Jugendhilfe und Psychiatrie: Gemeinsam stark für Kinder [1]


Von Lothar Steffens

In Bonn haben sich mehr als dreißig Institutionen und Dienste aus den Bereichen Sozialpsychiatrie, Jugendhilfe, medizinische und psychotherapeutische Behandlung mit den zuständigen kommunalen Trägern zum Netzwerk „JuPs“ zusammengeschlossen. Damit soll die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Psychiatrie gestärkt, die Bedarfslage von Kindern und deren Eltern gemeinsam in den Blick genommen werden. Angebote und Leistungen der Träger sollen untereinander vorgestellt, abgestimmt und koordiniert werden. Die Schnittstellenarbeit war unter anderem nötig geworden, weil die Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern oft beides brauchen: pädagogische und medizinisch-therapeutische Unterstützung.

Um die Hilfen besser abzustimmen, haben der Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie e. V. (Sozialpsychiatrie) und die Evangelische Jugendhilfe Godesheim (Jugendhilfe) gemeinsam dieses Projekt konzeptioniert, das in den ersten fünf Jahren vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) gefördert wurde und nun direkt durch die Stadt Bonn ideell, finanziell und mit persönlichen Ressourcen unterstützt wird. Insbesondere die Mitarbeit von Leitungskräften aus dem Bereich der Jugendhilfe und des Amtes für Soziales ist wertvoll.

JuPs ist ein Good-Practice-Modell im Rahmen Projektes „Leuchtturmangebote für Kinder und Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil“, das der Dachverband Gemeindepsychiatrie e. V. mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit durchführt.

Das Netzwerk hat zwei Arbeitsgremien: Das Beschlussgremium ist die drei- bis viermal jährlich stattfindende Kooperationskonferenz. Dort wurden und werden Entscheidungen per Mehrheitsschluss getroffen. Daneben hat sich eine regelmäßige Arbeitsgruppe etabliert, die allen interessierten Fachkräften die Möglichkeit bietet, „Fälle“ zu besprechen und fachbereichsübergreifend zu reflektieren. Die am konkreten Einzelfall erkannten Probleme, Hemmnisse oder Versorgungslücken werden im Hinblick auf grundsätzlich zu besprechende strukturelle Probleme in der Netzwerkarbeit in der Kooperationskonferenz vorgestellt.

Was hat sich konkret verändert?

Der Ansatz, das Netzwerk von Anfang an breit aufzustellen und möglichst viele Akteure für das Miteinander zu gewinnen, kostete viel Zeit, da die Abstimmungsprozesse im Hinblick auf das gemeinsame Vorgehen sehr zeitaufwendig waren und durch eine Vielzahl von Hemmnissen und Barrieren erschwert wurden:

  • Konkurrenzsituation von Einrichtungen und Trägern
  • Unterschiedliche Rechtliche Grundlagen und Vorgaben
  • Unterschiedliche fachbereichsspezifische Haltungen und Arbeitsweisen
  • Und vor allem – fehlende finanzielle Ressourcen für die zeitaufwendige
  • personenunabhängige Netzwerkarbeit (insbesondere nach der Projektförderung)

