IGES-Institut macht Reformvorschläge zur Psychotherapie-Richtlinie

Das IGES-Institut befragte 15 VertreterInnen von Krankenkassen und Berufsverbänden von ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen. Nach der Befragung wurden die Ergebnisse in einem Workshop mit den Befragten diskutiert. Die Experten waren sich einig, dass der Zugang zu psychotherapeutischer und psychiatrischer Versorgung erleichtert werden müsse und es eine vorgelagerte Sprechstunde zur Orientierung geben soll, die für die Versicherten leicht und ohne Überweisung zugänglich sein muss.


Anlass zur Studie, die am 9. Januar 2015 vorgestellt wurde, war die Ankündigung des Gemeinsamen Bundesausschusses, die Psychotherapierichtlinie zu reformieren. Das IGES-Institut für Sozialforschung, Berlin, wollte einen Beitrag zur Diskussion liefern und hat hierfür im Rahmen eines Projektes mehrere ExpertInnen befragt. Das IGES-Institut bezieht sich in seiner Befragung auf das vom GKV-Spitzenverband bereits im November 2013 vorgelegte Positionspapier. Die KassenvertreterInnen fordern darin, die psychotherapeutische Versorgung weiterzuentwickeln, um regionale Unterschiede abzubauen. „Für alle Versicherten soll weiterhin ein möglichst guter, niedrigschwelliger Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung gewährleistet werden, ohne die Versichertengemeinschaft zu überfordern“, heißt es in dem GKV-Papier. Ein Vorschlag in diesem Positionspapier ist eine verpflichtende, vorgeschaltete Sprechstunde, in der eine Diagnose gestellt und der Versicherte über die verschiedenen Versorgungsmöglichkeiten informiert und beraten wird. Dieser Vorschlag stand auch im Mittelpunkt der Befragung durch das IGES-Institut. Die Wissenschaftler des Instituts haben dazu 15 Gespräche mit VertreterInnen von Krankenkassen und Berufsverbänden von ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen geführt und die Ergebnisse dann in einem Workshop mit den Befragten erneut diskutiert. Sie wollten damit die konkrete Umsetzung und einige kritische Punkte dieses ihrer Meinung nach sinnvollen Grundgedanken näher betrachten. Man war sich darin einig, so das IGES, dass der Zugang zur psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung erleichtert werden müsse und eine erste Orientierung auch zeitnah erfolgen müsse. Einigkeit unter den Experten herrschte aber auch dazu, dass das Ganze nicht zu einer Rationierung von Kapazitäten führen dürfe. In dieser sog. vorgelagerten Sprechstunde soll zunächst festgestellt werden, ob eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung vorliegt. Sollte dies der Fall sein, so müsste alsbald ein Therapieplatz zur Verfügung stehen. Dabei soll es aber nicht nur um Therapie im engeren Sinne gehen, sondern es sollten auch alternative Versorgungsangebote mit einbezogen werden, so z. B. medikamentöse oder multimodale psychiatrisch-psychotherapeutische Therapien sowie auch Unterstützungsangebote wie kommunale Hilfen, Familien- oder Schuldnerberatung oder auch Selbsthilfegruppen. Die Orientierungssprechstunde sollte nach Meinung der Befragten nur Empfehlungscharakter haben, sodass es „im Rahmen der freien Arztwahl dem GKV-Versicherten weiterhin freistehe, Psychotherapeuten aufzusuchen, selbst dann, wenn ihnen in einer Sprechstunde keine weitere Therapie empfohlen wurde bzw. diese nicht als erforderlich erachtet wurde“, so die Expertise. Einig war man sich nicht in der Frage, welche Institution oder Berufsgruppe die Beratungssprechstunde anbieten und damit eine Therapieempfehlung geben sollte. Einige der Befragten konnten sich alle ärztlichen Heilberufe (Hausärzte, Psychiater usw.) vorstellen, andere bevorzugten die Gruppe der PsychotherapeutInnen und PsychiaterInnen. Argumentiert wurde, dass die Hausärzte z. B. keine spezifische Ausbildung hätten. Allerdings gehen die meisten PatientInnen mit psychischen Beschwerden zunächst einmal zum Hausarzt. Gegen die Beratung durch Psychologische PsychotherapeutInnen haben einige eingewandt, dass eine zu häufige Therapieempfehlung dann zugunsten der jeweils eigenen Therapieschule zu erwarten sei. Außerdem könnten keine somatischen oder pharmakotherapeutische Abklärungen vorgenommen werden. Laut IGES-Gutachten haben sich zwei Grundkonzepte hierzu ergeben. Entweder eine arztzentrierte Beratung, die von psychotherapeutisch-qualifizierten Haus- und Fachärzten durchgeführt wird oder eine fachärztliche und psychotherapeutische Sprechstunde mit psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten bzw. entsprechenden Fachärzten. Eine gesonderte Beratungsstelle einzurichten, hätten die Befragten abgelehnt. Dadurch würde der Zugang für die Versicherten eher erschwert und es würden Ressourcen gebunden, die anderweitig benötigt werden. Auf jeden Fall sollten die Versicherten die Ansprechpartner für die Beratung frei wählen können und außerdem sei auch keine Überweisung für die Sprechstunde erforderlich. Im Falle der Durchführung durch einen Psychotherapeuten sollte dieser, wenn die Notwendigkeit zu einer Therapie festgestellt wurde – diese auch selbst durchführen dürfen. Die BeraterInnen sollten allerdings ein weites Spektrum an Möglichkeiten für die weitere Behandlung vorschlagen können. Insbesondere sollten psychotherapeutische und psychiatrische Behandlungsangebote nebeneinander stehen und auch alternative therapeutische Angebote wie qualitätsgesicherte internetbasierte Selbsthilfeprogramme oder Gruppentherapien seien einzubeziehen. Leichtere Fälle sollten an den Hausarzt oder an alternative Hilfsangebote wie kommunale Beratungen oder spezielle Angebote der Krankenkasse, wie z. B. Selektivverträge, verwiesen werden. Für die IGES-Autoren ist allerdings eine wichtige Frage nicht gelöst worden: „Wie kann eine dezentrale nichtgesteuerte Beratung bezüglich des Behandlungsbedarfs dazu führen, dass überall eine sinnvolle Stratifizierung zur besseren Auslastung der Kapazitäten stattfindet?“ Dazu müsse es klare Kriterien der Einstufung von psychischen Erkrankungen geben, die von einer fünfstelligen Zahl von Behandlern im ganzen Bundesgebiet in ähnlicher Form und sehr konsequent angewendet werden müssten. Wichtig sei das Terminmanagement, damit die Patienten nicht erst auf den Beratungstermin warten und dann bei einer Behandlungsempfehlung eine zweite Wartezeit für Therapiestunden in Kauf nehmen müssen. Dies setze voraus, dass freie Kapazitäten durch Leistungserbringer gemeldet werden und es müsse außerdem mit weiteren Maßnahmen kombiniert werden, wie z. B. eine Anpassung der Bedarfsplanung, die Förderung der Gruppentherapie und eine Fernberatung in ländlichen Regionen. Zentrale Vorschläge aus dem Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes vom November 2013:

„Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie“

Zentrale Vorschläge aus dem Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes vom November 2013:

1.      Die Versorgung von psychisch Kranken zu verbessern, dabei allerdings die vorhandenen Ressourcen beizubehalten und effizienter einzusetzen.

2.     Eine verpflichtende, vorgeschaltete Sprechstunde einzuführen, in der eine Diagnose gestellt und der Versicherte über die verschiedenen Versorgungsmöglichkeiten informiert und beraten wird. Neben der Psychotherapie könnten ihm auch andere Versorgungsangebote wie Schuldnerberatung oder Selbsthilfegruppen vorgeschlagen werden.

3.      Bei der Kurzzeittherapie die bisherige Antragspflicht durch eine Anzeigepflicht zu ersetzen, damit Patienten einen schnelleren und unbürokratischeren Zugang zu einer Therapie bekommen.

4.      Die Therapie-Kontingente anzupassen und damit Anreize zu setzen, um die Therapiedauer zu verkürzen. So sollte künftig das erste Kontingent 15 Stunden (statt 25), das zweite weitere 10 und das dritte weitere 25 Stunden beinhalten. Eine Antragspflicht mit Gutachterverfahren würde nach diesem Modell erst ab dem dritten Kontingent, also nach 25 Therapiestunden, bestehen.

5.      Durch den Einsatz psychometrischer Instrumente, beispielsweise Fragebögen vor und nach einer Therapie, die Qualität der Leistungserbringung zu überprüfen sowie die Richtlinientherapie weiter zu flexibilisieren und damit vor allem die Gruppentherapie zu fördern.

Waltraud Deubert

Quelle:

www.iges.de/presse/2015/psychische-erkrankungen/index_ger.html


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