Muss Psychotherapie politisch werden? Nein, aber…[1]


Ausgehend von der Frage, ob Psychotherapie politisch werden muss, werden Forderungen an eine (weiter) zu entwickelnde Psychotherapie mit emanzipatorischer Stoßrichtung gestellt, und es wird begründet, warum Psychotherapie im Interesse ihrer Klient/innen kritisch werden muss, jedoch nicht im unmittelbaren Sinne politisch sein kann. In Bezug auf eine Bestimmung von „Politik“ und in Auseinandersetzung mit den von Foucault inspirierten Thesen Angelika Grubners werden mögliche und unmögliche Aufgaben und Ziele von psychotherapeutischer Praxis aus Sicht der Kritischen Psychologie diskutiert. Am Beispiel von subjektiven Depressionstheorien wird der notwendige Rückgriff auf kritische Gesellschaftsanalysen im Prozess der Psychotherapie veranschaulicht. Anschließend werden einige Überlegungen zur Rolle von Kritik und Selbstkritik in Supervision und Therapie angestellt.

Schlüsselwörter: Kritische Psychotherapie, subjektive Depressionstheorien, Politik, Gramsci, Foucault, Kritische Psychologie

Die vom Arbeitskreis Kritische Psychologie Klagenfurt/Celovec aufgeworfene Frage Muss Psychotherapie politisch werden? (Podiumsdiskussion am 29. März 2017), welche Anlass für diesen Artikel ist, hatte ich mit einem klaren Nein beantwortet. Die folgende Begründung meiner Position stellt eine Ausarbeitung meines Redebeitrags dar und versucht in zwei Schritten das Verhältnis von Psychotherapie und Politik zu bestimmen. Im ersten Abschnitt werden Aufgaben und Ziele einer kritischen Psychotherapie im Verhältnis zur gesellschaftlichen Funktion von Psychotherapie diskutiert, und es wird eine Politisierung sowie eine politisch motivierte Verwerfung psychotherapeutischer Praxis zurückgewiesen. Im zweiten Abschnitt werden ausgehend von zwei kurzen Beispielen die Rolle von gesellschaftskritischen Analysen im Therapieprozess ausgelotet, die Notwendigkeit kritischer Praxisreflexionen veranschaulicht und einige Überlegungen zu Kritik als therapeutischer Haltung und Methode angestellt.

 

1. Wieso Psychotherapie nicht politisch werden muss

„Should therapy strive to help a patient adjust, or to help prepare him to change the world around him?“ (Brouilette, 2016) stellt uns vor eine falsche Alternative. Psychotherapie muss beides leisten, damit wird sie aber nicht zu Politik, sondern sie wirkt im Interesse ihrer Klient/innen einer Einseitigkeit und herrschaftsstabilisierenden Funktion entgegen.

1.1. Aufgaben und Ziele von Psychotherapie

In jeder Form von Psychotherapie geht es m.E. darum, personale Handlungsfähigkeit wiederherzustellen bzw. zu verbessern (salopp gesagt dazu beizutragen, dass die Klient/innen „wieder funktionieren“) und darüber psychopathologische Symptome zu reduzieren. Personale Handlungsfähigkeit kann, wie die Kritische Psychologie annimmt, in der bürgerlichen Gesellschaft in zwei Richtungen erlangt werden: Einmal über die Sicherung und den Ausbau meiner Handlungsfähigkeit in Anerkennung der gegebenen, mehr oder weniger restriktiven Herrschaftsverhältnisse. Das geht – konkurrenzbezogen – meistens auf Kosten anderer, sodass meine Handlungsfähigkeit zwar zunächst gesichert, gleichzeitig aber auch untergraben werden kann, da ich davon ausgehen muss, dass andere ihre Handlungsfähigkeit auch auf meine Kosten ausbauen, wenn sie dazu die Möglichkeit haben. Neben dieser restriktiven, sich arrangierenden Bewältigungsweise, gibt es aber auch noch eine andere Richtung, die in der quantitativ-experimentellen Psychologie selten erforscht und in der Psychotherapie selten eingeschlagen wird, nämlich die eigene Handlungsfähigkeit zu erweitern, indem ich einschränkende Bedingungen infrage stelle und diese Bedingungen mit anderen und für mich und andere verändere. Das tendenzielle Ausklammern und Verschweigen dieser zweiten Möglichkeit menschlicher Handlungsfähigkeit ist m.E. sachlich und fachlich nicht gerechtfertigt, das Favorisieren der zweiten Möglichkeit unter Absehen von damit verbundenen kurzfristigen Risiken und mittelfristigen Erfolgswahrscheinlichkeiten allerdings auch nicht, weil sonst die (viel beschworene) Gefahr der Zweckentfremdung von Psychotherapie für politische Ziele droht. Einschränkend kommt hinzu, dass das therapeutische Setting es zwar ermöglicht und für den Therapieerfolg teilweise auch nötig macht, Bedingungen infrage zu stellen, jedoch kein geeigneter Raum ist, diese Bedingungen mit anderen zu verändern; das gilt allerdings auch für viele individuelle Strategien (z.B. angenehme Aktivitäten aufbauen, Angstkonfrontation usw.), die therapeutisch erarbeitet und im Alltag umgesetzt werden müssen.

