Bericht zum Treffen einer curricularen Fortbildung zur Psychosen-Psychotherapie am 8. Mai in Berlin


Im Mai 2011 wurde in Berlin der Dachverband Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie (DDPP) gegründet. Ziel des DDPP ist „die Verbesserung und Absicherung der Qualität und Kompetenz von psychotherapeutischer PsychosenPsychotherapie“. Die DGVT ist seit Gründung des DDPP eine seiner Mitgliedsorganisationen und beteiligt sich aktiv an der Arbeit des Verbandes.

Neben Forschung, Vernetzung und interdisziplinärer Zusammenarbeit ist auch die Förderung von Aus-, Fort- und Weiterbildung Satzungszweck des Verbandes.

Vier Jahre nach der Gründung fand nun am 8. Mai 2015  in der Berliner Charité ein "Treffen zum Entwurf einer curricularen Fortbildung zur Psychosen-Psychotherapie" statt, das vom DDPP (Dachverband Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie) im Rahmen des fünften DDPP-Kongresses ausgerichtet wurde.

Etwa 35 Personen, VertreterInnen von Fach- und Berufsverbänden und Landespsychotherapeutenkammern, diskutierten den Fortbildungsentwurf des DDPP-Fortbildungsausschusses.

Zu Beginn wurde direkt versucht, eine Klarstellung in Bezug auf die gewünschte Bedeutung dieser Fortbildung vorzunehmen. Ziel solle allein sein, qualitativ hochwertige Fortbildungen im Bereich der Psychosen-Psychotherapie zu entwickeln, um PsychotherapeutInnen zu ermutigen, mehr und mit größerer Sicherheit mit psychotisch erkrankten Menschen zu arbeiten. Es gehe in keinem Fall darum, neue Hürden für die Durchführung von PsychosenPsychotherapie aufzubauen und etwa TherapeutInnen, die diese Fortbildung nicht durchgeführt haben, daran zu hindern, mit PatientInnen mit Psychosen zu arbeiten. Also: keine berufs- oder sozialrechtlichen Einschränkungen, sondern eine Ausweitung der Möglichkeiten ("Weitstellung statt Engstellung"). Aus diesem Grund habe man auch von der ursprünglichen Idee einer „zertifizierten“ Veranstaltungsreihe Abstand genommen und sich ausdrücklich auf die Bezeichnung "Fortbildung" geeinigt.

Zunächst wurden die bekannten Ausgangsfakten genannt: Menschen mit Psychosen machen etwa 50% der PatientInnen von stationären psychiatrischen Einrichtungen aus, demgegenüber beziehen sich nur 1% der Psychotherapieanträge primär auf diese Störungen. Neben einigen anderen Gründen, die auch die Diagnosestellung im stationären und ambulanten Kontext einbeziehen, spiele hierfür sicher eine Rolle, dass viele TherapeutInnen in der ambulanten Behandlung akuter Psychosen unsicher sind. In dieser Hinsicht solle das in der Konzeption befindliche Fortbildungsangebot Abhilfe schaffen.

Dann stellte der Fortbildungsausschuss des DDPP seinen Entwurf für die curriculare Fortbildung vor:

Der Umfang soll vier Seminare a 16 UE, 20 Supervisionsstunden und die Dokumentation von zwei Behandlungsfällen mit insgesamt 40 Behandlungsstunden umfassen. Die Supervision kann nach Vorstellung des Ausschusses sowohl als Einzel- oder Gruppensupervision durchgeführt werden; ausdrücklich wurde aber auch die Möglichkeit von Fallseminaren mit eigener Fallvorstellung genannt, was sicher in vielerlei Hinsicht handhabbarer wäre. Es soll insgesamt ein modulares Vorgehen ("Baukastenprinzip") sein, was die Anerkennung von Vorerfahrungen und Vorleistungen (aus Aus- und Fortbildungen) ermöglichen könnte.