Auf lange Sicht haben die regelmäßigen Treffen in der Kooperationskonferenz und AG Fallbesprechung jedoch dazu beigetragen, dass das Miteinander deutlich verbessert werden konnte. Das heißt, dass zunächst einmal das Wissen über die Ressourcen der Angebote aus den jeweiligen Fachbereichen (Jugendhilfe, Suchthilfe, Sozialpsychiatrie, medizinische Behandlung) unter den regelmäßig beteiligten Fachkräften kontinuierlich zugenommen hat. Das klingt banal, ist aber deshalb von entscheidender Bedeutung, weil die Zusammenarbeit deutlich mehr braucht als nur die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Zentral war dabei die Erkenntnis, dass sich insbesondere die Jugendhilfe und die Sozialpsychiatrie in ihrem Grundverständnis und ihrer Methodik grundsätzlich unterscheiden. Da ist auf der einen Seite die Jugendhilfe, die sich an den Interessen und dem Wohl der Kinder orientiert und gegebenenfalls autoritär und direktiv den Eltern gegenüber auftritt. Auf der anderen Seite ist die Sozialpsychiatrie, die auf die Verselbstständigung der Eltern abzielt und sich vorrangig an deren Interessen und Bedarfslagen orientiert. Durch den kontinuierlichen Austausch wurden die Problemperspektiven des eigenen wie fremder Fachbereiche bewusst. Dabei zeigte sich in der regelmäßigen Reflexion der Praxis, dass die Zusammenarbeit in der Regel erst dann erfolgte, wenn die Situation sehr stark eskaliert war und ein hoher Handlungsdruck mit gegenseitigen konkreten Erwartungshaltungen und Funktionszuschreibungen bestand. Zum Beispiel in der Form, dass die Fachkraft der Jugendhilfe die Fachkraft aus dem Bereich der Sozialpsychiatrie aufforderte, dafür zu sorgen, dass sich die Mutter eines betreuten Kindes sofort in fachärztliche Behandlung begibt.

Daraus leitete sich die Überzeugung ab, dass das Miteinander möglichst frühzeitig, vor den akuten Notsituationen einsetzen muss. In der Handlungsleitlinie, die das Netzwerk dazu entwickelte, wurde dies festgelegt und darüber hinaus auch bestimmt, dass die jeweilige Fachkraft die Verantwortung für den fachbereichsübergreifenden Austausch übernimmt und das Miteinander anstößt. Erst ganz langsam, aber im Zuge des persönlichen Kennenlernens frühzeitiger und in besserer Kenntnis der Arbeitsweisen der jeweilig anderen Fachkraft klappt das jetzt ganz gut.

 

Gemeinsames Problemverständnis entwickeln

Damit die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit das konflikthafte Nebeneinander von konkurrierenden Partikularinteressen und -zielsetzungen überwinden kann, braucht es einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt: die Erarbeitung eines gemeinsamen Problemverständnisses. Alle Akteure betrachten idealerweise die Kinder, die Eltern und das weitere soziale Umfeld als Ganzes und entwickeln in Kenntnis der unterschiedlichen Aufträge, Zielsetzungen und Arbeitsweisen zunächst ein gemeinsames Problemverständnis. Erst auf dieser Grundlage kann eine gemeinsam abgestimmte Förder- und Hilfeplanung synergetisch wirken. Dann ist das Miteinander mehr als die Summe der Einzelleistungen aus den Fachbereichen.

Blinder Fleck: die Kommunikation nach innen

Die nunmehr über Jahre stattfindende Netzwerkarbeit konnte einiges bewegen. Es ist aber festzustellen, dass trotz des breiten Ansatzes und des hohen Engagements eines relativ großen Kreises von Fach- und Leitungskräften die vollständige Umsetzung der genannten wichtigen Punkte noch nicht komplett in der „Fläche“ der Versorgungslandschaft im Themenfeld angekommen ist. Woran liegt das?

Damit auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht an den Netzwerkgremien unmittelbar teilnehmen, von dem Wissen und dem Austausch profitieren, muss auch in erheblichem Umfang nach innen – also in den Einrichtungen und Diensten – gearbeitet werden.

Es geht darum, Haltungen und Arbeitsabläufe der Mitarbeiter zu verändern, Wissen zu vermitteln (kennen alle die Handlungsleitlinie?) und das Vorgehen in der notwendigen Schnittstellenarbeit regelmäßig zu reflektieren.

Lothar Steffens ist Mitarbeiter des Bonner Vereins für gemeindenahe Psychiatrie e. V., verantwortlich für das Projekt JuPs und in der Folge Mitarbeiter in der Koordinierungsgruppe des Netzwerkes. Seine Internetseite http://jups-netzwerk-bonn.de/ ist eine wichtige zentrale Anlaufstelle für alle interessierten Menschen in der Region Bonn und informiert über die Ressourcen der teilnehmenden Einrichtungen und deren Angebote.

 


[1] Quelle: PSYCHOSOZIALE umschau, Heft 03/2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

 

Quelle: VPP 4/2018


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