Das unmittelbare Ziel von Psychotherapie besteht nun darin, leidvolle Symptome zu reduzieren und damit die Lebensqualität der Klient/innen kurz- oder jedenfalls mittelfristig zu verbessern, ohne anderen dabei zu schaden (Leiden mit therapeutischen Mitteln bekämpfen). Boris Friele (2007) macht auf der Suche nach kritisch-systemischen Therapieprinzipien deutlich, dass die Minderung subjektiven Leidens und nicht die gesamtgesellschaftliche Emanzipation Maßstab für therapeutisches Handeln sein müsse, da selbstbezogene Vernünftigkeit als nicht-selbstschädigende Handlungsweise als einzige Norm zu rechtfertigen sei (vgl. S. 419). Er folgt der (Selbst-)Kritik von Markard (1998) an der postulierten generellen Selbstfeindschaft restriktiver Handlungsfähigkeit: Insbesondere ohne eine revolutionäre Situation müssen Arrangement und Opportunismus keineswegs selbstfeindlich sein; sie können in den eigenen Interessen bewusst und wohlbegründet sein. Das Kriterium für gutes Handeln besteht nach Friele nicht in einer äußeren Norm, sondern in der begründeten (oder zu begründenden) Annahme, dass eine kollektiv-demokratische Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen möglich ist und Lebensqualität verbessert würde sowie Leiden und Konflikte strukturell entschärfen könnte. Klaus Holzkamp hat 1977 die Kritische Psychologie in ihrem Verhältnis zum Marxismus, der „allgemeine historische Subjektwissenschaft par excellance“ sei, programmatisch als “besondere Subjektwissenschaft“ bezeichnet, deren Charakter darin bestünde, dass sie die Entwicklung der „subjekthaft-aktiven Komponente“ (S. 6), also die Selbstbestimmung in der individuellen Lebenstätigkeit, zum praktischen Ziel habe. Holzkamp grenzte sich damit gegen eine ökonomistische Position ab, wollte aber auch klarmachen, dass Kritische Psychologie Individualwissenschaft bleibt, deren Ausgangspunkt persönliche Erfahrungen, Leidenszustände etc. sind und deren Aufgabe die Förderung von individueller Emanzipation ist, und deshalb eine kritische Gesellschaftswissenschaft nicht ersetzen kann und will.

Eine herrschaftskritische Haltung (nicht nur unter Psychotherapeut/innen) resultiert häufig aus der Überlegung, dass Vieles an Leid nicht sein müsste, wenn gesellschaftliche Institutionen und Verhältnisse gerechter, demokratischer und weniger ausbeuterisch eingerichtet werden würden (Leiden mit politischen Mitteln bekämpfen). Die weiter zu erörternde Frage ist aber, was daraus folgt.

Eva Illouz stellt uns sodann vor die Alternative, dass je nach Eingriff das Individuum oder die Gesellschaft verantwortlich ist: „Wenn ein Defekt immer repariert werden kann, dann muss er […] selbstgemacht sein, und wenn er selbstgemacht ist, dann kann er auch rückgängig gemacht werden“ (2009, S. 327, das heißt: Therapeutische Veränderung = Eigenverantwortung). Aber: Ein „Defekt“, z.B. ein angenommener Serotoninmangel, kann durch Antidepressiva nicht besonders zuverlässig repariert werden, und auch wenn dem so wäre, wäre der Defekt nicht unbedingt selbstgemacht. Ein anderer sog. Defekt, z.B. mangelndes Selbstvertrauen, kann durch Psychotherapie bestenfalls positiv beeinflusst werden, ist aber selten selbstgemacht, sondern z.B. durch erzwungene Unterordnung oder Ausgrenzung in der Familie oder Peergroup hervorgerufen, welche wiederum als blinde Reproduktion struktureller Herrschaftsverhältnisse interpretiert werden können. Wenn ich jetzt in der Therapie Durchsetzungsfähigkeit trainiere, dann kommt es darauf an, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Interaktionen mitzudenken und zu fragen: Wem gegenüber will ich mich wie durchsetzen? Und in welchem Interesse ist das, außer von mir selbst? Illouz´ soziologische Skepsis gegenüber psychotherapeutischen, d.h. größtenteils individuellen Veränderungsstrategien, suggeriert eine seltsame Gegenüberstellung von unveränderbaren, d. h. gesellschaftlich verursachten Defiziten und veränderbaren, d.h. persönlichen Defiziten. Diese Unterscheidung reproduziert die im Alltag verbreitete Denkweise, dass wir gesellschaftlichen Bedingungen passiv ausgeliefert sind oder mit Marx gesprochen, dass die Menschen, die von ihnen selbst erzeugte soziale Welt verdinglicht „als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen“ (1867/1975, S. 86) erleben.

Um eine Leidensreduktion oder mehr Lebensqualität zu erreichen, gibt es neben psychotherapeutischen Wegen natürlich eine Vielfalt an ökonomischen, juristischen, politischen, pädagogischen, medizinischen usw. Wegen. Jeder Weg hat seine spezifischen Prozeduren, Organisationformen, Techniken, Möglichkeiten und Grenzen. Das Argument von Wolfgang Maiers (1975), dass ein gemeinsamer Kampf gegen behindernde Bedingungen, einen praktischen Zusammenhang von Menschen in objektiv gleicher Lage voraussetzt (vgl. S. 491), scheint mir auch heute noch bedenkenswert, verweist es doch darauf, sich mit den ökonomischen, sozialen und kulturellen Grundlagen für eine politische Transformation zu beschäftigen, um anschließend die Rolle von Psychotherapie darin verorten zu. Welche psychotherapeutischen Verbände und einzelnen Akteure (privat-öffentlich, Lebensberatungsbranche-Gesundheitsversorgung etc.) welche Interessen haben und wie sich diese zu denen der jeweiligen Klient/innen verhalten, muss ebenso analysiert werden wie die rechtlichen Vorgaben und weiteren Bestimmungen zur Ausübung und zur Inanspruchnahme dieser Dienstleistung. Das sind durchaus politische und ökonomische Dimensionen, mit denen sich Psychologen und Psychotherapeutinnen auseinandersetzen (sollten), damit wird Psychotherapie als ausgeübte Tätigkeit aber noch nicht unmittelbar politisch. Markard (1999) gibt allerdings zu bedenken, „dass es im psychologischen Theorienstreit zwischen Professionellen und Nichtprofessionellen auch um ideologische Auseinandersetzungen geht, dass also dabei Ideologien gegeneinanderstehen, und insofern die Professionellen nolens volens in politisch-ideologische Auseinandersetzungen verwickelt sind.“ (S. 55) D.h. dass psychologische Praxis auch im Therapiezimmer, ob sie will oder nicht, bewusst oder unbewusst eine politische und kulturelle Dimension hat. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie ein besonders geeignetes Feld wäre, um politische Auseinandersetzungen zu führen oder dass sie deshalb politischer werden muss.

