Bericht vom Aktionstag Armut abschaffen des Paritätischen Gesamtverbands am 10.-12. Juni 2021


Von Antje Neumann (DGVT-Fachgruppe Psychosoziale Versorgung)

Nach vielen Jahren Engagement und zahlreichen Veranstaltungen zum Thema Armut in Deutschland haben sich die Mitwirkenden aus dem Paritätischen entschieden in diesem Jahr einen Aktionstag zu veranstalten. In den Eröffnungsreden an zwei Tagen von Prof. Dr. Rolf Rosenbrock (Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands) und Dr. Ulrich Schneider (Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands)  stellen die beiden Redner dies heraus: es ist lange bekannt, dass es Armut in Deutschland gibt (laut aktuellen Zahlen betrifft es aktuell 16% der Bevölkerung) und es gab in den letzten Jahren viele Empfehlungen, wie diesem Problem begegnet werden kann/könnte. Und doch steigen die Zahlen jedes Jahr und nach Einschätzung der Veranstalter*innen werden ihre Empfehlungen von der Politik weitestgehend ignoriert. Also soll es in diesem Jahr darum gehen, aktiv zu werden und sich auch mit anderen Aktivist*innen zu vernetzen und von deren Erfahrungen zu lernen.

In den drei Veranstaltungstagen stellen sich zahlreiche Initiativen, Vereine, Aktivist*innen vor. Sie berichten von ihrer Arbeit, den großen Hindernissen, aber auch den Erfolgen und ermutigenden Geschichten.

Besonders an der Veranstaltung ist die intensive Zusammenarbeit mit den Betroffenen. Und spürbar groß das Anliegen gemeinsam und gleichberechtigt an den Ideen und Zielen zu arbeiten.

Hierzu gehört, dass alle zu Wort kommen und in manchen Kleingruppen persönliche Geschichten und Betroffenheit auf allen Seiten in den Vordergrund treten.

Der technische Ablauf der digitalen Veranstaltung ist gut geplant und lässt viel Arbeit im Hintergrund vermuten. Zum Anspruch des Paritätischen gehört allgemein, für alle zugänglich zu sein. Dies zeigt sich in vielerlei Hinsicht und stellt ein Vorbild dar (auch oder vielleicht besonders) für unseren Berufsstand und viele Einrichtungen des Gesundheitswesens: Es gibt simultan Gebärden-dolmetschung, Übersetzung in leichte Sprache und in Schriftsprache. Auch dies und das stetige Nachfragen der Moderator*innen, ob es für alle gut ist so und alle teilhaben können, reduziert das Tempo, macht auch manches Mal den Ablauf etwas behäbig – und ist im Fazit trotzdem genau richtig!

An einem weiteren Punkt, der von Teilnehmenden betont wird, wird deutlich, dass es beim Gedanken an Teilhabe um viel kleine und große Entscheidungen geht und ums Mitdenken und den Perspektivwechsel: Bei der Einladung der Redner*innen wurde selbstverständlich mitgeteilt, dass die Technik gestellt wird. Es bedurfte keiner Offenbarung zu fehlenden Mittel und keines Antrags. Und eher zufällig, durch das digitale Format, ergab sich für die Einrichtungen die Möglichkeit eine Art Public Viewing zu veranstalten und so vielen die Möglichkeit zur Teilnahme zu ermöglichen, ohne Fahrt- und Übernachtungskosten, was für so viele Menschen nicht tragbar gewesen wäre.

Mehr Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und vielen der Teilnehmenden sind auf der Homepage des Paritätischen zu finden.  

In den drei Tagen konnte ich viele beeindruckende Menschen und zahlreiche, vielfältige Angebote kennenlernen. Es gibt Angebote für alle Altersgruppen (bspw. junge Mütter, Kinder bis hin zu Senior*innen) und verschiedenste Themen; es gibt praktisch orientierte Initiativen, aber auch Forschungsgruppen mit interdisziplinär arbeitenden Teams und unter Beteiligung der Betroffenen. Getragen wird all dies von Menschen, die viel Engagement zeigen, sich oft gegen große Widerstände durchsetzen und einen langen Atem haben.

Das ist wunderbar – und es bleibt die Frage, warum all dies notwendig ist in einem Land mit so viel Wohlstand.

In vielen der persönlichen Geschichten wird berichtet von Hilflosigkeit und Frustration im Umgang mit den Behörden, von nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und oft geringer Bereitschaft oder Fähigkeit sich in die Situation der Hilfesuchenden/Antragsteller*innen hineinzuversetzen. Viele berichten persönlich oder stellvertretend für andere von schamauslösenden Erfahrungen, letztlich von krankmachenden Umständen.

Am Ende der drei Tage bleibt neben der starken Betroffenheit und der Hoffnung, dass so viele zusammen doch etwas bewirken können, die Frage, was dies für uns Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen bedeutet. Wo und wie könnten wir als Berufsstand und auch als Berufsverband Position beziehen und hilfreich sein? Eine Frage, die ich mitnehme in den weiteren Austausch mit Kolleg*innen und in die Gremien.


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