Die Liebe zu sich selbst und ihre Wirkung auf die Gesundheit[1]


Von Bodo Karsten Unkelbach

Seelische Erkrankungen nehmen zu. Wurden im Jahr 2000 noch 4,1 Prozent der Erwerbstätigen ein Antidepressivum verschrieben, waren es im Jahr 2013 schon 6 Prozent. Die Fehlzeiten wegen Depressionen nahmen zwischen 2006 und 2012 um 75 Prozent zu. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert für das Jahr 2030, dass seelische Erkrankungen die meisten Krankheitsfälle ausmachen werden. Eine tragende Säule der Behandlung seelischer Erkrankungen liegt in der Psychotherapie. Eine Grundannahme besteht darin, dass menschliches Verhalten und das innere Erleben in enger Wechselwirkung zueinander stehen. Wenn wir uns selbst wahrnehmen, uns ernst nehmen, für unsere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte einstehen, für uns sorgen und uns selbst Gutes tun, also kurz gesagt, wenn wir uns selbst lieben, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, seelisch zu erkranken. Dabei ist es das Ziel, dass unser Leben nicht von der Krankheit, sondern von uns selbst bestimmt wird.

 

Sich selbst zuhören

Zu viele Menschen achten zu wenig auf sich. Sie passen sich an und vernachlässigen dabei ihre eigenen Standpunkte. Sie helfen und bemühen sich um andere. Sie stellen sich selbst an letzte Stelle, ihr mangelndes Selbstwerterleben mit dem Schleier der Demut verhüllt. Sie achten nicht auf innere Signale der Ermüdung und Erschöpfung. Schließlich werden sie zum Stillstand gezwungen, wenn ihre innere Batterie ausgebrannt und leer ist. Wir gehen oftmals nicht so gut mit uns um, wie wir es könnten. Ein Beispiel: 50 Prozent der Deutschen gelten als übergewichtig. Die meisten von ihnen wären gerne schlanker. Aber warum nehmen sie dann nicht ab? Die Erklärungen sind sicherlich individuell und ganz unterschiedlich. Eine Ursache ist in der Haltung zu finden, die lautet: „Ich habe es doch nur lieb gemeint.“ Kurzfristig gönne ich mir etwas „Gutes“, zum Beispiel einen Schokoladenriegel, langfristig zahle ich aber drauf. Liebe ich mich aber wirklich selbst, dann ändere ich meine Essgewohnheiten, weil ich mir Gutes tun will. Um ein „lieb gemeint“ von tatsächlicher Selbstliebe zu differenzieren, hilft die Unterscheidung zwischen kurzfristig und langfristig. Kurzfristig macht es Spaß den Schokoriegel zu essen, langfristig bin ich frustriert, weil ich nicht abnehme. Aber nehme ich mich selbst und meine Priorität, nämlich abzunehmen, ernst, dann beiße ich kurzfristig in den „sauren Apfel“ und stelle meine Ernährung um (und treibe Sport). Langfristig profitiere ich davon, weil ich mich an die neue Kost gewöhne und früher oder später die Pfunde purzeln. Wahre Liebe misst sich daran, ob ich mir langfristig Gutes tue. Voraussetzung hierfür ist es, sich selbst zuzuhören. Was ist mir wirklich wichtig? Wo setze ich meine Prioritäten? Wie kann ich mir auf Dauer Gutes tun? Um auf diese Fragen Antworten zu finden, hilft Stille. Dann ziehe ich mich zurück, stelle jede Form von Ablenkung ab und lasse meinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf. Nach einiger Zeit beginne ich, sie zu sortieren und es kristallisiert sich heraus, was mir wirklich wichtig ist. Ich entwickle eine Vorstellung davon, wie ich meine Beziehungen, meine Arbeit und meine Gesundheitsfürsorge gestalten will.

 

