Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann Stiftung 2015: Regionale Verteilung von Psychotherapeutensitzen im Blickpunkt


Mehrmals im Jahr informiert die Bertelsmann Stiftung im Rahmen des „Faktencheck Gesundheit“ über Hintergründe der deutschen Gesundheitsversorgung. Dabei werden zu verschiedenen Gesundheitsthemen regionale Unterschiede aufgezeigt sowie Lösungsvorschläge diskutiert und Handlungsempfehlungen gegeben. Angestrebt werden eine stärkere Ausrichtung der Gesundheitsleistungen am tatsächlichen Bedarf der Patienten sowie eine sachgerechtere Verwendung der begrenzten Ressourcen. Zusätzlich soll erreicht werden, dass sich die Menschen stärker mit der Gesundheitsversorgung befassen und sich aktiv damit auseinandersetzen. Dadurch soll auch ein besseres Verständnis gegenüber dem Gesundheitssystem und den notwendigen politischen Reformen erzielt werden. 

Zu diesem Zweck werden Themen ausgewählt, die eine hohe Relevanz für die Bevölkerung haben und bei denen sich bedeutsame Defizite im System und konkrete Handlungs- und Verbesserungsansätze aufzeigen lassen. Beispielsweise ist das 2012 in Kraft getretene Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VStG) Grundlage für verschiedene Studien. Dieses sogenannte Landärztegesetz sollte dabei helfen, den Ärztemangel in dünn besiedelten Regionen zu bekämpfen. Deshalb haben Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen auf Landesebene die Verteilung von Arztsitzen neu geplant. Beim Faktencheck Ärztedichte werden die Ergebnisse der offiziellen Planung mit dem tatsächlichen Versorgungsbedarf der Bevölkerung verglichen. Im Unterschied zur Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen sogenannten Bedarfsplanung durch die sogenannte gemeinsame Selbstverwaltung, den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), werden hierbei bedarfsrelevante Faktoren wie die Alters- und Einkommensstruktur der Bevölkerung, der Anteil von Arbeitslosen und Pflegebedürftigen sowie die Sterblichkeit berücksichtigt. Im letzten Jahr wurde das Verhältnis zwischen Bedarf und Versorgungsdichte bei Haus-, Kinder-, Frauen- und Augenärzten verglichen. Es zeigte sich, dass das Ziel des „Landärztegesetzes“ insgesamt nicht erreicht werden konnte. In der aktuellen Analyse wurde die Betrachtung der allgemeinen fachärztlichen Versorgung um die folgenden fünf weiteren Fachgruppen ausgedehnt: Orthopäden, Psychotherapeuten, Urologen, HNO- und Nervenärzte. Auch die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die neue Bedarfsplanung die Erwartung einer gerechteren Verteilung der Facharztsitze in Stadt und Land nicht erfüllt.

Im Folgenden werden die Ergebnisse bei der (zahlenmäßig größten) Gruppe der Psychotherapeuten näher erläutert.

Nach der nach dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) etwas veränderten (nunmehr „kleinräumigen“) Bedarfsplanung zeige sich bei den Psychotherapeutensitzen immerhin eine etwas bessere Orientierung am tatsächlichen Bedarf. Der Anteil der Regionen, in denen die Psychotherapeutendichte nicht dem relativen Bedarf entspricht, sinkt von 81,7 auf 77,6 Prozent. Das zeigt sich vor allem durch die sichtbare Abnahme der Regionen mit deutlich niedrigerer Psychotherapeutendichte. Diese Regionen finden sich vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen, aber auch im Osten Bayerns.

Obwohl nur 25 Prozent der deutschen Bevölkerung in Großstädten leben, sind dort 49,6 Prozent der Psychotherapeutensitze vorgesehen. In der überarbeiteten Bedarfsplanung ist eine Reduktion auf 43,7 Prozent vorgesehen. Gleichzeitig soll der Anteil der Psychotherapeuten auf dem Land erhöht werden (24,1 Prozent) im Vergleich zur aktuellen Verteilung (16,6 Prozent). Der weiterhin bestehende Unterschied in der Relation wird damit begründet, dass Psychotherapeuten in den Städten das ländliche Umland vielfach mitversorgen und somit eine stärkere Konzentration der Sitze auf die Städte akzeptabel ist. Für die Psychotherapeuten bedeutet dies jedoch, dass ein Psychotherapeut in einer Großstadt offiziell (allerdings unter Nicht-Berücksichtigung der erwähnten Mitversorgungseffekte) nur 3079 Einwohner zu versorgen hat, in ländlichen Regionen dagegen 5953 Einwohner. Das sind 93 Prozent mehr - unabhängig vom tatsächlichen regionalen Versorgungsbedarf.

Die Bertelsmann Stiftung schlägt vor, dass ein bundesweit einheitliches Verhältnis von Psychotherapeut pro Einwohner eingeführt werden sollte. Dadurch könnten Praxen bedarfsgerechter verteilt werden. Außerdem sollen bei der Bedarfsplanung demographische (aktuelle Altersstruktur, Geschlecht, Alterungsentwicklung), sozioökonomische (Arbeitslosenquote, Haushaltseinkommen) und morbiditätsbezogene (Zahl der Pflegebedürftigen, Mortalitätsrate) Indikatoren berücksichtigt werden.

In die Diskussion um die Bedarfsplanung kommt Bewegung – notgedrungen, denn der Gesetzgeber hat den Gemeinsamen Bundesausschuss nicht nur mit dem letzten Gesundheitsreformgesetz, dem Versorgungsstrukturgesetz, zu Überarbeitungen verpflichtet. Auch im aktuell diskutierten Gesundheitsreformgesetz, dem Versorgungsstärkungsgesetz, wird wieder eine Neufassung der Bedarfsplanung vorgeschrieben. Nun dürfte tatsächlich, so ist zu hören, eine grundlegende Reform anstehen, bei der die Grundannahmen der bisherigen Bedarfsplanung zur Disposition stehen. Es scheint so, dass die Überlegungen der Bertelsmann-Stiftung, die sich gemeinsam mit dem IGES-Forschungsinstitut schon seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt und deren Überlegungen von Seiten der Patientenvertreter bereits in den Gemeinsamen Bundesausschuss eingebracht worden sind, hier wertvolle und auch wegweisende Impulse setzen werden. DGVT und DGVT-Berufsverband haben schon seit Jahren immer wieder die derzeitige Bedarfsplanung, speziell im Bereich Psychotherapie, kritisiert. Insofern ist jede Verbesserung der Verhältniszahlen zu begrüßen! Wichtig ist natürlich, dass neue Bedarfszahlen sich am tatsächlichen Bedarf orientieren und eine gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung mit einheitlichen Verhältniszahlen in Stadt und Land anstreben.

Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Spotlight_Gesundheit_Thema _Aerztedichte_03-2015.pdf

https://aerztedichte.faktencheck-gesund heit.de/fileadmin/daten_fcad/Dokumente/FCG_Aerztedichte_Studie2015.pdf

Heiner Vogel und Jana Arndt

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 2/2015


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