Prävention im Fokus: Soziale Herausforderungen - Politische Chancen

Bericht zum Fachkolloquium anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Rosenbrock am 2.7.2015


Passend zum Hintergrund des im terminlichen Kontext verabschiedeten Präventionsgesetzes, das der Vorsitzende des Paritätischen, Prof. Dr. Rosenbrock, mit vorangetrieben und mitgestaltet hat, wurde ein Blick auf einen wesentlichen Aspekt bei der Umsetzung dieses Gesetzes geworfen. Im Vordergrund stand die Frage, in welchem Zusammenhang Armut und Gesundheit stehen und welche Notwendigkeiten sich für eine entsprechende Ausgestaltung der Maßnahmen im Kontext des Präventionsgesetzes hierfür ergeben.

In einem ersten Referat von Frau Maria-Bärbel Kurth (Robert Koch-Institut) wurde ausgeführt, wie sich soziale Ungleichheit auf die Gesundheit und die Lebenserwartung auswirkt. Moderierende Variablen sind dabei unterschiedliche gesundheitliche Belastungen, z. B. durch körperliche Arbeit usw., aber auch Unterschiede in der Gesundheitsversorgung, gesteuert über Wissen, Güter, Macht sowie Lebensstile. Als arm gelten dabei Personen, die nur 60% des durchschnittlichen Einkommens erreichen (890 € monatl. pro Person). Danach sind, über verschiedene Altersgruppen betrachtet,  22% der Deutschen armutsbedroht, wobei Arbeitslose eine Quote von über 55% erreichen (Sozio-ökonomisches Panel 2012). Dabei lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern nachweisen (Baden-Württemberg und Bayern als die reichsten Länder). Die Daten von sehr unterschiedlichen epidemiologischen Studien verdeutlichen, wie sich soziale Ungleichheit faktisch auf die Gesundheit auswirken (vgl. www.rki.de/gesundheitsmonitoring; siehe dort GEDA, DEGS und KIGGS-Studien; dort vor allem auch GBE-Kompakt Arbeitslosigkeit und Gesundheit [2011]; Arbeitsbelastungen und Gesundheit [2012]; Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung [2014]; Gesund aufwachsen – welche Bedeutung kommt dem sozialen Status zu? [2015]). Deutliche Unterschiede ließen sich in Hinsicht auf riskantes Verhalten, wie Rauchen oder ungesundes Essen, dem Verweilen in verkehrsbelasteten Umwelten, aber auch in Hinsicht auf gesundheitsförderliches Verhalten wie die Nutzung von Internisten, Gesundheitsuntersuchungen, Sicherheitsverhalten und Mundhygiene nachweisen. Im Ergebnis ließen sich je nach Art des Verhaltens deutliche soziale Unterschiede bei verschiedenen Erkrankungen nachweisen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Lebererkrankungen, chronische Bronchitis, Osteoporose, Diabetes mellitus, Angina Pectoris, Adipositas aber auch psychische Störungen, insbesondere Depression und ADHS). Die Lebenserwartung verkürzt sich durchschnittlich bei Männern bis zu 10 Jahren. Umgekehrt zeigt sich, dass Personen aus unteren sozialen Schichten mit guter Schulbildung kompensatorisch deutliche bessere gesundheitliche Chancen haben. Insgesamt deutet sich an, dass die unterschiedlichen Lebenschancen über Generationen hinweg weitervermittelt werden.

Dementsprechend gilt es bei allen kommenden Präventionsprogrammen die Frage zu stellen, wie mit der sozialen Ungleichheit umzugehen ist. Der Beantwortung dieser Frage ging Prof. Dr. Nico Dragano (Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie Düsseldorf) nach. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die Frage nach der Zugänglichkeit  zu sozialen, ökonomischen, kulturellen und symbolisch bedeutsamen Ressourcen für Personen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Dabei wurde die These vertreten, dass die unmittelbare ökonomische Unterstützung nicht ausreichend sei, sondern über die Nutzung von Diensten und den Abbau von Risiken  auf der Ebene von Verhaltens- bzw. Verhältnisprävention zu erreichen sei. Dabei wurden die Erfolgsraten der personenbezogenen Präventionsangebote in Frage gestellt, weil sie ein hohes Ausmaß an Freiwilligkeit und Erreichbarkeit verlangen und zugleich die Gefahr einer individualisierenden und stigmatisierenden Tönung erhält, während zugleich schädliche Lebensbedingungen aus dem Blickfeld geraten. Verhältnispräventionen seien, zwar gut regulativ beeinflussbar, aber doch stark universell angelegt und damit zu wenig im Blickpunkt der Armut gelegen. Eine lebensweltorientierte Sicht könne dagegen stärker die Mängel der armen Menschen berücksichtigen. Dabei seien die sozialen Netzwerke und politischen Kräfte der Betroffenen mehr zu stärken.

Die Vorträge wurden engagiert diskutiert und u.a. auch die zentrale Frage gestellt, warum solche sozial-ungleichen Verhältnisse entstehen und so schwer zu beseitigen sind. Auch die Frage, wie denn in Zukunft das Präventionsgesetz entsprechend umgesetzt werden kann, wurde erörtert. Prof. Dr. Rosenbrock selbst sah im Präventionsgesetz eine Chance, die aber weitere gesetzliche Entwicklungen notwendig machen (Entwicklung eines Sozialgesetzbuch übergreifendes Präventionsgesetz), es aber auch im Wesentlichen darauf ankäme, Initiativen auf kommunaler Ebene zur Einrichtung egalitärer sozialer Prävention zu stärken. Dies könne am ehesten mit einem gemäßigten Optimismus, im schlechtesten Sinne als einer Art „Feier des Verfalls“ zelebriert werden.

Prof. Dr. Bernd Röhrle, Reutlingen

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 3/2015


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