An Leib und Seele krank - Gesundheitsförderung bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen – Probleme und Perspektiven[1]


Von Günther Wienberg und Georg Kremer

Zusammenfassung

Mit einem selektiven Überblick über die aktuelle Literatur wird dargelegt, dass die erhöhte Morbidität und Mortalität psychisch Kranker hauptsächlich durch kardiovaskuläre und endokrine Erkrankungen bedingt ist. Diese weisen gemeinsame Risikofaktoren auf, die bei Menschen mit psychischen Erkrankungen gehäuft auftreten. Hinzu kommt, dass Menschen mit somato-psychischer Komorbidität auf Barrieren beim Zugang und bei der Nutzung des Gesundheitssystems stoßen und ihre Versorgung quantitativ und qualitativ schlechter ist als bei rein somatisch Kranken. Daraus lassen sich Perspektiven für eine Verbesserung der für die Gesundheitsförderung und die körpermedizinische Versorgung dieser besonders vulnerablen Gruppe ableiten.

Hintergrund

Eine Fülle von Studien und Übersichtsarbeiten, insbesondere aus dem angloamerikanischen und skandinavischen Raum, belegen die 1,5- bis 3-fach erhöhte somatische Krankheitsbelastung und eine durchschnittliche Verkürzung der Lebensdauer um die zwanzig Jahre bei psychisch kranken Menschen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Erst in jüngster Zeit gibt es größere Studien hierzu auch im deutschsprachigen Raum (vergl. Schulz et al., Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift „sozialpsychiatrische information“). Die verfrühte Mortalität ist dabei weit überwiegend durch körperliche Erkrankungen bedingt, ein deutlich geringerer Anteil geht auf Suizide und Unfälle zurück. Die häufigsten somatischen Komorbiditäten sind kardiovaskuläre (Arhythmien, periphere Gefäßerkrankungen, Hypertonie, Schlaganfall) sowie endokrine Erkrankungen, vor allem Diabetes mellitus. Im Vorfeld dieser Erkrankungen gibt es beeinflussbare Risikofaktoren, denen mit gesundheitsfördernden Interventionen begegnet werden sollte. Gesundheitsförderung ist nicht gleichzusetzen mit der Behandlung von Krankheiten, sondern es geht um präventive und möglichst frühe Interventionen im Vorfeld, wobei der Umgang mit gesundheitlichen Risikofaktoren eine zentrale Rolle spielt.

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Bedingungen, die in der internationalen Literatur als Barrieren und Einschränkungen einer bedarfsgerechten somatisch-medizinischen Versorgung untersucht und beschrieben werden (modifiziert und ergänzt nach Hert et al. 2011 b; vergl. auch Hewer, Schneider

 

Personen-und krankheitsbezogene Bedingungen 

Bedingungeninder psychiatrischen Versorgung 

Bedingungeninder somatischen Versorgung

 

BedingungenaufSystemebene

 

Schwierigkeiten, körplerliche Probleme adäquat wahrzunehmenk

 

diagnosticovershadowing

 

Stigmatisierung/Diskriminierung psychisch kranker Patienten

FragmentierungderVersorgunginnerhalbundzwischenPsychiatrie undSomatik

 

eingeschränkteSelbstsorge

 

unzutreffendeVorannahmen

VerantwortungsdiffusionbezüglichderkörperlichenGesundheitderPatienten

 

Selbststigmatisierung

 

Wissens-undKompetenzmängel

mangelndeKontinuitätderBehandlungimQuer-undLängsschnitt

geringere,verzögerteInanspruch-nahmevonGesundheitsdiensten

MangelndesAssessment/MonitoringwichtigerGesundheitsparameter,FehlenstrukturierterPräventionsangebote

hoheKostenundKomplexität integrierterVersorgungsmodelle

eingeschränktesozialeundkommunikativeFähigkeiten

 

quantitativundqualitativschlechteresomatischeBehandlung

 

eingeschränkteAdhärenz

unzureichendepersonelle/sachlicheRessourcen

 

ungesunderLebensstil

 

 

 

Schwierigkeiten,notwen-digeVeränderungendesLebensstilszuverstehenundumzusetzen

 

 

Tabelle 1: Barrieren und Einschränkungen der körpermedizinischen Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen

2016; Becker et al. 2012). Entsprechend der Forschungslage bezieht sich die folgende Übersicht auf Menschen mit psychotischen und affektiven Erkrankungen (ICD-10, F2, F3).

