Berufspolitische Arbeit in der Psychotherapeutenkammer – Nutzlose Zeitverschwendung oder sinnvolles Engagement?
Als dann das Gesetz verabschiedet war, verließen die meisten Kolleg(inn)en die aktive berufspolitische Arbeit. Zurück blieb ein Kern von Leuten, die sich sagten: Jetzt beginnt erst die eigentliche Arbeit.
Ehe ich mich versah, war ich bei der Konstituierung eines Errichtungsausschusses im Februar 2000 in Niedersachsen, der Vorbereitung für eine Wahl von Kammerversammlungsmitgliedern und somit den ersten Schritten der Schaffung einer eigenen Psychotherapeutenkammer in Niedersachsen beteiligt. Meine naive Vorstellung damals war es, dass doch alle Psychotherapeut(inn)en (im Folgenden PT) geschlossen hinter diesem Auftrag stehen müssten. Doch da täuschte ich mich gewaltig. Das Lager der PT wies damals erhebliche Spannungsfelder auf: Nicht nur die Vertreter unterschiedlicher Therapieschulen hatten sich inhaltlich widersprechende Ziele gesetzt, sondern es gab auch formal zwei Gruppen von PT, die nur schwer zu kooperativem Vorgehen zu bewegen waren: Die ehemaligen „Kostenerstattler“ und die „Delegations–PT“ fürchteten offensichtlich um ihre Anerkennung und um die erwünschten Honorarverteilungen. Dazu kamen Machtkämpfe zwischen verschiedenen Berufsverbänden, die alle möglichst viel Gewicht in der zu erstellenden Kammer bekommen wollten.
So hieß es für mich: Ade, du hehre Solidarität! Vielmehr waren ab sofort Auseinandersetzung und strategisches Planen angesagt. Dazu hatte ich erst überhaupt keine Lust, konnte mich dann aber in einer Teilgruppe mit Kolleg(inn)en ähnlicher Provenienz so weit arrangieren, dass ich wieder konstruktive Arbeitsmöglichkeiten für mich sah. Ich engagierte mich in dieser Zeit für die Erstellung einer Wahlordnung, die in meinen Augen dann sinnvolle und gerechte Verteilungen zwischen den unterschiedlichen Interessen schaffen sollte. Als mir deutlich wurde, dass in der Gruppe der KJP-Kandidatinnen für die Wahl zur 1. Kammerversammlung keine einzige Verhaltenstherapeutin auftauchte, stand dann mein Entschluss fest: Gestärkt durch meine positiven Erfahrungen in der Gruppe der PP wechselte ich schweren Herzens aus der mir lieb gewordenen Gruppierung zur Gruppe der KJP. Wir KJP-Kandidat(inn)en schafften es dann trotz unterschiedlicher methodischer Ausrichtungen und wenig übereinstimmender Ausgangspositionen, auf einer gemeinsamen Liste mit einem für alle akzeptablen Programm zur Wahl anzutreten.
Meine handlungsleitenden Ideen zum Zeitpunkt der Konstituierung der ersten niedersächsischen Psychotherapeutenkammer waren
- der Gruppe der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en aus ihrer Position der Nachrangigkeit gegenüber den Psychologischen Psychotherapeut(inn)en herauszuhelfen und
- auf die Angelegenheiten der angestellten und verbeamteten Kolleg(inn)en - einer bisher kaum beachteten Gruppe von Kammermitgliedern - hinzuweisen.
Zu 1
Den Beruf der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en gab es schon lange vor der Verabschiedung des PsychTG. Daraus konnten die KJP allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen keinen Profit ziehen. Etwas gegen dieses „Schattendasein“ zu unternehmen, war ein Ziel meines Engagements in dieser Gruppe. Da ich sowohl die Approbation als Erwachsenen–PT als auch die als KJP habe, war ich in beiden Gruppierungen zu Hause. Dadurch bot sich für mich eine Brückenfunktion zwischen den Vertretern beider Berufsgruppen an.
Als weitere Aufgabe stellte ich mir damals, in der Gruppe der KJP verhaltenstherapeutisches Gedankengut mit einzubringen und mich mit meiner diesbezüglichen Fachkompetenz, z. B. in Gremien wie der Schlichtungsstelle (in der auch Methoden orientierte fachliche Stellungnahmen erforderlich sind), zu engagieren.
