Online-Tagung der DGVT-Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in schwierigen Zeiten“ am 07.11.2020


Seit 2001 finden traditionell am ersten November-Wochenende die DGVT-Praxistage der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an Orten nahe den Ausbildungszentren der DGVT-AusbildungsAkademie statt. Milana Kirsch, Referentin der DGVT Geschäftsstelle, hatte schon kurz nach dem Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 zu Bedenken gegeben, ob die geplanten Praxistage der Kinder- und Jugendpsychotherapie vom 07.11. bis 08.11.2020 in Magdeburg mit dem Thema: „Von A wie Angst bis Z wie Zeugnis – Schule meets Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ in der gewohnten Präsenzform stattfinden können. Mit viel Goodwill und Einsatz aller Beteiligten (ABZ-Magdeburg und Köln, Referent*innen, AWK, DGVT-Geschäftsstelle, Günter Ruggaber, Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) wurde die gesamte Tagung mit Veranstaltungsort, Titel und den dazugehörigen Referent*innen um ein Jahr auf den 27.11. und 28.11.2021 in Magdeburg verschoben. Dank der Kolleg*innen der Planungsgruppe (Vertreter*innen aus der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sowie AWK) und insbesondere von Milana Kirsch aus der Geschäftsstelle wurde in diesem Jahr erstmalig eine auf die aktuelle Situation bezogene Online-Veranstaltung angeboten. Glücklicherweise ließen sich die Ideen der Planungsgruppe in das neue Format schnell umsetzen.

Und so saßen während des Lockdown-light am 07.11.2020 75Teilnehmer*innen vor ihren Bildschirmen und wurden von Karolin Stengel, Sprecherin der DGVT-Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, zu der Online-Tagung „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in schwierigen Zeiten“ begrüßt. Die Veranstaltung widmete sich den Veränderungen und Neuerungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie in unserem beruflichen Alltag. Für den Eröffnungsvortrag: „Kinderarmut vor und während der Pandemie – Ausmaß und Folgen“ konnte Dr. Andreas Aust gewonnen werden. Im Anschluss konnten die Teilnehmer*innen wählen zwischen zwei Workshops: Melanie Gräßer „Erfolgreiche Videosprechstunden mit Kindern und Jugendlichen durchführen, die Spaß machen und helfen“ und Christina Valentiner-Branth „Spielend durch die Krise“ oder drei Impulsvorträgen: Stefanie Schmidt „Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter, Verena Delle Donne, Petra Wurzbacher „Erziehungs- und Familienberatung in Zeiten einer Pandemie“ und  Jean Ochel „Was Achtsamkeit bei Kindern bewirkt und welche Rolle digitale Medien dabei in der Krise spielen“.

Eröffnungsvortrag: Kinderarmut vor und während der Pandemie – Ausmaß und Folgen

Dr. Andreas Aust ist als Referent für Sozialpolitik im Paritätischen Gesamtverband tätig. Er befasst sich in der Forschungsstelle u. a. mit Fragen der Kinderarmut, deren Ursachen, dem Ausmaß und den Effekten sowie Überlegungen einer Kindergrundsicherung als Reformperspektive. In seinem Vortrag gab Dr. Aust Einblicke über das Ausmaß und die Folgen der Kinderarmut vor und während der Corona-Pandemie. Er erörterte die Entwicklung und Bedeutung finanzieller und sozialer Ungleichheit für Kinder und Jugendliche mit den Fragestellungen: In welchen Aspekten mangelt es Familien, die in finanzieller Armut leben müssen? Was bedeutet Armut für das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen und welche langfristigen Entwicklungsprobleme sind damit verbunden? Er verdeutlichte, dass Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden, da die Eltern häufig von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen sind und Rücklagen zur Überbrückung finanzieller Engpässe oft fehlen. Bedeutsam sind zudem geringe soziale Kontakte zu Gleichaltrigen, da Freunde aufgrund beengter Wohnverhältnisse nicht eingeladen werden können. Während des Homeschooling fehlten oft ein geeigneter Ort zum Lernen und die technische Ausstattung, um den Unterrichtsstoff online zu erarbeiten. Zudem war in diesem Jahr für Jugendliche der Übergang zu Ausbildung und Studium unter Corona-Bedingungen aufgrund geringer Beratung in Schule und Institutionen besonders schwierig. Die langfristigen Auswirkungen der weiteren Entwicklungsperspektiven von Kindern und Jugendlichen bleiben abzuwarten. Deutlich wurde, dass die Corona- Pandemie die soziale Ungleichheit von Familien verstärkte. Nach dem Vortrag zeigten die Teilnehmer*innen durch Fragen und Anmerkungen ein großes Interesse an dem Thema.

