Bericht der Landesgruppe Saarland (VPP 1/2003)
TOP 1 Errichtungsausschuss und Vertreterversammlungswahl
Es wird über ein Treffen von Psychotherapie-Verbänden am 3.12.02 berichtet, das zum Zweck hatte, eine eventuelle Koalition für die Kammerwahlen zu bilden. Daran waren GWG, DGG, BDP, VPP, DPTV, VKP und DGVT beteiligt. Bei dieser Zusammenkunft sei darüber diskutiert worden, wie in den infrage kommenden Gremien: Errichtungsausschuß, Vertreterversammlung und Vorständen, die psychologische Identität genügend repräsentiert werden könne in Abhebung zu teilweise medizinischen Ansprüchen der gemischten Verbände (mit hohem Anteil ärztlicher Psychotherapeuten). Als psychologische Identität wurde das eindeutige Bekenntnis zur Psychologie als Leit- und Grundlagenwissenschaft für therapeutisches Handeln angesehen, ohne dabei interdisziplinäre Gesichtspunkte zu vernachlässigen. Eine konkrete Möglichkeit für substantielle Repräsentation sei bereits für den Errichtungsausschuß gegeben in Form der Besetzung der Vorstandsfunktionen. Die Runde sei sich einig gewesen, möglichst mehrheitlich darin vertreten zu sein, inklusive der Funktion des Vorsitzes oder Stellvertretung. Die MV begrüßte die Überlegung einer Koalitions- bzw. Allianzbildung mit den "gleichgesinnten" Verbänden und befürwortete die Teilnahme der Landessprecher und weiteren Interessierten an den im Vorfeld der Kammerwahl notwendigen Verhandlungen.
TOP 2 Meinungsaustausch mit Vertretern des BKJ (Berufsverband der Kinder- und JugendlichentherapeutInnen)
Der Berufsverband der Kinder- und JugendlichentherapeutInnen Saarland hatte signalisiert, mit der regionalen DGVT kooperieren zu wollen. Es war ein Vertreter, Herr Altmeyer, erschienen, um ein grundsätzliches Interesse zu bekunden und Möglichkeiten partieller Zusammenarbeit auszuloten. Als verbindendes Element wurde die verhaltenstheoretische Orientierung angesehen. Es wurden Überlegungen angestellt, inwieweit in der nächsten Zeit konkrete Chancen für eine solche Zusammenarbeit gegeben sind. Dabei wurde an die o.g. Koalitionsbildung wie auch an Abstimmungen der beiden Verbände im Hinblick auf die Psychotherapeuten-Kammer gedacht.
TOP 3 Zum Artikel "Braucht eine Gesellschaft der Ichlinge Psychotherapie" von H.Keupp in VPP (3/02)
Nach einer zusammengefassten Vorstellung des Artikels durch G. Schorr kam es zu einer angeregten Diskussion über den Grundtenor und über die einzelnen Teilabschnitte. Geteilt wurde die Meinung über die zum Ausdruck gebrachte Gesellschaftsvergessenheit der Psychologie mit der Folge der überzogenen individualisierten Sichtweise. Dies leiste einem medizinischen Modell des Gesundheitsbegriffs Vorschub. Bestätigt wurde auch die Gegenwartsdiagnose der Verflüssigung von Strukturen, der Enttraditionalisierung und der Beschleunigung bei den Veränderungsprozessen. Zu Recht werde darauf aufmerksam gemacht, dass eine Verbetriebswirtschaftlichung bei therapeutischen und Gesundheitsdiensten stattfinde, möglicherweise sichtbar und verstärkt durch die Niederlassung von Psychotherapie nach dem Vorbild ärztlicher Praxen, nicht zuletzt der damit verbundenen Verfestigung von Kommstrukturen. Der Vorzug des Artikels liege ferner darin, mal aus der Routine praktischen Handelns herauszutreten und nachdenklich zu machen. Kritikpunkte wurden sowohl hinsichtlich der Grundaussagen als auch der abgeleiteten Aussagen genannt. Der Artikel erwecke den Eindruck, als gäbe es keine Alternative zum globalisierten Netzwerkkapitalismus und als hätten sich die Individuen, in unterschiedlicher Typisierung (proteisch..etc.), dem zu unterwerfen. Damit komme ein resignativer Unterton bezüglich der gesellschaftlichen Entwicklung zum Vorschein bzw. die Duldung gesellschaftlicher Pathologien, gerade in ihrer ökonomistischen Spielart. Ein stärkerer Gesellschaftsbezug fordere geradezu die Einmischung der PsychologInnen, respektive PsychotherapeutInnen, in den öffentlichen Diskurs.Teilweise wurde gemutmaßt, dass die proklamierten Therapieziele, etwa die Hinführung zum reflexiv-kommunitären Typus, für die meisten Individuen zu anspruchsvoll seien und sie in ihren real existierenden Lebensformen überfordern könnten. Schließlich wurde auch daran Anstoß genommen, dass sich Keupp zu sehr an einer elaborierten Überflussgesellschaft orientiere und vom Elend in den Entwicklungsländern abstrahiere.
