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Honorarentwicklung  • Urteile

"Bestenfalls nutzlos" - Drohende GKV-Finanzierungsdefizite und fragwürdige Leistungen

17. Januar 2007
 

Drohende GKV-Finanzierungsdefizite - und fragwürdige Leistungen

(gid) Selten gelingt es völlig disparaten Veranstaltern, die Themen von ganzen drei im Stundenrhythmus stattfindenden Presseveranstaltungen so zu wählen, als hätten sie sich im Vorfeld abgestimmt. Gelungen ist dieses Kunststück am 28. September der Stiftung Warentest, dem Fritz-Beske-Institut sowie der Gmünder Ersatzkasse (GEK), deren Pressekonferenzen bei einer Gesamtwürdigung einen verschärften Blick auf den Leistungskatalog der GKV nahelegten - so man es denn schaffte, die immerhin noch in zwei räumlich getrennten Tagungsorten in Berlin stattfindenden Veranstaltungen auch nacheinander zu absolvieren.
Den Auftakt machte die Stiftung Warentest um 10 Uhr in ihrer Zentrale am Lützowplatz im Berliner Stadtbezirk Tiergarten. Vorgestellt wurde ein Buch, in dem unter dem Titel "Die andere Medizin" komplementäre Therapieverfahren bewertet werden. Die Stiftung hatte bereits schon einmal eine derartige Untersuchung verantwortet, was allerdings mittlerweile auch schon 15 Jahre zurückliegt. Und nach den Ausführungen des Bereichsleiters Publikationen der Stiftung, Hubertus Primus, stand die jetzt vorgestellte Neubearbeitung unter gänzlich anderen Voraussetzungen als ihre Vorgängerpublikation - nämlich die Berücksichtigung der "Grundlagen der Bewertung nach den Standards der evidenzbasierten Medizin".
Inwieweit die Stiftung diesem selbstgestellten Anspruch gerecht geworden ist, mag dahingestellt bleiben - die sich unmittelbar nach Bekanntwerden der Bewertungen zu Wort meldenden Kritiker der Publikation haben in ihren Stellungnahmen sicherlich nicht ganz zu Unrecht auf diesen Punkt hingewiesen. Etwas unklar blieb insbesondere nach den Ausführungen der Autorin Vera Herbst - sie hatte schon die Vorgängerpublikation verantwortet - auch, ob man ausschließlich mit dem Instrument der Literaturauswertung gearbeitet hat, was aber zumindest ganz überwiegend der Fall gewesen ist. Das Ergebnis bezeichnete wiederum Primus als "sehr durchwachsen". Nur ein Drittel der untersuchten komplementären Heilverfahren biete sichere und nachgewiesene positive Effekte für die Gesundheit. Zwei Drittel der Verfahren könnten eine Wirksamkeit bisher nicht abschließend nachweisen, hätten Risiken oder seien erwiesenermaßen untauglich. "Überraschend schlecht" hätten weitverbreitete Verfahren wie die Homöopathie, die Chirotherapie, die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie und Ayurveda abgeschnitten. Auch die Wirksamkeit der anthroposophischen Medizin als Gesamtkonzept sei nicht nachgewiesen. Primus kritisierte vor diesem Hintergrund ausdrücklich das Urteil des Bundessozialgerichts, nach dem die Kosten für Leistungen der anthroposophischen Medizin zu erstatten seien. Das Bundessozialgericht hätte aber wohl kaum anders entscheiden können, solange die rechtlichen Rahmenbedingungen die besonderen Therapierichtungen privilegierten.
Bereits für eine Stunde später hatte Professor Fritz Beske im Namen seines Instituts zur Pressekonferenz ins Berliner Pressehaus in Mitte geladen, wo er gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens, und dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, eine Studie zum Finanzbedarf der GKV bis ins Jahr 2050 vorstellte. Beske hat dabei lediglich den medizinischen Fortschritt sowie die demographische Entwicklung in ihren finanziellen Auswirkungen untersucht, bei allen anderen Parametern hat er Status-quo-Bedingungen angenommen. Bei Annahme einer durch den medizinischen Fortschritt ausgelösten jährlichen Ausgabensteigerung von einem Prozent verdoppelte sich der gegenwärtige Beitragssatz in der GKV bis zum Jahr 2050 auf rund 28 Prozentpunkte, bei einer Ausgabensteigerung von zwei Prozent verdreifachte er sich sogar auf 43 bis 44 Prozent. Und allein die demographische Entwicklung - ohne Annahme einer Kostensteigerung durch den medizinischen Fortschritt - ließe den Beitragssatz der GKV immerhin noch auf etwa 18 Prozentpunkte ansteigen.