Workshop 1: Erfolgreiche Videosprechstunden mit Kindern und Jugendlichen durchführen, die Spaß machen und helfen

Melanie Gräßer, Psychologische Psychotherapeutin, arbeitet in ihrer Praxis in Lippstadt mit Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher und entwickelte Spiele und Materialien für die therapeutische Arbeit. In ihrem Workshop erklärte sie die wichtigsten Schritte für eine gelungene Videosprechstunde mit Kindern und Jugendlichen und ging auf die Besonderheiten der Arbeit mit den unterschiedlichen Altersgruppen, Störungsbildern und die Einbeziehung der Bezugspersonen ein. Auf das Nutzen und die Stolpersteine beim Einsatz von Videosprechstunden und mögliche Fehlerquellen wurde eingegangen. In dem lebhaften Workshop zeigte Frau Gräßer zahlreiche Spielideen und kreative Möglichkeiten, z. B. den Einsatz von Buzzern. In einem regen Austausch berichteten die Teilnehmer*innen über ihre bisherigen Erfahrungen in den Videosprechstunden, es gab genügend Zeit für Fragen und kritische Anmerkungen.

Workshop 2: Spielend durch die Krise

Christina Valentiner-Branth ist als Systemische Therapeutin in eigener Praxis tätig und bietet Fortbildungen in der von ihr gegründeten Brettspielakademie an.  In der Vorstellungsrunde lud sie die Teilnehmer*innen zu einem regen Austausch über die veränderten Kontakt- und Spielmöglichkeiten mit Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie ein. Diskutiert wurde über ausschließliche Videosprechstunden, Präsent-Therapien mit Maske (Einweg-Maske, individuelle Maske) und ohne Maske bei ausreichendem Abstand, häufigem Lüften und Desinfizieren. Es gab individuelle Lösungen, um die Ansteckung über das Spielmaterial zu minimieren, z. B. eine eigene Spielkiste für jedes Kind, Spielmaterialien erst drei Tage nach dem Desinfizieren benutzen und Materialien laminieren, damit sie leichter desinfiziert werden können. Vorgeschlagen wurde eine Kontaktaufnahme zu den zuständigen Gesundheitsämtern und über die Desinfektion der Spielmaterialien durch UV-Licht zu diskutieren. Frau Valentiner-Branth referierte über die unterschiedlichen Spieltheorien und stellte neue Spiele vor. Sie aktivierte die Teilnehmer*innen, von ihren Lieblingsspielen zu berichten. Praktisch wurden Spielsequenzen zwischen Therapeut*in und Kindern/Jugendlichen ausprobiert, u. a. die Arbeit in Breakout-Räumen in Gruppen von zwei bis fünf Spieler*innen. Der Workshop wurde von den Teilnehmer*innen als sehr kurzweilig und bereichernd erlebt.

Impulsvortrag 1: Erziehungs- und Familienberatung in Zeiten einer Pandemie

Dr.  Verena Delle Donne, Diplom-Psychologin, und Petra Wurzberger, Diplom- Sozialpädagogin, aus der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien im Sozialdienst katholischer Frauen e. V. Würzburg, stellten die umfassenden und differenzierten Angebote der Einrichtung ausführlich mit Fallbeispielen vor. Sie beschrieben die Situation von Familien während der Corona-Pandemie und die individuellen Angebote der Beratungsstelle, Kinder und Jugendliche und deren Familien zu beraten und behandeln, z. B. Online-Beratung. Die Teilnehmer*innen zeigten großes Interesse und stellten viele Fragen zu den Aufgaben der Beratungsstelle.

