Honorarbeschluss des Erweiterten Bewertungsaus-schusses zur Vergütung der Psychotherapiehonorare vom 22.09.2015 beanstanden!

Forderung des DGVT-BV an den Bundesgesundheitsminister


Seit Jahren fordern die Psychotherapeuten, dass sie innerhalb der Kassenärztlichen Vereinigungen angemessen für ihre Leistungen vergütet werden. Die Berufsgruppe ist mit ihren Einkommen trotz zunehmender Versorgungsrelevanz das Schlusslicht unter den Facharztgruppen.

Die BSG-Rechtsprechung seit 1999, die der Berufsgruppe vergleichbare Einkünfte wie den Fachärzten zusichert, wird von den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen in seltener Einmütigkeit seit Jahren unterlaufen. 

Die am 22.09. getroffene längst überfällige Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses zur Anpassung der Honorare für antrags- und genehmigungspflichtige Psychotherapie sorgt weiterhin nicht für Honorargerechtigkeit. Stattdessen wurde von Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung mit Rechentricks versucht, Höher- und Nachvergütungen dieser Leistungen möglichst klein zu halten, indem das Gros der Praxen von der Höhervergütung ausgeschlossen wird. Zudem werden grundlegende Leistungen wie die Probatorik nicht von der Höherbewertung erfasst. Bei den zugrundeliegenden Berechnungen zur Vergleichbarkeit der Einkommen von Psychotherapeuten und Fachärzten blieben besser verdienende Facharztgruppen unberücksichtigt. Bei den höheren Kostenansätzen der Facharztpraxen blieb unberücksichtigt, dass diese Strukturen auch zur Leistungsausweitung (z.B. durch IGEL-Leistungen) genutzt werden, die den vom Stunden- und Leistungsvolumen streng begrenzten Psychotherapeuten grundsätzlich verwehrt sind.

Darüber hinaus wurde willkürlich festgelegt, dass ein wesentlicher Teil der psychotherapeutischen Leistungen von der Höherbewertung ausgeschlossen bleibt. Dies sind Leistungen wie z.B. die dringend erforderlichen Erst- und Aufnahmegespräche, die zu Behandlungsbeginn und -fortführung notwendigen Antragsziffern, aber auch niederfrequent erbrachte Gesprächsleistungen zur Vorbeugung und Überbrückung von Krisen (sog. Gesprächsziffern). Ohne jede Begründung bleiben Nachvergütungen auch für die Leistungen von 2010 und 2011 unberücksichtigt.

Eine neue Qualität der Benachteiligung ist, dass willkürlich das Gros der Praxen substantiell vom Hauptteil der Höhervergütung ausgeschlossen wird, indem eine sog. Strukturpauschale für Psychotherapeuten erfunden wird. Diese soll allen KollegInnen verweigert werden, die nicht nahe genug an der maximal zulässigen Kapazitätsgrenze arbeiten. Dem Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zufolge wird damit eine völlig neue Honorarsystematik eingeführt. Demnach soll eine identische Leistung deutlich unterschiedlich vergütet werden, je nachdem, ob sie im Kontext einer voll ausgelasteten oder nur teilweise ausgelasteten Praxis erfolgt. Praxen, die zu substantiellen Anteilen andere wichtige Versorgungsleistungen außerhalb der genehmigungspflichtigen Leistungen erbringen, bleiben damit von einem wesentlichen Teil der Nach- bzw. Höhervergütungen ausgeschlossen.

Diese völlig neue Honorarsystematik ist nicht nur willkürlich, sie schafft auch Fehlanreize für eine schlechtere Versorgungsqualität, sie ist zudem auch komplex und mit erheblichem Berechnungsaufwand verbunden.

Die Psychotherapeutenschaft sieht ihre Leistungen innerhalb des Versorgungssystems angesichts solcher Rechentricks nicht gewürdigt. Wenn die Schere zwischen den fachärztlichen Einkommensgruppen und den Psychotherapeuten auf der Grundlage dieses Beschlusses weiter auseinanderdriftet wie in den vergangenen Jahren, werden die Psychotherapeuten auch weiterhin für gerechte Honorare notfalls auf dem Klageweg kämpfen müssen. Die vielen Psychotherapeuten, die bislang keinen Widerspruch gegen ihren Honorarbescheid eingelegt oder vor dem Sozialgericht geklagt haben und von den Hono-rarnachzahlungen ausgeschlossen bleiben, wird das zukünftig hoffentlich bestärken, es zu tun.

Wir appellieren daher dringend an den Bundesgesundheitsminister, den Beschluss des Bewertungsausschusses zu beanstanden.

Rudi Merod, Wolfgang Schreck, Dr. Heiner Vogel - Vorstand Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie - Berufsverband Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) e.V.

Dr. Wolfgang Bürger - Mitglied im Beratenden Fachausschuss Psychotherapie Baden-Württemberg

Dr. Jürgen Friedrich - Sprecher Fachgruppe Niedergelassene DGVT-BV

Tübingen, 16. Oktober 2015

Quelle: Rosa Beilage zur VPP 4/2015


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