Jahrestagung des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit


Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit – der Name ist leider nicht ganz Programm. Das Bündnis ist ein Zusammenschluss von 97 Organisationen und Initiativen aus den Bereichen Selbsthilfe, Gesundheitsversorgung mit Schwerpunkt Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik. Auch die DGVT ist dabei. Das Bündnis wurde 2006 gegründet und ist eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, der Stiftung für Seelische Gesundheit im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft sowie Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms. 

Es geht um Anti-Stigma-Arbeit, also darum, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren. Der im Namen enthaltene Anspruch, es ginge um Gesundheitsförderung, darum, dass gesunde Menschen darin unterstützt werden, seelisch gesund zu bleiben – individuell und indem die Rahmenbedingungen von seelischer Gesundheit diskutiert und verändert werden – dieser Anspruch wurde auf der Jahrestagung nicht eingelöst. Die Projekte, die sich vorgestellt haben, die Aktionen, die dargestellt wurden, sind ohne Frage sinnvoll. Sie bleiben aber dabei stehen, dass seelische Erkrankungen von der Bevölkerung besser akzeptiert werden und dass seelisch Erkrankte unterstützt werden.

Die Jahrestagung im Einzelnen

Die Jahrestagung fand am 28. November 2017 in Berlin statt. 35 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen fanden sich in der Heinrich-Böll-Stiftung zusammen, um den Bericht der Geschäftsstelle entgegenzunehmen, die Arbeit neuer Mitglieder und best practice Projekte vorgestellt zu bekommen. Ein selbst produzierter Videofilm über psychische Erkrankungen macht die aktuelle social media Kampagne der Geschäftsstelle zu einem Erfolg und verzeichnet hohe Reichweiten im Internet. Als neue Mitglieder stellen sich NAKOS, die nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen sowie der Verein Psychiatrie in Bewegung, der Kinder psychisch kranker Eltern unterstützt, vor. Hier scheint Gesundheitsförderung durch. Kinder psychisch kranker Eltern waren auch bei den best practice Projekten durch den Dachverband Gemeindepsychiatrie vertreten. Zudem wurde das mit dem DGPPN Anti-Stigma-Preis ausgezeichnete Projekt „Grenzenlos Borderline“ der Eckhardt-Busch-Stiftung aus Köln vorgestellt. Die Deutsche Gesellschaft Bipolare Störungen berichtete von der erfolgreichen Bipolar Roadshow, einem Kulturprogramm mit betroffenen Künstler*innen.

In Workshops ging es um Kinder psychisch kranker Eltern, um öffentlichkeitswirksame Aktionen und um die Grüne Schleife für die seelische Gesundheit, eine Kampagne zum Welttag der seelischen Gesundheit im Oktober 2018. Ähnlich der Aids-Schleife soll die Grüne Schleife eine Anti-Stigma Aktion sein. Nicht Betroffene können damit ihre Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck bringen.

Der Schlusspunkt der Jahrestagung war beeindruckend: Oliver Sechting las aus seinem autobiografischen Roman „Der Zahlendieb – mein Leben mit Zwangsstörungen“.

Modernisierung käme gut

Anti-Stigma-Arbeit ist zweifelsohne wichtig. Aber Gesundheitsförderung darf darüber nicht vergessen werden. Lebens- und Arbeitsbedingungen zu identifizieren, die seelische Gesundheit fördern, sozialen Zusammenhalt zu initiieren, der in  Krisen Menschen auffängt. Zudem würde zu einer Modernisierung auch gehören, mit den Inhalten gendersensibel umzugehen. So sind psychisch Erkrankte Frauen und Männer. Die Diagnose Depression wird vor allem Frauen zugeschrieben. Depressionen bei Männern bleiben oft unerkannt. Daher würde sich ein differenzierender Blick lohnen. Auch in der Gesundheitsförderung sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern sehr unterschiedlich. Care-Arbeit wird vornehmlich von Frauen geleistet, was weitgehende Auswirkungen auf die seelische Verfasstheit von Frauen und Männern hat. All dies wäre unter dem Namen Aktionsbündnis Seelische Gesundheit denkbar und passend.

Dr. Ute Sonntag, Fachgruppe Frauen der DGVT, c/o Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e. V., Corrensstraße 44-46, 72076 Tübingen,
ute.sonntag@gesundheit-nds.de


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