Arzneimittel-Report 2009 der Gmünder ErsatzKasse (GEK)
Zum neunten Mal geben die Gmünder ErsatzKassen mit ihrem Arzneimittel-Report einen Überblick über die aktuellen Ausgabentrends und Daten zur Versorgungsqualität im Arzneimittelsektor.
Als eines der wesentlichen Ergebnisse zeigt der Bericht, dass die Tendenz steigender Arzneimittelausgaben unvermindert anhält. Die versichertenbezogenen Ausgaben stiegen 2008 um knapp 9 Prozent und wurden vor allem durch Spezialpräparate gegen Multiple Sklerose, rheumatische Arthritis und Krebs verursacht. Bei der Versorgungsqualität zeigt sich, dass trotz der allgemein bekannten Risiken rund 30 Prozent der GEK-DemenzpatientInnen stark wirkende Beruhigungsmittel, verordnet bekommen. Beim regionenbezogenen Vergleich des Verordnungsgeschehens konnten teils erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Gegenden festgestellt werden.
Die Einzelanalysen des Reports, die sich schwerpunktmäßig mit der Verordnung von Psychopharmaka bei älteren Menschen bzw. Kindern beschäftigen, liefern besonders hervorstechende Ergebnisse:
Im Jahr 2008 bekam beinahe jeder dritte GEK-Versicherte mit einer Demenz-Diagnose ein Neuroleptikum verordnet, obwohl bekannt ist, dass sich durch die Einnahme dieses Präparats das Sterblichkeitsrisiko und das Erkrankungsrisiko für Infektionen oder Schlaganfälle deutlich erhöht.
Professor Gerd Glaeske, Hauptautor des Reports und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung(en) im Gesundheitswesen fordert: „Die Neuroleptika-Verordnungen müssen drastisch gesenkt werden, sie bedeuten eine erhebliche Gefährdung für Demenzpatienten. Vorhandene Therapiehinweise werden offensichtlich nicht ausreichend berücksichtigt – zum Schaden der älteren Menschen.“
Bei der Hormonbehandlung von Frauen in den Wechseljahren ist bekannt, dass diese Medikamente die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten erhöhen können (Brustkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall). Aufgrund dieser Tatsache gilt seit Anfang 2000 die Empfehlung, diese Präparate nur noch so kurzfristig und so niedrig dosiert wie möglich zu verordnen. Diese Hinweise haben inzwischen zu einer deutlichen Verringerung der Verordnungsquoten geführt – für die Gruppe der Frauen im Alter von 40 - 100 Jahren sank die Quote von ursprünglich 25 Prozent auf 12,5 Prozent. Demgegenüber konnte für dieselbe Gruppe ein Anstieg der Depressionsdiagnosen beobachtet werden, was wiederum zu einer erhöhten Verordnungsquote für Antidepressiva geführt hat. Auch hier gilt der Hinweis, dass diese Präparate im Alter (durchaus) schwerwiegende, unerwünschte Nebenwirkungen auslösen können.
Obwohl Psychotherapie eine gute Alternative zur medikamentösen Behandlung darstellen würde, wird diese bei älteren Frauen selten durchgeführt. Doch gerade zur Vermeidung unerwünschter Arzneimittelwirkungen sollten die nichtmedikamentösen, therapeutischen Möglichkeiten häufiger eingesetzt werden.
Bei der Durchführung von Hormontherapien sind weiterhin große regionale Unterschiede zu beobachten: In den neuen Bundesländern zeigen sind niedrigere Behandlungsquoten als in den alten Bundesländern. Kulturell und historisch gewachsene Unterschiede sollten also auch in der medizinischen Versorgung nicht unterschätzt werden.
Bei den Ausgaben hält der Trend an: Die Arzneimittelausgaben der GEK stiegen im Jahr 2008 von 421 auf 487 Millionen Euro, dies ergibt umgerechnet pro Versicherten ein Plus von 9 Prozent. Ein Grund hierfür sind überproportionale Steigerungsraten bei der Verwendung biotechnologisch hergestellter Präparate (Biologicals), die unter anderem bei multipler Sklerose oder rheumatischer Arthritis eingesetzt werden und extrem teuer sind. Bei einigen Biologicals summierten sich die Jahrestherapiekosten oft auf 70.000 bis 80.000 Euro.
Der Anteil der Biologicals an den Arzneimittelausgaben insgesamt macht in der GKV bereits ca. 13 Prozent aus und wächst stetig. Im Jahr 2008 fallen schon fünf Biologicals unter die sechs ausgabenstärksten Arzneimittel der GEK. Für Arzneimittel mit Anwendungsschwerpunkt rheumatische Arthritis wurde eine absolute Steigerung von rund 43 Prozent verzeichnet. Pro Versichertem liegen diese Ausgabenzuwächse zwischen 13 und 45 Prozent, das bedeutet absolut zwischen 20 und 55 Prozent.
Für den Arzneimittelexperten Glaeske haben die Steigerungsraten der Spezialpräparate eine kritische Grenze erreicht: „Dass die Pharma-Unternehmen ihre Preise noch immer selbst festlegen dürfen, wirkt auf die Versorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung systemsprengend.“ Er fordert, dass Arzneimittel ohne Preisverhandlung nicht mehr auf dem GKV-Markt zugelassen werden dürften.
Angesichts steigender Ausgaben und unzureichender Regulierungsinstrumente mahnte der GEK Vorstandsvorsitzende Dr. Rolf-Ulrich Schlenker eine grundlegende Reform des Arzneimittelsektors an: „Wir brauchen weniger Steuerungsinstrumente und neue Steuermänner.“ Schlenker ließ Sympathie für den Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erkennen, wonach Ärzte den passenden Wirkstoff verordnen und Apotheker das dazu wirtschaftlichste Arzneimittel heraussuchen sollten.
Weitere Informationen finden Sie unter www.gek.de.
Waltraud Deubert