Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat viele Gesichter [1]


Im Paritätischen engagieren sich mehr als 500 Einrichtungen und Organisationen für Gewaltprävention und bieten vielfältige Hilfe und Unterstützung für Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind. Die anstehende Reform des Sexualstrafrechts könnte ihnen Rückenwind geben. Doch die aktuellen Pläne greifen zu kurz.

Körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt zu erleben, ist nach wie vor für viele Frauen weltweit alltägliche Realität. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt Gewalt immer noch eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen dar. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass rund jede dritte Frau weltweit körperliche und/oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt oder Opfer von sexualisierter Gewalt geworden ist. Werden Kinder und Jugendliche Zeugen von häuslicher oder sexualisierter Gewalt, begleiten die Folgen sie häufig ein Leben lang. So erschreckend diese Analyse auch ist, so vielfältig sind die Initiativen, Organisationen, Träger und Einrichtungen, die sich dem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen verschrieben haben.

Vielfältige Hilfe

In Deutschland sind in den 1970er­Jahren zum Schutz für von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder die ersten Frauenhäuser, meist als Selbsthilfeeinrichtungen der autonomen Frauenbewegung, entstanden. Ergänzt wurde dieses Hilfe- und Unterstützungsangebot durch entsprechend spezialisierte Frauenberatungsstellen. Heute existieren deutschlandweit rund 360 Frauenhäuser und zahlreiche Beratungsstellen, viele davon unter dem Dach des Paritätischen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Schutz, Zuflucht und Unterstützung für Frauen und deren Kinder, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind.

In den letzten Jahren hat sich die Arbeit der Frauenhäuser noch einmal erheblich verändert. Frauen, die heute Aufnahme in ein Frauenhaus suchen, sind oft mit verschiedensten Problemen belastet, wie etwa psychische oder Suchterkrankungen, Finanz- und Existenzsorgen, ein unsicherer Aufenthaltsstatus, Sprachbarrieren, eine Behinderung, drohende Obdachlosigkeit und vieles mehr. Sie benötigen ein sehr differenziertes Hilfs- und Unterstützungsangebot. Dabei geht es verstärkt auch darum, den Schutz der Frauen und ihrer Kinder vor Gewalt zu ermöglichen, ohne dass dies gleichzeitig auch zur Folge hat, dass sie den Kontakt zu ihrem vertrauten sozialen Umfeld komplett abbrechen müssen.

Sichtbar und selbstbestimmt

Eine Antwort könnte im neuen konzeptionellen Ansatz des „hexenHAUS“ in Espelkamp liegen, das wir in diesem Heft vorstellen (siehe Seite 6). Das Frauenhaus arbeitet systemisch und ist im Sozialraum gut verankert und für jeden sichtbar. Das Projekt trägt den Namen: „Richtungswechsel – sicher –  sichtbar – selbstbestimmt“ und versteht sich als Ergänzung und Erweiterung zur bisherigen Frauenhausarbeit.

Sicherheit für Flüchtlingsfrauen

In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Menschen, die in Deutschland Zuflucht vor Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung und Hunger suchen, enorm gestiegen. Neben den Gefahren und Risiken, denen Flüchtlinge vor oder während der Flucht generell ausgesetzt sind, kommen bei den Flüchtlingsfrauen noch die geschlechtsspezifischen Gefahren hinzu. Oft haben die Frauen in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht Gewalt in unterschiedlichster Form miterlebt oder selbst erfahren. Die Folgen können psychische und physische Beeinträchtigungen bis hin zu schweren Traumata sein. Aber auch nach der Ankunft in Deutschland ist ihre Situation oft alles andere als optimal. Untergebracht in großen Einrichtungen, finden sie häufig keine Rückzugsräume und Schutzmöglichkeiten und sind durch die Art der Unterbringung auch hier von Übergriffen und Gewalt bedroht. Wie sich die Situation dieser Frauen darstellt, wird im Interview mit  Vertreterinnen der Kölner Organisation agisra auf Seite 10 beschrieben.