Patienten- und krankheitsbezogene Bedingungen

Kognitive Störungen, eine Überlagerung von körperlichen und psychischen Symptomen oder z. B. die paranoide Missdeutung von Beschwerden können die adäquate Wahrnehmung und Einordnung körperlicher Probleme ebenso erschweren wie z. B. eine erhöhte Schmerzschwelle durch die Einnahme von Psychopharmaka. Eine durch die psychische Störung eingeschränkte Selbstsorge und Selbststigmatisierungsprozesse sowie Antriebsstörungen, sozialer Rückzug und Misstrauen tragen dazu bei, dass Gesundheitsdienste weniger oder verspätet in Anspruch genommen werden. Bei Zugang und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen können eingeschränkte soziale und kommunikative Fertigkeiten eine Barriere darstellen, darüber hinaus ist die Adhärenz im Umgang mit medizinischen Empfehlungen/Verordnungen häufig eingeschränkt.

Risikofaktoren

Die wichtigste patientenbezogene Bedingung ist jedoch, dass Risikofaktoren für körperliche Erkrankungen bei Menschen mit psychischen Erkrankungen besonders häufig sind, die insgesamt einen eher ungesunden Lebensstil ausmachen: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Substanzmissbrauch. Zwar beeinflussen auch genetische sowie gemeinsame pathophysiologische Bedingungen die somato-psychische Komorbidität (vergl. Juckel 2015). Die genannten Lebensstilfaktoren sind allerdings als Hauptgrund für die erhöhte Morbidität und Mortalität anzusehen (Hert et al. 2011 b), wobei es zu einer signifikanten Häufung dieser Faktoren nach Beginn einer antipsychotischen Medikation kommt (Gates et al. 2015).

In einer Metaanalyse von 136 Studien mit über 185.000 schizophren erkrankte Patienten haben Vancampfort et al. (2013) bei den kardio-metabolischen Parametern Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechsel (Cholesterin/HDL, Triglizerin) signifikante Abweichungen im Vergleich zu Kontrollgruppen festgestellt. Diese vier Faktoren zusammengenommen machen den Kern des Metabolisches Syndrom (MetS) aus. In einer Metaanalyse auf der Basis von 198 Studien mit mehr als 52.000 Personen mit schweren psychischen Erkrankungen lag bei 33 % ein MetS vor, im Vergleich zu Kontrollen war die Wahrscheinlichkeit dafür um 58 % erhöht (Vancampfort et al. 2015 a). Die Behandlung mit Psychopharmaka ist einerseits ein Risikofaktor, denn sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für ein metabolisches Syndrom und für eine Reihe von körperlichen Erkrankungen (Correll et al. 2015). Andererseits erhöht eine antipsychotische oder antidepressive Medikation jedoch die Lebenserwartung. Hauptansatzpunkte für die Förderung der körperlichen Gesundheit sollten deshalb die zentralen Risikofaktoren von kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes mellitus sein: Bewegungsmangel, Übergewicht, ungesunde Ernährung und Rauchen.

Bewegungsmangel: Eine aktuelle Metaanalyse belegt, dass schizophren Erkrankte signifikant weniger moderat bis stark körperlich aktiv sind als Kontrollgruppen (Stubbs et al. 2016). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine große internationale Querschnittsstudie bei depressiv Erkrankten (Stubbs et al. 2015 a). Nur etwa jeder vierte schizophren Erkrankte erfüllt die Empfehlung von 150 Minuten wöchentlich mindestens moderater körperlicher Aktivität (Hert et al. 2011 b). Geringe körperliche Aktivität geht bei psychotisch Erkrankten einher mit höherem Alter, Arbeitslosigkeit, Übergewicht, geringerem Bildungsniveau und sozialer Isolation (Suetani et al. 2016). Eine Metaanalyse von elf Studien ergab, dass schizophren erkrankte Personen eine erheblich geringere „kardiovaskuläre Fitness“ (gemessen mit der Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes) aufwiesen als Kontrollgruppen. Diese korrelierte negativ mit dem Ausmaß von Negativsymptomatik und der Höhe des Body-Mass-Index (BMI; Vancampfort 2015 b).