Diese Vorsätze konnte ich gut in meiner Mitarbeit im Ausschuss für Berufsordnung und Berufsethik der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen (PKN) umsetzen. Schwierigkeiten ergaben sich dort weniger bei der Verständigung auf inhaltlicher oder kollegialer Ebene. Vielmehr mussten wir uns alle in eine ganz andere Art zu Denken einarbeiten, wobei uns die von der Kammer bereit gestellte juristische Expertise so unterstützte, dass schließlich eine Vorlage für die Bundesberufsordnung entstand.
Zu 2
Während das Interesse der niedergelassenen Kolleg(inn)en schon im Kampf um die Durchsetzung des PsychTG hoch war, fühlten sich die wenigsten in Institutionen arbeitenden PT zu diesem Zeitpunkt von dieser Entwicklung angesprochen. Nur vereinzelt nahmen sie die angebotenen Informationen dazu überhaupt zur Kenntnis. Das änderte sich erst, als die Kammermitgliedschaft auch für diese PT zur Pflicht wurde: Die frühere, höchstens durch Höflichkeit getarnte Langeweile in Informationsveranstaltungen zur Kammer wich nun einem Ansturm von Fragen und abwehrenden Kommentaren. Der Grundtenor bezog sich auf die Diskussion um Kosten und Nutzen einer Kammerzugehörigkeit für angestellte und verbeamtete PT. Daran konnte der geringere Beitragssatz für PT in Institutionen auch nichts Wesentliches ändern.
Neben der Dienstaufsicht an der Arbeitsstelle bekamen die Kolleg(inn)en nun noch die Berufsaufsicht durch die Kammer, was von PT offensichtlich als viel anmaßender erlebt wird, als dies bei Handwerkern der Fall ist, die ebenfalls durch gesetzliche Regelungen in einer vergleichbaren Lage sind!
Mein persönliches Engagement wurde im Kreis meiner angestellten Kolleg(inn)en oft als unsolidarisch, unbegreiflich oder zumindest als unnütz angesehen. Diskussionen in diesem Kontext stellten für mich in zwei Richtungen eine erhebliche Herausforderung dar: Einerseits musste ich mir selbst formal und inhaltlich einen klaren persönlichen Standpunkt bezüglich der strittigen Themen erarbeiten. Andererseits galt es, mich auf ein für mich bisher recht ungewohntes Kommunikationsmuster einzulassen und nicht nur wie bei der therapeutischen Arbeit empathisch auf die Sichtweisen der anderen einzugehen, sondern auch offensiv meine Meinung zu vertreten.
Bis heute konnte ich allerdings nur sporadisch eine Einstellungsänderung bei meinen Kolleg(inn)en erwirken: Die Haltung, die Arbeit der Kammerversammlungsvertreter(innen) heftig zu kritisieren, selbst aber nicht aktiv zur Mitarbeit bereit zu sein, blieb meist bestehen.
Gestärkt fühlte ich mich in dieser Zeit durch die inzwischen recht kooperative Kammerarbeit in der PK-Niedersachsen. Dort waren die anfänglichen Frontenkriege einer sachlichen und konstruktiv auf gemeinsame Ziele ausgerichteten Zusammenarbeit vor allem in den gemischt zusammengesetzten Ausschüssen gewichen. Aufregungen oder Missstimmung gab es höchstens dann, wenn einzelne Kammerversammlungsmitglieder sich nicht an zuvor mühsam erarbeitete Beschlüsse hielten und - anders als in der „echten“ Politik - durch den Austausch von Argumenten im Plenum bei der Abstimmung ihre persönliche Meinung kundtaten und sich nicht an einen „Gruppenzwang“ hielten. In diesem Punkt bin ich ambivalent: Sollen wir als PT strategische Aspekte zur Durchsetzung von Konzepten einer Gruppenmehrheit einer persönlichen, deutlich lebendigeren Erörterung von Positionen und der sich daraus spontan ergebenden Überzeugung vorziehen? Diese Frage kann ich für mich immer nur Themen bezogen beantworten.
Wo bin ich in der Arbeit in der PKN meinen Zielen näher gekommen?
