Immer die Nase im Wind – Nachrichten aus dem Netzwerk Sozialpsychiatrischer Dienst in Deutschland [1]


Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern – auch ein Thema für Sozialpsychiatrische Dienste

Kinder psychisch kranker Eltern sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus einer interessierten Fachöffentlichkeit geraten. Neben vielen Publikationen zu diesem Thema entstanden auch diverse Initiativen und Projekte zur Unterstützung dieser Zielgruppe. 2010 gründete sich die Bundesarbeitsgemeinschaft(BAG) Kinder psychisch kranker Eltern, die in jährlichen Tagungen Initiativen und Projekte zusammenführt und einen bundesweiten Erfahrungsaustausch organisiert. 2017 diskutierte der Deutsche Bundestag einen interfraktionellen Antrag der Fraktionen CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen und beschloss einstimmig die Einsetzung einer Arbeitsgruppe Hilfen für Kinderpsychisch kranker Eltern.

Schätzungsweise wachsen deutschlandweit 3 bis 4 Millionen Kinder und Jugendliche in Familien mit zumindest einem psychisch kranken Elternteil auf. Sie haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko, später selbstpsychisch zu erkranken. Neben genetischen Faktoren sind dabei vor allem ungünstige Einflüsse auf die seelische Entwicklung wirksam: Das sind in der Familie Instabilität, fehlende Beziehungskonstanz, Armut und soziale Isolation, seitens des erkrankten Elternteils mangelnde Alltagskompetenz und emotionale Zuwendung. Verstärkend wirken sich eine innerfamiliäre Tabuisierung der Problematik und Unverständnis des Umfeldes aus. Die Kinder leiden unter Scham und Schuldgefühlen, Verunsicherung und Angst, ziehen sich sozial zurück, übernehmen häufig auch in einer Art Rollenumkehr im familiären Verbund die Verantwortung und Versorgung des kranken Elternteils (Paternalisierung). In vielen Regionen gibt es inzwischen Initiativen, um Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern vor Ort zu entwickeln – hier zwei Beispiele:

Der Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi) des Kreises Ostholstein widmet sich dem Thema seit über zehn Jahren, beginnend mit Bewusstseinsbildung in den eigenen Reihen. Dann wurde die Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der Jugendhilfe intensiviert sowie eine Umfrage zum Umfang des Problems und zum Kenntnisstand darüber durchgeführt, um in der Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie und Eingliederungshilfe die Problematik bewusst zu machen und Bedarfe zu ermitteln. Es wurde schnell klar, dass zunächst die Profis für das Thema sensibilisiert werden müssen. SpDi-Teammitglieder verschafften sich die dazu nötige Fachkompetenz und entwickelten ein entsprechendes Konzept. Es geht davon aus, dass die Profis zur Hilfe der betroffenen Kinder und Jugendlichen bereit sind, wenn sie bei Bedarf fachlich unterstützt werden. Das inzwischen als „Tipi-Netz“ auch in der BAG verankerte Expertenteam steht ihnen nun beratend zur Seite. Bei Bedarf vermittelt es auch weitergehende Hilfen, sei es für betroffene Kinder und Jugendliche, sei es für deren Eltern, Angehörige und das soziale Umfeld –  es kann diese aber auch direkt beraten. Das erfolgt telefonisch oder persönlich, ggf. aufsuchend und auf Wunsch auch anonym. Das Projekt wird durch Personalressourcen des SpDi unterstützt und mit jährlich 27.000,- € aus dem Landesrahmenvertrag abgesichert.

Das Projekt AUFWIND der SpDi in Stuttgart verfügt nach einer langen Projektphase über zwei von der Stadt Stuttgart finanzierte Vollzeitstellen, verteilt auf die dortigen acht Gemeindepsychiatrischen Zentren. AUFWIND richtet sich nicht nur an Kinder psychisch erkrankter Eltern und deren Familien, sondern auch an Fachdienste der Jugendhilfe, Sozialpsychiatrie und Multiplikatoren, die in Schulungen für die Belange der Kinder sensibilisiert werden. Das niedrigschwellige Beratungsangebot richtet sich besonders an die Menschen, die bisher keinen Zugang in die Hilfesysteme gefunden haben. Bei der Beratung wird gemeinsam mit jeder Familie sehr individuell überlegt, welche Unterstützung es braucht, auch um die Familie zu entlasten. Darüber hinaus werden Fachdienste beraten, die Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil unterstützen. Um erfolgreich zu sein, müssen Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendhilfe sowie weitere Angebote des Hilfesystems jedoch auch fallunspezifisch kooperieren.

Kontakt/Koordination:
Sabine Erven,
Landesvereingiung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Nds. e. V.,
Fenskeweg 2
30165 Hannover
Tel. 0511/26253801
E-Mail: sabine.erven@gesundheit-nds.de



[1] Quelle: sozialpsychiatrische informationen, 48. Jg, Ausgabe 3/2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 

Quelle: VPP 4/2018


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