Bericht über die 15. DGVT-Praxistage der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am 05. und 06. November 2016 in München


Die 15. DGVT-Praxistage standen dieses Mal unter dem Motto: „Einer für alle? Alle für einen! – Arbeit mit Bezugspersonen” und fanden im November 2016 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München statt. Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus VertreterInnen der Fachgruppe Kinder und Jugendliche, der Aus- und Weiterbildungskommission (AWK), des gastgebenden Ausbildungsinstitutes sowie aus hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle in Tübingen, hatte ein abwechslungsreiches Programm zum Thema zusammengestellt.
Grundgedanke war es, die Fokussierung auf das Kind bzw. den/die Jugendliche/n in der Therapie aufzubrechen. Daher galt es, das Netzwerk an Personen und Bezüge, in welche PatientInnen eingebunden sind – beispielsweise Eltern oder Bezugspersonen aus Institutionen – genauer zu betrachten. Immer wieder zeigt sich in therapeutischen Prozessen, wie wichtig es ist, die Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen mit einzubeziehen. „Denn nicht ‚einer‘ kann etwas ‚für alle‘ verändern, gemeinsam können es aber ‚alle‘ schaffen, etwas ‚für einen‘ in Bewegung zu setzen“, wie es in der Einladung zu lesen war. Und so fanden sich dann am 05. und 06. November 2016 ca. 130 Personen (TeilnehmerInnen, ReferentInnen und das Organisations-Team) in den angenehmen Räumen der LMU in der Pettenkoferstraße ein.

Eingeleitet wurden die Praxistage in diesem Jahr mit dem Vortrag „Die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung nach Gewalterfahrungen bei jugendlichen PatientInnen“, für den wir Frau Dr. Regina Steil von der Goethe Universität in Frankfurt am Main gewinnen konnten. Krankheitsbedingt war es Frau Steil jedoch nicht möglich anzureisen, sie stellte aber freundlicherweise ihren Text Dr. Rudi Merod, dem Leiter des Ausbildungszentrums in München, zur Verfügung, dem es gelang – mit Einstreuungen aus seiner langjährigen praktischen Erfahrung – Interesse für das Thema der Veranstaltung zu wecken und einen angemessenen Einstieg zu ermöglichen.

Am Samstag und Sonntag wurden insgesamt 11 Workshops angeboten, die zwischen 14 und 26 TeilnehmerInnen besucht wurden.

Themenbezogen ging es u.a. um Achtsamkeitsübungen in der Therapie für Kinder und Jugendliche sowie Bezugspersonen (Ursula Geisler, München), Arbeit mit Familien unter Einbezug systemischer Methoden (Raimund Schwendner, München), Kultursensible Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien (Katrin Kammerlander, München), Essstörungen – Arbeit mit Jugendlichen und ihren Familien (Carmen Krempel, München), „Ich habe doch nur gekuschelt!“ – Sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche: intervenieren, verstehen und behandeln (Werner Meyer-Deters,
Bochum), Elternarbeit in der traumafokussierten KVT für Kinder und Jugendliche mit PTBS (Johanna Unterhitzenberger, Eichstätt), Liebe alleine genügt nicht, doch ohne Liebe genügt nichts: Traumatisierte Kinder in Pflege- und Adoptivfamilien (Martin Baierl, Passau), Wenn ein Elternteil gestorben ist – Psychotherapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen, die einen Elternteil verloren haben (Elisabeth Jürgens, Braunschweig und Ruth Jäger-Jürgens, Hildesheim) und Videogestützte Interaktionstherapie (Ute Zimmermann-Bormacher, Singen). An dieser Stelle sollen zwei
Workshops herausgegriffen werden:

Im Workshop von Michael Dobe (Deutsches Kinderschmerzzentrum Datteln) zum Thema „Psychoedukation von Eltern mit Kindern mit Schmerzstörungen“ wurde angeregt, sich in psychotherapeutischen Prozessen intensiver mit den Health-Belief-Modelle von Bezugspersonen, der m.u. somatischen Fixierung von Kind und Eltern sowie Stigmata gegenüber einem biopsychosozialen Erklärungsmodell auseinander zu setzen. Dies ist in verschiedener Hinsicht sinnvoll: um Patient und Umfeld Wissen über die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen zu vermitteln, um die
wachsender Hilflosigkeit zu überwinden und auf diese Weise radikalen Interventionen vorzubeugen. Der Workshop von Herrn Dobe war erneut sehr gut besucht und die rege Teilnahme an Diskussionen sowie dem fachlichen Austausch unter KollegInnen wurde als besonders anregend empfunden. Gleichsam interessant wahrgenommen wurde der Workshop von Kornelija Starman und Johanna Löchner (München) zu „GuG-Auf! Gesund und Glücklich aufwachsen – ein präventives Programm für Kinder depressiver Eltern“. Der Workshop ermöglichte sowohl Einblicke in die konzeptionelle Ausrichtung des Präventionsprogrammes und die methodische Umsetzung des Manuals als auch zu bisherigen Erfahrungen in der Arbeit der Kolleginnen aus ihren Projektkontexten „GuG“ und „PRODO“ (Primärprävention von Depression bei Kindern und Jugendlichen mit einem an Depression erkrankten Elternteil, Projekt der Ludwig-Maximilians-Universität – Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und
Psychotherapie München).

Darüber hinaus gab es noch einen weiteren Workshop, der sich nicht direkt mit dem Thema der Tagung auseinandersetzte, sondern vielmehr an InteressentInnen einer Ausbildung im Bereich Psychotherapie bei der DGVT richtete „Der Weg ist das Ziel oder: Was soll ich nur nach dem Studium machen? Ein Workshop für Studierende mit Interesse an einer Psychotherapie-/Verhaltenstherapie-Ausbildung“, diesmal mit Gerd
Per, Herne, und Kristin Pfeifer, Stuttgart.

Die Fachgruppe KiJu stellte sich und ihre Arbeit am Samstagabend vor. Dr. Rudi Merod gab hier zudem ein Inputreferat zur Leitlinienentwicklung in der Psychotherapie und beleuchtete eindrücklich, wie Leitlinien entstehen, welche Fachgruppen beteiligt sind und welchen Einfluss sie auf die therapeutische Alltagsarbeit haben. Beeindruckend war gleichsam, mit welchen Engagement und welcher fachlichen Expertise auch Mitglieder der DGVT in die Leitlinienentwicklung zu verschiedenen Störungsbildern involviert sind.

Fazit: Die Evaluation der Praxistage ergab ein positives Bild. Die Wahl des Themas und die Wahl der ReferentInnen fanden großen Zuspruch. Der deutliche Praxisbezug, die Vorstellung zahlreicher neuer Methoden und Handwerkszeuge für die tägliche Arbeit von Kindern- und JugendlichenpsychotherapeutInnen mit Bezugspersonen wurden von den TeilnehmerInnen rückblickend als Zugewinn bewertet. Auch die freundliche und überschaubare Organisation, das gute räumliche Angebot, das Catering (im Teilnahmepreis enthalten) und hier besonders die Anwesenheit eines Barrista mit seinen Profigeräten wurden gelobt.

Das Organisations-Team der DGVT-Praxistage freut sich auf die 16. DGVT-Praxistage am 04. und 05. November 2017 in Berlin, bei denen es um das Thema „Spiel-Raum-Therapie“ gehen wird.

Gerd Per und Kristin Pfeifer (AWK)


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