Rechenschaftsbericht der Fachgruppe „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ für das Jahr 2021


Seit der Gründung 1986 ist die FG „Frauen in der psychosozialen Versorgung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie“ in vielfältiger Weise aktiv.

Im Jahre 2021 hat die FG Frauen sich erneut intensiv den Themen „häusliche Gewalt“ und „Mitbetroffenheit von Kindern in diesen Familien“ zugewandt. Sie hat im Rahmen des DGVT-Kongresses 2021 eine Veranstaltung mit dem Titel: „Häusliche Gewalt und Folgerungen für die psychosoziale Beratung und die Psychotherapie“ organisiert mit Beiträgen von Irmgard Vogt, Monika Bormann und Ute Sonntag.

Hintergrund und Anlass für das Symposium waren Diskussionen über die Wichtigkeit, in der deutschen psychosozialen Beratung und Psychotherapie zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ und über die Behandlungsansätze für Frauen (und Männer) und ihren Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, über ein Grundlagenwissen zu verfügen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Europaratskonvention zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen (Istanbul-Konvention) 2011 verwiesen. Die Konvention trat in Deutschland im Jahr 2018 in Kraft. Das BMFSFJ schreibt dazu: „Mit Inkrafttreten des Übereinkommens verpflichtet sich Deutschland auf allen staatlichen Ebenen, alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Betroffenen Schutz und Unterstützung zu bieten und Gewalt zu verhindern. Die 81 Artikel der Istanbul-Konvention enthalten umfassende Verpflichtungen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zum Schutz der Opfer und zur Bestrafung der Täter und Täterinnen. Die Konvention zielt damit zugleich auf die Stärkung der Gleichstellung von Mann und Frau und des Rechts von Frauen auf ein gewaltfreies Leben“ (mehr dazu unter

www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/verhuetung-und-bekaempfung-von-gewalt-gegen-frauen-und haeuslicher-gewalt-122282). Zusammen mit der Konvention wurde eine Expert*innenkommission eingesetzt, die GREVIO (Group of experts on action against violence against women and domestic violence). Zu ihren Aufgaben gehört es, länderspezifisch die Umsetzung der Istanbul-Konvention in regelmäßigen Abständen zu überprüfen. Der erste Deutschlandbericht von GREVIO ist 2020 erschienen

(www.bmfsfj.de/resource/blob/160138/6ba3694cae22e5c9af6645f7d743d585/grevio-staatenbericht-2020-data.pdf).

Die Istanbul-Konvention bzw. der GREVIO-Bericht Deutschland verweist zum einen auf die vielen Anstrengungen und Aktivitäten z. B. der Frauenhausbewegung und der damit verbundenen Frauenberatungsstellen, Betroffenen psychosoziale Beratung und darüber hinaus gehende Hilfen anzubieten. Er nimmt aber auch die Psychotherapie in die Pflicht, insofern Frauen (und Männer sowie deren Kinder), die von häuslicher Gewalt betroffen sind, auch psychotherapeutische Behandlung benötigen. Das betrifft auch die Verhaltenstherapie mit ihren deutschlandweiten psychotherapeutischen Angeboten.

Das von der FG Frauen organisierte Kongress-Symposium knüpft gewissermaßen an die Istanbul-Konvention an. Irmgard Vogt hat in ihrem Eingangsvortrag darauf aufmerksam gemacht und auf diesem Hintergrund den „Stand der Forschungen zu Gewalt in Beziehungen“ in Deutschland dargestellt. Monika Bormann ist in ihrem Vortrag: „Häusliche Gewalt – die übersehene Ursache von psychischem Leid“ ausführlich auf die vier Stufen zur Gewaltausübung (nach Finkelhor, 1986 in Anlehnung an sein Modell zum sexuellen Missbrauch von Kindern) eingegangen. Ute Sonntag hat in ihrem Beitrag „Zur Geschichte der FG Frauen in der DGVT“ auf weitere Bezüge aufmerksam gemacht. Sie erinnerte an die ersten Aktivitäten der FG zum Thema: „Sexueller Missbrauch in der Therapie“. Auf diesem Hintergrund hat sich im Laufe der Jahre eine Themenvielfalt entwickelt, heute mit dem Schwerpunkt „häusliche Gewalt“.

