AOK-Fehlzeiten-Report: Arbeitswelt im Wandel - Klare Grenzen und Vereinbarungen dienen dem Gesundheitsschutz
AOK-Fehlzeiten-Report: Arbeitswelt im Wandel - Klare Grenzen und Vereinbarungen dienen dem Gesundheitsschutz[1]
Die Arbeitswelt befindet sich im ständigen Wandel. War es früher normal, einen Lebensarbeitsplatz zu haben – von der Lehre bis zur Rente – mit regelmäßigen Arbeitszeiten und Arbeitsplätzen, so sind heute diverse Arbeitsmodelle aktiv: Schichtarbeit, Zeitarbeit, Homeoffice, 1-Mann-Selbstständigkeit, hohe Erwartungen an selbständiges Arbeiten im Betrieb mit Verantwortung aber wenig Gestaltungsmöglichkeit sind nur einige Beispiele. Viele Menschen fahren jeden Tag weite Strecken zu ihrem Arbeitsplatz, nicht selten werden jede Woche hunderte Kilometer zurückgelegt. Ständige Erreichbarkeit wird durch moderne Medien, wie Computer, Smartphones mit der Möglichkeit, ständig aktuelle E-Mails zu erhalten etc., erwartet, gewünscht und gelebt. Alles das zerrt an den Menschen, die sich oft ausgelaugt und unfrei fühlen. Der AOK-Fehlzeitenreport 2012 nimmt die Arbeitswelt in den Fokus und hat diese in verschiedenen Wirtschaftsbereichen analysiert und dazu Zahlen und Daten erhoben.
Unter anderem wurden auch die Ergebnisse einer telefonischen, repräsentativen Umfrage mit 2.000 abhängig Beschäftigten AOK-Versicherten vorgelegt, die nach ihren Erlebnissen der letzten vier Wochen befragt wurden. Mehr als ein Drittel gab an, häufig Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit erhalten oder Überstunden geleistet zu haben, 12 Prozent nahm Arbeit mit nach Hause und fast 11 Prozent arbeitete an Sonn- und Feiertagen. Hoch ist auch die Zahl derjenigen, die angaben, Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf zu haben.
Der Herausgeber des Reports, Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) meinte, dass diese Beschäftigten in einem höheren Ausmaß von psychischen Störungen bedroht seien als Menschen, die keine derartigen Belastungen haben. Ein Fünftel der Befragten gab Erschöpfungszustände an oder berichtete, in der Freizeit nicht abschalten zu können. Fast 14 Prozent klagten über Kopfschmerzen, 11 Prozent über Niedergeschlagenheit. Der Fehlzeitenreport belege einen Zusammenhang zwischen ständiger Erreichbarkeit und Schlafstörungen, sowie Schwierigkeiten abschalten zu können, berichtete Schröder.
Viele Angestellten pendeln zu ihren Arbeitsstätten. 7,5 Millionen AOK-Versicherte fahren täglich mehr als 30 Kilometer, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, diese haben aufgrund von psychischen Erkrankungen mehr als 500.000 Fehltage, das entspricht 9,1 Prozent der Fälle je 100 Versicherte. Je weiter die Distanz, desto höher ist das Risiko. Bei mehr als 500 Kilometer - die in der Regel aber nicht täglich sondern eher wöchentlich zurückgelegt werden - steigt das Risiko auf 11,1 Prozent.
Die Flexibilität berge aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen, betonte Schröder. Bei richtiger Struktur und klaren Vereinbarungen in den Betrieben und einem achtsamen Umgang mit den Mitarbeitern, könnten Ausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen vermieden werden. Der Begriff des Burn Outs werde derzeit fast inflationär verwendet. Dabei sei Burn Out kein eigenes Krankheitsbild, sondern subsumiere eine Vielzahl von Überlastungsstörungen, Depressionen etc.