Impulsvortrag 2: Auswirkungen der Corona- Pandemie auf die psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter

Prof. Dr. Stefanie Schmidt, Assistenzprofessorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Bern, Schweiz stellte in ihrem Vortrag ihre Studienergebnisse zu den Auswirkungen der aktuellen Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und die zu ergreifenden Maßnahmen vor. Im Mittelpunkt der Online- Umfrage standen die Fragestellungen:  Wie emotional-belastend wird die veränderte Lebenssituation von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien erlebt und wie hat sich ihr Verhalten in diesem Zeitraum verändert? Dabei war besonders relevant, ob sich alters- und geschlechtsspezifische Effekte zeigen und ob die emotionalen und sozialen Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch das Befinden der Eltern, den Grad der Exponiertheit mit dem Corona-Virus, die Bewertung der Einschränkungen durch die Pandemie und die zu erwarteten Konsequenzen beeinflusst werden. Die Beantwortung dieser Fragen soll wertvolle Hinweise geben, welche Unterstützung Kinder und Jugendliche in derartigen Situationen benötigen. Der Vortrag stellte die ersten Ergebnisse dieser internationalen Studie und deren klinischen Implikationen dar.

Impulsvortrag 3: Was Achtsamkeit bei Kindern bewirkt – und welche Rolle digitale Medien dabei in der Krise spielen

Jean Ochel, Gründungsmitglied eines Berliner-Startup-Stipendium an der Freien Universität Berlin, erzählte von seinen persönlichen Schwierigkeiten, mit ADHS-Symptomen aufzuwachsen und zu studieren. Er stellte die Ergebnisse seiner Masterarbeit vor, in der er untersuchte, ob eine Aufmerksamkeitstherapie Kindern mit ADHS und ihren Familien helfen kann. 41 Familien erhielten einen Prototyp der App Aumio und die Mehrheit der Eltern beschrieben eine Reduktion der Symptome Hyperaktivität und Impulsivität. Da seit Beginn der Corona-Pandemie sowohl die Nutzung der digitalen Medien als auch die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben und die meisten Kinder keine adäquate Behandlung erhalten, lag es für das Gründungsteam nahe, die App Aumio als digitales Training für das Smartphone zu entwickeln. Es können förderspezifische Kurse, z. B. Achtsamkeits- und Meditationstechniken gewählt und täglich 5-10 Minuten geübt werden. Geplant sind Funktionen zur Therapiebegleitung. Anhand eines Literatur-Review von über 100 Meta-Analysen beschrieb Jean Ochel die Wirksamkeit von Achtsamkeit besonders bei Depression, Angst, ADHS- Symptomen und negativer Verstimmung. Zum Schluss gab es einen regen Austausch der Teilnehmer*innen über Erfahrungen mit Achtsamkeitsübungen.

Fazit der Onlinetagung und Ausblick auf die nächsten Praxistage der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Die Teilnahme an der Online-Evaluation war gering, aber positiv. Besonders wurde die sehr gute Organisation der DGVT-Geschäftsstelle und die technische Betreuung bewertet. Das Planungsteam der Onlinetagung hat sich sehr über die rege Teilnahme gefreut und war erstaunt, dass das Leitmotiv „von Praktiker*innen für Praktiker*innen“ und der kollegiale wertvolle Austausch trotz des neuen Formates erhalten blieb.

Die 19. DGVT-Praxistage der Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie „Von A wie Angst bis Z wie Zeugnis – Schule meets Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ werden am 27.11. und 28.11.2021 in Magdeburg stattfinden. Das Planungsteam wird die Workshop-Tagung als Online- und Präsenzveranstaltung vorbereiten, um auf die veränderten Fortbildungsbedürfnisse der Teilnehmer*innen und die noch nicht planbaren Auswirkungen der Corona- Pandemie im November 2021 gerecht zu werden.

Die 20. DGVT-Praxistage der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie werden voraussichtlich am ersten November-Wochenende 2022 in Köln stattfinden. Die Planungsgruppe hofft sehr, dass das 20-jährige Jubiläum mit vielen Teilnehmer*innen und Aktiven vor Ort gebührend gefeiert werden kann.

Rita Dittrich, DGVT-Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie


Zurück