Das Symposium war sehr gut besucht; es ergaben sich spannende Diskussionen. Diese Erfahrungen haben uns ermutigt, einen Schwerpunkt für die Zeitschrift zu planen mit dem Titel: „Häusliche Gewalt und Folgerungen für die Psychotherapie sowie die psychosoziale Beratung“. Wir konnten zehn Fachpersonen gewinnen, die sich bereit erklärt haben, einen Beitrag zu diesem Schwerpunkt zu verfassen. Die Vorarbeiten fanden im Jahr 2021 statt; die Veröffentlichung von insgesamt sieben Beiträgen findet sich in der VPP im Heft 1/2022. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir mit tatkräftiger Unterstützung durch Valerie Pogodda und dem VPP-Team diesen Schwerpunkt realisieren konnten.

Im Anschluss an das Kongress-Symposium und unter Beteiligung der PiA wurden weitere Interessen an einschlägigen Themen angemeldet. Zunächst wurde ein Workshop zu den Begriffen und dem Wissen zum Frauenkörper geplant. Diesen hat Ute Sonntag am 24.07.2021 von 15:00–17:00 Uhr geleitet. Die Beteiligung war lebhaft. Es wurde zudem schnell deutlich, wie relevant solche Inhalte für die Ausbildung in Beratung und Psychotherapie und für die psychosoziale und psychotherapeutische Arbeit mit Frauen (und Männern) ist. Weitere Treffen wurden verabredet. Am 15.09.2021 fand von 20:00 bis 21:15 Uhr eine weitere Videokonferenz statt. Inhaltlich lassen sich beide Konferenzen folgendermaßen zusammenfassen:

  • Körperwissen/Sexualität: Wording, Sensibilisierung für diskriminierende Sprache/Begriffe für den Frauenkörper; neues Wissen (Klitoris, Mythos Jungfernhäutchen)
  • Frauenspezifische Erkrankungen, die im Tabubereich liegen, über die wenig bekannt ist und zu denen auch wenig geforscht wird: Scheideninfektionen, Endometriose, Blasenentzündungen: Ursachen, Beteiligung der Psyche, Beeinträchtigungen, Behandlungsmöglichkeiten, Wissen über Anlaufstellen, Selbsthilfe … Grundauf-klärung zu vaginaler Gesundheit
  • Die Vielfalt der Identitäten: Cisgender, LGBTQIA*: Was gibt es? Welche Relevanz hat die Identität für die Beratung/Therapie? Welche spezifischen gesundheitlichen Fragen stellen sich für die verschiedenen Identitäten, welche Probleme stellen sich im Gesundheitsversorgungssystem?
  • Behandlung von Männern/Frauen im Gesundheitswesen:

o   Erkenntnisse aus der Gendermedizin (z. B. Herzinfarkt, Medikamente) s. auch impu!se 94 von 2017: Gender und Gesundheit

o   Explizite und implizite Diskriminierung

  • Interaktion zw. Therapeut*in/Patient*in; s. Artikel von Brigitte Schigl in VPP 4/2019: „Doing Gender while Doing Psychotherapy“ Gender-Dynamiken und ihre Auswirkungen für die Psychotherapie
  • Kulturelle Einbindung: Sensibilisierung für Rassismus im Gesundheitswesen; s. impu!se aus 2021 zum Thema
  • Grundaufklärung: Wechseljahre bei Frauen und Männern; Ressourcen im Wechsel; Gefahren/Regeln der Hormonbehandlung, Umgang mit dem Wechsel ohne Hormone
  • Grundaufklärung:

o  Schwangerschaft: s. Nationales Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“; Geburtshilfegipfel (AKF)

o  Versorgungsbedarfe: s. Enquetekommissions-Endbericht „Sicherstellung der ambulanten und statio-nären medizinischen Versorgung in Niedersachsen – für eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe medizinische Versorgung“ vom 22.02.2021, Kap. 5: Hebammenversorgung und Geburtshilfe

o  Krisen rund um die Geburt: s. Artikel Psychische Krisen rund um die Geburt; s. Flyer „Psychische Krisen rund um die Geburt

o  Fehlgeburt

o  Verhütung: Selbstbestimmt und gesund verhüten s. Tagungsdokumentation vom 28.09.2021 (https://www.gesundheit-nds.de/index.php/veranstaltungen/dokumentationen/1759-selbstbestimmt-und-gesund-verhueten)

  • Welche Rolle spielen Hormone/Schwankungen für die psychische Situation (Studien, empirische Daten): kann unter Wechseljahre, Verhütung und Schwangerschaft aufgerufen werden.

schuere2004.pdf

  • Auch die Projekte S.I.G.N.A.L. und GESINE haben Materialien entwickelt, die zur Orientierung dienen können.
  • Wissen über Anlaufstellen: kann zu vielen Themen aufgerufen werden.

Wir haben uns überlegt, wie die Empfehlungen und Informationen zusammengestellt werden sollten, sodass sie den Weg in die Ausbildung finden und allen DGVT-PiA einen Zugang zu diesem Wissen ermöglicht wird. Das könnte erreicht werden über:

  • Themenliste an die ABZ geben – Referent*innen-Empfehlung an die ABZ
  • Wichtige Inhalte zusammenfassen und über die zentrale Lernplattform der DGVT-Akademie allen PiAs zur Verfügung zu stellen (Text oder Video)
  • Veranstaltung zum Thema.

In einem nächsten Treffen am 25.11.2021 wurden weitere Schritte zur Verbreiterung des Wissens um frauenspezifische Belange und um Probleme rund um häusliche Gewalt im Kontext von Psychotherapie diskutiert. Mit Bezug auf das zeitnahe Erscheinen der VPP 1/2022 mit dem Schwerpunkt „Häusliche Gewalt…“ wurde beschlossen, zur Bewerbung des Heftes ein Video zu erstellen, mit dem auf die Wichtigkeit der Themen zusätzlich aufmerksam gemacht wird und um eine aktive Auseinandersetzung mit Problemen rund um häusliche Gewalt anzuregen.

Darüber hinaus wurden erste Überlegungen angestellt, in welcher Weise und mit welchen Themen die FG Frauen diese und weitere einschlägige Themen auf dem nächsten Kongress der DGVT im Jahr 2023 präsentieren soll. Einschlägige Aktivitäten gehen weiter; aktuell ist die FG Frauen involviert in die Planung eines ersten Angebotes zur Weiterbildung der PiA zum Themenbereich: Hilfen für Frauen (und Männer), die zusätzlich zu psychischen Störungen wie Depressionen, Ängste usw. auch Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind.

Die FG Frauen war darüber hinaus auch in anderen Bereichen, aber oft mit vergleichbaren Themen, aktiv. Dazu gehört die Ausarbeitung des folgenden Wahlprüfsteins:

„Deutschland hat die Istanbul-Konvention unterzeichnet und ratifiziert. Trotz aller Verbesserungen fehlt es an der systematischen Qualifizierung der Berufsgruppen, die mit Betroffenen häuslicher Gewalt, den Kindern, die als Zeug*innen beteiligt waren, und den gewaltausübenden Erwachsenen zu tun haben (Polizei, Gerichte, Jugendämter, Medizin, Psychotherapeut*innen, Beratungsstellen …).