Gerd Schorr
Saarland II: C´est parti maintenant - Reminiszenzen und Auspizien nach der Konstituierung des Errichtungsausschusses
Der Startschuss ist gefallen, so lautet frei übersetzt die französische Wendung in der Überschrift, der Errichtungsausschuss der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes hat sich am 16.Dezember 2002 konstituiert. Da mein Landessprecherkollege Gerd Schorr und ich uns als fleißige Chronisten der Entwicklung bis dahin betätigt haben (VPP 3/2000, S.521; 4/2000, S.41 "Rosa Beilage" 2/2001, S.37 f. "Rosa Beilage" VPP 3/2001, S.576; VPP 1/2002, S.212 ff. und S.20 "Rosa Beilage"; VPP 2/2002, S.440 f.; VPP 3/2002, S.681-687; VPP 4/2002, S.923 ff.), wollen und sollten wir dies auch weiter so halten, nicht nur für die KollegInnen "von der Saar" (wie die typische pars-pro-toto-Wendung bei uns heißt, denn eigentlich müßte auch die Blies, die kleine östliche Schwester der Saar, Erwähnung finden, liegen an ihr doch immerhin St.Wendel, Neunkirchen, Blieskastel und mit dem einen oder anderen seiner zentrumsfernsten Vororte auch Homburg; aber es heißt eben ungeachtet all dessen Neunkirchen/Saar oder Homburg/Saar), sondern vielleicht auch zum Nutzen von jemandem, der irgendwann auf die Idee kommen mag, ein Geschehen dieser Art noch einmal anhand eines exemplarischen Fallbeispiels nachzuvollziehen.
Neben uns als DGVT (vertreten durch den Verfasser dieses Berichtes) haben im Errichtungs-ausschuss (im Folgenden mit EA abgekürzt) noch folgende 11 Verbände Sitz und Stimme:
- der "Berufsverband Deutscher Psychologen/Landesverband Saar" (BDP);
- die "Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V./Landesverband Saarland", der sich zugleich "Berufsverband Saarländischer Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker" nennt (DGPT);
- die "Deutsche Psychologische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie" (DPGG);
- der "Deutsche Psychotherapeutenverband e.V./Berufsverband Psychologischer Psychotherapeuten" (DPTV);
- die "Gesellschaft für Neuropsychologie" (GNP);
- die "Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie/Fachverband für Psychotherapie und Beratung" (GwG);
- die "Milton-Erickson-Gesellschaft" (MEG);
- der "Verband Psychologischer PsychotherapeutInnen und Psychotherapeuten e.V. im BDP" (VPP);
- der "Verband der Vertragspsychotherapeuten im Saarland e.V./Mitglied im Bundesverband der..., bvvp" (VVPS);
- die "Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland e.V. gegr. 1953/Landesverband Rhld.-Pfalz/Saarland" (VAKJP);
- die "Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten" ("Vereinigung").
Alle waren vorher auch schon in der �??Landeskonferenz der Psychotherapieverbände" (LaKo) vertreten gewesen.
Erstaunlich ist nun, dass 5 von 12 psychologischen VerbändevertreterInnen (VVPS, DGPT, GNP, MEG, VAKJP) es dauerhaft schafften - u.a. auch von mir, wie man an den o.g. früheren Berichten in VPP ersehen kann -, als "LaKo-Mehrheit" apostrophiert zu werden, ja, zu firmieren.
Zum Glück behielten die vier Vertreter von DGVT, DPGG, GwG und "Vereinigung" (die damalige "LaKo-Minderheit") den Kopf oben und blieben mit beiden Beinen auf ihrem festem Grund. So wurde nach und nach klar, was die "LaKo-Mehrheit" einigte, nämlich das bereits oben so charakterisierte Bestreben, im Interesse der angeblich den selben Beruf ausübenden Ärzte das Erstarken der Psychotherapeutenkammer als eigenständige, in der Fachdisziplin Psychologie wurzelnde Kraft zu verhindern und diese stattdessen zum Anhängsel der ärztlichen Standesorganisationen werden zu lassen (spätestens als die Verbände für die parlamentarische Anhörung ihre Stellungnahmen zum Saarländischen Heilberufekammer-Gesetz bzw. der geplanten Änderung des SHKG abzugeben gefordert waren, mussten sie sich deutlicher in diesem Sinne erklären bzw. zu erkennen geben; vgl. dazu meinen Erfahrungsbericht "Berufspolitische Lehrstunden..." in VPP 3/2002, S.682-687).