Seit Jahren berichteten die Reporte der Krankenkassen über einen Anstieg von Diagnosen aus dem Kreis der psychischen Erkrankungen. Ob es wirklich eine so drastische Zunahme psychischer Störungen gebe, oder ob der Anstieg durch ein verändertes Verhalten bei der Diagnosebenennung zu begründen sei, könne nicht mit harten Fakten untermauert werden. Vermutlich, so Schröder, sei beides der Fall. Psychische Erkrankungen seien heute nicht mehr mit einem so starken Stigma belegt wie noch vor wenigen Jahren. Was häufig unter Rückenschmerzen gelaufen sei, werde heute klar als Ausdruck einer psychischen Störung benannt. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen seien lang, im Mittel betrugen sie 2011 22,5 Tage, andere Erkrankungen hätten bei 11,0 Tagen gelegen.
Auf den Krankmeldungen können Zusatzdiagnosen vermerkt werden. So seien 2011 30 Prozent mehr Burn Outs gemeldet, als in den Vorjahren. Das WIdO stellte eine Hochrechnung für die 34 Millionen gesetzlich Versicherten an: Demnach seien 130.000 Versicherte wegen Burn Outs krankgeschrieben gewesen und erzeugten 2,6 Mio. Fehltage. Schröder relativierte aber diese Zahl: Berechnet auf die rund 40.000 AOK-Fälle stellten sie nur 0,3 Prozent aller 13 Millionen Krankmeldungen der AOK-Versicherten dar. Ein wirklich kausaler Zusammenhang zwischen der modernen Arbeitswelt mit Flexibilisierung und neuen Anforderungen lassen sich zwar nicht herstellen, aber die Vermutung sei gegeben.
Von den heute 41 Millionen Beschäftigten sind
• 4,8 Millionen geringfügig beschäftigt
• 4,2 Millionen Einzel-Selbstständige
• 0,9 Millionen Leiharbeiter
• 11 Prozent mit befristetem Arbeitsvertrag
• 14 Prozent arbeiten regelmäßigen Sonn- und Feiertagen
• 14 Prozent im Schichtbetrieb
• 20 Prozent mit (zeitweiser) Rufbereitschaft
• 19 Prozent sind mobil, davon
• 37 Prozent Fernpendler (mehr als 2 Stunden Fahrzeit/Tag
• 28 Prozent übernachten mehr als 60 Nächte nicht zu Hause
• 22 Prozent sind in den letzten 3 Jahren umgezogen
Bezogen auf alle Krankschreibungen sei ein Rückgang der AU-Tage zu sehen, so liege der Krankenstand im Vergleich zu den 1990er Jahren auf einem niedrigen Niveau. Betrug er 1995 5,7 Prozent, erreichte er 2006 den niedrigsten Stand mit 4,2 Prozent. Einem Anstieg bis 2010 folgte eine erneute Absenkung mit einem Krankenstand von 4,7 Prozent im Jahr 2011. Bis 1998 lagen die Zahlen im Osten Deutschlands immer niedriger, von 1999 bis 2002 war es umgekehrt, heute gebe es kaum einen Unterschied (West 4,8 Prozent, Ost 4,6 Prozent).
Insgesamt gehen Zweidrittel der Arbeitsunfähigkeitstage auf sechs Erkrankungen zurück: Die meisten Fälle (22,2 Prozent) sind Atemwegserkrankungen (mit kurzen Ausfalltagen von 12,4 Prozent). Die meisten AU-Tage fielen bei Muskel- und Skeletterkrankungen an, die oft mit langen Ausfallzeiten einhergehen, sie verursachen 23,1 Prozent der AU-Tage. Diese werden gefolgt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verdauungssystemerkrankungen und Verletzungen.
Mitherausgeberin Professor Antje Ducki von der Beuth Hochschule für Technik in Berlin wies darauf hin, dass viele Angestellte und Selbstständige oft über ihre Leistungskraft hinaus arbeiteten, nicht zuletzt durch die Veränderungen der Arbeitswelt, den gesteigerten Anforderungen und dem Druck durch wirtschaftliche Belange. Zukünftig müsse mehr auf disziplinierte Selbstorganisation und Gesundheitsvorsorge geachtet werden, um gesund das Rentenalter erreichen zu können. Dazu gehöre auch, dass man sich regelmäßig weiterbilde, um fit für die Anforderungen zu sein. Dazu zählten mediale Kompetenzen. „Persönliches Ressourcenmanagement“ sollte ihrer Ansicht nach bereits in Schule und Universität vermittelt werden. Aber nicht nur die Mitarbeiter müssten sich wandeln, auch die Unternehmen müssten für diese das Arbeitsumfeld so gestalten, dass es attraktiv sei, den Menschen gerecht werde und die Mitarbeiter in ihren Potentialen und Stärken unterstütze.