Beske betonte nachdrücklich, daß er mit seinen Berechnungen die Beteiligten aufrütteln wolle, die drohenden Finanzierungsdefizite nicht zu negieren oder zu verharmlosen - wozu in seinem Co-Statement wiederum Ahrens zumindest neigte. Eine Lösung des durch ihn prognostizierten Finanzproblems wollte Beske allerdings auch auf Nachfrage nicht nennen. Immerhin kündigte er an, sich in einer Studie im nächsten Frühjahr dem Leistungskatalog der GKV zuwenden zu wollen, und dies angesichts der von ihm präsentierten Zahlen sicherlich nicht mit der Intention, dessen Ausweitung vorzuschlagen - eher im Gegenteil.
Und nachdenklich Stimmendes zum Leistungskatalog konnte schließlich wiederum eine Stunde später - diesmal aber wenigstens am selben Veranstaltungsort - die GEK präsentieren. Der GEK-Vorstandsvorsitzende Dieter Hebel präsentierte - assistiert von Professor Gerd Glaeske und dessen Mitautorin Elke Scharnetzky, beide von der Universität Bremen - den zweiten "GEK-Heil- und Hilfsmittel-Report". Der Leistungsbereich der Heil- und Hilfsmittel sei zwar im Verhältnis zu den Gesamtausgaben der GKV verhältnismäßig klein, der Anteil dieses Leistungsbereichs an den Ausgaben der GKV sei aber in den letzten Jahren am stärksten gewachsen. Für die GEK sei dies Grund genug, auch in diesen Leistungsbereich mehr Transparenz bringen zu wollen.
Ein Schwerpunkt des diesjährigen Reports ist die Ergotherapie - nach den Ausführungen Scharnetzkys also das, was man früher wohl "Beschäftigungstherapie" genannt hätte. Ergotherapeutische Leistungen würden ganz überwiegend an Kinder bis zum 10. Lebensjahr verordnet, und dies nicht selten auf Initiative von Betreuungspersonen in Kindergärten und Schulen. Es stelle sich doch die Frage, ob hier auf Kosten der GKV<//abbr> pädagogische Defizite aufgearbeitet werden sollen - für immerhin etwas über 9 Mio. Euro im Jahr 2004 allein bei der GEK. Und ebenfalls recht bedenklich stimmte die Einschätzung Scharnetzkys, daß es nicht die Spur eines nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin geführten Wirksamkeitsnachweises für Ergotherapie gebe - sie sei "bestenfalls nutzlos", ob sie sogar schade, sei allerdings auch nicht hinreichend untersucht.
Stiftung Warentest und GEK dürften mit ihren Veranstaltungen also Fritz Beske einige Anregungen mitgegeben haben, welchen Leistungsbereichen er sich bei seinen Überlegungen zum Umfang des GKV Leistungskataloges sorgfältig widmen sollte.
Für den an diesem Vormittag doch etwas abgehetzten Chronisten der Berliner Gesundheitspolitik bleibt noch die Pflicht zu einer kleinen Nachbemerkung. Die Stiftung Warentest ist bei der Presse durchaus für ihre Gastfreundschaft bekannt; ein in der Regel reichlich bemessenes Buffet an Brötchen und Häppchen erwartet die Presse allerdings erst im Anschluß an die Veranstaltungen - und da waren die meisten eben schon auf dem Weg zum nächsten Termin. Das Fritz-Beske-Institut wiederum arbeitet auf der finanziellen Basis von zusammengebettelten Sponsorenbeiträgen, und so hat es sich ganz offensichtlich dazu durchgerungen, die sparsam bemessenen Institutsgelder nicht noch durch die Bewirtung der Berliner Presse zu schmälern. Und so wunderten sich die Veranstalter der GEK-Pressekonferenz nicht schlecht, welchen Appetit die gesundheitspolitische Presselandschaft in Berlin entwickeln kann - man kam gar nicht mehr nach, die ohnehin durchaus reichlich georderten Häppchen im Laufe der Veranstaltung nachzubestellen. Es war also fast wie im richtigen Leben: Fehlt es an Zeit oder Gelegenheit zu einem kleinen Frühstück, im Zweifel bezahlt es zuletzt die GKV- wenn auch diesmal "nur" aus dem Budget der Verwaltungskosten.

Quelle gid Nr. 31, 7. 10. 2005