Übergewicht/Ernährung: Hert et al. (2011 a) berichten auf der Basis von nordamerikanischen Studien Übergewichtsraten von 42 bis 60 % bei schizophren, 68 % bei bipolar und 58 % bei schwer depressiv Erkrankten. Eine der wenigen deutschsprachigen Studien zu somatischen Risikofaktoren bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wurde in der Schweiz mit psychotisch erkrankten Patienten von zwei psychiatrischen Tageskliniken und drei Ambulanzen durchgeführt (Bänzinger et al. 2016). Die häufigsten von 27 erhobenen Parametern waren Bauchumfang (78 % kritische Werte), Blutfette (76 %) und BMI (70 %).

Rauchen: Schizophren erkrankte Menschen rauchen häufiger und stärker und sind häufiger nikotinabhängig als die Allgemeinbevölkerung. In der Studie von Bänzinger et al. rauchten 61 % der Patienten. Bis zu 85 % der Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung haben eine reduzierte Lebensqualität wegen einer tabakbedingten Erkrankung oder sterben daran (Hert et al. 2011 a). In einer großen Langzeitstudie zeigte sich, dass 53 % aller Todesfälle auf tabakbedingte Faktoren zurückzuführen waren (Callaghan et al. 2014). Als problematisch erweist sich die Tatsache, dass Zigarettenrauchen den Medikamentenstoffwechsel mittels pharmakokinetischer und pharmakodynamischer Mechanismen beeinflusst (Lucas, Martin 2013). Die Wirkung insbesondere von Neuroleptika wird durch das Rauchen drastisch herabgesetzt. Die Patienten haben darüber hinaus bei einer plötzlichen Veränderung ihrer Rauchgewohnheiten ein erhöhtes Risiko für zum Teil schwere Arzneimittelnebenwirkungen. Daher müssen die Rauchgewohnheiten regelmäßig überprüft und die Dosis bestimmter Medikamente ggf. angepasst werden.

Aus dieser Befundlage sollten vorrangig zwei Konsequenzen gezogen werden: Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten kardiovaskuläre Risikofaktoren regelmäßig und in standardisierter Form überprüft werden. Dass dies in der Praxis nur unzureichend geschieht, zeigt exemplarisch eine englische Studie, in der für mehr als 5.000 Patienten gemeindepsychiatrischer Dienste erhoben wurde, ob neun Gesundheitsparameter im Verlauf der letzten zwölf Monate überprüft und dokumentiert worden waren. Komplett war dies nur bei 22 % der Patienten erfolgt (Crawford et al. 2014). Becker et al. (2012) geben einen Überblick über sechs einschlägige Leitlinien bzw. Checklisten, darunter die von Hert et al. (2011 b). Hewer und Schneider (2016) haben Letztere leicht modifiziert. Ihr pragmatischer Vorschlag umfasst neun Parameter, deren Überprüfungsintervalle entlang einer Zeitachse angeordnet sind. An fundierten und praktikablen Standards mangelt es nicht, die Herausforderung liegt in der praktischen Umsetzung.

Interventionen

Die zweite Konsequenz: Da die genannten Risikofaktoren im Prinzip beeinflussbar sind, sollten psychisch kranke Menschen gezielt dabei unterstützt werden, einen gesunden/gesünderen Lebensstil zu erreichen und aufrecht zu erhalten.

Bewegungsmangel: Es gibt nur wenige Studien zur Verbesserung der körperlichen Fitness durch körperliche Aktivität allein. Oftmals werden solche Interventionen mit anderen kombiniert, wie Übergewicht zu reduzieren und gesunde Ernährung zu fördern. In vier Studien fand sich geringe Evidenz für die Wirksamkeit von körperlicher Aktivität zur Reduzierung von Übergewicht (McGinty et al. 2016). Chalfoun et al. (2016) kommen aufgrund ihres Reviews jedoch zu dem Schluss, dass auch körperliche Aktivität allein bei psychotisch Erkrankten wirksam zur Reduzierung von kardiovaskulären Risikofaktoren ist.