1.2. Zum Verhältnis von Politischem, Kulturellem, Sozialem und Persönlichem

An dieser Stelle muss kurz definiert werden, was politisches Handeln in Abgrenzung zu wirtschaftlichem, kulturellem und sozialem Handeln eigentlich sein soll, will man nicht jedes Handeln zu Politik erklären und trotzdem die verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen psychotherapeutischer Praxis berücksichtigen. „Politisches Handeln“ so Thomas Meyer in Was ist Politik? (2003) „erzeugt diejenigen Regelungen des Zusammenlebens, die für die ganze Gesellschaft verbindlich gelten sollen.“ (S. 48) „Dieses Doppelgesicht des Politischen, in seinem Entstehungsprozess stets für Alternativen offen und in seinen Ergebnissen dann für alle Betroffenen verbindlich zu sein, ist eine der wesentlichen Eigenarten der Politik im Unterschied zu den anderen zentralen gesellschaftlichen Grundfunktionen“ (ebd. S. 41). Je nach Definition würden die Macht zur Durchsetzung von Verbindlichkeit oder der Anspruch dem Gemeinwohl zu dienen im Mittelpunkt stehen. Dies ist eine übergreifende Arbeitsdefinition, die je nach Epoche und Theorieschule differenzierter ausfällt. Therapeutisches Handeln ist demgegenüber zwar (wenn es nicht rein technisch verstanden wird) offen für Alternativen, die im Dialog ausgehandelt werden. Der Dialog ist jedoch durch die unterschiedlichen Kompetenzen und Rollen (hilfegebend-hilfesuchend) keiner unter Gleichen und es werden auch keine für die ganze Gesellschaft verbindlichen Reglungen getroffen. In diesem Sinne ist es zunächst ein soziales Handeln, das Einzelne, Familien und andere Gemeinschaften bei der Lösung von Problemen des Zusammenlebens entlastet. In seiner Funktion ethisch-normative und wissenschaftliche Handlungsorientierung zu geben, hat Psychotherapie als kulturelles Handeln zum Teil religiöse Praktiken und Normen abgelöst. Und als Dienstleistung stellt sie natürlich auch ein wirtschaftliches Handeln dar, durch welche psychische Gesundheit bzw. Arbeitsfähigkeit hergestellt werden soll, staatlich bezuschusst bzw. finanziert wird sie Teil der öffentlichen Gesundheitspolitik und sozialen Lebensberatungsangebote.

Vor diesem Hintergrund hat Psychotherapie mehrere gesellschaftliche Funktionen[2]: Eine prominente (und von den Akteuren häufig unbeachtete) Funktion besteht darin, Hegemonie im Sinne einer konsensualen Herrschaftspraktik[3] abzusichern, indem Menschen letztendlich das wollen, was sie sollen. In Gramscis Hegemonieverständnis ist Psychotherapie mit ihren privaten Einrichtungen, Berufs- und Fachverbänden Teil der Zivilgesellschaft des integralen Staates.[4] Eine gesellschaftliche Gruppe, so die Grundidee, übt ihre Herrschaft durch „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (1992, S. 783) aus, deren Überlegenheit sich „als Herrschaft und als intellektuelle und moralische Führung“ (1994, S. 1947) äußert. Die Herstellung von Konsens ist dabei keine Besonderheit der Zivilgesellschaft, das Zusammenspiel von Zwang und Konsens ist genauso in der Sphäre des Ökonomischen und im Staatsapparat zu finden.

In dem Buch Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus (2017) suggeriert Angelika Grubner, dass in der herrschaftsstabilisierenden Funktion schon das Potential zur Emanzipation schlummert: „Weil aber Psychotherapie selbst politisch ist und immer schon war, kann sie Emanzipation in einem politischen Sinne denken und gesellschaftliche Veränderungen anstreben“ (2017, S. 353) Dem stimme ich insofern zu, als dass Psychotherapie die skizzierten kulturellen und politischen Dimensionen hat, gegenüber der Schlussfolgerung habe ich allerdings erhebliche Zweifel. Sie versteht Psychotherapie mit Foucault als „Führen der Führungen“ (Foucault, 1994; zit. nach Grubner, 2017, S. 249) und als „Technologien des Selbst“ (Foucault, 1993; Grubner, 2017, S. 177), womit eine angeleitete Selbststeuerung und -veränderung gemeint ist. Grubner geht konkret weder auf das Verhältnis von Herrschafts- und Selbsttechnologien ein noch auf das Potential der sog. Selbsttechniken für eine emanzipatorisch-intendierte Psychotherapie. Wenn man Psychotherapie mit Foucault als Form des Regierens[5] verstehen will, sollte man auch mit Marx bedenken, dass die „Macht“ bzw. der Staat nicht einfach übernommen und für emanzipatorische Zwecke umfunktioniert werden kann. Wie Psychotherapie zur Transformation des Kapitalismus beitragen soll, bleibt jedenfalls schleierhaft, weil weder Fragen nach gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen noch nach Akteuren der Transformation gestellt werden, stattdessen steht für sie „die Frage im Raum, ob sich eine so verstandene Psychotherapie gleichsam zu einer umfassenden kapitalismuskritischen Gesellschaftstheorie entwickeln kann.“ (2017, S. 353) Gegenfrage: Sollen damit vielleicht Psychotherapien oder doch eher kapitalismuskritische Gesellschaftstheorien unter den Tisch fallen? Eins von beiden wird jedenfalls überflüssig, wenn sich das eine zum anderen entwickelt. Ich meine, Psychotherapeut/innen brauchen dringend kritische Gesellschaftsanalysen, um eine an den Bedürfnissen der Klient/innen orientierte Therapie anzubieten (siehe II), aber Therapie darf nicht in Gesellschaftstheorie aufgehen oder sie gar ersetzen wollen, da dann die intendierte Politisierung von Therapie (die m. E. schon verkehrt ist) in eine Therapeutisierung von Politik umschlägt. Wie Psychoanalyse, Feminismus und Selbsthilfebewegung zur Therapeutisierung von Politik beigetragen haben, hat Eva Illouz in Die Errettung der modernen Seele (2009) anschaulich nachgezeichnet. Und in diese Richtung gehen auch Grubners Vorschläge: „Der Feminismus hat deutlich gemacht, dass das Private politisch ist. Selbiges gilt für den ‚Gegenstand‘ der Psychotherapie, also die vermeintlich private Psyche. Auch sie steht dem Politischen nicht gegenüber. Ganz im Gegenteil: sie ist selbst politisch.“ (2017, S. 293), womit die Zusammenhänge von persönlichen Denkweisen, Gefühlen und Handlungen in ihrem Bezug zu kulturellen Normen und gesellschaftliche Strukturen sichtbar gemacht werden sollen.

