landesliste erneut als Abgeordnete (MdB)  in den Deutschen Bundestag ein.) die Geschichte der bvpg und entwarf folgende „Konsenskorridore“, die die bvpg perspektivisch beschreiten wird: Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe voranbringen, das Zusammenwirken von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen stärken, Gesundheitsförderung und Prävention als Querschnittsaufgabe weiter verankern. Sie sieht die Zukunft der bvpg in der weiteren Stärkung und im Ausbau des Settingansatzes, in der Qualitätssicherung und in Wirksamkeitsprüfungen.

Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, gratulierte überzeugt und überschwänglich: Die bvpg führe als Moderator die Dinge zusammen, gebe moderne Antworten. „Gäbe es die bvpg nicht, man müsste sie erfinden.“ Dr. Beate Grossmann, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung, stellte die Ergebnisse einer Mitgliederbefragung  über deren Selbstverständnis als  bvpg-Mitglied und ihre Erwartungen an die bvpg launig und bilderreich vor.

Das inhaltliche Highlight war – wie oft – der Auftritt von Prof. Dr. Dr. Ilona Kickbusch, der ehemaligen Mitarbeiterin der WHO und jetzigen Leiterin des Global Health Programms am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Sie sprach zur Zukunft der Gesundheitsförderung und Prävention.

Die zwei Herausforderungen der Zukunft seien zum einen die gesellschaftliche Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit, zum anderen speziell die Zunahme von Adipositas. Beide Bereiche stünden in politischen Konfliktfeldern. Kickbusch beklagte, dass sich Gesundheitsorganisationen noch nicht strategisch genug und aktiv genug in politische Zusammenhänge einbinden würden. Wenn wir die Erfolge beim Kampf um das Rauchen ansehen, so sei der entscheidende Schritt der vom Rauchen zum Tabak gewesen. Bei Adipositas wäre das vergleichbar der Schritt vom (un)gesunden Essen zu den Nahrungsmitteln. Zurzeit fokussiere sich die internationale Gesundheitsförderung auf den Zucker. Es gebe sogenannte „sugar summits“. Was können wir noch aus der Tabakdiskussion lernen? Wir müssen co-benefits bei health in all politics entwickeln.

Die Gesundheitsdeterminanten seien in den Bereichen Ökonomie, Umwelt, Politik und Kommerz zu diskutieren. Dies seien wichtige Themen der Zukunft. Was uns an gesellschaftlichen Trends zu beschäftigen hat, seien die Virtualität, die Demografie, die Globalisierung und die Urbanisierung.

Kickbusch verlangte mehr Interaktion zwischen der internationalen, nationalen und lokalen Ebene. Auch die bvpg solle nicht nur die nationale Diskussion verfolgen. Als zukunftsweisend empfahl Kickbusch den Oslo Lancet Report von 2014, den sie der bvpg ans Herz legte, ins Deutsche zu übersetzen. Dort werde die globale Konsumgesellschaft als Determinante für Gesundheit in den Mittelpunkt gerückt, was man in Ottawa so nicht gesehen habe. Der Konsum werde auf Kosten der Gesundheit und des Wohlbefindens gefördert. Als kommerzielle Determinanten werden benannt: Alkohol, Automobile, Waffen, Nahrungsmittel, Getränke, Pharmaprodukte und Tabak.

So habe sich der Verkauf von soft drinks in den letzten zehn Jahren verdoppelt. In Indien, China und Brasilien habe sich der Konsum vervierfacht. In Mexiko wurde eine Steuer auf soft drinks eingeführt. 40 Mio Kinder unter fünf Jahren seien dort übergewichtig. Man spreche heute von „big soda“.Und man spricht von „big food“: Frankreich habe Normen geändert und zum Beispiel die Essens-Portionen geändert. Is fat the new tobacco? Is sugar the new tobacco? Es müsse eine global angelegte Regulierung wie bei der Tabakregulierung angestrebt werden.

Zu beobachten sei heute eine Übernahme des öffentlichen Raumes durch Kommerzialisierung und Vermarktungsstrategien. Es werde von happy places gesprochen. So unterstützten Sportveranstaltungen die Werbung für Produkte wie Alkohol. Sind neue Gesetze in der Raumordnung notwendig, um der Vermarktung allerorten entgegenzutreten? Der Vortrag von Ilona Kickbusch machte deutlich, welch komplexe sektorenübergreifende Interventionen in Zukunft notwendig sein werden, um dieser Herausforderung entgegentreten zu können.

Die DGVT ist Mitglied im BVPG. Dr. Ute Sonntag, Mitglied der DGVT-Fachgruppe „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ hat die DGVT in diesem Jahr vertreten.

Die Kontaktdaten lauten: ute.Sonntag(at)gesundheit-nds(dot)de


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