Durch die gemischte Zusammensetzung unserer KJP-Gruppe sowie meine anfängliche Zugehörigkeit zur Gruppe der PP waren von Beginn an Berührungspunkte zwischen den Therapieschulenvertretern und zwischen PP und KJP gebahnt. Allgemein strittige Themen wurden in unserer Gruppe kontrovers diskutiert. Oft wuchsen daraus Kompromisse, die dann im Plenum vermittelnd zwischen den unterschiedlichen „Lagern“ eingesetzt werden konnten. Auf diese Weise hatten wir erreicht, dass die Gruppe der KJP mehr Beachtung fand.
Den sog. Schulenstreit, der sich zum Teil in den unterschiedlichen "Parteien" der Kammerversammlung spiegelte, halte ich persönlich schon seit langer Zeit nicht nur für wissenschaftlich nicht mehr haltbar, sondern auch für eine überflüssige Energieverschwendung. So kam es mir entgegen, dass wir uns angesichts der Zusammensetzung unserer KJP-Gruppe in den Diskursen um eine gegenseitig respektvolle und für alle verständliche Fachsprache bemühen mussten, um überhaupt konstruktiv zusammenarbeiten zu können. Das bereitete nicht nur Kompromisse für Plenumsentscheidungen vor, sondern brachte uns auch auf dem Weg weiter, den PT insgesamt in der Öffentlichkeit zu einer einzigen Stimme zu verhelfen. Das ist meiner Meinung nach sowohl bezüglich unseres Images als auch bezogen auf unser politisches Gewicht unbedingt erforderlich.
Auf dem Gebiet der Arbeit für PT in Institutionen wurde mir recht bald klar, dass die eigentlich wichtigen Themen dort nur auf Bundesebene aussichtsreich angegangen werden können. Die tarifliche Eingruppierung unserer beiden Berufsgruppen, die Stärkung der Position von PT in Institutionen, das Erarbeiten einer tragfähigen Identität von PT in Institutionen bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Kooperationsmöglichkeiten und –notwendigkeiten mit anderen Berufsgruppen im beruflichen Umfeld und ähnliche Projekte kann keine Länderkammer für sich im Alleingang schaffen. Auch sind wir bei vielen Belangen auf juristische Expertise angewiesen, die sinnvollerweise ebenfalls auf Bundesebene organisiert, finanziert und bezüglich der Umsetzung der Richtlinien koordiniert werden muss.
Über die Initiativen von engagierten Berufskolleg(inn)en aus verschiedenen Bundesländern wurde dann auch auf dem zweiten Deutschen Psychotherapeutentag in Düsseldorf (11/03) ein spezieller Ausschuss für PT in Institutionen ins Leben gerufen. Auch da war ich von Anfang an aktiv an der Arbeit des Unterausschusses der Vertreter für Kliniken und Krankenhäusern beteiligt.
Obwohl alle Ausschussmitglieder Erfahrung in Kammer- und anderer Gremienarbeit mitbrachten, fiel uns der Einstieg in einen stringenten Arbeitsprozess aus meiner Sicht relativ schwer. Rückblickend sehe ich den Grund dafür nicht in - was durchaus auch vermutet werden könnte - offen oder verdeckt verfolgten widersprüchlichen Zielen, sondern eher an unserem Zögern, konkrete Vorhaben als Nahziele zu formulieren. Wir hatten oft übergeordnete Fernziele (z. B. die Definition von Psychotherapie als Grundlage für eine festere Identität von PT) vor Augen, die naturgemäß nicht direkt angegangen werden konnten.
Auch mussten wir erst ein Kooperationsmuster zwischen Ausschuss und Vorstand der BPtK herausfinden, was durch die wechselnden Teilnehmer seitens der Bundesgeschäftsstelle bei unseren Treffen nicht gerade erleichtert wurde. Den Informationsfluss zwischen Vorstand und Ausschuss erlebte ich oft als verhalten und wenig ermunternd oder anregend in beiden Richtungen.
Auch die recht bald angestrebte Vernetzung zwischen Ländervertretern und den Vertretern der PT in Institutionen auf Bundesebene im BPtK-Ausschuss PTI kam erst recht spät zustande. So wurden manche Aktivitäten doppelt (parallel in verschiedenen Länderkammern ohne Wissen voneinander) durchgeführt und brachten letztendlich keine wirklich vergleichbaren allgemeinen Erkenntnisse (Beispiel: Mitgliederumfragen in verschiedenen Ländern), die wieder als Grundlage für die weitere Arbeit des Bundesausschusses hätten dienen können.
