Brief von Verena Kantrowitsch, Lisa Hils da Silva und Lea Dohm für die Psychologists / Psychotherapists for Future (Psy4F) zu Klima- und Biodiversitätskriseauch hierzulande zunehmend prägen


Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die Klima- und Biodiversitätskrise wird in den kommenden Jahren unseren Alltag auch hierzulande zunehmend prägen. Nicht nur die naturwissenschaftlichen Fakten, sondern auch die Dringlichkeit des Handelns sind den meisten Menschen inzwischen gut bekannt. Wir stehen als Gesellschaft heute vor der Notwendigkeit einer großen gesellschaftlichen Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Die Zeit ist knapp, die Aufgabe überwältigend groß, so lässt sich der Sonderbericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC) in aller Kürze zusammenfassen (IPCC 2018).

Mit der Klima- und Biodiversitätskrise haben wir es nun alle gemeinsam mit einem sogenannten „super wicked problem“ zu tun: ein Problem, dessen Größe und Komplexität nicht „die richtige“ Lösung, sondern „viele bessere“ Lösungen verlangt (Habel 2020, Nikendei 2020). Interdisziplinäre Zusammenarbeit in nie dagewesenem Ausmaß ist nun das Gebot der Stunde, ebenso das Vertrauen auf die komplexen Erkenntnisse anderer Wissenschaften. Klimaengagement fordert von uns heute immerzu auch neue Wege, Mut, Ambiguitäts- und Fehlertoleranz und einen - vielleicht für uns Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen nicht immer selbstverständlichen - Einbezug kollektiver Wirkungsmöglichkeiten.

Wir haben dieses große Menschheitsproblem unabhängig davon, ob wir uns aktiv damit beschäftigen oder es lieber aus unserem Bewusstsein ausschließen mögen. Gleichzeitig gilt: Je früher möglichst viele von uns gemeinsam anfangen zu handeln, je mehr von uns die Chance nutzen, diesen Prozess mitzugestalten, desto mehr Handlungs- und Gestaltungsspielräume bleiben uns.

An eben diesem Punkt sind auch wir mit unserem psychologischen und psychotherapeutischen Wissen gefragt: Es geht zum Beispiel um den konstruktiven Umgang mit den Gefühlen, die dieser gesellschaftliche Umbruch verursacht oder damit, dass diese Gefühle verdrängt werden. Es geht auch um das Anerkennen der Tatsache, dass wir bei Umweltthemen im gleichen Boot mit unseren Patient*innen sitzen (mit allen daraus folgenden mitunter komplexen Implikationen) oder um die Unterstützung von engagierten Menschen, die bereit sind oftmals in ihrer Freizeit und unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile für einen Schutz unseres Planeten und damit unseres Lebensraums einzustehen. Es geht darum, Klimagerechtigkeit als Berufsgruppe ernst zu nehmen und uns Menschenrechtsverletzungen in der Folge aktiv entgegenzustellen.

Doch die Herausforderungen an unsere Fachgruppe gehen noch weit darüber hinaus: Wie können wir in dieser Zeit der Umbrüche und der Veränderungen möglichst viele Menschen für ein Umdenken begeistern und ihnen die Möglichkeiten für mehr politische Teilhabe aufzeigen? Wie können wir dabei unterstützen, nicht nur frustriert auf die geringen Möglichkeiten des individuellen Fußabdrucks zu schauen, sondern die starken kollektiven Möglichkeiten des Handabdrucks (vgl. Germanwatch, 2020) zu sehen - und so zum aktiven Mitgestalten der gesellschaftlichen Infrastrukturen zu ermutigen? Wie können wir drohende gesellschaftliche Spaltungsprozesse verhindern und stattdessen gelingende Kommunikation befördern - beispielsweise in Familien, am Arbeitsplatz oder in Bürger*innensprechstunden mit Politiker*innen?

Die vergangenen Monate haben gezeigt:
Als Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen bringen wir ein herausragendes fachliches Potenzial mit, das in vielen Gesellschaftsprozessen aktuell und bis auf Weiteres dringend benötigt wird.