Arbeit müsse planbar, vorhersehbar, verlässlich und sinnvoll sein, betonte Ducki. Auch sollten Unternehmen rechtzeitig auf Veränderungen hinweisen. Nicht vernachlässigt werden dürften aber auch Werte und Traditionen, die den Mitarbeitern einen verlässlichen Rahmen bieten. Insgesamt müsse in der Unternehmenskultur eine klare Linie geschaffen werden, die den Umgang mit der zunehmenden Informationsflut regele, dazugehörten auch Treffen gut vorzubereiten, Mitarbeiter vor E-Mail-Fluten zu schützen und die Privatsphäre der Mitarbeiter zu achten.
Wie es gehen kann, stellte Natalie Lotzmann des Softwareherstellers SAP vor. Sie ist Vice President Human Ressorces Global Health Management. So definiere SAP Gesundheit ganzheitlich: sowohl individuelle als auch auf der Team- und organisatorischen Ebene. Mit einer Vielzahl von Angeboten an die Mitarbeiter zur gesundheitlichen und psychischen Prävention und einem achtungsvollen Umgang mit den Mitarbeitern kümmere sich das Unternehmen erfolgreich bereits seit 1997 darum. Wichtig ist ihrer Meinung nach, dass besonders die Führungsebene geschult werde, um psychische Auffälligkeiten und andere gesundheitliche Störungen der Mitarbeiter rechtzeitig erkennen zu können. Mit dem großen Bündel an Maßnahmen hätten die Fehlzeiten erfolgreich gesenkt werden können: Im Jahr 2011 lag die Quote bei 2,4 Prozent, bundesweit lag sie bei 4,7 Prozent.
Der geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbandes (AOK-BV) Uwe Deh betonte, dass es klare Grenzen der Flexibilität geben müsse. Die AOK engagiere sich schon seit Jahren für das betriebliche Gesundheitswesen und Präventionsprogramme. 2011 gab es beispielsweise rund 3.200 einzelne Projekte im Rahmen des AOK-Service „Gesunde Unternehmen“. Das seien dreimal soviel wie noch vor zehn Jahren. 20,5 Mio. Euro wurden 2011 für die betriebliche Gesundheitsförderung ausgegeben. Der AOK sei das auch „Geld wert“, so wurden 2011 106 Mio. Euro in Prävention investiert, das sei mehr, als die vom Gesetzgeber vorgegebenen 2,86 Euro pro Versicherten.
Die Ergebnisse des Reportes zeigten, erläuterte Deh, dass besonders für Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen und Einzelselbständige neue Formen der Gesundheitsförderung gefunden werden müssen. Dazu habe die AOK ein Online-Programm aufgelegt „Stress im Griff“, das schon von 7.000 Menschen in Anspruch genommen worden sei. Ohne klare Grenzen und Vereinbarungen sowie an den heutigen Gegebenheiten angepasste Regeln in Betrieben aber auch in der Selbstständigkeit, bekomme man das Problem nicht in den Griff.
Der Fehlzeiten-Report wird seit 1999 vom WIdO, der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik in Berlin herausgegeben. Als Grundlage werden die Statistiken und Analysen der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen der 10.8 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitgliedern herangezogen. In dem jetzt vorliegenden Report haben sich über 70 Fachautoren mit den Chancen und Risiken einer zunehmend flexiblen Arbeitswelt beschäftigt. Kurzes Fazit: Ein Übermaß an Flexibilität fordert die Psyche, manchmal wird sie dadurch auch beschädigt. Der Fehlzeiten-Report 2012 ist im Springer Verlag erschien, (ISBN 978-3-642-29200-2, 528 Seiten broschiert, 49,95 Euro)
[1]Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid), 17. Jg. Nr. 16; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.