Mein persönliches Fazit
Anlässlich des 500. Todestages von Kolumbus, der in diesem Tagen begangen wurde, kam mir die Metapher einer Expedition zu einem (für mich anfangs) fremden Kontinent in den Sinn, als ich mich auf die Erlebnisse in den 6 Jahren aktiver Kammerarbeit besann:
Auch ich hatte mich zu einer Entdeckungsreise aufgemacht. Einerseits trat ich diese Etappe mit Lust auf Neues an, andererseits hatte ich die Befürchtung, meine Kraft und meine Fähigkeiten könnten zur Bewältigung dieses Unternehmens nicht ausreichen. Immer wieder unterwegs gab es Zeiten, in denen mir der Kurs nicht klar war und der Gegenwind (der Kolleg(inn)en an der Basis) so heftig war, dass ich umkehren wollte. Aber gerade in solchen Zeiten erlebte ich die Arbeit an Bord (mit den Kolleg(inn)en in der Kammervertretung) recht konstruktiv. Gemeinsam gelang es uns, wieder in ruhigere Gewässer zu gelangen und den (zeitweise verloren gegangenen) Kurs wieder aufzunehmen.
Auch wenn ich bereits vor dem Erreichen des (Fern-) Zieles nun an Land gehe, habe ich dennoch schon Einiges für mich entdeckt: Mit Ausdauer kann ich mich auch in fremden Gewässern neu orientieren und meine Fähigkeiten modifiziert einsetzen. Am schwierigsten war für mich die zeitweilige Ziellosigkeit in der Arbeit auszuhalten. Oft war einfach nur der Weg das Ziel, über das wir Kammerversammlungsmitglieder uns gegenseitig motivierten, nach geeigneten Zielen Ausschau zu halten und uns diesen dann (zum Teil auf Umwegen) zu nähern.
Für das weitere Gelingen der Expedition wünsche ich meinen ehemaligen Mannschaftskolleg(inn)en
- eine Festigung des Mannschaftsgeistes, der Vorbild für eine geschlossene Position der PT werden kann,
- die stringentere Einhaltung des eingeschlagenen Kurses,
- eine klare Aufgabenverteilung und weiterhin die zuverlässige Verantwortungsübernahme aller Aktiven,
- die Pflege der Verbindung zu unseren Auftraggebern an der Basis,
- eine wachsende Bereitschaft zur Mitarbeit bei jungen Kolleg(inn)en,
- die kreative Nutzung aller Verbindungen zu Verbänden, maßgeblichen Experten und Politikern in Kooperation mit dem Vorstand der BPtK,
- um daraus neue Ideen für konkrete und aussichtsreiche Projekte entwickeln zu können.
Ich danke allen, die mich an dieser Entdeckungsreise teilnehmen ließen, mich dabei herausgefordert und unterstützt haben. Auch wenn die Ergebnisse unserer Arbeit sicher keiner kritischen Effektivitätskontrolle standhalten könnten, sehe ich die investierte Zeit für mich nicht als vergeudet an und kann nur allen Kolleg(inn)en eine solche Erfahrung empfehlen. Sich nicht nur für Klienten und Patienten, sondern auch einmal für den eigenen Berufsstand einzusetzen, halte ich persönlich durchaus für ein sinnvolles Engagement.
Gaby Derichs
Unversitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
von-Siebold-Str. 5
37075 Göttingen
email: gderich@gwdg.de
zur Person:
Approbation als Psychologische Psychotherapeutin und als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, leitende Psychologin der Universitätsklinik für KJPP in Göttingen, Supervisorin (VT), Zusatzausbildungen in VT, GT, Systemischer Therapie und Traumatherapie.
Mitglied im Errichtungsausschuss für die Psychotherapeutenkammer Niedersachsens (PKN), Mitglied der Kammerversammlung der PKN für eine Wahlperiode, dort im Ausschuss für Berufsordnung und Berufsethik und in der Arbeitsgemeinschaft der angestellten und verbeamteten Psychotherapeut(inn)en.
Altersbedingtes Ausscheiden aus der Berufspolitischen Arbeit