Was wollen Sie dafür tun, dass Betroffene mit Respekt behandelt werden, überall in Deutschland angemessen Schutz und Hilfe bekommen, die Kinder in ihren eigenen Traumatisierungen ernst genommen werden und ambulante Täter*innenarbeit flächendeckend sichergestellt ist?“

In einem etwas anderen Kontext hat Irmgard Vogt einen Brief an alle DGVT-Gremien geschickt mit folgenden Fragen:             

  1. Welche Rolle spielt in eurer Fachgruppe bzw. in der Aus- und Weiterbildung das Thema „Gewalt gegen Frauen/häusliche Gewalt (IPV)“ bzw. die Istanbul-Konvention?
  2. Hat das Thema „Gewalt gegen Frauen/häusliche Gewalt (IPV)“ einen festen Platz in der Aus- und Weiterbildung? Gibt es entsprechende Curricula?
  3. Gibt es Handreichungen dazu, was Psychotherapeut*innen tun können oder sollen, wenn sie in Erst- oder Folgegesprächen erfahren, dass ihre Klientel in der Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenleben Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist bzw. in einer gewalttätigen Beziehung lebt?
  4. Gibt es generell Überlegungen dazu, wie die Istanbul-Konvention im Rahmen der Psychotherapie umgesetzt werden kann?

Leider haben nur drei Gremien/Personen darauf geantwortet. Das Ergebnis weist darauf hin, dass es dringend angezeigt ist, die Themen rund um häusliche Gewalt und deren Auswirkungen auf psychische Störungen bei Kindern und Erwachsenen aktiv anzugehen und zu bearbeiten.

Ute Sonntag vertritt seit vielen Jahren die FG Frauen der DGVT im Nationalen Netzwerk Frauen und Gesundheit. Das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit (NNW) ist ein Zusammenschluss von 17 Organisationen, die landes- oder bundesweit zum Thema Frauen- und Mädchengesundheit arbeiten. Die Organisation „Doctors for Choice Germany e. V.“ befindet sich zurzeit im Aufnahmeverfahren.

2021 hat das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit folgende Aktivitäten durchgeführt:

  • 2021 bestand der § 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch) seit 150 Jahren. Daher wurde bundesweit dieses Jahr zum Aktionsjahr bzgl. dieses Themas ausgerufen. Das NNW arbeitete in der Planungsgruppe mit, die den bundesweiten Fachkongress zum Thema „150 Jahre § 218 Strafgesetzbuch“, der am 27. und 28. August 2021 online stattfand, vorbereitete: s. https://www.150jahre218.de/www.150jahre218.de/Auch die Abschlusserklärung wurde vom NNW erstunterzeichnet.
  • Stellungnahme des Nationalen Netzwerkes Frauen und Gesundheit zur BZgA-Broschüre „Das kleine Körper ABC“, in der sie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bat, in diesem Lexikon die aktuellen Diskussionen um diskriminierende Sprache für den weiblichen Körper zu berücksichtigen und neues Wissen um den Frauenkörper einzuarbeiten.
  • Das NNW hat an die Leitliniengruppe „Sicherer Schwangerschaftsabbruch“ einen Brief geschrieben und um eine Veränderung von S2 auf S4 gebeten, um die fehlende Patient*innenorientierung angemessen einarbeiten zu können.
  • Das NNW hat sieben Wahlprüfsteine für die Bundestagswahl 2021 entwickelt und an die Parteien SPD, CDU/CSU, FDP, Die Linke, Bündnis 90/DIE GRÜNEN geschickt.
  • Das NNW hat eine Broschüre von Unfairtobacco zu Frauenrechten und Tabakkontrolle mitgezeichnet.
  • Das NNW hat eine Stellungnahme zum „Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Aufhebung des Verbots der Werbung für den Schwangerschaftsabbruch (§ 219a StGB)“ des Bundesjustizministeriums verfasst und im Februar 2022 versandt.

Die Informationen sind auf der Website des NNW http://www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de/ nachzulesen.

Für die FG Frauen der DGVT:Irmgard Vogt, Ute Sonntag


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