Übergewicht/Ernährung: Hierzu ist die Evidenzlage überzeugend. Mehreren Übersichtsarbeiten zufolge ist die Wirksamkeit sogenannter Lebensstil-Interventionen zur Gewichtsreduktion bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen gut belegt (McGinty et al. 2016; Naslund et al. 2017). In einer weiteren Meta-Analyse von 17 Studien mit insgesamt mehr als 800 schizophrenen Patienten ergab sich eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 3,1 kg nach im Mittel sechs Monaten (Caemmerer et al. 2012). Bei solchen Interventionen handelt es sich in der Regel um kognitiv-behavioral bzw. psychoedukativ ausgerichtete Programme, die unterschiedliche Komponenten wie Training von Selbstmonitoring und -management, Ernährungsberatung, Kochkurse, körperliches Training etc. im Einzel- und im Gruppensetting beinhalten können. Gute Wirksamkeitsnachweise gibt es auch für das Diabetes-Medikament Metformin, wobei empfohlen wird, es nachrangig bzw. in Kombination mit Lebensstil-Interventionen/-Programmen einzusetzen. Eine weitere Metaanalyse ergab, dass die Gewichtsreduktion nach der Intervention über sechs und zwölf Monate weiter anstieg und der Hüftumfang abnahm (Fernandez-San Martin et al. 2014). Es scheint jedoch leichter zu sein, einer Gewichtszunahme vorzubeugen als Übergewicht nachhaltig zu reduzieren. In einer Metaanalyse zu präventiven Interventionen wurden hohe Effektstärken ermittelt (Gates et al. 2015). Teasdale et al. (2017) fanden auf der Basis von zehn Studien, dass Interventionen, die von Ernährungsexperten durchgeführt wurden und die zu Beginn einer antipsychotischen Behandlung erfolgten, höhere Effektstärken aufweisen.

Rauchen: Auch hierzu ist die aktuelle Evidenz vielversprechend. Auf der Basis von zwanzig Studien kommen McGinty et al. (2016) zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit der Substanzen Bupropion und Vareniclin gut belegt ist. Auch Stubbs et al. (2015 b) stellen in ihrem Meta-Review fest, dass Bupropion wirksam ist und kaum unerwünschte Effekte aufweist. Patienten sollte außerdem Beratung, verhaltenstherapeutische Interventionen und körperliches Training angeboten werden. In einer neueren Studie unter Alltagsbedingungen wurden die Effekte von Vareniclin und Nikotionpflaster bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen verglichen. Die Wirksamkeit der Interventionen unterschied sich nicht, nach zwölf Wochen betrug die Abstinenzrate ca. 50 % und nach 36 Wochen noch 37 % (Garcia-Portilla et al. 2016). Auch beim Rauchen scheinen Frühinterventionen bei Ersterkrankten somit eine besonders gute Wirksamkeit zu erzielen (Gates et al. 2015).

Es gibt also durchaus vielversprechende Ansätze zur Reduktion von kardiovaskulären und endokrinen Risikofaktoren bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen.

Hert et al. (2011 b) resümieren: „Gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und das Rauchen aufzugeben sind Schlüsselkomponenten zur Reduzierung der Häufigkeit und der Auswirkungen von beeinflussbaren Risikofaktoren. Wenn Lebensstil-Interventionen allerdings nicht erfolgreich sind, können Medikamente wie Statine, blutdrucksenkende Mittel oder antidiabetische Substanzen indiziert sein.“ (S. 143, Übersetzung durch die Autoren). Dem ist lediglich hinzuzufügen, dass zur Unterstützung bei der Raucherentwöhnung auch Bupropion bzw. Vareniclin indiziert sein können.

Bisher mangelt es allerdings an Studien zur Umsetzbarkeit komplexerer Interventionen unter Alltagsbedingungen in der Regelversorgung. Dies gilt insbesondere für den deutschsprachigen Raum (Jacobi et al. 2017). Einige Autoren weisen darauf hin, dass die Umsetzung von Lebensstil-Interventionen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen mit besonderen Herausforderungen verbunden ist und es für viele Betroffene schwierig ist, die Notwendigkeit von Veränderungen ihres Lebensstils zu verstehen und umzusetzen (vergl. Tabelle 1, Spalte 1). Dabei können kognitive Störungen und Symptome eine Rolle spielen, wichtiger dürfte jedoch sein, dass es vielen Patienten schlicht an Ressourcen mangelt, sei es aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit, mangelndem Wissen und fehlender sozialer Unterstützung. Die Mobilisierung von sozialer Unterstützung und die Einbeziehung des sozialen Umfelds sind erfolgskritische Faktoren entsprechender Programme (Hert et al. 2011 b, McGinty et al. 2016). Dabei könnten Peers eine wichtige Rolle spielen (Blanner Kristiansen et al. 2015).