Es sind zunächst zwei unterschiedliche Curricula entwickelt worden, eins mit verhaltenstherapeutischem und eins mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt.

Die vier Theorieseminare teilen sich in einen "Allgemeinen Teil" (ein verfahrensübergreifendes Seminar) und drei spezifische Blöcke (KVT oder Tiefenpsychologie). Die Inhalte (des KVT-Curriculums) im Überblick:

1. Allgemeiner Teil
Diagnostik, Differentialdiagnostik, Neurobiologie, Verläufe, Pharmakotherapie, Krankheitskonzepte, besondere Behandlungssituationen, Vernetzung, weitere Behandlungsformen

2. KVT Block 1
Diagnostik, Beziehungsgestaltung, Motivationsförderung, Bearbeitung des subjektiven Störungsmodells, Problemanalysen, kognitive und behaviorale Strategien

3. KVT Block 2
Rückfallgefahr und Recovery-Orientierung, Krisen- und Stressbewältigung, Arbeit mit Angehörigen/ Familiensystem

4. KVT Block 3
Symptom- und Funktionsorientierte Behandlungsstrategien bei Positiv- und Negativsymptomatik, Aufbau sozialer Kompetenzen

Das Curriculum (entwickelt von Prof. Stefan Klingberg aus Tübingen, dem diesjährigen Diotima-Preis-Träger der Bundespsychotherapeutenkammer) zeigt inhaltlich eine umfassende und angemessene Darstellung des aktuellen State of the Art in der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung von Menschen mit psychotischen Störungen. Wichtig ist der Blick über die Einzeltherapie hinaus, der verfahrensübergreifende allgemeine Teil, der Einbezug von Angehörigenarbeit und vernetzter professioneller Hilfe. Auf den ersten Blick scheinen die Inhalte mancher Workshops nur schwer in 16 UE unterzubringen sein; manches wird aber sicher erst in der Durchführung deutlich, was möglicherweise im Laufe der Zeit zu weiteren Feinjustierungen führen wird. Hier wäre darauf zu achten, dass die praxisorientierte Gestaltung der Veranstaltungen nicht zu Lasten einer „vollständigen“ Wissensvermittlung geht.

Wünschenswert wäre vielleicht ein stärkerer Einbezug von systemischen und gruppentherapeutischen Anteilen, andererseits besteht hier die Gefahr, das Curriculum zu überladen. Und natürlich sind auch TherapeutInnen, welche das Curriculum durchlaufen haben, nicht „fertig“, so dass es immer Raum für weiter gehende, aufbauende Fortbildungen geben wird.

Zu klärende Fragen bleiben bezüglich der Möglichkeiten der Umsetzung eines modularen Vorgehens („Baukastenprinzip“), zur Einbettung in die Psychotherapieausbildung bzw. Anerkennung dort erworbener Kenntnisse sowie in Bezug auf die Einordnung der Fortbildung („versteckte Zertifizierung“, Errichten von Standards vs. freiwillige Kompetenzerweiterung):

In mancher Hinsicht wäre es optimal, das gesamte Curriculum im Rahmen der Psychotherapieausbildung zu durchlaufen. Lernen, Üben und Austausch von Erfahrungen in einer stabilen Gruppe, die gewährleistete Supervision der durchgeführten Therapien und die Möglichkeit, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich (im Rahmen der PT1) Erfahrungen in der Behandlung von Menschen mit Psychosen zu machen, sind in späteren Phasen mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Dem steht die in dieser Hinsicht doch große Menge von vier Theorieseminaren gegenüber, so dass es sicherlich nicht flächendeckend möglich sein wird, diese Fortbildungsinhalte in den bereits sehr engen Ausbildungscurricula unterzubringen. Auch der Umstand, dass es derzeit für die Ausbildungszentren nur schwer möglich ist, Inhalte im Rahmen der PT1 curriculär vorzugeben, dürfte zur Folge haben, dass nicht jede/-r Ausbildungsteilnehmer/-in in der Lage sein würde, in dieser Zeit die notwendigen Erfahrungen zu machen.