Was bei Grubner das Politische ist, ist bei Marx das Ideologische und in der Definition von Meyer das Kulturelle. Da die Kritische Psychologie das Psychische nie mit einer abstrakten Innerlichkeit gleichgesetzt hat, ist es aus ihrer Sicht per se sinnlos, das Psychische losgelöst von der historischen Epoche und den konkreten Lebensumständen zu verstehen. Nur: Wenn der Satz „Das Private ist politisch“ wörtlich genommen wird, dann wird alles zu Politik erklärt: Jedes Wort, jede Interaktion wird auf einmal politisch aufgeladen und es wird suggeriert, dass wir durch ein anderes Sprechen und interagieren die Welt schon verändern können (kritisch dazu u.a. Zander, 2015). Das führt erstens zu einer illusionären Handlungsfähigkeit und zweitens wird politisches Handeln darüber hinaus nicht unbedingt als notwendig erachtet, weil ich ja schon im Alltagshandeln durch Beziehungs- und Konsumentscheidungen überaus politisch bin und das ist bekanntlich anstrengend genug. Genau das trägt zu einer Entpolitisierung und Individualisierung von politischem Handeln bei (vgl. Walter & Cuadros, 2016), die sich reibungslos in den Neoliberalismus einfügt. So erklären einige feministische Therapeutinnen neuerdings auch das Politische zum Privaten: „‘Personal is Political‘ or, more recently, ‚Political is Personal‘“ (Ballou & Sanchez, 2014, S. 716), ohne in der „Privatisierung“ von Politik einen qualitativen Unterschied zur Politisierung des Privaten zu sehen. Beides scheint für sie in einem unmittelbaren Wechselverhältnis zu stehen, was vor dem Hintergrund der liberalen Vorstellung von Gesellschaft als bloßer Summe von Individuen Sinn macht, strukturelle Machtverhältnisse aber nicht mehr mitdenkt. Ein Politikbegriff, der alles Handeln beinhaltet, wird nicht nur völlig schwammig, sondern inhaltlich entleert. Psychotherapeut/innen sind im Behandlungszimmer, in staatlichen Institutionen, als Intellektuelle und Vertreter von Berufs- und Fachverbänden auf sehr unterschiedliche Weise in politische und ideologische Auseinandersetzungen involviert, darüber hinaus können sie sich auf der Straße, in sozialen Bewegungen, Gewerkschaften oder Parteien engagieren, und dass tun sie hoffentlich nicht mit therapeutischen Mitteln. Der Vorschlag aber „…Psychotherapie nicht nur als eine Option der Krankenbehandlung und/oder als eine Arbeit im weiten Feld des ‚Normalen‘ menschlicher Alltagsprobleme und Selbstoptimierungen zu verstehen, sondern als eine Bürgerinnenemanzipationsbewegung, die sich den Möglichkeiten eines guten Lebens verschreibt.“ (Grubner, 2017, S. 337) impliziert eine Ausdehnung des Zuständigkeitsbereichs von Psychotherapie und die In-Eins-Setzung von Psychotherapie, zivilgesellschaftlichem Engagement und politischer Bewegung ebnet die jeweiligen Handlungsoptionen eher ein als zu einer Klärung ihres Verhältnisses beizutragen. Das Bedürfnis nach einer politischen Psychotherapie beruht auf dem nachvollziehbaren Wunsch linke politische Überzeugung mit der beruflichen Tätigkeit zu verbinden, um der eigenen Lohnarbeit mehr Sinn zu verleihen. Es müsste allerdings auch darum gehen bestimmte Widersprüche im eigenen Leben auszuhalten, um sich immer wieder aufs Neue mit ihnen auseinanderzusetzen, ohne sie unbedingt auflösen zu können. Der Widerspruch „eine den eigenen wissenschaftlichen und politischen Ansprüchen genügende emanzipatorische Praxis entwickeln zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass dies eine unter kapitalistischen Verhältnissen nicht lösbare Aufgabe ist“ (Markard, 2000, S. 15) mag erstmal frustrieren; als Herausforderung angenommen, schützt dieses Verständnis aber auch vor Illusionen und Reduktionen und hält das Denken beweglich und lebendig, damit es sich nicht in der Hoffnung erschöpft, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen neoliberale Zwänge „ein Stück weit abzufedern“ (Grubner, 2017, S. 343).

Zusammenfassend muss ein emanzipatorisch-intendierter therapeutischer Prozess die Veränderung der Lebenspraxis in Richtung auf Verfügungserweiterung über die eigenen Lebensbedingungen im Blick haben, d.h. auch die Veränderung von Welt begreifbar und erfahrbar zu machen, ohne Psychotherapie mit einer revolutionären Praxis zu verwechseln, aber auch ohne die psychotherapeutische Rolle bei der Formung des „Alltagsverstands“ und „gesunden Menschenverstands“ zu vergessen. Psychotherapie ist dabei nur eine Praxis unter vielen mit beschränkten Möglichkeiten und mit dem Fokus auf die Erweiterung der personalen Handlungsfähigkeit in einer unauflösbar-ungleichen Beziehung und mit einer biographisch zeitlichen Perspektive gerade keine geeignete Form emanzipatorischer Politik für eine postkapitalistische Transformation. Austausch, Vernetzung und Kooperation mit anderen Akteuren der Veränderung wie Nachbarschaftsinitiativen, Rechtsberatung, Antidiskriminierungsstellen, politischen Projekten und Gewerkschaften kann jedoch sinnvoll sein, um die Grenzen von Psychotherapie aus einer emanzipatorischen Intention nicht über Gebühr auszudehnen, um sich selbst einzumischen und je nachdem Klient/innen auf diese Möglichkeiten hinzuweisen, sodass Psychotherapie, Beratung und verschiedene Formen der Interessenvertretung sich gegenseitig ergänzen können, ohne sich ersetzen oder ineinander aufgehen zu können.

