Extremistisch, militant, radikalisiert?[1]

Viele junge Menschen sind fasziniert von radikalen Gruppen. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig wie die Bewegungen, denen sie sich anschließen. Ein kritischer Blick auf aktuelle Begriffe und (Erklärungs-)Konzepte


Von Michaela Glaser

Die überwiegende Mehrheit junger Menschen, die sich in politisch-weltanschaulich geprägten Gruppen, Jugendszenen und Milieus bewegt, ist gewaltfrei und demokratisch orientiert. Einige Jugendliche und junge Erwachsene wenden sich aber politischen beziehungsweise weltanschaulichen Strömungen zu, die durch ihre Gewaltbereitschaft oder Gewalttätigkeit die Sicherheitsbehörden alarmieren und gesellschaftlich in unterschiedlicher Weise Besorgnis auslösen.

Seit den1990er-Jahren geben immer wieder gewalttätige Erscheinungsformen des Rechtsextremismus Anlass zur Sorge. Mit dem Erstarken des »Islamischen Staats« und der aktuellen Ausreisewelle nach Syrien beziehungsweise in den Irak steht gegenwärtig zudem der internationale islamistische Terrorismus im Zentrum der öffentlichen und (sicherheits)politischen Problemwahrnehmung. Anlässlich bestimmter Protestereignisse wie dem 1. Mai, Naziaufmärschen oder der Mobilisierung zu globalisierungskritischen Aktionen kommt es aber regelmäßig auch zu Gewaltausbrüchen im Umfeld linksaktionistischer Bewegungen, die ebenfalls gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Bei allen Differenzen in den ideologischen Inhalten und Zielen zeichnen diese Ereignisse eine Gemeinsamkeit aus: Sie scheinen eine im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft überdurchschnittliche Anziehungskraft auf (vor allem männliche, aber auch weibliche) junge Menschen auszuüben. Sowohl bei den linken »Autonomen« als auch bei den rechtsorientierten »autonomen Nationalisten« sind mehrheitlich junge Menschen aktiv (Pfahl-Traughber 2010; BMI 2010). Beide Gruppierungen gelten aktuell als gewalttätigste Szene in ihrem politischen Lager. Eine besondere Attraktivität für Jugendliche und junge Erwachsene wird aber auch dem gewaltorientierten Islamismus bescheinigt: Den Sicherheitsbehörden zufolge sind unter den Syrienausreisenden auffällig viele junge Menschen; die jüngsten bekannten Ausreisenden waren 13 und 14 Jahre alt.

Wie diese Phänomene einzuordnen sind und ob und inwiefern sie sich miteinander vergleichen lassen, ist allerdings nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch in wissenschaftlichen Debatten überaus strittig. Dies zeigt sich bereits an den Diskussionen um die jeweiligen Begrifflichkeiten. Sicherheitsbehörden und Bereiche der Politikwissenschaft sprechen von rechtsextremer, linksextremer und islamistischer Gewalt sowie vom politischen beziehungsweise weltanschaulichen Extremismus (siehe Glossar, S. 35). Diese Begriffe sind mit einer bestimmten Einordnung der politischen Strömungen verbunden: Ihnen wird zum einen bescheinigt, in grundlegender Gegnerschaft zur bundesdeutschen Verfassung und der dort festgeschriebenen politischen Ordnung sowie den dort verankerten Grundrechten zu stehen. Zum anderen ist dies mit der Einschätzung verknüpft, dass diese Gruppen auch aktiv bestrebt sind, die politische Ordnung und die sie tragenden Institutionen zu destabilisieren. 

Die Einordnung der linken Szene als »extremistisch« ist umstritten

Vor allem die Einordnung aktueller Gewalterscheinungen in linksaktionistische Szenen beziehungsweise dieser Szenen selbst als »extremistisch« ist allerdings nicht nur in politischen, sondern auch in wissenschaftlichen Kreisen höchst umstritten. Unter anderem wird hinterfragt, ob die von diesen Szenen vertretenen Ziele generell undemokratisch und verfassungsfeindlich seien. Ein weiteres Gegenargument lautet, dass sowohl im rechtsextremen als auch im islamistischen Extremismus ideologisch legitimiertes Gewalthandeln die kalkulierte Tötung von Menschen bis hin zu Terrorismus und Genozid mit einschließe. Aktuelle Gewalt »von links« richte sich dagegen überwiegend gegen Sachen oder trete in Konfrontationen mit politischen Gegnern auf und habe damit eine deutlich andere Qualität (Scherr 2010; Schultens/Glaser 2013). Vor allem Forschende aus der Bewegungs- und der Jugendforschung, aber auch Pädagoginnen und Pädagogen, die mit diesen Jugendszenen arbeiten, präferieren deshalb alternative Bezeichnungen wie zum Beispiel »linke Militanz«.

