Gesundheit hängt vom Klima ab[1]


Steigende Temperaturen können Atemwege, Herz und Psyche belasten. Bei der Präsentation zweier Berichte zu den Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit beleuchteten Experten die Risiken und sahen Chancen für ein Umsteuern. Von Ines Körver

Brände, Stürme, Überschwemmungen: Die Folgen des Klimawandels sind schon jetzt fast täglich in den Nachrichtensendungen zu sehen. Doch viele Menschen glauben immer noch, dass die Erderwärmung erst die nachfolgende Generation betrifft. Analysen zeigen, dass den meisten nicht bewusst ist, dass Klimawandel und Gesundheit in einem engen Zusammenhang stehen. Deshalb hat der kürzlich erschienene „2019 Report of the Lancet Countdown on Health and Climate Change“ die Gesundheit von heute neu Geborenen in den Mittelpunkt gestellt. Er zeigt auf, dass diese in jeder Lebensphase massiv vom Klimawandel geprägt sein wird, etwa von Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hitzestress und mehr übertragbaren Krankheiten. Am Ende dieses Lebens sind die Temperaturen um durchschnittlich vier Grad gestiegen.

Durchaus noch Hoffnung. Das ist das Horrorszenario, wenn alles so weiterläuft wie bisher. Doch die Lancet-Forscher sagen auch: Wenn die Menschheit die Erderwärmung unter zwei Grad halten kann, besteht durchaus noch Hoffnung. Ein heute geborenes Kind würde dann sogar ein besseres Leben haben als die Generationen zuvor. „Stellt man die Gesundheit in den Mittelpunkt der künftigen Veränderung, zahlt sich das für die Menschen und die Ökonomie aus: Die Luft wird sauberer, die Städte sicherer und die Nahrung gesünder“, heißt es in dem Report.

Dem von über 30 Partnern verantworteten Lancet Countdown Report haben Wissenschaftler erstmals einen Bericht („Policy Brief“) über Deutschland hinzugefügt. Kooperiert haben hier die Bundesärztekammer, die Berliner Charité, das Helmholtz Zentrum München, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sowie die Berliner Hertie School. Dr. Franziska Matthies-Wiesler vom Helmholtz Zentrum sagte bei der Vorstellung des Deutschland-Berichts in Berlin, dass es in Norddeutschland bis zu fünf und in Süddeutschland bis zu 30 zusätzliche Hitzewellen bis zum Ende des Jahrhunderts geben werde, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen würden. Viele übertragbare Krankheiten, darunter Vibriose, FSME, Borreliose und WestNil-Fiber, würden vermehrt auftreten. Das Helmholtz Zentrum erforsche zudem die Konsequenzen von Hitzeperioden für die Psyche, so Matthies-Wiesler.

Lebensgrundlagen bewahren. Sabine Gabrysch, Professorin an der Charité, betonte bei der Präsentation die Chancen des Klimawandels: Er zwinge die Menschen umzudenken. „Wenn uns sinkende Ernten nötigen, Nahrung umzuverteilen, dann können die zwei Milliarden übergewichtigen und die 800 Millionen unterernährten Menschen auf der Welt profitieren. Und wenn wir unseren Verkehr umstellen auf weniger Auto und mehr Fahrrad, dann haben wir nicht nur sauberere Luft, sondern auch mehr Bewegung. Damit verhindern wir wiederum viele Krankheiten.“ Stärker einbringen wollen sich künftig Deutschlands Mediziner. Das scheint schon deswegen geboten, weil der Gesundheitssektor rund fünf Prozent der nationalen Treibhausemissionen verursacht. Dr. Peter Bobbert, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, kündigte an, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit ein Schwerpunktthema auf dem Ärztetag 2020 würden. Bobbert: „Wir sind ein kleines, aber wichtiges Rad im Getriebe und wir haben Vorbildfunktion.“ Die Berufsordnung der Ärzteschaft verpflichte dazu, die Lebensgrundlagen zu bewahren. Abschließend mahnte Dr. Martin Herrmann von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit: „Schlechte Nachrichten allein bringen uns nicht weiter. Gute Laune und eine positive Haltung hingegen wirken ansteckend.“ Menschen müssten sehen, dass sie ihr Schicksal und das der Erde in die Hand nehmen können. Herrmann: „Wir brauchen eine kritische Menge an Change Agents. Dann bekommen wir auch den Klimawandel in den Griff.“ ?

Ines Körver ist Redakteurin beim KomPart-Verlag.


[1]Quelle: GESUNDHEIT UND GESELLSCHAFT G+G; Heft 12/2019; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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