 

2. Wieso Psychotherapie emanzipatorisch-kritisch werden muss

„It would be facile to argue that every single case of depression can be attributed to economic or political causes; but it is equally facile to maintain – as the dominant approaches to depression do – that the roots of all depression must always lie either in individual brain chemistry or in early childhood experiences.” (Fisher, 2012) Obwohl der Depressionsbegriff im klinischen Diskurs eine biologisierende und individualisierende Tendenz hat, bekommt Depression als Chiffre für ein gesellschaftliches Leiden zunehmend eine andere Bedeutung, die irgendwo zwischen konservativer Kulturkritik und progressiver Kapitalismuskritik angesiedelt ist (vgl. u.a. Ehrenberg, 2008). Für die gesellschaftskritische Umdeutung der Depression ist Mark Fisher selbst ein gutes Beispiel, wenn er schreibt: „Collective depression is the result of the ruling class project of resubordination. For some time now, we have increasingly accepted the idea that we are not the kind of people who can act.” (2014).

2.1. Problemverständnis zwischen Bedingtheit, Eigenverantwortung und Handlungsfähigkeit

Im Folgenden greife ich zur Illustration meiner Überlegungen zu einer emanzipatorischen Psychotherapie auf Fallgeschichten aus meinem Promotionsprojekt zurück. Eine erste Darstellung von Methoden und Ergebnissen mit den ausführlichen Geschichten aus Sicht zweiter Klientinnen ist in Knebel & Hummel (2015) erschienen. Mit Blick auf die Veränderung subjektiver Depressionstheorien im therapeutischen Prozess fällt auf, dass sich Frau Schwartz und Frau Brandt (so die Pseudonyme der beiden) aus den diskursiven Angeboten der Erklärungen für ihren Zustand, diejenigen Aspekte heraussuchen, die für sie im Therapieprozess plausibel und funktional sind, um aus diesen Aspekten ihre eigenen Theorien zu entwickeln. Zwei Fragen sind für die subjektiven Theorien zentral: Inwiefern bin ich bzw. sind andere/anderes für die Probleme verantwortlich? Und inwieweit sind die Probleme veränderbar?[6]

Dabei scheint es mir keine spezifische Funktion biologischer Erklärungen zu sein, etwas Unverständlich-Unangenehmes außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs zu verorten, sondern auch für bestimmte gesellschaftliche und biografische Erklärungen zu gelten. Etwas alleine nicht unmittelbar beeinflussen zu können, heißt mitnichten, dass es keine Veränderungshoffnung in medizinische, gesellschaftliche oder therapeutische Interventionen gibt, die andere durchführen oder anleiten, deren Erfolg jedoch mehr oder weniger vom Mitmachen des Einzelnen abhängen. Dieses biopsychosoziale Narrativ kann als Korrektiv zum Eigenverantwortungsdiskurs verstanden werden, um von Schuld- und Schamgefühlen zu entlasten. Das therapeutische Narrativ verbindet Bedingtheits- und Verantwortungsdiskurs auf widersprüchliche Weise. Eva Illouz (2009) beschreibt eine „zweigleisige narrative Struktur“ (S. 326) und hebt damit die Unvereinbarkeit wie die gemeinsame Funktionalität der therapeutischen Erzählung hervor: „Sie macht einen für die eigene Zukunft verantwortlich, nicht aber für die Vergangenheit.“ (S. 311), […]“, in der sowohl Opfer als auch jene gefeiert werden, die ihre Notlage überwunden haben.“ (S. 326) Für das, was nicht mehr zu ändern ist, wird einem freundlicherweise die Verantwortung abgesprochen, um einem jedoch die volle Verantwortung für die Zukunftsgestaltung aufzubürden. Dies gilt vor allem für die biografischen Erzählungen. Dass diese therapeutischen Erzählungen jedoch nicht - wie Illouz meint – „zuviel Sinn“ (S. 327) und Kohärenz[7] enthalten, sondern in sich höchst widersprüchlich und fragmentiert sind, veranschaulichen die folgenden Beispiele:

Die Mitte 30jährige Frau Schwartz mit einer ausgeprägten depressiven Symptomatik schwankt in ihren subjektiven Theorien zunächst zwischen Prozentangaben, inwieweit Bedingungen (20 oder doch 50%) und sie selbst an ihren Problemen schuld sei (80 oder nur 50%). Gleichzeitig kommt die mit Verhaltenstherapie und Antidepressiva erfahrene und Selbsthilfebücher lesende Frau mit sehr komplexen klinischen Theorien, die an das Vulnerabilitäts-Stress-Modell erinnern (jedoch ohne genetische Komponente) in die Therapie. Sie geht von einem (bio)psychosozialen Teufelskreislauf und der Verkettung von Umständen aus: Die Scheidung der Eltern und mangelnde Unterstützung des Vaters hätten ihr Selbstbewusstsein angeknackst und sie habe einen depressiven Charakter entwickelt, woraufhin Leistungsdruck, Arbeitslosigkeit und ein Bandscheibenvorfall mit langanhaltenden Schmerzen ihr Übriges dazu beigetragen hätten, dass sie nun wieder sehr antriebslos und niedergeschlagen sei. Trotzdem wolle sie damit nicht sagen, dass sie nicht auch falsche Entscheidungen getroffen habe oder ihre Eltern an allem Schuld seien. Die konkreten Erklärungen stammen allesamt aus dem Bedingtheitsdiskurs der Mainstreampsychologie mit Annahmen über innere und äußere Determinanten, und je mehr sie der Bedingungsseite zuschlagen kann, desto größer die Entlastung von Schuld und Scham, aber auch desto kleiner erscheinen die eigenen Handlungsmöglichkeiten, daran etwas zu verändern. In der kritisch-psychologisch inspirierten Verhaltenstherapie ging es u.a. darum, eine Verständigung über Handlungsgründe zu etablieren, in der Bedingungen als etwas behandelt werden, zu denen wir uns verhalten können und müssen, die unsere Handlungsmöglichkeiten erweitern und beschränken können. Der kritisch-psychologisch so genannte Begründungsdiskurs liegt quer zur abstrakten Alternative von Bedingtheits- und Eigenverantwortungsdiskurs und hebt diese tendenziell auf. Die sehr defensive und resignative Haltung von Frau Schwartz ist jedenfalls in dem Maße einer optimistischeren gewichen, in dem sie Veränderungen an sich und ihren Lebensbedingungen in Angriff genommen hat und diese Veränderungen nun eher für möglich, wenn auch mühsam hält, sodass sie sich wieder mehr als Akteurin erlebt, die es mit schwierigen Bedingungen aufnehmen kann.