Betrachten wir die gegenwärtigen Ausbildungscurricula, zeigt sich, dass einige Inhalte des vorgeschlagenen Fortbildungscurriculums regelhaft gelehrt werden. Obligat ist ein Seminar zur „KVT bei Psychosen“, was schwerpunktmäßig dem „KVT Block 3“ entsprechen dürfte. In ein oder zwei Seminaren zur Psychopharmakotherapie wird auch die antipsychotische Behandlung vermittelt. Weitere Inhalte werden in verschiedenen Seminaren behandelt, manches ausführlicher (therapeutische Beziehung, Umgang mit besonderen Situationen), manches wird häufig eher angerissen (Netzwerkarbeit).

Diese Teilüberlappung der Curricula spricht damit für das avisierte modulare Vorgehen mit der Möglichkeit, Vorerfahrungen anerkennen zu lassen. Da der Netzwerkarbeit große Bedeutung beigemessen wird, könnte es sinnvoll sein, die Fortbildung in regionalen Ausbildungszentren anzubieten, sei es als Ergänzung zur Ausbildung (während der Ausbildungszeit), sei es als eigenständige Fortbildung für approbierte KollegInnen. Hier gäbe es dann auch die Möglichkeit, regionale Netze von BehandlerInnen zu spannen und um andere Berufsgruppen zu erweitern. Auch das Abhalten regelmäßiger Fallseminare oder Intervisionen (für die Zeit nach der Fortbildung) und Netzwerktreffen wäre hier verhältnismäßig leicht zu realisieren.

Es wird wichtig sein, weiter zu betonen, dass die geplante Fortbildung als Bereicherung, nicht als Beschränkung gedacht ist. TherapeutInnen, welche das Curriculum nicht absolviert haben, sollen nicht von der Behandlung von Menschen mit Psychosen ausgeschlossen werden, stattdessen sollen interessierte KollegInnen dazu befähigt werden, diese Arbeit mit größerer Sicherheit und möglicherweise etwas besser durchzuführen. Aus diesem Grund hat der Fortbildungsausschuss des DDPP von der Formulierung „zertifizierte Fortbildung“ Abstand genommen und stattdessen den „curricularen“ Charakter hervorgehoben.

Unsere Erfahrungen mit curricularen Fortbildungen zeigen, dass es dauerhaft schwierig bleibt, dies aufrechtzuerhalten. TeilnehmerInnen von curricularen Fortbildungen erwarten eine Form von Zertifikat, um ihre Expertise belegen zu können. Und selbst mit einer reinen Teilnahmebescheinigung, die einen Satz wie „Die Fortbildung entspricht dem Curriculum des DDPP zur Psychosen-Psychotherapie“ enthält, wird ein Standard geschaffen und es besteht die Gefahr, dass dieser Standard irgendwann doch zu Einschränkungen für andere KollegInnen führt.

Weiterhin scheint es schwierig, die TeilnehmerInnen dazu zu motivieren, 20 Supervisionsstunden in Anspruch zu nehmen und zwei Falldokumentationen zu verfassen, wenn sie dafür nicht etwas bekommen, was sie selbst als wertig erleben. Mit dieser immer wieder bei curricularen Fortbildungen auftretenden Schwierigkeit kann nur umgegangen werden, indem konsequent „so wenig wie möglich und so viel wie absolut nötig“ bescheinigt wird und die TeilnehmerInnen auf die Schwierigkeiten und möglichen Konsequenzen hingewiesen werden.

Die TeilnehmerInnen des Treffens wurden gebeten, den Vorschlag des Fortbildungsausschusses in ihren Verbänden und Gremien zu diskutieren und dem DDPP Rückmeldung zu geben. Die DGVT wird sich weiter an der Diskussion und der Entwicklung des Curriculums beteiligen.

Oliver Kunz
Mitglied der Aus- und Weiterbildungskommission


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