Bedingungen in der psychiatrischen und somatischen Versorgung

In Tabelle 1, Spalten 2 und 3 sind die wichtigsten in der Literatur diskutierten und empirisch belegten Barrieren und Einschränkungen in der psychiatrischen und somatischen Medizin zusammengefasst. Auch in der Psychiatrie kann es zur Verkennung körperlicher Beschwerden als Teil der psychischen Störung kommen (diagnostic overshadowing), auf der anderen Seite werden psychisch kranke Menschen in der somatischen Medizin nicht selten stigmatisiert und diskriminiert. Hier wie da gibt es unzutreffende Vorannahmen, wie z. B., schwer psychisch kranke Menschen seien nicht in der Lage, ihren Lebensstil zu ändern oder Übergewicht sei ausschließlich die Folge antipsychotischer Medikation. Beides beruht auf einem Mangel an Wissen und Kompetenzen. In Psychiatrie wie Somatik mangelt es an einem standardisierten Assessment und einem fortlaufenden Monitoring wichtiger Parameter des körperlichen Gesundheitszustandes bei psychisch kranken Menschen, mitbedingt durch die unzureichende Kenntnis und die verbreitete Skepsis gegenüber medizinischen Leitlinien. Nach der Diagnose von körperlichen Erkrankungen erhalten psychisch Kranke eine qualitativ und quantitativ schlechtere körpermedizinische Behandlung als Kontrollen (vergl. Hert et al. 2011 b; Moore et al. 2015; Baxter et al. 2016). In einer Metaanalyse von Mitchell et al. (2009) zeigte sich in 70 % der Studien eine schlechtere Qualität der somatischen Versorgung bei schizophren erkrankten Patienten. Schließlich mangelt es auf beiden Seiten an personellen Ressourcen: aufseiten der Psychiatrie für den qualifizierten Umgang mit körperlichen Risikofaktoren und Erkrankungen, in der somatischen Medizin für die besonderen Bedürfnisse und den Umgang mit manchmal schwierigen und störenden psychisch kranken Menschen. Auf psychiatrischer Seite kann es auch um einen Mangel an sachlichen Ressourcen gehen, z. B. für Routineuntersuchungen wie EKG oder ausreichende Budgets für Laboruntersuchungen.

In beiden Bereichen braucht es vor allem nachhaltige Qualifizierungsstrategien: Die körpermedizinische Versorgung psychisch kranker Menschen muss verbindlicher Teil der Curricula in der Aus-, Fort- und Weiterbildung medizinisch-pflegerischer Berufe werden. Im Hinblick auf die Ressourcen ist darauf zu achten, dass bei dem zu erwartenden neuen Personalbemessungssystem für die Psychiatrie die somatisch-medizinische Versorgung der Patienten entsprechend gewichtet wird. Dieses System soll u. a. auf aktuelle Behandlungsleitlinien Bezug nehmen. Dabei wird die in der Aktualisierung befindliche S3-Leitlinie für die Therapie von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (DGPPN 2013) einen wichtigen Beitrag leisten.

Systembezogene Bedingungen

Der zentrale Problemkomplex, der einer bedarfs- und bedürfnisgerechten körperlichen Gesundheitsfürsorge entgegensteht, ist die Fragmentierung des Versorgungssystems. In der angloamerikanischen Literatur wird dies für die beiden Teilsysteme psychiatrische und somatische Medizin diskutiert. In Deutschland stellen sich die Verhältnisse komplexer dar, denn mehr als 200.000 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden im Teilsystem der Eingliederungshilfe bei der sozialen Teilhabe unterstützt. Eine vereinfachende Darstellung des Gesamtsystems gibt Abbildung 1. Sowohl innerhalb als auch zwischen den Teilsystemen gibt es eine Verantwortungsdiffusion bei der körpermedizinischen Versorgung psychisch Kranker (Baxter et al. 2016). Diese geht einher mit Kontinuitätsbrüchen im Quer- und Längsschnitt und einer Gleichzeitigkeit von Über-, Unter- und Fehlversorgung. Dieses Problem ist allerdings nicht auf Menschen mit somato-psychischer Komorbidität begrenzt, sondern für das Gesundheitssystem insgesamt charakteristisch.