Umgekehrt veranschaulicht das Beispiel von Frau Brandt, ebenfalls Mitte 30, wie die Betonung der eigenen Handlungsfähigkeit in Selbsthass und Resignation umkippen kann. Frau Brandt ist hin und her gerissen, ob sie oder die Stadt, in der sie seit einigen Jahren lebt, schuld an ihrem Burnout mit Depression ist. Obwohl sie eine externe Verursachung der depressiven Verstimmung vermutet (weil sie ja nicht schon immer depressiv war), geht sie trotzdem davon aus, dass alles in ihrer Hand liegt und ignoriert einige soziale Grenzen, wie z.B. die Winner-takes-all-Logik im Kreativbereich mit ihrer knallharten Konkurrenz (vgl. Manske, 2010, S. 281), sodass sie Neid und Ideenklau als persönliche Schwäche empfindet, was ihr Vertrauen in sich und andere untergräbt. Eine Überlegung, die sie während der Therapie entwickelt, ist wieder einen Freundeskreis außerhalb der Kreativszene zu pflegen, eine andere Überlegung ist die, die eigene Denkweise als gesellschaftlich-positionsspezifisch zu verstehen: „Sinnvolle Arbeit ist schon Lohn genug“ sei in ihrem Bereich eine gängige Einstellung, die zum Beispiel dazu führe, nicht gegen schlechte Bezahlung aufzubegehren. Diese Einsicht legt es nahe, darüber mit Kolleg/innen ins Gespräch zu kommen, statt den Fehler nur im eigenen Denken zu suchen, sodass sich gerade durch die konkrete Analyse einschränkender Bedingungen (Konkurrenz in informellen Netzwerken, problematische gesellschaftliche Denkform in der Kreativszene), neue Handlungsmöglichkeiten auftun.

Daraus ergibt sich für ein kritisch-psychotherapeutisches Herangehen zusammenfassend, die relevanten gesellschaftlichen Bedingungen ausgehend von der persönlichen Lebenslage und leiblichen Verfasstheit so konkret zu analysieren, dass Handlungsmöglichkeiten und -beschränkungen sichtbar werden. Dieser Punkt kann in Anlehnung an C. Wright Mills als Aufforderung verstanden werden, Psychologie mit soziologischer Phantasie zu betreiben. Damit meine ich die Verknüpfung von bio-psychischen Leidenserfahrungen mit kritischen Gesellschaftsanalysen. Exemplarisch dafür stehen in der kritisch-psychologischen Tradition[8] die Arbeiten von Manfred Kappeler Psychologische Therapie und politisches Handeln (1977) und von Ole Dreier Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein (1980). Dabei gilt es auch unverständlich erscheinende, ver-rückte Symptome als sinnvolle Begründungsmuster zu entschlüsseln und das Verhältnis von Ausgeliefertsein an objektive Beschränkungen und Abwehr von riskanten Handlungsmöglichkeiten zu beachten.

In einer Therapie mit einer Arbeiterfamilie 1974/75 verfolgt Dreier (1980) ein Vorgehen, das Holzkamp im Vorwort folgendermaßen beschreibt: Er verkürze „die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu bloß objektiven Rahmenbedingungen, die von außen in die Familie hineinwirken, und denen gegenüber die konkreten Handlungsweisen der Familienmitglieder notwendig folgenlos und gleichgültig sind. Genau so wenig verfällt er dem gängigen Missverständnis, subjektive Bestimmung von Verhältnissen sei erst von der Ebene der politischen oder gewerkschaftlichen Organisiertheit ab möglich, während in der Familie bloß privat-soziale Beziehungen stattfinden, das ‚Psychische‘ dominiert und ‚Politik‘ keinen Platz hat.“ (S. 5)“Die Familie mag so neuen Mut fassen, auch ihre außerfamilialen Lebensumstände in höherem Grade bewusst  in die Hand zu nehmen, sich nicht mehr resignativ mit der fremdbestimmten Existenz abzufinden, sodass auf diesem Weg eine Politisierung … sich entwickeln kann“ (ebd., S. 6) In diesem Sinne ist das Private politisch, die Umgestaltung familiärer Verhältnisse ist jedoch nicht mit gesamtgesellschaftlichen Veränderungen zu verwechseln, die einer politischen Organisierung bedürften, welche eine Folge therapeutischer Veränderungen sein kann, jedoch nicht deren genuine Aufgabe ist.

2.2. Kritik und Kritikvermeidung in der therapeutischen Beziehung

Emanzipatorisch-intendierte Psychotherapie muss gesellschaftskritisch, psychologiekritisch und selbstkritisch sein, was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass damit schon ausgemacht ist, wie Psychotherapie zu machen ist. Welche Rolle spielt Kritik dann? Und was meint Kritik eigentlich? Markard (2009) hat in seiner Einführung in die Kritische Psychologie die verschiedenen Bedeutungen von Kritik beleuchtet (vgl. S.13ff). Jede Wissenschaft sei kritisch in dem Sinne, dass sie andere Ansätze kritisiert. Auch der kritische Rationalismus fordert Wissenschaftler/innen dazu auf, nach der Wiederlegung des eigenen Wissens zu suchen und keine endgültige Wahrheit anzuerkennen. Soll die Kritik kein „stachelloser Allgemeinplatz“ sein, empfiehlt der zitierte Wolfgang Fritz Haug, danach zu fragen,„ wer wen oder was kritisiert und dies von welchem Standpunkt aus. Der anstößige Name Marx gibt dem Begriff der Kritik seinen Stachel und seine Verheißung zurück, wenn es gelingt, den Impuls, für den dieser Name steht, aus seiner konstantinischen Wende, der ersten Staatswerdung des marxistischen Sozialismus, zurückzugewinnen.“ (2006, S. 8)[9] In dem Sinne sollte kritische Psychotherapie eine Verbindung von Theorie und Methode sein, die sich in der Praxis zu bewähren hat, und sich nicht in einem Gerüst aus Lehrsätzen erschöpft.