Uneinigkeit herrscht aber auch in der Frage, wie verschiedene Varianten des Islamismus (siehe Glossar, S. 35) mit Blick auf ihr Gefahrenpotenzial einzuordnen sind. Vor allem im allgemeinen Sprachgebrauch, zum Teil aber auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen (Jaschke 2007) werden »Islamismus« und besonders die Teilströmung des »Salafismus« (siehe Glossar, S. 37) häufig mit gewaltbefürwortenden, terroristischen Bewegungen gleichgesetzt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) differenziert zwar zwischen »politischen« (legalistischen) und »dschihadistischen« (im Sinne von terroristischen) Strömungen, ordnet diese jedoch gleichermaßen als »extremistisch« ein, da sie in ihren Zielen gegen die Verfassung gerichtet seien (BfV 2013, S. 192).

Diese Einteilung seitens der Sicherheitsbehörden wird vor allem von Forschenden aus den Islam- und Sozialwissenschaften problematisiert. Die Kritikerinnen und Kritiker dieser Klassifizierung argumentieren, dass manche islamistische Gruppen zwar politische Ziele verfolgten, dabei aber reformistisch orientiert und somit durchaus verfassungskonform seien. Zudem gebe es auch Strömungen im Islamismus, die ausschließlich religiöse Ziele hätten und keine politischen Veränderungen anstrebten. Viele in diesem Handlungsfeld tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch Praxisakteure, plädieren deshalb für eine stärkere Differenzierung und genauere Verwendung von Bezeichnungen. Sie halten dies – gerade auch mit Blick auf verbreitete muslimfeindliche Tendenzen – für bedeutsam, um der Stigmatisierung gewaltfreier und demokratisch orientierter Musliminnen und Muslime nicht noch weiter Vorschub zu leisten. 

Großes Interesse von Politik und Forschung an den Entwicklungswegen von Terroristen 

Seit einigen Jahren werden diese Phänomene in der wissenschaftlichen sowie zunehmend der pädagogischen Fachdiskussion auch verstärkt unter dem Begriff der »Radikalisierung«  diskutiert. Dabei handelt es sich um einen Begriff, der den skizzierten Einordnungsschwierigkeiten und den damit verbundenen Kontroversen auf den ersten Blick zu entgehen scheint. Denn anders als bei der Bezeichnung »Extremismus« handelt es sich bei »Radikalisierung« nicht primär um einen kategorisierenden Begriff zur (abgrenzenden) Einordnung von Denk- und Handlungsweisen. Der Terminus bezieht sich vielmehr auf Prozesse, die durch bestimmte Dynamiken gekennzeichnet sind, im Grundsatz jedoch unterschiedliche Endpunkte haben können (siehe Glossar, S. 36).

Eingang in den bundesdeutschen Fachdiskurs fand der Begriff in den letzten Jahren vor allem im Zuge der Ausweitung der aktuellen Präventionsdebatte von Rechtsextremismus auf (gewaltorientierten) Islamismus. Damit wird auch im deutschen Sprachraum eine Begrifflichkeit aufgegriffen, die sich etwa seit dem Jahr 2004 in internationalen sicherheitspolitischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit aktuellen Phänomenen des (vor allem islamistischen) Terrorismus etabliert hatte.

In diesen internationalen Diskursen steht der Begriff allerdings auch für einen Paradigmenwechsel, den der Terrorismusforscher John Horgan (2008) auf die Formel »from the roots to the routes« gebracht hat (auf Deutsch etwa: »von den Wurzeln zu den Verläufen«): Konzentrierte sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit terroristischen Phänomenen zuvor stärker auf deren gesellschaftliche und politische Ursachen (»roots«), richtet sich das Forschungsinteresse seither verstärkt auf die konkreten Entwicklungswege (»routes«) von Personen und Gruppen, die sich dem Terrorismus zuwenden.