Berufsordnungen und berufsethische Rahmenbedingungen unterstreichen diese Grundhaltung der Psychologists / Psychotherapists for Future. So ist zum Beispiel im „Meta Code“ der EFPA (Europäische Vereinigung psychologischer Verbände, 2005), der den 38 Mitgliedsverbänden als ethische Grundlage für die Berufsausübung dient, deutlich formuliert, dass Psycholog*innen „sich ihrer professionellen und wissenschaftlichen Verantwortung gegenüber (…) der Gemeinschaft und der Gesellschaft, in der sie arbeiten und leben, bewusst“ sind. Die Berufsethischen Richtlinien von BDP / DGPs enthalten den Appell an den Berufsstand, sich gestalterisch in gesellschaftliche Prozesse einzubringen (BDP / DGPs, 2016). Die Liste lässt sich fortsetzen (Simons et al., 2021, im Druck).

Auch die Kammern als Körperschaften öffentlichen Rechts und damit mittelbare Staatsverwaltung sind (unabhängig von der konkreten gesetzlichen Benennung) an das Staatsziel Umweltschutz gebunden. Das Gemeinwohl - und damit auch der Klimaschutz - ist damit ein wesentlicher Bestandteil für die Ausrichtung des Handelns der Kammern (Simons et al., 2021; Heyne, 2016).

Werden Sie Teil der kreativen, lernenden Kolleg*innengemeinschaft, die sich mit all diesen enorm wichtigen Fragen auseinandersetzt. Lassen Sie Ihre Expertise Teil der Lösung werden, lassen Sie uns gemeinsam öffentliche Positionen erarbeiten und kommunizieren, Angebote für Aus-, Fort- und Weiterbildung schaffen, die fossilen Investitionen der Versorgungswerke beenden und uns gegenseitig in diesem Prozess beiseite stehen und ermutigen. In dieser großen gesellschaftlichen Transformation entstehen bereits heute neue interdisziplinäre, zukunftsorientierte und richtungsweisende Handlungsfelder für Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen.

Sie sind herzlich eingeladen, sich mit Ihren Ideen, Fähigkeiten, Wissen und Interessen zu beteiligen.

Mit kollegialen Grüßen
Verena Kantrowitsch, Lisa Hils da Silva und Lea Dohm für die Psychologists / Psychotherapists for Future (Psy4F)

Kontakt:
mail@psychologistsforfuture.org / mitarbeit@psychologistsforfuture.org


Quellen:

  • BDP & DGPs (2016). Berufsethische Richtlinien. www.dgps.de/index.php (10.02.2021).
  • EFPA (2005). Meta Code of Ethics. ethics.efpa.eu/metaand-model-code/meta-code/ (10.02.2021).
  • Habel, A. (2020). Where the trouble really lies: (Super-) Wicked Problems im Kontext der Nachhaltigkeitskrise. Belegarbeit im Masterstudiengang Management Sozialen Wandels, Modul: Gesellschaftliches Transformationsmanagement. Hochschule Zittau / Görlitz, 30.11.2020.
  • Germanwatch (2020). Hand Print: Wandel in Bewegung setzen – Dein Handabdruck macht den Unterschied. germanwatch.org/de/handprint (20.02.21).
  • IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change (2018). Global Warming of 1,5C. Special Report. IPCC with World Meteorological Organisation (WMO), and United Nations Environmental Program (UNEP): Geneva, Switzerland.
  • Nikendei, C. (2020). Klima, Psyche und Psychotherapie. Kognitionspsychologische, psychodynamische und psychotraumatologische Betrachtung einer globalen Krise. Psychotherapeut, 65, 3-13.
  • Simons, K., Schulze, M., Peter, F., Heyne, K. & Schörk, C. (2021, im Druck). Werdet politischer! Die besondere Verantwortung von Psychologie, Psychotherapie und deren Berufsorganisationen in der Klimakrise. In: Dohm, L., Peter, F. & van Bronswijk, K. (Hg.). Climate Action – Die Psychologie der Klimakrise. Handlungshemmnisse, Handlungsmöglichkeiten, psychosozial Verlag, Gießen.

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