Sich selbst und das eigene Tun auf den Prüfstand zu stellen muss deshalb zentraler Bestandteil einer emanzipatorisch-kritischen Psychotherapie sein. Für Praxisreflexionen der eigenen Tätigkeit als Bestandteil von Supervision oder Intervision liegen verschiedene – immer wieder zu aktualisierende – Leitfäden (u.a. Markard & Holzkamp, 1989; Ulmann & Markard, 2000) vor, in denen Fragen zur institutionellen und gesellschaftlichen Einbettung der Praxis und ihrer Praxistheorien zentral wichtig, um z.B. die Funktionalität, Konflikte zu psychologisieren, begreifbar zu machen. Das möchte ich kurz an einem Beispiel veranschaulichen: Auch wenn ich vor dem Hintergrund meiner theoretischen Überlegungen, das Diagnostizieren von Persönlichkeitsstörungen ablehne, weil sie Interaktionsprobleme auf stigmatisierende Weise pathologisieren. heißt das nicht, dass ich mich unter dem Druck der Praxis dementsprechend verhalte. Wenn ich nun als Therapeutin einen Konflikt mit einem Klienten habe, der mich während meiner Therapieausbildung auf meine Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten aufmerksam macht, ist es sehr verführerisch diesem Mann eine (inoffizielle) Narzissmusdiagnose zu verpassen und ihn in der Supervision als Konfliktursache darzustellen[10]. Damit kann ich praktischerweise meine Kompetenzunsicherheit in eine besondere Diagnosekompetenz verwandeln. Kritisch-psychologische Praxisreflexionen dienen dazu, die Bedingungen für die erlebten Kompetenzprobleme zu begreifen, z.B. dass das Psychologiestudium immer noch kaum auf eine therapeutische Tätigkeit vorbereitet, es aber als kompetent gilt auf alles eine Antwort zu haben. Aus derartiger Praxisreflexion kann sich z.B. ein therapeutisches Vorgehen entwickeln, das mit Problemen innerhalb der Psychologie (z.B., dass psychologisches Wissen nicht unbedingt naturwissenschaftlichen Standards genügt) offen umgehen und so zu einem gemeinsamen Suchprozess nach Antworten werden kann, statt fachliche Defizite auf Kosten des Klienten zu verschleiern. Ein solches Vorgehen entspricht im Ergebnis vielleicht sogar eher den Empfehlungen zur motivorientierten bzw. komplementären Beziehungsgestaltung nach Sachse (u.a. 2013), indem durch das Ernstnehmen der Kritik, ohne sie nur persönlich zu nehmen, und des aktiven Gestaltens eines individuellen, dialogischen und transparenten Therapieprozesses, die jeweiligen Bedürfnisse nach Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und Achten von Grenzen erfüllt werden können, statt diese nur instrumentell, d.h. als eingesetztes Mittel zum Zweck therapeutischer Veränderungen, zu betrachten oder einzusetzen.

Gramsci, der in der Kritischen Psychologie erst Ende der 90er Jahre (vgl. u.a. Markard, 1999, Schumak, 2005) und noch nicht systematisch rezipiert wurde, hat auch für eine weiter zu entwickelnde kritische Selbstreflexion einige Hinweise, die zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Forderung nach Selbstanalyse herausfordern, parat, indem er uns empfiehlt:

[…] die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und folglich, im Zusammenhang mit der Anstrengung des eigenen Gehirns, die eigene Tätigkeitssphäre zu wählen, an der Hervorbringung der Geschichte aktiv teilzuhaben, Führer seiner selbst zu sein und sich nicht einfach und hinterrücks der eigenen Persönlichkeit von außen den Stempel aufdrücken zu lassen. […] Wenn die Weltauffassung nicht kritisch und kohärent, sondern zufällig und zusammenhangslos ist, gehört man gleichzeitig zu einer Vielzahl von Masse-Menschen, die eigene Persönlichkeit ist auf bizarre Weise zusammengesetzt […] Die eigene Weltauffassung kritisieren heißt mithin, sie einheitlich und kohärent zu machen“ (1994, H. 11, S. 1375ff).

Die biografische Aufgabe, das eigene Bewusstsein kritisch und kohärent zu arbeiten, indem wir uns auf die historische Spurensuche machen, ein Inventar unserer inneren Welt erstellen, Widersprüche in ihrem inneren Zusammenhang zu denken lernen, um uns bewusster zum eigenen Denken, Fühlen und Wollen zu verhalten und um Akteur unserer eigenen Geschichte zu werden, ist schon oft, allemal im Anschluss an Marx, formuliert worden (u.a. Holzkamp-Osterkamp, 1975; Haug, 1999), in der Kritischen Psychologie für Ausbildung von Psychotherapeut/innen aber noch nicht ausgearbeitet worden.