Empfehlungen des Paritätischen für ein Gewaltschutzkonzept

In den Einrichtungen fehlt es häufig noch an wirkungsvollen Maßnahmen, um dem besonderen Schutzbedarf von Flüchtlingsfrauen angemessen gerecht zu werden – nicht zuletzt aufgrund der großen Zahl der Flüchtlinge, die untergebracht werden müssen, häufig aber auch mangels Sensibilität, Bereitschaft oder auch schlicht effektiver Handlungsmöglichkeiten. Mit den „Empfehlungen an ein Gewaltschutzkonzept zum Schutz von Frauen und ihren Kindern vor geschlechtsspezifischer Gewalt in Gemeinschaftsunterkünften“ hat der Paritätische bereits im Sommer 2015 auf die fehlende Verpflichtung zu Gewaltschutzkonzepten in Flüchtlingsunterkünften aufmerksam gemacht und die Politik dazu aufgefordert, die besonderen Bedarfe von Frauen mit Fluchterfahrung und ihren Kindern stärker zu berücksichtigen und für einen verbesserten Schutz zu sorgen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen, Projekte und Angebote auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen, die sich aktiv für eine Verbesserung der Lebenssituation und des Schutzes der Frauen und ihrer Kinder in Flüchtlingsunterkünften einsetzen.

Schutz der sexuellen Selbstbestimmung muss verbessert werden

Ein besonderes Anliegen muss es zudem sein, sich für die Belange von Frauen und Mädchen zu engagieren, die von Gewalt betroffen sind und einen besonderen Unterstützungsbedarf haben, beispielsweise aufgrund von Behinderungen oder Beeinträchtigungen. Sie sind besonders häufig Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie gelten als eine besonders verletzliche Gruppe, da sie aufgrund ihres Hilfebedarfs häufiger in Abhängigkeitsverhältnissen leben und daher oft struktureller Gewalt stärker ausgesetzt sind.

Vor diesem Hintergrund ist die geplante Reform zum verbesserten Schutz der sexuellen Selbstbestimmung grundsätzlich zu begrüßen. Ein Schwerpunkt der Reform liegt in der stärkeren Beachtung der besonderen Schutzbedürftigkeit von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Zwar werden mit dem aktuell vorliegenden Gesetzesentwurf einige bestehende Strafbarkeitslücken beim Sexualstrafrecht geschlossen, aber von einer Umsetzung der Forderungen aus der sogenannten Istanbul-Konvention ist der Entwurf noch weit entfernt. Der Forderung „Nein heißt nein“ ist mit diesem Entwurf leider nicht Rechnung getragen worden Es wird daher noch weitere fachliche und politische Initiativen benötigen, um zu erreichen, dass alle nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen unter Strafe gestellt werden.

Alltägliche Gewalt stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein rufen

Eine Verschärfung des Sexualstrafrechts wird aber allein nicht ausreichen, wenn es nicht gelingt, die alltägliche Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen und wieder stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Gerade wenn sich diese Gewalt im öffentlichen Raum, etwa bei Volksfesten, beinahe regelhaft abspielt. Die Aktion „Sichere Wies‘n für Mädchen und Frauen“ im Beitrag auf Seite 16 ist hierfür sicher ein gutes Beispiel.

Nicht zuletzt wird in diesem Heft beschrieben, wie wichtig es ist, bei Trennung der Eltern nach häuslicher Gewalt die Kinder mit ihren Ängsten und Nöten nicht aus dem Blick zu verlieren.

Auch wenn die eingangs gestellte Analyse kaum Anlass zum Optimismus gibt und viele beruflich und ehrenamtlich Tätige in ihrem Alltag immer wieder erleben, unter welchen Mühen und Kämpfen oft auch nur minimale Verbesserungen für von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder erreicht werden können, dürfen wir doch optimistisch bleiben, dass es auch weiterhin gelingt, Erfolge im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder zu erzielen. Denn die vielen im Verband aktiven Mitgliedsorganisationen eint die Vision von einem Leben und einer Gesellschaft ohne Gewalt.


[1]Quelle: Der Paritätische, Ausgabe 3/2016; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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