Kommentar zum Vorschlag einer „dualen Weiterbildungsstruktur“ Tripp et al.


Im Artikel „Modell einer dualen Weiterbildungsstruktur aus Weiterbildungsstätte und Weiter­bildungsinstitut“ machen Tripp et al. einen beachtenswerten Vorschlag zur Sicherung einer notwen­digen Strukturqualität einer Weiterbildung, welche auf ein vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) angestrebtes Direktstudium „Psychotherapie“ folgen soll.

Sie weisen richtigerweise darauf hin, dass die Delegierten des 25. Deutschen Psychotherapeutentags (DPT) in ihrem Beschluss zu einer Reform der Psychotherapieausbildung ausdrücklich gefordert haben, dass wesentliche Merkmale der Strukturqualität in der heutigen postgradualen Ausbildung erhalten bleiben müssen, um auch zukünftig eine Psychotherapiequalifizierung ohne Qualitätsverlust erreichen zu können. Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Forderung nach einer Weiterbildungs­struktur ein, die eine konzeptionell einheitliche Weiterbildung garantiert. Hintergrund dafür ist die fachliche Überzeugung, dass Psychotherapie mit einem Verfahrensbezug sinnvoll nur in unmittelbar aufeinander bezogenen Qualifizierungsbausteinen aus Theorie und Praxis gelehrt bzw. erlernt werden kann. Die unverbundene Addition isolierter Qualifizierungsmodule führt demnach zu einem Qualitätsverlust. In diesem Sinne ist die Maxime „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ hier weitgehender Konsens in der Ausbildungsreformdebatte. Auch die DGVT hat sich immer wieder aus­drücklich zu dieser Ansicht bekannt und deren Umsetzung zu einer Grundbedingung für eine vertret­bare Reform gemacht.

Die AutorInnen weisen schlüssig nach, dass die gültige Rechtslage die Umsetzung eines entsprechenden Prinzips einer „Weiterbildung aus einer Hand“ nur schwer bis noch gar nicht möglich macht. Insbe­sondere steht dem die Definition einer Weiterbildungsstätte, wie sie in vielen Heilberufe- bzw. Heil­berufekammergesetzen derzeit vorgenommen wird, entgegen.

Im Folgenden machen Tripp et al. den Vorschlag, eine neue Institution, das „Weiterbildungs­institut“, einzuführen. In ihrem Artikel führen sie aus, wie dadurch die Einheitlichkeit einer zukünfti­gen Weiterbildung sichergestellt werden könnte.

Der Vorschlag entwickelt bei genauerer Betrachtung durchaus Charme. Tatsächlich könnte eine solche Konstruktion die allseits geforderte Strukturvoraussetzung schaffen. Die Autoren liefern dann aber die zu nehmende Hürde gleich mit, wenn sie ausführen, dass hiermit eine „Besonderheit“ für die Psychotherapie, in Abgrenzung von der Weiterbildung bei anderen Heilberufen, geschaffen werden soll. Und dass diese Exklusivität eben auch zu begründen sein wird. Wenn man dann hinzunimmt, dass aktuell in der Ärzteschaft mit großer Vehemenz für eine Neustrukturierung (und Finanzierung!) der ambulanten Weiterbildung plädiert wird, wird bereits deutlich, wie schwer eine solche Argumentation werden dürfte.

Die AutorInnen stellen weiter sehr nachvollziehbar klar, dass zentrale Weiterbildungsambulanzen, also die möglichen Nachfolger der heutigen Ausbildungsambulanzen, keine Bildungseinrichtungen mehr sein können, sondern nur als Versorgungseinrichtungen zukünftig an der Weiterbildung beteiligt bleiben können. Es wird also deutlich, dass solche Versorgungseinrichtungen zunächst  sozialrechtlich zu definieren sein werden. Heute sind Ausbildungsambulanzen außerhalb der Bedarfsplanung er­mächtigt und zwar ausdrücklich mit einem Bildungsauftrag. Die Installierung einer Weiterbildungs­ambulanz würde demnach eine erhebliche Umwälzung der derzeitigen psychotherapeutischen am­bulanten Versorgungsstruktur bedeuten. Gleichzeitig kann aber die weiterbildungsbezogene Not­wendigkeit für eine solche Einrichtung nicht mehr als Begründung für deren Schaffung angeführt werden! Es müssen vielmehr versorgungsrelevante Argumente für solche neuen Versorgungsein­richtungen gefunden werden.