Unter diesem Fokus sind bisher vor allem Forschungsarbeiten entstanden, die sich auf individuelle Entwicklungen und Wege in gewalttätige Gruppen sowie die Dynamiken innerhalb solcher Gruppen konzentrieren. Diese Perspektive betont, dass die Entwicklung gewaltorientierter politischer Positionen ein schrittweiser Prozess ist und Menschen nicht »über Nacht« zu Terroristen werden. Andererseits lässt sie, so zumindest eine Kritik, gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge und deren Ursachen für Radikalisierung tendenziell unterbelichtet (Sedgwick; Kundnani).

Für die Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit ist eine solche Analyseperspektive insofern von Nutzen, als diese Arbeit vor allem an biografischen Erfahrungen und an Problemkonstellationen erfolgversprechend ansetzen kann, die im individuellen beziehungsweise sozialen Umfeld bestehen (siehe auch S. 8 in diesem Heft). Ein vertieftes Verständnis vor allem dieser, auf der gesellschaftlichen Mikro-und Meso-Ebene angesiedelten Faktoren, kann deshalb wichtige Hinweise liefern, um zielgerichtete Angebote entwickeln zu können.

Am Themenfeld »islamistische Radikalisierung« zeigt sich aber auch, dass diese Perspektiven nicht ausreichend sind, um zu einem adäquaten Verständnis von Radikalisierungsprozessen zu kommen. Verschiedene Studien liefern Hinweise, dass für die Hinwendung zu gewaltorientierten islamistischen Strömungen auch gesamtgesellschaftliche Faktoren eine maßgebliche Rolle spielen. Dazu gehören ausgrenzende Debatten und benachteiligende Strukturen in den Einwanderungsgesellschaften, aber auch internationale Konflikte (und ihre mediale Aufbereitung), vor deren Hintergrund derartige Erfahrungen gedeutet und von ideologischen Gruppen instrumentalisiert werden (siehe auch S. 14 in diesem Heft).

Die große Bedeutung, die gesellschaftlichen Konfliktdynamiken und -konstellationen für individuelle und kollektive Entwicklungen zukommt, zeigt sich aber auch anhand der Forschung zu linksmilitanten Szenen und Gewaltereignissen. Speziell zur Erklärung dieser Phänomene erscheinen Perspektiven, die das Wechselspiel zwischen gegnerischen gesellschaftlichen Gruppen berücksichtigen, insgesamt vielversprechender als die Fokussierung auf individuell-biografische »Risikofaktoren« für eine Hinwendung zu diesen Szenen.

Insofern ist es auch für die präventive und pädagogische Auseinandersetzung wichtig, diese Faktoren mit in den Blick zu nehmen und darauf ausgerichtete, ergänzende Perspektiven (zum Beispiel aus der Protest- und Bewegungsforschung) in Erklärungsansätze mit einzubeziehen. Aus der Sicht der pädagogischen Praxis ist dies schon deshalb erforderlich, um in den Augen der jugendlichen Zielgruppen glaubwürdig zu sein und sie erreichen zu können.  

Schwierige Nähe des Konzepts der Radikalisierung zu Terrorabwehrdebatten

Die Hauptschwierigkeit, die das Konzept »Radikalisierung« – ebenso wie das Konzept des »politischen Extremismus« – aus jugendpolitischer und jugendpädagogischer Sicht mit sich bringt, ergibt sich aus seiner gegenwärtig engen Verknüpfung mit wissenschaftlichen und sicherheitspolitischen Fachdiskursen der Terrorismusanalyse beziehungsweise -bekämpfung. Der renommierte Terrorismusforscher Peter Neumann fasst das gängige Verständnis von »Radikalisierung« mit folgenden Worten zusammen: »Radicalization is what goes on before the bomb goes off« (»Radikalisierung ist das, was abläuft, bevor die Bombe hochgeht«).

Diese Verknüpfung birgt auch eine Etikettierungsgefahr (»ihr seid potenziell terroristisch«), die für die Arbeit mit jungen Menschen zu diesen Themen wenig hilfreich ist – und sich im ungünstigsten Fall kontraproduktiv auswirken kann (Kiefer 2013). Sie kann zum Beispiel bei jungen Muslimen genau jene Diskriminierungswahrnehmungen fördern, die die Forschung als einen Faktor für die Attraktivität gewaltorientierter islamistischer Gruppen betrachtet (siehe S. 14 in diesem Heft). Zudem könnten dadurch deterministische und alarmistische Sichtweisen befördert werden, die in öffentlichen Debatten um politische Gewalt im Jugendalter ohnehin bereits vielfach präsent sind.