Gefühl und Verstand in Einklang bringen

Oft stehen wir uns aber selbst im Weg, wenn wir etwas verändern wollen. Wir haben uns ein bestimmtes Ziel vorgenommen, kommen aber keinen Schritt weiter. Warum nur? Auch auf diese Frage wird es unzählige Antworten geben. Eine von den vielen möglichen Antworten liegt darin, dass wir alle nicht ausschließlich gute Prägungen erfahren haben. Unsere Eltern oder Großeltern mussten noch das Dritte Reich erleben. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit wurden Gefühle als etwas Störendes, als etwas Gefährliches angesehen. Der Mensch hatte „hart wie Krupp-Stahl“ zu sein. Seelischer Schmerz musste verdrängt werden, er war nur hinderlich. Wahre Liebe nimmt aber den gesamten Menschen. Wahre Liebe will dem Geliebten nichts verbieten. Der Geliebte muss nichts verbergen, sondern er wird angenommen, wie er ist. Liebe ich mich selbst, spreche ich mir ein bedingungsloses „Ja“ zu. Ich muss nichts vor mir selbst verbergen. Ich liebe meine schönen Anteile genauso wie meine Ecken und Kanten, meine Unzulänglichkeiten. Wahre Liebe zu sich selbst bedeutet, alle Anteile zu respektieren, wahrzunehmen und anzunehmen. Gefühl und Verstand sind zwei Bereiche, die sich bisweilen vordergründig widersprechen können. In aller Regel hat beides seine Berechtigung. Wenn sie auseinanderklaffen, dann betrachten sie oftmals nur unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Es ist Aufgabe von Gefühl und Verstand, sich gegenseitig zu analysieren und zu verstehen. Gefühle können mir helfen, in einer scheinbar rationalen und logischen Argumentation einen Fehler aufzuspüren. Ich empfinde meine Argumentation als einleuchtend und schlüssig, spüre aber an einer Stelle, dass sich irgendwo ein Knick in der Logik befindet. Nehme ich mir genügend Zeit, werde ich den logischen Fehlschluss identifizieren können, mein Gefühl weist mir den Weg. Umgekehrt kann mir der Verstand in Situationen, in denen ich von intensiven Gefühlen überflutet werde, dabei helfen Einflüsse zu betrachten, das Chaos zu sortieren und beschwichtigend auf mein Gefühl einzuwirken. Dies gilt insbesondere dann, wenn ich merke, dass Auslöser und Reaktion in einem Missverhältnis zueinander stehen. Befinde ich mich in diesem Prozess, dann liebe ich mich selbst. Dann tue ich mir selbst Gutes.

 

Selbstliebe als Orientierung

Die moderne Zeit mit unzähligen Wahlmöglichkeiten, permanenten Ablenkungsmöglichkeiten durch die rasante Zunahme neuer Medien und eine Abnahme kultureller und religiöser Strukturen, die in der Vergangenheit Orientierung und Halt gegeben haben, zwingt uns zunehmend dazu, auf uns selbst Acht zu geben, eigene Haltungen und Wertungen zu definieren, also kurz gesagt, uns selbst zu lieben.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach, Zentrum für Seelische Gesundheit
Marienheide, Leppestraße 65-67, 51427 Marienheide,
E-Mail: bodo.unkelbach@klinikum-oberberg.de


Dieses Buch kann Ihr Leben verändern! 

Selbstliebe macht stark!

Selbstliebe ist das Fundament, auf dem wir uns in allen Lebensbereichen bewegen. Egal, welche Ziele wir uns stecken, wenn wir uns nicht selbst lieben, werden wir sie nur halbherzig verfolgen können. Selbstliebe durchdringt das ganze Leben. Dabei geht es bei Bodo Unkelbach nicht um Egoismus, der ein verzerrtes Abbild von Selbstliebe darstellt. Vielmehr schreibt der versierte Mediziner über das Wesen der Selbstliebe und deren Bedeutung für ein glückliches Leben. Werte wie respektvoller Umgang und gegenseitige Achtsamkeit gehören dabei ebenso zu den unabdingbaren Werten wie Bedürfnis-se erkennen und Resilienz aufbauen. Die Entscheidung für Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit sind Basis für den von Unkelbach aufgezeigten Kreislauf der Selbstliebe: Selbstachtsamkeit Selbstwahrnehmung – Selbstrespekt – Selbstannahme – Selbstwert – Selbstvertrauen – Selbstsicherheit, diese 7 Werte bilden den Kreis. Detailliert stellt der Psychiater die einzelnen Schritte dar, einfühlsam und mit Fallbeispielen aufbereitet. Mit vielen praktischen Tipps erhält der Leser eine fundierte Anleitung, wie er Schritt für Schritt Selbstliebe einüben kann.

 

Der Kreislauf der Selbstliebe in 7 Schritten

1.    Selbstachtsamkeit und Selbstaufmerksamkeit  Ich konzentriere mich auf mich selbst

2.    Selbstwahrnehmung – Ich nehme mein Innerstes wahr

3.    Selbstrespekt – Ich gehe respektvoll mit Gedanken, Gefühlen und Visionen um

4.    4. Selbstannahme – Ich nehme alles in mir bedingungslos an

5.    Selbstwert entwickeln – Ich begreife mich als wertvollen Menschen

6.    Selbstvertrauen – Ich vertraue mir selbst durch das Bewusstsein meiner selbst

7.    Selbstsicherheit – Ich bin mir meiner selbst sicher und trete sicher auf

 

·        Anleitung zur Selbstliebe: Ein umfassender Ratgeber mit vielen Praxistipps

·        Medizinisch fundiertes Wissen: In 7 Schritten zur Resilienz

·        Der Autor ist bekannt als Experte in der Süddeutschen Zeitung-Reihe „Überleben“

 

Über den Autor:

Dr. Bodo Karsten Unkelbach, Jahrgang 1969, ist Facharzt für  Psychiatrie und Psychotherapie und seit 2006 Chefarzt der Abteilung für Suchtmedizin und Psychotherapie im Zentrum für Seelische Gesundheit in Marienheide im Bergischen Land.  Er hält regelmäßig Vorträge. Dies ist sein erstes Sachbuch.

 


[1]Quelle: 98impu!se, März 2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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