Der Vorschlag einer „dualen Weiterbildungsstruktur“ lässt nur indirekt erkennen, welchen struktu­rellen Bedingungen ein solches zukünftiges Weiterbildungsinstitut unterworfen sein würde. So werden da zukünftig fest angestellte approbierte „Weiterbildungsassistenten“ tätig sein, die unmit­telbare Versorgungsleistungen erbringen. Überträgt man die Umstände einer heutigen durchschnitt­lichen Ausbildungsstätte für Verhaltenstherapie auf ein solches Zukunftsszenario, darf man sich eher tagesklinikähnliche Institutionen vorstellen, die infrastrukturell eine erhebliche Belegschaft zu ver­walten haben werden.

Eine Belegschaft, deren Finanzierung dann natürlich sichergestellt werden muss. Das ökonomische Risiko einer solchen Einrichtung dürfte beträchtlich sein – mit all den wirtschaftlichen Folgen, die das dann nach sich ziehen wird. Dass solche Versorgungseinrichtungen zukünftig ihren Schwerpunkt auf die (vergütungsrelevante) Versorgungsleistung legen werden und der Bildungsauftrag sich dem – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Weiterbildungsqualität- wird unterordnen müssen, darf getrost angenommen werden.

Gleichzeitig müssen solche Weiterbildungsinstitute natürlich die in dem vorgeschlagenen Modell ausgeführten koordinierenden Weiterbildungsaufgaben finanziert bekommen. Theorie, Selbster­fahrung und Supervision müssen ausreichend finanziert werden. Sollen diese Kosten nicht wieder von den WeiterbildungsteilnehmerInnen bestritten werden, müssen hierfür zusätzliche öffentliche Gelder bzw. Mittel der Sozialkassen zur Verfügung gestellt werden. Gerade um das erhebliche öko­nomische Risiko eines solchen Weiterbildungsinstituts tragfähig zu machen, braucht es diese not­wendigen Mittel. Ohne deren Zusage kann eine solche Einrichtung nicht betrieben werden.

Schließlich ist dem Vorschlag der AutorInnen, wonach Weiterbildungsinstitute für alle ihre Teilnehmer­Innen ausreichende praktische Weiterbildungsstellen garantieren sollen, ausdrücklich zuzustimmen. Nur so kann verhindert werden, dass der wegen begrenzter finanzieller Mittel zu erwartende Eng­pass an (stationären) Weiterbildungsplätzen die Beendigung einer begonnenen Weiterbildung ver­eitelt. Die Folge dürfte allerdings sein, dass es nur noch begrenzt Weiterbildungsplätze geben wird, was dann u.a. wiederum die ökonomische Tragfähigkeit eines etwaigen Weiterbildungsinstituts ge­fährden könnte.

Die hier vorgebrachten Bedenken sind in erster Linie Folge der durch den DPT und das BMG ange­strebten neuen Direktausbildungsstruktur und nicht in erster Linie dem Vorschlag einer dualen Weiterbildungsstruktur von Tripp et al. anzulasten. Vielmehr zeigt dieser Vorschlag anschaulich auf, welche Herausforderungen bewältigt werden müssen, soll eine solche neue Struktur des Qualifizierungswegs ohne gra­vierende Qualitätsverluste eingeführt werden.

Sicher gibt es auch noch Alternativmodelle, die geprüft werden sollten. So sei z.B. auf die aktuelle Weiterbildungsordnung der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg verwiesen, in der am Beispiel der Weiterbildung für das Verfahren „Systemische Therapie“ schon heute eine – mit dem Heilberufekammergesetz des Landes Baden-Württemberg konforme - Möglichkeit einer Weiter­bildungsstättendefinition umgesetzt wird, die über geforderte Kooperationen bzw. Verbundlösungen eine Weiterbildung „aus einer Hand“ sicherstellt. Wobei die hier vorgebrachten Argumente natürlich auch in einem solchen Fall ihre Bedeutung behalten.

Bei der Prüfung solcher Varianten und der Debatte um eine zukünftige Weiterbildungsstruktur darf auch nicht das Ziel einer weitgehend bundeseinheitlichen Weiterbildungsstruktur aus dem Blick ge­raten! So können am Ende nur Lösungen zielführend sein, die in allen Bundesländern mit ihren unterschiedlichen landesgesetzlichen Rahmenbedingungen umsetzbar sind.

Das größte Verdienst der Vorschläge von Tripp et al. besteht unseres Erachtens darin, dass sie klar machen, was unabdingbare strukturelle Forderungen an eine Reform sein müssen und dass sie damit auch aufzeigen, dass der Beschluss des 25. Deutschen Psychotherapeutentags untrennbar mit Forderungen nach einer qualitativen Reform verknüpft ist. Einer Reform, die diese Anforderungen nicht erfüllt, kann demnach auch nicht der Segen der Psychotherapeutenschaft gegeben werden.

Günter Ruggaber, Tübingen
Mechthild Greive, Dortmund


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