Diesen Perspektiven gilt es in der Arbeit mit jungen Menschen auch mit Erkenntnissen und Erklärungsmodellen der Jugendforschung zu begegnen. Denn diese machen zum einen deutlich, dass bei den beschriebenen Phänomenen auch Aspekte wie (provokative) Abgrenzung von der Elterngeneration, verstärkte Sinn- und Identitätssuche oder auch eine Suche nach Abenteuer und Grenzerfahrungen eine Rolle spielen, die typisch sind für die Phase des Erwachsenwerdens. Damit können sie zu einem besseren Verständnis dieser Prozesse wie auch zu einer versachlichenden Einordnung ihres gesellschaftlichen Gefahrenpotenzials beitragen.

Zum anderen verweisen diese Perspektiven auf ein weiteres Spezifikum der Jugendphase – ihre Offenheit: Gruppenzugehörigkeiten sind in diesem Lebensabschnitt deutlich weniger stabil als in späteren Jahren und auch Wertorientierungen und politische Überzeugungen sind noch nicht endgültig festgelegt.

Nicht zuletzt auf diese Einsicht stützt sich die Annahme (beziehungsweise die Hoffnung), den Gefährdungen durch gewaltorientierte, politisch extreme Strömungen, denen junge Menschen ausgesetzt sind, mit pädagogischen Bildungs- und Hilfsangeboten entgegenwirken zu können.

Dabei gilt es in der pädagogischen Praxis eine schwierige Balance zu bewältigen: Der pädagogische Blick muss einerseits aufmerksam bleiben gegenüber beginnenden Weichenstellungen in Richtung einer Herausbildung oder Verfestigung von gewaltorientierten Einstellungs- und Handlungsmustern; andererseits muss er sensibel dafür sein, Stigmatisierungen junger Menschen (und damit verbundene Weichenstellungen) durch vorschnelle Einordnungen und Urteile zu vermeiden.              

DIE AUTORIN

Michaela Glaser ist kommissarische Leiterin der Fachgruppe »Politische Sozialisation und Demokratieförderung« und Projektleiterin der »Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Radikalisierungsprävention« des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Rechtsextremismus- und Islamismusprävention, Radikalisierung im Jugendalter, politische Jugendkulturen sowie wissenschaftliche Begleitforschung.

Kontakt: glaser@dji.de

LITERATUR
BUNDESMINISTERIUM DES INNERN (2010): Verfassungsschutzbericht 2009, Berlin

BUNDESMINISTERIUM DES INNERN (2013): Verfassungsschutzbericht 2013. Im Internet verfügbar unter: www.verfassungsschutz.de/de/download-manager/_vsbericht-2013.pdf (Zugriff: 29.04.2015)

HORGAN, JOHN (2008): From profiles to pathways and roots to routes: Perspectives from psychology on radicalization into terrorism. The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science 618, Nr. 1, S. 80–94

KIEFER, MICHAEL (2014): Dialog als Mittel der Radikalisierungsprävention – Das Dialoggruppenprojekt »Ibrahim trifft Abraham«. In: El-Gayar, Wael; Strunk, Katrin (Hrsg.): Integration versus Salafismus. Identitätsfindung muslimischer Jugendlicher in Deutschland. Schwalbach, S. 125–139

KUNDNANI, ARUN (2012): Radicalisation: The journey of a concept. Race & Class 54, Nr. 2, S. 3–25

SEDGWICK, MARK (2010): The concept of radicalization as a source of confusion. In: Terrorism and political violence, Nr. 4, S. 479–494

SCHERR, ALBERT (2010), Jugendarbeit mit linksradikalen Jugendlichen? In: deutsche jugend, Heft 6, S. 251–255

SCHULTENS, RENÉ / GLASER, MICHAELA (Hrsg.; 2013), Linke Militanz im Jugendalter. Befunde zu einem umstrittenen Phänomen. Halle


[1]Quelle: Zeitschrift ‚DJI impulse‘, Heft 1/2015; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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