Die Bewusstseinsbildung bei der "Minderheitsfraktion" bzw. das Sich-darüber-Klarwerden, was man genau wolle, war ihrem Gegenstück auf Seiten der �??Mehrheitsfraktion�?? freilich lange hinterher gehinkt, so dass deren eine Rechnung aufging: die Gesetzesänderung ging so durch, wie sie im ersten Entwurf (im Hinblick auf welchen ich bei meinem Verdacht bleibe, dass dieser bzw. die fraglichen Änderungen im bestehenden Gesetz von Ärztefunktionären ausgeheckt und über "KollegInnen" aus den sog. "gemischten", i.e. von Ärzte-Interessen dominierten, Verbänden als Mittelspersonen den MinisterialreferentInnen lange vor dem Beginn unserer Diskussion in die Feder diktiert worden sind) bereits formuliert war. Dort hatte man offenbar um eine Gesetzmäßigkeit bürokratischer Vorgänge einschlägig Bescheid gewusst: wenn einmal etwas in einem aus der Ministerial-Bürokratie selbst stammenden Entwurfspapier steht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder gestrichen wird, eher gering (was immer hineingeschrieben worden ist, dabei muss sich ja jemand etwas gedacht haben, und der ist doch grundsätzlich von höherer amtlicher Vernunft beseelt, überhaupt können in einem Ministerium Unsicherheiten und Schwankungen von der Art, dass da mal was hingeschrieben und dann wieder gestrichen wird, nicht sein, weil sie nicht sein dürfen), weswegen die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas sozusagen in der weiteren Evolution wie ein blinder Passagier mitgeschleppt wird (klassisches Lehrbuchbeispiel: der Blinddarm), eher hoch ist. Und während es für solches "Mitschleppen" bzw. "Mitgeschlepptwerden" so gut wie gar keiner besonderen, zusätzlichen Kraft bedarf, bedürfte es demgegenüber für eine Elimination sehr starker und sehr aktiver Gegenkräfte, die sich freilich erst einmal aufbauen müssen - was wiederum eher unwahrscheinlich ist! So gesehen hätte man sich die gesamte Beratung des Gesetzesänderungsentwurfs und die LaKo sparen können.
Dass diese sich doch wenigstens zum Teil gelohnt hat, ergibt sich zum einen aus der Bewusstseins-bildung, die im Zuge all dessen bei uns auf der Gegenseite stattgefunden hat und im Zuge derer uns klar wurde, dass unsere Politik die des Aufbaus einer starken, eigenständigen öffentlichen Vertretung der psychologischen PsychotherapeutInnen sein muss, weil wir nur als starke Partner der Ärzteschaft "auf (um mit beträchtlichen Skrupeln eine jetzt in Umlauf gekommene Modephrase zu verwenden) gleicher Augenhöhe", der auch und vor allem im öffentlichen sozialen Raum als solcher willy-nilly anerkannt werden muss, etwas zur Entwicklung unserer Profession bzw. unseres Fachs beitragen können. Das wird uns hingegen als ein in diesem aufgehender Bestandteil des medizinischen Gesundheitssystems nicht möglich sein, stattdessen werden wir unter die Ägide der entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften und Institutionen (Stichwort: "Psychosomatik") verschwinden und die Psychotherapie, die ja eigentlich "angewandte Psychologie" ist, wird i.S. des gegenwärtigen Medizinsystems organisiert, betrieben und weiter-, wenn nicht gar fehlentwickelt werden. Sozusagen im letzten Moment gelang es uns, uns in diesem Sinne explizit zu verständigen bzw. zu definieren und so über ein bloß intuitives, gefühlsmäßiges Einverständnis auf der Basis dessen, was der kürzlich verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu als gemeinsamen "Habitus" (gleiche Präferenzen, Idiosynkrasien etc., geprägt von einem gemeinsamen sozialen Umfeld) bezeichnet hat, hinauszukommen. Der Vollständigkeit halber soll hier das gemeinsame Abstimmungsverhalten in der LaKo v.a. im Interesse unserer Zuständigkeit für die Weiterbildung natürlich nicht unerwähnt bleiben.
