Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V. und des DGVT-Berufsverbands Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) e.V. zur Situation der Flüchtlinge in Deutschland und Europa

Gemeinsam Barrieren abbauen - Europa muss Flüchtlingen eine Perspektive bieten statt einen neuen eisernen Vorhang an seinen Außengrenzen zu errichten


Die Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa und in Deutschland wird vielfach überlagert von Ängsten eines Teils der Bevölkerung und deren politischer Instrumentalisierung. Neu auf der Bildfläche auftauchende Organisationen wie Hogesa oder Pegida, aber auch Brandanschläge auf geplante oder bereits bestehende Flüchtlingsunterkünfte zeugen davon, dass wir hierzulande noch weit von einer vielfach beschworenen Willkommenskultur entfernt sind.

Auch die europäische Flüchtlingspolitik hat daran ihren Anteil. Europa schottet seine Außengrenzen gegen Flüchtlinge ab. Das italienische Seenotrettungsprogramm "Mare Nostrum", mit dem mehr als 150.000 Flüchtlinge gerettet wurden, wurde durch das Grenzschutzprogramm „Triton“ abgelöst. Zugleich sorgt sich die Vorschrift, wonach Flüchtlinge einen Asylantrag nur in dem Land der EU stellen dürfen, das sie zuerst betreten haben, nicht nur für eine häufig unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen in den Hauptankunftsländern und für eine Entsolidarisierung innerhalb der EU-Staaten. Vielmehr ist sie auch die Ursache dafür, dass viele Flüchtlinge von Anfang an in einem Status der aufenthaltsrechtlichen Illegalität leben müssen.

Gleichzeitig ist in weiten Teilen der Bevölkerung in den vergangenen Jahren auch das Bewusstsein dafür gewachsen, dass gerade eine alternde und schrumpfende Bevölkerung wie die deutsche dringend auf Zuwanderung angewiesen ist. Ebenso hat angesichts der Berichte über das Elend vieler Flüchtlinge die Bereitschaft zugenommen, Flüchtlingen aus humanitären Gründen Schutz und Zuflucht in Deutschland zu gewähren. Die Teilnehmerzahlen der Gegendemonstrationen gegen tendenziell ausländerfeindliche Aufmärsche wie zuletzt am vergangenen Wochenende machen deutlich, dass die Bevölkerung keineswegs in ihrer Mehrheit die Aufnahme von weiteren Flüchtlingen ablehnt – ebenso wie viele lokale bürgerschaftliche Initiativen zur Unterstützung von Flüchtlingen in den aufnehmenden Gemeinden.

Eine Neuausrichtung der europäischen Flüchtlingspolitik und ein offensives Bekenntnis zur Zuwanderung seitens aller demokratischen Kräfte wären wichtige Beiträge dazu, solche positiven Ansätze zu unterstützen und tatsächlich eine Willkommenskultur zu etablieren. Zur Bekämpfung irrationaler und diffuser Ängste vor MigrantInnen würde auch eine Politik beitragen, die dem sozialen und materiellen Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenwirkt. Die zunehmende und bis in die Mittelschicht hinein verbreitete Furcht, immer mehr von der Wohlstandsverteilung abgekoppelt zu werden, ist ein fruchtbarer Nährboden für Ausländerfeindlichkeit.

Für gelingende Integrations- und Inklusionsprozesse wäre zudem eine stärkere Einbeziehung der in sozialen und psychosozialen Berufsgruppen vorhandenen Expertise notwendig. Der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat im November darauf aufmerksam gemacht, dass eine angemessene gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland nicht sichergestellt ist. Die psychotherapeutische Behandlung von chronischen Erkrankungen und Traumafolgestörungen wird ihnen nur im Einzelfall gewährt, zudem gibt es divergierende Regelungen in den Bundesländern. Flüchtlinge leiden jedoch häufig unter den Folgen von erlittenen Traumata, vor allem unter Posttraumatischen Belastungsstörungen und schweren Depressionen. Der DPT hat die Bundesregierung deshalb aufgefordert, bundeseinheitliche Regelungen zu schaffen, die sich im Bereich psychotherapeutischer Behandlungen an der Psychotherapie-Richtlinie und der Psychotherapie-Vereinbarung orientieren.

Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) hat jüngst dazu aufgerufen, bereits bei der Planung und Organisation der Flüchtlingsunterbringung Fachkräfte der Sozialen Arbeit einzubeziehen und ausreichend sozialprofessionelle Beratungsangebote für Flüchtlinge in den Unterkünften bereitzustellen. Auch die Integrationsprozesse müssten mehr als bisher von Fachkräften der Sozialen Arbeit durchgeführt werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V. und der DGVT-Berufsverband Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) e.V. schließen sich diesen Forderungen an und unterstützen alle Bemühungen, die auf eine Stärkung und Achtung der Menschenrechte und eine humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in den Aufnahmeländern abzielen. Gerade Menschen, die durch Kriegs- und Terrorerfahrungen traumatisiert wurden, brauchen professionelle Unterstützung, Sicherheit und eine Perspektive.


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