Hert et al. (2011 b) postulieren: Die „Re-Integration von psychiatrischer und somatischer Versorgung mit dem ultimativen Ziel, optimale Leistungen für diese besonders vulnerable Patientengruppe zu gewährleisten, scheint eine der wichtigsten Herausforderungen für die psychiatrische Versorgung heute darzustellen“ (S. 138, übersetzt von den Autoren). Und sie fordern, dass die Psychiatrie mehr Verantwortung

 

 

 

somatischeVersorgung

 

Abbildung1: Hauptakteure der körpermedizinischen Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen

 

für die körperliche Gesundheit ihrer Patienten übernimmt. Dies muss aber auch für die Eingliederungshilfe gelten, die ihren Teil zur Problembewältigung beizutragen hat. Eine Patentlösung oder einen Königsweg gibt es schon deswegen nicht, weil es in erster Linie von den betroffenen Menschen, ihren individuellen Gesundheitsproblemen, Ressourcen und Präferenzen abhängt, wie die körpermedizinische Versorgung ausgestaltet wird. Der eine hat eine lange, vertrauensvolle Beziehung zu seinem Hausarzt und fühlt sich dort gut aufgehoben, die Zweite meidet den Kontakt zur Körpermedizin und wird diesbezüglich von der PIA begleitet, der Dritte braucht in seinem Alltag Unterstützung bei der Gesundheitssorge sowie beim Zugang und bei der Nutzung der somatischen Versorgung, die Vierte vertraut auch ihre somatische Grundversorgung ihrer niedergelassenen Psychiaterin an. Die Koordination und Integration der Leistungen der Teilsysteme muss also in jedem Einzelfall und in Abstimmung zwischen dem Patienten und den beteiligten Akteuren erfolgen, einen „geborenen“ Hauptverantwortlichen gibt es nicht. Im Erleben von Betroffenen sind übrigens seelische und körperliche Gesundheit untrennbar miteinander verbunden (Blanner Kristiansen et al. 2015), dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Integration entsprechender Gesundheitsleistungen.

Der Schlüssel zu einem verbesserten Zusammenwirken der Teilsysteme ist Kommunikation (Moore et al. 2015). Auch rein somatisch Erkrankte haben oftmals große Schwierigkeiten, die Leistungen unterschiedlicher Gesundheitsdienste im Quer- und Längsschnitt selbstständig zu koordinieren und die Kommunikation zwischen den Teilsystemen sicherzustellen. Dies gilt umso mehr für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, sie müssen unterstützt werden, indem jedes Teilsystem seinen Beitrag zur Kommunikation und Koordination über die Grenzen hinweg leistet. Dabei kann gerade in unklaren und kritischen Situationen die persönliche Kommunikation zwischen den Akteuren notwendig sein (Hasselt et al. 2015). Auch technische Systeme wie die seit langem diskutierte elektronische Gesundheitskarte könnten einen wichtigen Beitrag leisten. Darüber hinaus könnten spezialisierte Fachkräfte als „Kümmerer“ für das Thema körperliche Gesundheit fungieren, Patienten bei der Gesundheitssorge unterstützten und dafür sorgen, dass die Kommunikation mit den jeweils anderen Teilsystemen funktioniert. So wird vorgeschlagen, die in der somatischen Medizin bewährte Funktion des „Präventionsmanagers“ auch in der Psychiatrie zu etablieren (Lederbogen et al. 2015). Ein ähnliches Modell, aber in umgekehrter Richtung, wurde in den USA evaluiert. In zwanzig Allgemeinpraxen wurden „care mapsychiatrische nager“ zur Unterstützung der Behandlung von depressiven Patienten etabliert. Nach durchschnittlich acht Jahren war die Sterberate in dieser Gruppe um 24 % niedriger als in der Vergleichsgruppe ohne Care Manager (Gallo et al. 2013). Das Präventionsmanagement könnte z. B. Aufgabe qualifizierter Pflegekräfte sein, ein Modell, das sich auf psychiatrische Praxen und Institutsambulanzen sowie auf Dienste und Einrichtungen der Eingliederungshilfe übertragen ließe. Dazu wird es jedoch zusätzlicher personeller Ressourcen bedürfen, für die zu streiten im Interesse der Betroffenen geboten ist.

 

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Die Autoren:
Dr. P. H. Georg Kremer
Geschäftsführer Bethel. regional
Prof. Dr. P. H. Günther Wienberg
Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-
Vorpommern e. V.
guenther.wienberg@t-online.de


[1]Quelle: sozialpsychiatrische informationen, Heft 4/2018, 48 Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autoren.


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