Dass „kritisieren“ in einer kritischen Psychotherapie nicht, wie es vielleicht der Alltagverstand nahelegt, bedeuten kann, das Verhalten oder Denken seiner Mitmenschen negativ zu bewerten oder mit Klient/innen politische Debatten über ihre „bizarre“ Weltauffassung zu führen, mögen die Überlegungen von Erich Wulff (2003) zur Entwicklung einer Psychosepsychotherapie auf phänomenologischer und kritisch-psychologischen Grundlage veranschaulichen. Er empfiehlt für die therapeutische Begegnung in psychotischen Krisen, in die Welt des anderen einzutreten, ohne sich zu identifizieren. Man könnte auch sagen, eine Zwei-Welten-Haltung einzunehmen, in der Therapeut/innen mit einem Bein in der Welt der Klient/innen und mit dem anderen in der eigenen Welt stehen müssen. Dabei hebt Wulff das radikale Gelten-Lassen und sich Einlassen auf eine intersubjektive Begegnung hervor, welche notwendig ist, um die innere Logik des Wahns rekonstruieren zu können, er betont aber auch die Notwendigkeit dem psychotischen Ausdruck von therapeutischer Seite etwas entgegenzusetzen (vgl. 116ff.). Statt mit konfrontativen Deutungen arbeitet Wulff mit selektiven, anerkennenden Tautologien „Ja genauso ist es, und so darf es auch sein!“ (S. 171), um die psychotische Aberkennung von subjektivem Sinn und objektiven Bedeutung zu überwinden. Anders als im Versuch von Elisabeth Summer (2008), die kognitive Verhaltenstherapie nach Beck und mit der Diskursanalyse der Depression von Ehrenberg zu verbinden, kann es nicht einfach um eine Kritik eines scheinbar „falschen“ Bewusstseins gehen, sondern nur um einen gemeinsamen Prozess der Widerspruchsanalyse vom Standpunkt der Subjekte, in welchem individuelle Begründungsmuster in ihrer (Dys)Funktionalität[11] und in Bezug auf gesellschaftliche Denkformen aufschlüsselt werden.

Die konkreten Formen der therapeutischen Beziehungsgestaltung und Methoden sind mehr oder weniger verfahrens- und störungsspezifisch, sodass mir generelle Aussagen darüber nicht sinnvoll erscheinen. Um kritisch-psychotherapeutische Praxis erforschen und kommunizieren zu können, sind jedoch Begründungen und Veranschaulichungen der Herangehensweisen nötig, wenn das therapeutische Tun nicht zu einem rein intuitiven Prozess mystifiziert werden soll. Hier besteht Entwicklungsbedarf. Zu diesem Zweck wäre eine kritisch-psychologische Kasuistik zu etablieren, die anhand von Therapieverläufen und Selbsterfahrungen ein eigenes Wissen und eine eigene Sprache für psychisches Leiden und dessen Bewältigungsmöglichkeiten schafft. Als allgemeine Richtschnur scheint die Einschätzung von Wulff nach wie vor aktuell: „Die Aufgabe einer kritischen Psychotherapie wäre hier, ein alternatives Begriffsnetz aufzubauen […] Wahrscheinlich muss es in einem ähnlich mühsamen Prozess, wie dies in die Psychoanalyse der Fall war, sich in der praktisch-therapeutischen Arbeit selber langsam herausbilden und differenzieren.“ (1977b, S. 535). Hinzuzufügen wäre noch ein fachpolitischer Aspekt, nämlich dass es dafür Institutionen und Vereinigungen braucht, die die Erkenntnisse zusammentragen, den Austausch organisieren und die Forschung finanzieren.

Knebel Leonie, geb. 1983, Diplompsychologin, psychologische Psychotherapeutin, promoviert am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin zu“ Gesellschaft, Depression und Emanzipation in der verhaltenstherapeutischen Praxis. Eine qualitativ-partizipative Psychotherapiestudie“. Email: knebel@zedat.fu-berlin.de

 

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[1]Quelle: PSYCHOLOGIE et GESELLSCHAFTSKRITIK, Heft 2/3-2018; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

[2] Diese können sich von den gesetzlich definierten Aufgaben sowie von den Zielen der Akteure unterscheiden.

[3] Die Beobachtung von Grubner, dass immer mehr Menschen in Therapie geschickt werden, was in Österreich seit 2014 so weit geht, dass der Erhalt des Rehabilitationsgelds an eine verpflichtende Psychotherapie geknüpft wurde (vgl. 2017, S. 9), zeigt, dass Zwang da eingeführt wird, wo Freiwilligkeit nicht ausreicht.

[4] Eine populäre, leicht missverständliche Formel aus einen Gefängnisheften lautet: »Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (1992, S. 783). Die Zivilgesellschaft besteht bei Gramsci aus allen sog. nicht-staatlichen Organisationen, welche die öffentliche Meinung und damit den Alltagsverstand prägen, und damit die gesellschaftliche Stabilität sichern.

[5] Mein Eindruck ist, dass die Begriffsvermischung von gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen, staatlichem Handeln und jeglicher Form kultureller und soziale Verhaltenssteuerung zu mehr Verwirrung als Klarheit in der Analyse führt.

[6] Das sind ähnliche Dimensionen wie bei der Theorie zum depressiven Attributionsstil (internal vs. external, stabil vs. variabel und global vs. spezifisch) von Abramson, Seligmann und Teasdale (1978). Die Einzelfälle zeigen jedoch, dass es in Wirklichkeit viel komplizierter ist als diese Theorie uns nahelegt, da z.B. auch sog. externale und hyper-variable Attributionen im Zusammenhang mit depressivem Erleben stehen können.

[7] Diese These hat vielleicht mit dem untersuchten Material aus Fernsehshows und autobiografischen Büchern zu tun, in denen Inkohärenzen und Widersprüche tendenziell glattgebügelt werden.

[8] Eine Übersicht der Debatte um eine kritische Psychotherapie am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin ist in Knebel (2015) zu finden.

[9] Daran schließt Haugs Plädoyer an, die Kritiktradition aufzugreifen und zu erneuern: »Der Grundimpuls verdichtet sich im ›kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist‹ (1/385), sowie im Kampf für Verhältnisse, in denen ›die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist‹ (4/482); […] Wer einen Begriff kritischen Philosophierens schärfen will, kommt nicht darum herum, die von Marx aufgeworfenen Fragen aufzunehmen sowie mit heutigen Denkmitteln und im Blick auf die gegenwärtigen Krisen zu aktualisieren.« (ebd., S. 8f)

[10] Das verbreitete Phänomen, andere als Narzissten abzustempeln, hat Kristin Dombek (2016) essayistisch in Die Selbstsucht der anderen untersucht.

[11] Wenn die Begründungsmuster nicht auch dysfunktional sind, haben Psychotherapeut/innen keinen Auftrag von Seiten der Betroffenen und sollten sich aus subjektwissenschaftlicher Perspektive nicht einmischen.


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