Als solche gleichsam zu später bewusster Einsicht gekommene Fraktion dämmerte uns, dass wir auf der Grundlage der eben formulierten allgemeinen Linie eigentlich die wahre "Mehrheitsfraktion" sein und dies zumindest noch in der personellen Zusammensetzung des Vorstandes zum Ausdruck kommen lassen können müssten. Dass uns letzteres auch entsprechend gelang, kann freilich noch lange nicht als happy ending of the story verstanden werden.
Im Hinblick auf die konstituierende Sitzung des Errichtungsausschusses im Ministerium für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales (MiFAGS) fanden wir schnell darüber Konsens, dass wir die Mehrheit in dessen fünfköpfigen Vorstand anstreben, aber der Gegenseite unterhalb diese Kriteriums Ihren fairen Anteil, in Zahlen: 2 Sitze, darunter den der/des stellvertretenden Vorsitzenden zugestehen wollten, um unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu bekunden. Der GwG-Vertreter in unserer Koalition fand sich bereit, für das Amt des Vorsitzenden zu kandidieren, der Vetreter der "Vereinigung" sowie ich als DGVT-Vertreter stellten sich als Beisitzenden-Kandidaten zur Verfügung. Wie immer, bei der Wahl des Vorsitzenden lief alles nach Plan, der GwG-Kollege gewann gegen die LaKo-Sprecherin von der VPPS mit 7 : 5 Stimmen. Da im Gesetz zwingend vorgeschrieben ist, dass ein Sitz im Vorstand von einem oder einer Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutenIn eingenommen werden muss und wir die einzige Vertreterin dieser Gruppe per Akklamation für dieses Amt bestätigten, mussten zwei "Koalitionäre", nämlich der Vertreter der "Vereinigung" und ich von der DGVT quasi miteinander um einen Beisitzerposten konkurrieren, da nun auch der vorher bei der Wahl zum stellvertretenden Vorsitz unterlegene GNP-Vertreter für einen der beiden verbliebenen Vorstandsposten kandidierte. Der Wahlgang 2 aus 3 ging dann zu meinen Ungunsten aus, der Vertreter der "Vereinigung" bekam mit 9 Stimmen gar noch zwei Voten aus der anderen Fraktion, der GNPler 6 und ich 4 Stimmen.
Nach "geschlagener Schlacht" schienen die Helden und Heldinnen müde, denn auf meine Anregung, nun, nach der für uns günstigen Regelung der Personalfragen, in die inhaltliche Arbeit der Ausformulierung unserer gemeinsamen Position einzusteigen, winkten die KollegInnen erst einmal ab: Ja, vielleicht im Frühsommer oder so, jetzt müssen wir erst einmal sehen, wie sich die Arbeit im Errichtungsausschuss anlässt und zu organisieren sein wird. Aber vielleicht haben sie ja recht, vielleicht überschätze ich die inhaltliche Seite der Sache auch weit, und es ist derzeit mehr als das bereits Gesagte auch bei stärkster Anstrengung des Begriffs nicht zu sagen. Und sobald es auf Grund einer sich ständig verändernden und entwickelten Lage mehr zu sagen gibt, werden wir es schon rechtzeitig merken und tun. Auch die politische Großwetterlage wird dabei ein Wörtchen mitzureden haben, wenn nun auch das Gesundheitssystem auf Grund wirtschaftlicher und finanzieller Krisen unter zunehmenden Reformdruck gerät und dabei die sog. Selbstverwaltungsstrukturen auf den Prüfstand kommen (v.a. natürlich die Kassenärztlichen Vereinigungen, aber mit möglichen Folgen auch für andere Teilinstitutionen). Speziell bei uns an der Saar (dazu s.o.) kommt die Haushaltskrise hinzu, die den hiesigen FDP-Landesvorsitzenden bemüßigt hat, die akute Gefährdung der Selbständigkeit des Saarlandes als Bundesland öffentlich als Menetekel an die Wand zu malen. Zwar dementierte Ministerpräsident Peter Müller eine solche Existenzgefährdung des Saarlandes in seiner burlesken Art, für die er mittlerweile auch bundesweit bekannt ist, denn dazu müsste sich unabhängig von allen anderen Gesichtspunkten laut Verfassung die Mehrheit der Saarländer erst einmal in einer Volksabstimmung entscheiden, in Zukunft Pfälzer zu sein, und das, so zitiert ihn die Saarbrücker Zeitung vom 18.12.2002 weiter in indirekter Rede, wolle sicher keiner! Stellen wir uns zunächst einmal auf den Donnerhall ein, den die den KollegInnen bald ins Haus flatternden ersten Kammerbeitragsrechnungen (hoffentlich nicht) hervorrufen werden....